DER SPIEGEL



AFRIKA

Der Kinderkrieg

Von Brinkbäumer, Klaus

Ishmael Beah war zwölf Jahre alt, als er für die Regierungstruppen Sierra Leones seinen ersten Mord beging. Von da an mordete er weiter, es gab nichts anderes mehr, nur die Drogen und die Morde. Dann wurde er befreit, therapiert, adoptiert - nach New York City. Von Klaus Brinkbäumer

Schreiben konnte er nur in den Nächten. Dann schliefen sie, all die jungen Amerikanerinnen und Amerikaner, die nichts wussten vom Krieg und von Afrika und von seiner Geschichte, diese blonden Jungs und Mädchen, denen er nicht sagen konnte, wer er war, und die er nicht besuchen durfte, ohne sie vorher anzurufen; das machte man nicht in diesem kühlen Land, das hatte er inzwischen gelernt.

Jetzt aber schliefen sie, und nur er war noch wach und wusste, er würde es bleiben. Finster und still war es in Oberlin in Ohio, er ging in den Arbeitsraum der Universität, und dort ließ er es zu, dass die Stimmen Afrikas zu ihm nach Nordamerika kamen. Und die Bilder. Die Schmerzen. Und die Angst.

Diese ganze Erinnerung an die Eltern, die Geschwister, die Freunde, die Heimat: Sierra Leone. Und, besonders, die Erinnerung an die Opfer. Seine Opfer. In manchen Nächten schrieb er nur ein paar Sätze, mehr nicht, er zitterte und konnte die Hände nicht rühren. In anderen Nächten schrieb er 25 Seiten, alles musste raus.

Es war ein, zwei, drei Uhr in der Nacht, Ishmael Beah saß im Studierzimmer und schrieb:

Die fünf Männer wurden auf dem Trainingsgelände in einer Reihe mit gefesselten Händen vor uns aufgestellt. Wir sollten ihnen auf Befehl des Corporals hin die Kehle durchschneiden. Derjenige, dessen Gefangener am schnellsten starb, war Sieger des Wettkampfs. Wir zogen unsere Bajonette und sollten unseren Gefangenen jeweils ins Gesicht sehen, während wir sie in eine andere Welt beförderten. Der Corporal gab das Signal mit einem Pistolenschuss, und ich packte den Kopf des Mannes und schlitzte ihm mit einer einzigen Bewegung die Kehle auf. Sein Adamsapfel gab dem Druck des scharfen Messers nach. Ich drehte die Klinge in der Wunde und zog das Messer heraus. Seine Augen rollten herum und sahen mich direkt an, bevor sie plötzlich zu einem Starren gefroren, fast wirkte er überrascht. Der Gefangene legte sein ganzes Gewicht auf mich, als er seinen letzten Atemzug tat. Ich ließ ihn fallen und wischte mein Bajonett an ihm ab. Ich meldete mich beim Corporal, der die Zeit stoppte. Ich wurde zum Sieger erklärt, Kanai war Zweiter. Ich wurde zum Junior Lieutenant ernannt und Kanei zum Junior Sergeant. Wir feierten die großen Leistungen mit noch mehr Drogen und Kriegsfilmen.

Zwölf Jahre alt war er, als er seinen ersten Rebellen tötete. Wenn er nicht hatte schlafen können, damals in Afrika, hatte er ein paar Schüsse in die Nacht gefeuert und das Summen des Windes vertrieben; und jetzt, acht Jahre danach, schrieb er das alles auf, 600 Seiten voller Blut, und eines Morgens, als er seinem Professor wieder einen Haufen Blätter gab, fragte der Professor: "Das ist keine Fiktion, nicht wahr?"

"Nein", sagte er, "nein."

Ishmael Beah trägt Adidas-Turnschuhe, Jeans, ein braunes Hemd. Ziemlich lang sind seine Haare, sie stehen ab. Ishmael Beah ist klein, sein Mobiltelefon liegt auf dem Tisch, er trinkt Wasser und lacht. Er hat das Gesicht eines Kindes, noch immer oder erst jetzt, vielleicht hat er ja heute das Gesicht jenes Kindes, das er damals nicht war. Er staunt.

