21.05.2007

„Menschen können scheitern“

Bischöfin Margot Käßmann, 48, über das Verhältnis von Tradition und Moderne in der evangelischen Kirche, das politische Engagement der Protestanten und ihre Scheidung
SPIEGEL: Frau Bischöfin, die evangelische Kirche debattiert derzeit darüber, wie modern sie sein muss und was sie an Tradition bewahren soll. Als Bischöfin symbolisieren Sie geradezu die Modernität Ihrer Kirche. Steht der Protestantismus vor einer Rolle rückwärts?
Käßmann: Wir ringen um die angemessene Balance zwischen Tradition und Innovation. Aber das richtige Maß zu finden ist für uns alle zusammen der Kraftakt.
SPIEGEL: Was ist notwendige Anpassung, was ist opportunistische Anbiederei?
Käßmann: Nehmen wir das Beispiel Gottesdienst. Sie können nicht jeden mit Videoclips und Beamer gestalten. Das darf es auch geben, aber eine traditionelle lutherische Liturgie zeigt auch eine Standhaftigkeit über Jahrhunderte. Die kam vielen lange Zeit veraltet vor. Doch Tradition bietet auch Heimat, die wir nicht durch irgendwelche Modernitäten vom Tisch wischen können.
SPIEGEL: Zur Tradition gehört es, dass die Geistlichen ihre Ehen nicht scheiden lassen sollen. Nun haben Sie nach 26 Jahren Ehe die Scheidung eingereicht - als Bischöfin. Gehört dies nun zur neuen Normalität?
Käßmann: Normalität kann das nicht sein, weil wir als evangelische Kirche die Ehe zwar nicht für ein Sakrament, aber für eine wichtige Institution, ja ein Leitbild halten. Dazu stehe ich. Aber Menschen können scheitern, das habe ich nun sehr bitter selbst erfahren müssen.
SPIEGEL: Können Sie noch Vorbild im Sinne Ihrer Kirche sein?
Käßmann: Den Pastorinnen und Pastoren in meiner Landeskirche habe ich geschrieben, dass ich die von mir zu erwartende Vorbildfunktion darin sehe, wahrhaftig zu sein. Nach evangelischem Verständnis haben Ordinierte im bischöflichen Amt keinen besonderen Weihestatus. Auch für sie gilt: Rechtfertigung geschieht allein aus Glauben.
SPIEGEL: Sie sehen Ihren offenen Umgang mit der Scheidung als Beitrag zu mehr Wahrhaftigkeit?
Käßmann: Für mich war das ein unendlich schwerer Schritt, und ich werde öffentlich zu meiner persönlichen Situation nicht weiter Stellung nehmen. Nur das muss klar sein: Unsere evangelische Kirche tritt für Ehe und Familie ein, weil das gewichtige Werte sind. Aber wir können als Personen scheitern und uns dann nur der Liebe Gottes anvertrauen.
SPIEGEL: Lange Zeit wurden Pfarrer bei Scheidung automatisch versetzt.
Käßmann: In meiner Landeskirche muss seit Jahren kein Pastor und keine Pastorin aus Anlass einer Scheidung mehr die Stelle wechseln, wenn nicht zusätzliche Tatsachen und Umstände vorliegen, die das fordern.
SPIEGEL: Im Klartext: wenn die Ehe durch eine neue Beziehung gebrochen wurde. Konservative geißeln Ihre Scheidung dennoch als Anpassung an den Zeitgeist.
Käßmann: Modernität im Sinne von Anpassung an den Zeitgeist und nicht ernst nehmen eines Eheversprechens kann ich für unsere Kirche nicht akzeptieren. Aber wir müssen den Menschen mit seinem Ringen ernst nehmen. Die seelsorgliche Zuwendung
zu den Menschen steht in meiner Landeskirche bei der Begleitung von Trennungen, die immer bitter sind und wehtun, im Vordergrund. Pfarrerehen werden übrigens nicht mehr und nicht weniger geschieden als andere Ehen. Trotzdem bleibe ich dabei, dass das sechste Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" für uns gültig ist.
SPIEGEL: Hat es die katholische Kirche mit dem Zölibat leichter?
Käßmann: Auch der Katholizismus ringt ja, wenn ein Priester sich verliebt und aus dem Amt scheiden muss. Aber ich will die beiden Amtskonzepte nicht gegeneinander ausspielen. Im evangelischen Pfarrhaus spiegelt sich die ganze Lebensrealität von Familie und Kindern, dem großen Glück einer Familie, aber auch in den Zerreißproben.
