14.05.2007

ARCHÄOLOGIETrümmerspur zum Tyrannen

2000 Jahre nach dem qualvollen Ableben Herodes' des Großen wurde dessen Totenstätte entdeckt. Das geplünderte Grab verweist auf einen der schillerndsten Herrscher des Altertums. War der König wirklich so grausam und böse - oder nur Opfer einer Rufmordkampagne?
In 750 Meter Höhe, mitten im Westjordanland, steht Ehud Netzer auf der Spitze eines Berges, der wie ein Vulkan aussieht. Rötlich schimmert die Sonne gegen die steilen Hänge. Säulen ragen neben dem Archäologen empor, dahinter erhebt sich ein zerborstener Wehrturm.
Es sind Trümmer einer seltsamen Wüstenfestung, genannt Herodeion. Einst stand hier die Sommerburg des sagenhaften Königs Herodes, die zugleich seine Grabstätte war.
Netzer, sonnengegerbt, 72 Jahre alt, sucht den Hügel, dessen Form der antike Geschichtsschreiber Flavius Josephus mit einer "weiblichen Brust" verglich, schon ein halbes Menschenleben lang nach Spuren eines Mannes ab, der im Neuen Testament als eine Art Dämon auftritt. Ein Skelett wollte Netzer finden, wenigstens ein paar Knochen oder Reste einer Grablege. Er ist dabei grau geworden.
Nun - endlich - meldet das Grabungsteam einen Erfolg. Der diensthabende Wachmann trägt eine Pistole am Hosenbund und schmunzelt. Als "archäologischen Reinfall", erzählt er, habe die Tourismusbehörde die Suche nach dem König bezeichnet, "Millionensummen" würden verplempert.
All das ist vergessen. Am Herodes-Berg, zwölf Kilometer südlich von Jerusalem, herrscht Euphorie. Gleichsam in der Schlusskurve hat der längst pensionierte Gelehrte Netzer doch noch die Gruft des Königs aufgespürt. Sie liegt, trickreich versteckt, nordöstlich am Berghang.
Glatte Sargtrümmer und eine Urne kamen zutage. Derzeit legen die Forscher ein gewaltiges Podium aus weißem Stein frei. "Es ist verziert mit einem Fries, ungefähr zehn Meter lang", erzählt Netzer. Er ist sicher: Dies war das Totenpodest der biblischen Gestalt.
Die Begräbnisreste aus dem Westjordanland sorgten vorige Woche international für Furore. Der König, der von 73 bis 4 vor Christus lebte, gehört zu den düsteren Gestalten der Antike. An schlechtem Leumund ist er kaum zu toppen.
Verbürgt ist, dass der Monarch Feinde lebendig verbrennen ließ. Herodes beseitigte die eigene Ehefrau und meuchelte seinen Schwager, den Hohepriester von Jerusalem. "Narzisstisch" haben Forscher ihn genannt, einen "wütenden Tyrannen", der zu "paranoiden Lügen" neigte und "Lust am Töten" verspürte.
Quellen zufolge ließ der Unhold sogar 3000 politische Gegner in einem Tempel abstechen, dann wieder schändete er "mit der größten Schamlosigkeit Frauen und Jungfrauen". Selbst das heilige Grab des großen Urkönigs David soll er angeblich gefleddert haben. Doch das sind offenbar Erfindungen.
Die Historiker zweifeln. Immer deutlicher tritt hervor, dass Herodes von Neidern und Rufmördern umstellt war. Den Römern schien er als Jude verdächtig. Die Priester von Jerusalem, die selbst an die Macht wollten, verunglimpften ihn als Frevler und heidnischen Prasser.
Ins Reich der Legende gehört auch jene übelste aller Nachreden, die Matthäus im Kapitel 2 seines Evangeliums verbreitet. Demnach ziehen die Heiligen
Drei Könige zuerst zum Hof des Herodes, um die frohe Botschaft von der Geburt des Messias zu melden. Doch der eifersüchtige König sendet umgehend Häscher aus und lässt in ganz Betlehem alle Jungen im Alter bis zu zwei Jahren umbringen.
Keine Frage: Wahrheit und Lüge sind in der Person der Herodes verwirrend ineinandergeflochten.
Selbst um das Ableben des Königs ranken sich Gerüchte, die eine medizinische Debatte ausgelöst haben. Ausführlich berichtet Flavius Josephus vom Siechtum des Herrschers. "Schmerzen in den Eingeweiden" hätten ihn geplagt, Schwellungen an den Füßen, Muskelkrämpfe und Atemnot. Zugleich bildete sich "an den Schamteilen ein fauliges Geschwür".