"Natürlich überwältigt mich diese ganze Geschichte", sagt er an diesem Morgen, "ich habe doch jahrelang nicht daran geglaubt, dass ich den nächsten Tag erleben würde." Draußen Sirenen, Ishmael Beah, 26 Jahre alt, sitzt in der Küche von Laura Simms, Broadway zwischen 11. und 12. Straße, Lower Manhattan, New York.

Ishmael Beah, 12 Jahre alt, geboren in Mogbwemo, wollte Rap-Star oder Fußballer werden. Niemand rief irgendwen an in Sierra Leone, um sich zum Spielen zu verabreden, es gab nicht mal Strom in Mogbwemo.

Die Jungen spielten Fußball, tanzten, am Lagerfeuer erzählten sie sich Geschichten. Arbeiten mussten sie auch, auf den Feldern, Ishmaels Vater lebte nicht mehr bei der Familie, viel Geld war nicht da. Und dann kam der Krieg ins Dorf. Ishmael, sein großer Bruder Junior und ihr Freund Talloi waren gerade auf dem Weg nach Mattru Jong, sie wollten dort auf einer Talentshow tanzen, als sie hörten, ihr Dorf sei angegriffen worden.

Was tun? Zurückgehen? Weitergehen? Doch wohin konnten sie gehen?

Noch war er kein Mörder, es begannen ja erst die Monate seiner Flucht, des Zickzacklaufs durch den Dschungel Westafrikas. Sie kauten Wurzeln, sehnten sich nach Wasser, Fleisch, einer Decke, der Mutter. In den Dörfern, die sie erreichten, wurden sie verjagt, weil längst die Geschichten umgingen von mordenden Kinderbanden. Mal waren sie zu zweit, mal zu sechst, hin und wieder stieß einer dazu, und ein anderer ging verloren.

Einmal, als sie am Rande eines Dorfs, nach einer Schießerei, auf Junior warteten, kam Junior nicht, Ishmael hörte nie wieder von seinem Bruder. Und einmal gab es ein Gerücht: Ihre Eltern sollten sich in einen Ort in der Nähe gerettet haben. Natürlich rannten die Kinder hin. Und wieder gab es nur Schüsse, die nächste Flucht und auch von den Eltern nie wieder ein Wort.

Ishmael wurde ein stiller Junge, er ging einfach weiter und sprach nicht mehr. Dabei hatte seine Geschichte noch immer nicht begonnen.

Es war im Sierra Leone der neunziger Jahre so oder jedenfalls so ähnlich wie in den meisten afrikanischen Kriegen: Regierungstruppen kämpften gegen Rebellen, zugleich ging es um Stammeskonflikte, um Arm gegen Reich, und natürlich ging es um Diamanten. Dass in diesen Kriegen Kinder eingesetzt werden, ist nicht neu: Das war in Uganda, der Demokratischen Republik Kongo, dem Sudan, in Liberia und Somalia so, auch in Asien, auf Sri Lanka beispielsweise, einst ja auch in Europa.

Kinder kosten nichts, fragen nicht, widersprechen nicht. Kinder sind lenkbar, und besonders willig sind sie, wenn sie erst verstanden haben, dass sie nur dann noch zu essen haben, wenn sie morden, aber hungern müssen, wenn sie keine Waffe tragen. Zu klein für den Krieg ist kein Kind: Jungen, die nicht töten können, können immer noch Minen suchen, Mädchen, die zu schwach sind für die Schlacht, können immer noch Sexsklavinnen sein.

Etwa 300 000 Kindersoldaten, das sagt Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, führen weltweit die Kriege der Erwachsenen, und es sind Kriege, die ohne jede Scham ausgefochten werden, nur noch roh. Kriege sind das, in denen Köpfe auf Pflöcken die Camps der Sieger schmücken und der Bub ein Held ist, der einem schwangeren Mädchen nach der Vergewaltigung in die Vagina schießt.

Die Mittel moderner Rechtsstaaten wirken banal in dieser Welt. Hilflos. Juristen, zum Beispiel, haben es schwer: Wer ist hier Täter, wer Opfer, wer beides zugleich?

Aber, immerhin, Juristen versuchen es: Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag soll bald Charles Taylor stehen, dessen "Small Boys Units" Liberia so verwüsteten, dass kaum noch jemand lebt, der das Land wieder aufbauen könnte.