SPIEGEL: Die Konturen des Protestantismus wirken dadurch mitunter verschwommener als die des Katholizismus. Gibt es unter den Evangelischen Neid auf die Kirche des Papstes?
Käßmann: Es gibt bei uns die Sehnsucht nach der Klarheit und dem Festhalten an der Tradition, ohne die Entschlossenheit zur Weltverantwortung aufzugeben. Ich finde das ein sehr gutes Zeichen, nachdem wir jahrelang manches sehr schnell verändert haben. Wir müssen wissen, wo wir stehen. Wir haben Bekenntnisse, die jahrhundertealt sind, wir feiern Gottesdienst in Kirchengebäuden, in denen seit tausend Jahren Väter und Mütter im Glauben gefeiert haben. Die Kirche steht fest für klare Grundsätze ...
SPIEGEL: ... die nicht einmal mehr alle Kirchenmitglieder kennen.
Käßmann: Deshalb dürfen wir die Bibel nicht aufs Spiel setzen, sondern müssen ganz deutlich sagen: Das ist die Quelle unseres Glaubens. Wenn viele Menschen keine biblischen Geschichten mehr kennen, ist das ein großer Verlust.
SPIEGEL: In Köln feierte der Papst beim Weltjugendtag seinen Triumph, nun kommt ein evangelischer Kirchentag in die Stadt am Rhein. Aber die Jubelbilder vom Papstbesuch sind kaum zu toppen. Sind Sie frustriert, dass im Mutterland der Reformation die Papstanhänger mehr punkten als die Evangelischen?
Käßmann: Im Römerbrief steht: Wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle mit.
SPIEGEL: Was haben Sie dem Comeback des Katholizismus entgegenzusetzen?
Käßmann: Schlicht unser eigenes Profil, nicht entgegen, sondern gegenüber übrigens. Wir haben das Priestertum aller Gläubigen. Ordinierte und Laien leiten gemeinsam die Kirche. Unsere Kirche lebt von der Partizipation, nicht nur von der Tradition, dafür ist der Kirchentag das beste Beispiel.
SPIEGEL: Der Kirchentag war immer ein Platz für Menschen, die mit der Tradition nichts mehr anfangen konnten. Hat er zur Selbstsäkularisation der Kirche beigetragen, die nun der EKD-Ratschef Bischof Wolfgang Huber beklagt?
Käßmann: Wir haben im Umgang mit der überlieferten Glaubenstradition Fehler gemacht. Wir haben Kirchen gebaut, die nicht mehr wie Kirchen aussahen, wir nannten sie Gemeindezentren. Der evangelische Theologe Karl Barth hat eine Zigarre demonstrativ in einer Kirche geraucht, um zu zeigen, dass es keine heiligen Räume gebe - ein falsches Zeichen.
SPIEGEL: Sind evangelische Kirchen heilig?
Käßmann: Sie sind jedenfalls keine beliebigen Räume, keine Orte für Modenschauen und Zinnober aller Art.
SPIEGEL: Sie klingen jetzt richtig katholisch.
Käßmann: "Katholisch" heißt ja "allgemein". Wir spüren überall, wie Menschen Halt suchen. Unsere Klöster etwa - wir haben ja in unserer Landeskirche 18 Klöster, die eine kluge Frau durch die Reformation gerettet hat - haben zum Teil Wartelisten für ihre Seminare. Es gibt das Bedürfnis nach Einkehr, Spiritualität und Besinnung.
SPIEGEL: Bisher hieß es in Ihrer Kirche: Geht hinaus in die Welt. Heißt es jetzt: Geht hinein in die Gebetskammern?
Käßmann: Das halte ich für einen konstruierten Gegensatz. Ich brauche die Kraft aus dem Gottesdienst, um dann den Mut zu haben, in der Welt diesen Glauben verantwortlich und konsequent zu leben. Ich schöpfe aus dem Glauben die Kraft, anderen zu helfen, anderen zu widersprechen und politisch aktiv zu werden.
SPIEGEL: Beten als Training für Politik?
Käßmann: Glaube als Voraussetzung für Engagement, so würde ich das sagen. Ich kann doch nicht predigen über den barmherzigen Samariter und zugleich sagen, wie es den Aidskranken in der Welt geht, ist mir herzlich egal. Christlicher Glaube kann nie unpolitisch sein.
SPIEGEL: Huber sagt: "Nach meiner Überzeugung sollte es nicht länger als typisch protestantisch gelten, dass wir das Innenleben des Glaubens, die spirituelle Leidenschaft im Herzen, die geistige Tiefe in der Seele vernachlässigen." Das klingt nach einem unpolitischen Glaubensleben.