Einige Ärzte vermuten, dass sich hinter diesen Symptomen ein Nierenversagen und ein sogenanntes Fournier-Gangrän verbirgt. Es führt zu einer Nekrose im Genitalbereich.
Oder ist auch die Geschichte vom absterbenden Gemächt nur erfunden? Misstrauen ist angesagt: Manche halten Herodes für einen machtbewussten "Realpolitiker" (Theologische Realenzyklopädie), andere für einen argwöhnischen Despoten "am Rande des Irrsinns" (der Historiker Abraham Schalit). Wie sehr die Zunft im Dunkeln tappt, offenbarte gerade erst eine Herodes-Konferenz in Bochum. "Vasallentyrann oder Friedensfürst" - so lautete das schwammige Motto.
Mit den archäologischen Funden aus dem Palastberg bietet sich nun endlich eine Chance zur Aufklärung. Erstmals liegen handfeste Zeugnisse jener schillernden Figur vor, die von 37 bis 4 vor Christus regierte und den jüdischen Staat zu einer Hochblüte führte.
Dass der König noch posthum verhasst war, davon zeugt seine zerstörte Grablege. Mit Hämmern und Spitzeisen wurde der prunkvolle, mit Rosetten geschmückte Sarkophag zertrümmert. Der Leichnam, heißt es in einem alten Text, "war mit einem Purpurgewand umhüllt. Auf seinem Haupte ruhte das Königsdiadem und darüber eine goldenen Krone".
All das haben Diebe gestohlen.
Die Schändung des Grabmals beweist, wie hassbeladen sich die politischen Fraktionen im alten Israel gegenüberstanden. Im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christus hatten die Hasmonäer, ein Geschlecht strenger Priesterkönige, den Staat angeführt. Ihre Gegner, die Pharisäer, lehnten das monarchische Prinzip ab. Ständig brach Streit aus.
Zudem wimmelte es von Sektierern und Propheten, die sich auf die Tora beriefen und den Weltuntergang herbeipredigten. Eine Wolke aus Messianismus und Eifer lag über der Nation.
Zusammengehalten wurde das Volk durch die gemeinsamen strengen Essriten und Sitten. Dadurch aber kapselten sich die Juden von den zahlreichen Griechen und Ägyptern ab, die zumeist an der Küste lebten. Der Stress zwischen den Volksgruppen mündete in Massenschlägereien und Blutbäder mit Tausenden Toten.
In dieses brodelnde Krisengebiet drang 63 vor Christus der römische Feldherr Pompeius ein. Anfangs allerdings zögerte die Großmacht vom Tiber mit einer
direkten Unterwerfung. Sie setzte auf einen halbautonomen Staat Israel. Als Vasallen erkor man Herodes.
40 vor Christus wurde der junge Soldat in Rom zum "König von Judäa" gekürt und mit Rammböcken und Katapulten gewaltsam auf den Thron befördert.
Der religiöse Adel rümpfte die Nase. Herodes' Heimat Idumäa (nahe dem Sinai) war erst zwei Generationen zuvor zwangsweise zum Judentum bekehrt worden. Die Mutter kam aus dem Arabischen. Mit den Geboten der Rabbiner nahm es der neue Staatsführer nicht ganz so genau.
Jede Kritik vonseiten der Religionsparteien erstickte er in Blut. Dutzende Priester ließ er köpfen oder hängen.
Bald richtete sich der Argwohn auch gegen die eigene Familie. Die Gattin, deren Opa und drei seiner Sprösslinge ließ er beseitigen. Kommentar des Römer-Kaisers Augustus: "Lieber ein Schwein des Herodes sein als dessen Sohn."
Gleichwohl brachte der König das Land wirtschaftlich voran. Er schuf ein modernes Zollsystem. Das Monopol auf Bitumen vom "Asphaltsee", dem Toten Meer, aber auch die Erträge aus den königlichen Dattelplantagen füllten die Staatskasse. Rom war mit seinem botmäßigen Diener zufrieden und übertrug ihm die Verwaltung auch von Teilen Syriens.
Weil der daheim als "Fremder" und "Halbjude" verschriene Regent keine eigenständige Außenpolitik (vulgo: Kriege) führen durfte, verlegte er sich auf ein anderes Hobby: Er baute.
Eine Kette von Wehrburgen ließ Herodes quer durch die Judäische Wüste errichten. Die schönste, Massada, liegt erhaben auf einem Felssporn am Rand des Toten Meers.
Manche Forscher deuten Herodes' eifrige Burgenbauerei als Zeichen von Verfolgungswahn. Andere glauben dagegen, der Despot habe sich in seinen mit Bädern und Lustgärten ausgestatteten Militärschlössern schlicht ungestört der Sinnenlust hingeben wollen.