Und in den vergangenen Monaten konnte man dort in Den Haag Thomas Lubanga Dyilo beobachten, bullig und wortkarg saß er vor einem Bildschirm, neben ihm zwei Anwältinnen, gegenüber drei Ankläger, Protokollführer, etwas erhöht die drei Richter. Lubanga war von 2000 bis 2003 einer der Milizenführer im Kongo, wo in zehn Jahren weit

über drei Millionen Menschen getötet wurden.

Die Fragen, die ein westliches Gericht in so einem Verfahren stellt, sind diese: Wie verliefen die Befehlsketten, wer war wofür verantwortlich? Welche Beweise liegen vor? Sind Zeugenaussagen auf Video brauchbar? Und anonyme Aussagen? Nein, natürlich nicht, aber wie lassen sich Zeugen dann schützen? Und wenn die einen Opfer tot sind und die anderen Opfer, die Kinder, während der Taten unter Drogen standen, was sind deren Aussagen dann heute wert?

Das erste Ergebnis, immerhin: Bald wird das Hauptverfahren gegen Lubanga eröffnet werden. Aber das alles dauert. Und Lubanga war einer von Hunderten, Tausenden. Und wenn er am Ende verurteilt wird, wen wird das kümmern im Kongo, wem hilft das noch, wer wird davon erfahren?

Ishmael Beah geriet in Sierra Leone in jenem Moment in die Fänge der Kämpfenden, als er sich in Sicherheit glaubte. Die fliehenden Jungs kamen in einem Dorf namens Yele an, besetzt von Soldaten der Regierungstruppen, eingekreist von Rebellen. Die letzten Tage der Kindheit: Fußball und Schwimmen im Fluss. "Wir schaffen das nicht mehr", sagte dann der Lieutenant, "wir brauchen Männer und Jungs, die uns helfen." Und das Training begann.

Ishmael erhielt ein AK-47-Sturmgewehr, weiße Tabletten, Marihuana, abends sahen sie Kriegsfilme und schnupften ein weißliches Puder, ein Gemisch aus Kokain und Schießpulver. Hemmungen hatte er nur beim ersten Mal, da lag Ishmael im Unterholz, neben ihm starben seine Freunde, und er schaffte es doch nicht, zu schießen. Die Tränen liefen.

Dann gab es keine Hemmungen mehr. "Die Rebellen sind verantwortlich für alles, was euch angetan wurde", schrie der Lieutenant, und die Kinder stemmten ihre Gewehre in die Luft und zogen in den Kampf, und bald schon war es egal, wer Rebell war und wer Soldat: Sie plünderten Dörfer und töteten, weil sie Proviant brauchten.

"Grüne Schlange", das wurde Ishmaels Kampfname, weil er sich anschleichen konnte wie kein anderer. Und foltern, das konnte er auch.

Es war wieder Nacht in Oberlin in Ohio, und Ishmael Beah schrieb:

Jedes Mal, wenn sie langsamer wurden, schossen wir um sie herum, damit sie wieder schneller gruben. Als sie mit dem Graben fertig waren, fesselten wir sie und stachen ihnen mit den Bajonetten in die Beine. Einige von ihnen schrien, und wir lachten und traten sie, damit sie still waren. Dann rollten wir jeden Mann in sein Loch und bedeckten ihn mit nassem Matsch. Sie hatten Angst und versuchten aufzustehen und aus dem Loch zu kommen, während wir zügig Erde auf sie schütteten, doch als sie die Mündungen unserer Gewehre auf sich gerichtet sahen, legten sie sich hin und schauten uns mit ausdruckslosen, traurigen Augen an. Selbst unter der Erde kämpften sie noch mit aller Macht. Ich hörte sie von unten stöhnen und nach Luft ringen. Allmählich gaben sie es auf, und wir gingen weg. "Immerhin wurden sie beerdigt", sagte einer der Soldaten, und wir alle lachten.