Käßmann: Vor einer puren Innerlichkeit kann ich nur warnen und dafür steht Bischof Huber nun wahrhaftig nicht. Es gab aber eine Zeit, in der wir uns so stark gesellschaftspolitisch engagiert haben, dass nicht mehr erkennbar war, warum wir dies tun, wie dies mit unserem Glauben zusammenhängt. Wir haben im Konfirmandenunterricht in unseren Gemeinden mehr über Sekten und Drogen gesprochen als über die Bibel. Wir können in evangelischen Kindertagesstätten nicht nur fröhliche Herbstlieder singen, sondern wir müssen die biblischen Geschichten wieder erzählen. Unsere Erzieherinnen leisten da viel! Viele Kinder wissen nicht mehr, was ein Gebet ist, und Eltern fragen: Wie kann ich überhaupt mit meinem Kind beten?
SPIEGEL: Wird da nicht der Bock zum Gärtner gemacht? Sie und Huber waren führend in der Kirchentagsbewegung, Sie
standen der Institution Kirche sehr kritisch gegenüber. Sind Sie geeignet, heute für mehr Frömmigkeit zu werben?
Käßmann: Wir sagen ja nicht "Alle Mann zurück!" Aber wir sagen: Die Kirche ist fest gegründet im biblischen Wort. Am Anfang war das Wort. Das muss sitzen, und das ist auch gut lutherisch.
SPIEGEL: Das Wort "fromm" hat keinen altmodischen Beigeschmack mehr?
Käßmann: Ich finde "fromm" keinen negativen Begriff. Ich finde, du musst schon anständig fromm sein, um als Christ und Christin in der Welt zu stehen. Ich bin in einer Grundfrömmigkeit erzogen, die mich mein ganzes Leben gehalten und getragen hat. Deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, persönlich im Glauben gestärkt zu sein, um dann auch etwas auszuhalten.
SPIEGEL: Es ist jetzt oft vom "Kerngeschäft" der Kirche die Rede. Das klingt so, als gehöre das gesellschaftliche Engagement nicht mehr dazu.
Käßmann: Das Kerngeschäft ist die Begleitung von Menschen. Dazu gehören Gottesdienst, Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung.
SPIEGEL: Politisches Engagement nicht?
Käßmann: Das ist der nächste Schritt. Weil ich glaube, treibt mich der Zustand der Welt um. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, der Zustand unserer Kirche beschäftigt uns mehr als der der Welt. Aber nehmen Sie Themen wie Klimawandel, Aids, G-8-Gipfel, dann sehen Sie: Wir engagieren uns sehr wohl in Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
SPIEGEL: Politische Worte der Kirchen finden kaum mehr Resonanz. Warum?
Käßmann: Natürlich wirkt sich der Rückgang der Mitglieder aus. Aber noch immer ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer der beiden großen Kirchen. Wir haben je 25 Millionen Mitglieder.
SPIEGEL: Kanzleramtschef Thomas de Maizière hat einmal gesagt, die Öffentlichkeit müsse zur Kenntnis nehmen, dass jeden Sonntag mehr Menschen in den Gottesdienst gehen als in die Fußballstadien.
Käßmann: Ja, fast fünf Millionen Menschen gehen jeden Sonntag in die Kirche, nur 700 000 in die Fußballstadien. Die Wahrnehmung ist eine andere. Der Protestantismus hat bis heute eine prägende Kraft für die Gesellschaft. Aber wir haben Mitverantwortung für die verzerrte Wahrnehmung, wenn wir den Schrumpfungsprozess einfach so hinnehmen, und jedes Jahr betreten die Austritte melden, aber nicht freudig die Taufen. Wir müssen den Willen zeigen, gegen den Trend zu wachsen.
SPIEGEL: Auch selbstbewusster auftreten?
Käßmann: Das finde ich schon. Es hat sich schon Stalin geirrt, als er gefragt hat: Wie viele Bataillone hat der Papst? Gebete und Kerzen können die Welt verändern. Das haben wir 1989 erlebt.
SPIEGEL: Frau Bischöfin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Stefan Berg und Peter Wensierski.
* Links: beim Weltjugendtag in Köln 2005; rechts: beim evangelischen Kirchentag in Hannover 2005.
Von Stefan Berg und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 21/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Menschen können scheitern“

  • Naturphänomen: Die Feuerfälle von Yosemite
  • Taxifahrer vs. Scheuer: "Dann legen wir die ganze Republik lahm"
  • Zenit St. Petersburg in der Europa League: Spektakuläre Pyro-Show
  • Raumfahrt: Israel schickt Sonde zum Mond