Überliefert ist, dass der König gern den römischen Annehmlichkeiten zusprach. Weit lieber als Bitterkräuter zum Passahfest speiste er Pasteten und gebratene Tauben, die er selbst in Verschlägen hielt. Als Sportfan spendete er Geld für die Olympiade. Auch trug er einen Mantel aus Silber.
Doch tief im Herzen war Herodes gespalten. Die archäologischen Untersuchungen in seinen Trutzburgen beweisen, dass er das religiöse Bilderverbot weitgehend achtete. Kein Bildhauer durfte sein Konterfei in Stein schlagen.
Zumindest in einem Fall aber importierte der König ein Waschbecken, verziert mit einem erotischen Faun. Der Bonner Professor Uwe Baumann glaubt an eine "doppelte Buchführung". In Ecken mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit spielte Herodes demnach den Frommen. War er unter Heiden, protzte er wie ein Cäsar.
Dieser Zwiespalt spiegelt sich auch in seinen größten Bauprojekten. Um 19 vor Christus entschloss sich der Regent, den großen Jahwe-Tempel von Jerusalem prachtvoll zu erweitern. 50 Tonnen schwere Steine wurden herangeschafft, Zedernholztüren und Lapislazuli - all das zum Lobpreis des Herrn der Herrlichkeit Jahwe.
Zugleich aber stampfte der König an der Küste eine heidnische Gegenhauptstadt aus dem Boden: Caesarea. Innerhalb von nur elf Jahren errichteten Zwangsarbeiter aus weißem Stein eine Metropole im Römerstil mit Pferderennbahn, Thermen, Amphitheater und einer Arena für Tierhatzen. Ein riesiger Hafen wurde ausgehoben - Israels neues Tor zur Welt.
Anschluss suchte Herodes an die römisch-hellenistische Kultur, er wollte das Land öffnen, versöhnen. Doch die Tora-Gelehrten und Schriftdeuter sperrten sich. Zu viele Gegner warfen sich dem säkular gestimmten Monarchen entgegen. Er brachte sie alle um - und nahm dabei selbst Schaden an seiner Seele.
Zum Ende hin sehen wir den Tyrannen mit verdüstertem Gemüt. Kraftlos hält er das Zepter. Unter seiner Haut haben sich Wurmnester gebildet. Er badet in warmem Öl, nimmt Schwefelkuren - nichts hilft. Immer sehnsüchtiger blickt er hinauf zu seiner Totenburg, dem Herodeion, die er sich als letzte Ruhestätte erkoren hat.
Erst die Grabungen des Archäologen Netzer geben nun eine Ahnung, wie die verfallene Gesamtanlage einst ausgesehen hat. Am Fuß des Bergkegels erstreckten sich Paläste, Obstgärten, Wohnungen fürs Gesinde sowie ein 70 Meter langes Wasserbecken, wohl zur Fischzucht.
Von dort führten 200 weiße Stufen zur abgeplatteten Bergkuppe hinauf. Dort thronte ein seltsames Bollwerk mit einem rund 40 Meter hohen Zentralturm. Netzer vermutet, dass Herodes im obersten Stockwerk eine Wohnung besaß - mit herrlichem Blick auf Jerusalem.
Auf dieser windigen Anhöhe vollzog sich vor 2000 Jahren die feierliche Totenzeremonie. Diener hüllten den Leichnam in eine kostbare Decke und trugen ihn auf einer mit Edelsteinen besetzten Bahre die Treppe zur Himmelsfestung hinan. Zum Trauerzug gehörten eine Leibgarde aus Germanen und Thrakern sowie 500 Sklaven, die Düfte versprengten.
Immer wieder, am Ende fast verzweifelt, hat der Ausgräber Netzer die Ruine auf dem Gipfel nach Spuren dieses Begräbnisses abgesucht. Jeden Stein drehte das Grabungsteam von der Hebräischen Universität Jerusalem um. Doch die Enttäuschung wuchs und wuchs. Nirgendwo tat sich ein Schlund auf, keine Höhle, keine verborgene Tür, nichts.
Nun wird klar, warum die Spürarbeit nichts brachte: Herodes' Leichenzug war auf halber Strecke abgebogen und schob den Sarg in einen Seitenstollen des Berges. Genau dort ist die Totenkiste jetzt komplett ramponiert wieder zutage getreten. "Ein Wunder", wie die Presse vermeldet.
Netzer, der gebückt und mit staubigen Schuhen auf dem Vulkanberg steht, sieht es gelassener. "In meinem Beruf braucht man Geduld, ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben." CHRISTOPH SCHULT,
MATTHIAS SCHULZ
* Gemälde von Sébastien Bourdon, um 1640.
Von Christoph Schult und Matthias Schulz

DER SPIEGEL 20/2007
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