Vorbei war es nach zwei Jahren. Da kam ein Lastwagen ins Dorf, und die Jungs waren wütend, als sie ihre Gewehre niederlegen sollten. Sie waren gerettet, durften auf den Lastwagen klettern, aber sie wollten nicht gerettet werden, sie wurden in ein Lager gebracht, wo sie betreut wurden, aber sie wollten nicht betreut und schon gar nicht therapiert werden. In den ersten Wochen sollten sie nur von den Drogen loskommen, aber sie schlüpften durch den Zaun, fuhren nach Freetown und besorgten sich Drogen. Dann sollten sie lernen, sich zu konzentrieren, aber sie verprügelten ihre Lehrer. Sie verbrannten ihre Schulbücher. Sie trugen auch die alten Kämpfe aus, dort im Lager, Rebellenjungs gegen Regierungsjungs, sie hatten ja immer noch ihre Messer. Die Ohren hielten sie sich zu, wenn einer dieser ernsten Erwachsenen sagte: "Es ist nicht eure Schuld."

Wie sie ihn hassten, diesen Satz, der sie wieder zu Kindern erklärte.

Wie lange dauert es, einen Kindersoldaten zu therapieren? Wochen, Monate, Jahre, je nachdem. Das ist das, worum es Ishmael Beah heute geht, in New York, denn natürlich können zivile Gesellschaften doch etwas tun, das Wichtigste: "Sie dürfen die Kinder nicht aufgeben", sagt er. "Das eine Kind braucht länger, manche können sprechen über das, was geschah, andere nicht. Aber sie alle sind Kinder. Wenn du mich vor zehn Jahren gesehen hättest, hättest du dich vor mir gefürchtet und nicht gedacht, dass du mit mir so etwas wie ein Gespräch führen könntest."

Ishmael Beahs Glück war, dass er in die Hände von Unicef geriet. "Sie alle schimpfen gern über die Uno", das sagt Beah seinen Zuhörern heute, "aber die Uno geht dorthin, wo sonst niemand ist."

Es war nicht vorbei nach den zwei Jahren. Ishmael öffnete sich niemandem, wochenlang nicht, aber dann wurde er zu einer neuen Betreuerin gebracht, Esther hieß sie.

Er schrie sie an. Schwieg wieder. Aber sie schenkte ihm einen Walkman, bei ihr hörte er die Songs von damals, aus der Kindheit, vor dem Krieg, und irgendwann

begann er zu erzählen. Von seinem Vater. Der Großmutter. Von seinem Dorf, seiner Flucht. Von seinen toten Freunden, seinen Morden. Irgendwann spielte er wieder, er tanzte. Esther war seine erste Liebe, er verriet es ihr nie. Beah galt als geheilt, durfte das Lager verlassen und zu einem Onkel ziehen, den er noch nie gesehen hatte, aber eine Einladung kam, aus New York. Beah sollte auf einem Kinderforum der Uno von Sierra Leone erzählen.

Was für ein seltsamer Ausflug: eine Woche New York mitten im Winter, Ishmael und sein Freund Ba hockten in T-Shirts im Schnee. Sie berichteten dann vom Krieg, und Laura Simms hörte ihnen zu, eine kleine New Yorkerin mit braunen Haaren, blauen Augen und vielen Ringen an Ohren, Handgelenken und Fingern, Geschichtenerzählerin, das ist ihr Beruf: Sie lebt in Manhattan, aber sie verbringt auch viel Zeit in Rumänien, erzählt Kindern in Waisenhäusern Märchen, sie kann das gut, trösten mit Geschichten.

Sie holte Ishmael Beah eine Winterjacke, traf ihn zum Essen, blieb in seiner Nähe, ließ ihn erzählen, so viel, wie er erzählen wollte.

"Wie absurd, diese Jungs aus dem Krieg hierherzuholen und dann in den Krieg zurückzubringen", dachte Laura Simms.

Denn nach sieben Tagen im fremden New York musste Beah wieder nach Sierra Leone, heim in den Krieg, und als Soldaten und Rebellen der Hauptstadt Freetown nahe kamen, floh er erneut, diesmal über die Grenze. Nach Guinea, Südafrika, an die Elfenbeinküste. Einmal rief er in New York an: "Wenn ich es hier raus schaffe, kann ich dann bei dir wohnen?"

"Ja, sicher", sagte Laura Simms und glaubte nicht daran.

