14.05.2007

Helden der Heimat

Nahaufnahme: Der kroatische Popsänger Thompson begeistert seine Landsleute im Exil mit nationalistischer Musik.
Er hat sich angekündigt, und sie sind in Scharen erschienen. Sie tragen kroatische Schals mit der Aufschrift "Hrvatska", schwenken riesige Nationalfahnen, überall sieht man das rot-weiße Schachbrettmuster, ganz so, als hätten sie sich zu einem Fußballländerspiel gerüstet.
Der kroatische Pop-Sänger Thompson ist auf Welttournee: Wien, Frankfurt, demnächst geht es nach Toronto und New York, überall dorthin, wo starke Exilgemeinden seiner Landsleute vertreten sind. An diesem Abend tritt er im Wiener Budo-Center im 11. Bezirk auf, wo sonst asiatische Kampfsportler aufeinanderlosgehen; er stellt sein neues Album vor: "Es war einmal in Kroatien."
Rechts und links der Bühne mittelalterliche Symbolik, eine stilisierte Festung, und über allem prangt bombastisch Thompsons Namenszug. Dann erscheint der Meister selbst, schwarze Hose, schwarzer Nietengürtel, olivfarbenes T-Shirt, um den Hals sein Markenzeichen, ein faustgroßes Amulett. Sekundenlang steht er da mit einem riesigen Schwert über dem Kopf, schließlich rammt er die Spitze in den Boden. Das Publikum johlt.
Auf einer Leinwand flimmern Bildfetzen vorbei: flackernde Kerzen, lodernde Flammen, einsame Wölfe streunen in unzugänglicher Natur, und Thompson, jung und mit langer Mähne, posiert als Motorradfreak vor schneebedeckten Gipfeln. Dazu immer wieder Bilder von Soldaten, wie auch Thompson, alias Marko Perkovic, 40, einer war, als Jugoslawien zerfiel und Serben, Kroaten und Bosniaken blutig um die Erbfolge kämpften. Weil er bei der Waffenausgabe zu spät kam, erhielt Perkovic damals ein übriggebliebenes Maschinengewehr, eine alte Thompson. Daher der Name.
Seine Mission, sagt der Popstar aus Za-greb, sei einfach: Es gehe um "Gott", um "Familie" und "Heimat". Er lächelt aus seegrünen Augen, es ist ein freundliches Lächeln.
Aber das hält nicht lange. "Gib das Deinige nicht auf, nimm nicht das Fremde, denn es ist verflucht", schreit Thompson im Song "Steinerne Gene". Er verkündet einfache Botschaften, untermalt von einfachen Melodien. "Liebe dein Land und verteidige es mit deinem Blut", die Fans singen mit, Alte, Halbstarke, Mädchen, selbst Vierjährige preisen martialisch ihre Heimat. Allein in Wien leben rund 17 000 Kroaten. Viele sind im Krieg als Flüchtlinge gekommen, viele sind geblieben.
Später, nach etlichen Liedern, skandiert die Halle: "In den Kampf für dein Volk!" Sie filmen wie verrückt mit ihren Handys, als sei mit Thompson der nationale Heilsbringer persönlich erschienen.
Dass sich andere, zum Beispiel Juden und Muslime in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, durch die Blut- und Bodensongs verletzt fühlen und ein Thompson-Konzert verhindern wollen - seinen Anhängern ist das egal. Wenn es gegen die Serben gehe, sei es okay, sagt die 17-jährige Iris Loncar, das Disco-Shirt schwarz-silber gestreift, die Augen mit dunklem Kajal umrundet. Sie kichert.
Die Texte seien nun mal nur für Kroaten gemacht, meint auch Zeljko Sladic, 50. Der Malermeister lebt seit 30 Jahren im Burgenland. Eigentlich kommt er aus Osijek bei Vukovar, dort haben die Serben im Krieg Massaker an kroatischen Zivilisten begangen, einige Freunde hat Sladic damals verloren. Woher aber diese Begeisterung für einen wie Thompson, für musikalisches Mittelmaß, wenn überhaupt? "Weil Krieg war", sagt Sladic.
Der Bürgerkrieg ist an diesem Abend allgegenwärtig. Damals, 1991, wurde Thompson über Nacht berühmt, als er im Tarnanzug mit seinen Kombattanten einen Hit landete, in dem er zum Kampf gegen die serbischen Feinde aufrief.
Dieser Kampf scheint auch zwölf Jahre nach Ende der Feindseligkeiten noch lange nicht vorbei. Davon etwa, dass das unabhängige Kroatien nun mit Brüssel über die Aufnahme in die EU verhandelt, ist hier nichts zu spüren. Statt Zukunftsmusik gibt die Vergangenheit den Ton an. Selbst der Souvenirhandel ist chauvinistischnostalgisch inspiriert: Neben den obligatorischen Thompson-T-Shirts gibt es Schinken und, für fünf Euro, Sljivovica, Pflaumenschnaps vom Balkan. Auf den Flaschen prangen die Konterfeis von Ex-General Ante Gotovina und Ante Pavelic. Der eine, Gotovina, ist in Den Haag wegen schwerer Kriegsverbrechen angeklagt. Der andere, Pavelic, war Führer des faschistischen Ustascha-Regimes, das im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierte und Hunderttausende, vor allem Serben, grausam verfolgte.
Im Saal geht die Show ihrem Ende entgegen. Die Fangemeinde ist in Wallung, Mädchen mit Militärmützen schließen verträumt die Augen, die betagteren Fans wiegen sich zur Musik wie einst in ihrer Jugend zu alten Volksweisen. "Dobar momak", raunt eine Alte im Publikum und nickt Richtung Bühne, "guter Junge".
Thompson ist inzwischen nassgeschwitzt. Vor seinen Augen flattert eine Kroatien-Flagge hin und her, darauf ist mit schwarzem Filzstift ein kleines "U" aufgemalt - "U" für Ustascha. Hände recken sich dem Sänger entgegen, rhythmisch zum Takt der Musik.
Die kroatische Familie feiert ihre Helden - Thompson, das singende Maschinengewehr, und die beiden Antes, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher und den Faschisten. Dann taumeln sie wie berauscht nach draußen, vorbei an der Eingangstafel im Wiener Budo-Center, das von der japanischen Tokai-Universität mitfinanziert wurde. Auf schwarzem Stein heißt es da: "Gewidmet der Jugend zur Förderung des Friedens in der Welt." MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 20/2007
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