"Ich meine das ernst. Ich muss daran glauben können", sagte er, und die Verbindung brach ab.

Aber sie kümmerte sich. Laura Simms sprach mit Behörden, Botschaften, schickte Geld und Papiere nach Afrika. Immer wieder dachte sie, er sei tot, wochenlang hörte sie nichts, aber dann meldete er sich wieder, und 1998, er war 17 Jahre alt, durfte Ishmael Beah einreisen in die Vereinigten Staaten.

Nichts ging schnell. Laura fürchtete sich vor seinen Geschichten. Ishmael schwieg. Sie fragte wenig, das wusste sie: Sie durfte ihn nicht drängen.

Niemand kannte seine Vergangenheit, die Mitschüler nicht, die Freunde nicht, er wollte nicht für alle nur "der Mörder aus Afrika" sein. Er konnte nicht still sitzen im Unterricht, er wollte lesen lernen, schreiben, aber es war schwierig, jemandem zu vertrauen. "Ich war ewig nicht mehr Sohn gewesen", sagt er. Und nachts schrie er und sah wüst aus, wenn er aufwachte. Verzerrt. Sie machten Ferien an der Westküste, und Ishmael lernte Fahrrad fahren und dass er dabei einen Helm tragen muss.

Als er dort in der Essensschlange stand, sagte er "Ich nehme das Gleiche", weil er die Speisen nicht kannte, auch die Namen nicht. Wenig schmeckte ihm.

Als er im West Village sah, wie sich halbnackte Männer küssten, kam er zurück und ging in sein Zimmer: "Ich muss darüber nachdenken", sagte er.

"Er war 17, und zugleich war er 12, 13, 14 Jahre alt", sagt Laura Simms in ihrer Küche am Broadway; hoch sind die Räume, Ende des 19. Jahrhunderts war das hier eine Handschuhfabrik.

Zwei Jahre lang ging Beah auf die Highschool der Vereinten Nationen, dann auf das Oberlin College in Ohio, Politik war sein Hauptfach. Er begann zu schreiben.

Ein Buch wie dieses gab es noch nicht. Wenige Kindersoldaten überleben ihre Kriege, und wenn sie überleben, haben sie keine Hände mehr, oder sie sind drogensüchtig, oder sie können nicht lesen und schreiben. Der Autor Ishmael Beah ist ein Geschenk für alle, die etwas lernen wollen über Westafrika, über Kinder, über die perverseste Art der Kriegführung. Seine Geschichte stimmt, so gründlich wie möglich haben Unicef und die Verlegerin nachrecherchiert.

Und Beah kann erzählen. Er erinnert sich an seine Gefühle von damals, seine Naivität, da schreibt kein New Yorker von einer Reise durch Afrika, da berichtet ein zwölfjähriger Junge aus seinem Dorf, seinem Krieg in Sierra Leone. Die deutsche Fassung ist korrekt, wenn auch wörtlich übersetzt und nicht ganz so straff und rhythmisch wie das Original*.

Wenige Reisen führen so weit wie diese: vom Kindersoldaten in Sierra Leone nach New York und dort auf Platz eins der Bestsellerliste der "New York Times". Als er sein Manuskript beendet hatte, suchten sein Professor und er einen Agenten, aber alle, die sie fragten, sagten: "Liest sich schön, streiche hier, streiche da, konzentriere dich aufs Töten."

Nur Ira Silverberg, Agent, und Sarah Crichton, Verlegerin, sagten etwas anderes.

Sarah Crichton sitzt in ihrem Büro am Union Square, eine 50-jährige New Yorkerin mit Pony und schulterlangen Haaren, Brille, schwarzem Pullover. Sie war Autorin bei "Harper's" und "Esquire", zehn

Jahre lang Leitende Redakteurin bei "Newsweek", dann schrieb sie mit an den Memoiren Madeleine Albrights und Mariane Pearls, der Witwe des in Pakistan ermordeten Journalisten Daniel Pearl; heute bringt sie die Reihe "Sarah Crichton Books" für den Konzern Farrar, Straus and Giroux heraus. "Ich dachte, dass auch Ishmael eine Co-Autorin brauchte", sagt sie, "aber er ist der geborene Schriftsteller. Magisch."

Sie holt Beahs erste 600 Seiten aus dem Regal, einen Berg aus Papier, und erzählt von der Entstehung des Buchs: wie Ishmael morgens zu ihr kam, wie sie 90 Minuten lang redeten, wie er ging, umschrieb und kürzte und am nächsten Morgen wiederkam.

"A Long Way Gone - Memoirs of a Boy Soldier", das Original, hat nur noch 232 Seiten, und die ersten 100 erzählen vom Leben eines Kindes. Von den Geschichten, der Schönheit und der Verzweiflung Afrikas. Von der Flucht. Dann kommen 30 Seiten Krieg, dann die Rettung, und man ist beim Lesen ein bisschen enttäuscht: Das war alles? Aber erst jetzt, danach, erinnert sich das gerettete Kind an das, was es wirklich getan hat, erst jetzt erzählt es die ganze Wahrheit, und diese Wahrheit raubt seinen Zuhörern die Luft.

Es ist Mittwochabend in New York, Beah liest heute bei Barnes & Noble am Union Square. Mütter sind gekommen, Töchter, die ihn sprachlos anlächeln. Fernsehteams. Fans. Beah will ein zweites Buch schreiben, vielleicht auch Jura studieren und für die Uno arbeiten, aber jetzt liest er vor und erzählt davon, wie Kinder leben müssen, die zu Soldaten wurden: "Um so ein Leben zu überleben, müssen die Kinder es annehmen und normalisieren. Sie wehren sich bald dagegen, sich über irgendetwas zu freuen, weil sie ja doch immer wieder bestraft werden. Um von alldem wieder loszukommen, brauchen sie Zeit." In der zweiten Reihe sitzt Laura Simms und schließt die Augen. Ishmael nennt sie "Mama", dankt ihr, jetzt lächelt sie.

"Wie viele hast du ermordet?", diese Frage stellen sie ihm bei jeder Lesung.

"Ich weiß es nicht, und es ist doch nicht wichtig", sagt er. Er tötete täglich und führte kein Protokoll.

"Hast du auch vergewaltigt?", fragen sie.

"Nein", sagt er.

Einmal war er verwundet worden, Erwachsene hatten ihn gerettet und ein paar Rebellen gefangen genommen. In einer der Nächte von Oberlin in Ohio schrieb er:

"Das sind die Männer, die für die Schusswunden in deinem Bein verantwortlich sind. Höchste Zeit, dass du dafür sorgst, dass sie nie wieder auf dich oder deine Kameraden schießen." Der Lieutenant zeigte auf die Gefangenen. Ich bin mir nicht sicher, ob einer der Gefangenen der Schütze war, aber zu dem Zeitpunkt war mir jeder Gefangene recht. Sie wurden alle sechs mit gefesselten Händen in einer Reihe aufgestellt. Ich schoss ihnen in die Beine und sah einen ganzen Tag lang zu, wie sie litten, bevor ich ihnen schließlich in den Kopf schoss, damit sie aufhörten zu jammern. Ich sah jeden einzelnen Mann an, bevor ich ihn erschoss, und kurz bevor ich den Abzug betätigte, sah ich die Hoffnung in seinem Blick schwinden. Die düsteren Blicke dieser Männer waren mir lästig.

Im vergangenen Jahr kehrte er zurück nach Sierra Leone, er fand keine Spur vom Vater, von der Mutter, vom Bruder, niemand wusste etwas von den Verschwundenen. Ein paar Cousins fand er, aber das Land sah so aus wie damals, lethargisch, so wund, es gab keine Arbeit, niemand investiert dort, und junge Männer ohne Arme hockten im Staub und bettelten, und einige erkannte er wieder.

Und doch: was für ein Essen. Was für ein Wetter. Und überall Musik, überall dieses Lachen. Ishmael Beah war zu Hause, dort in Afrika, er blieb zwei Wochen lang.

Dann flog er nach Hause, nach New York.

* Ishmael Beah: "Rückkehr ins Leben - Ich war Kindersoldat". Aus dem Englischen von Conny Lösch. Campus Verlag, Frankfurt am Main; 272 Seiten; 19,90 Euro. Erscheint am 24. Mai.

DER SPIEGEL 21/2007
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DER SPIEGEL 21/2007

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