21.05.2007

EUROPA

Gönner und Geldwäscher

Von Schlamp, Hans-Jürgen

In Brüssel hat ein beinhartes Match um strengere Regeln im europäischen Fußballgeschäft begonnen. An vorderster Front stehen sich der FC Bayern München und Real Madrid gegenüber.

Ein Bayer in Brüssel ärgert die Bayern in München: Florian Müller, 37, ist in Augsburg geboren und in Starnberg zu Hause, ein waschechter Bayer also. Daheim allerdings gilt er als vaterlandsloser Geselle. Erstens spricht er akzentfrei Hochdeutsch. Zweitens arbeitet er für den spanischen Fußballclub Real Madrid und macht Stimmung gegen den FC Bayern München - auf europäischer Bühne.

In Brüssel läuft gerade die erste Runde eines politischen Turniers, welches das Gesicht des europäischen Fußballs in den nächsten Jahren von Grund auf verändern könnte. Im Visier der Regulierer stehen die Superclubs der Champions League. Wortführer der Unzufriedenen sind ausgerechnet die Münchner Bayern.

Ein paar finanzstarke Teams aus Spanien, Italien und England, so die kritische Bestandsaufnahme, spielten den europäischen Wettbewerb unter sich aus. Geldspritzen von Milliardären, wie bei den englischen Clubs FC Chelsea und Manchester United, oder üppige Fernseheinnahmen wie bei Real Madrid - eine Milliarde Euro für die kommenden sechs Jahre - machten es den übrigen Vereinen unmöglich, "mit solchen Clubs um Spieler zu konkurrieren", beschwerte sich der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge in Brüssel.

So war Bayern zwar seit 2000 fünfmal Deutscher Meister und viermal Pokalsieger, gewann aber international zuletzt 2001 in der Champions League. Und Traditionsvereine aus kleinen Ländern, wie Ajax Amsterdam, sind mangels Finanzkraft schon lange ohne Titelchancen.

"Lächerlich" nennt das Müller, den Real als Lobbyisten engagiert hat. Weil es in München sportlich nicht mehr rundlaufe und der Abstand zu Europas Top-Vereinen wachse, rufe Rummenigge plötzlich "mit quasikommunistischen Forderungen" die Politik zu Hilfe.

Real Madrid kann die Dienste des kessen Bayern gut gebrauchen. Denn gegen "die Weißen" braut sich einiges zusammen. Europas immer noch erfolgreichste Fußballmannschaft ist derzeit Inbegriff des Bösen, das bloß auf Business zielt. Im Vereinsfußball, klagt Rummenigge, gebe es "keinen fairen Wettbewerb mehr".

Weil der europäische Fußballverband Uefa bislang untätig blieb, soll nun Brüssel für Gerechtigkeit sorgen, fordern die Bayern und verstehen sich als Sprachrohr vieler anderer, die genauso unter den "Wettbewerbsverzerrungen" leiden.

Schalke 04, zum Beispiel, hat trotz seines Millionen-Sponsors aus Russland, des Gaskonzerns Gasprom, nicht einmal halb so hohe Einnahmen wie "die Königlichen" in Madrid. Der HSV muss mit etwa einem Drittel des Real-Etats auskommen, und der VFB Stuttgart hat noch weniger Geld. Spieler der Extraklasse sind den Spaniern, Briten und Italienern vorbehalten. Allenfalls die Bayern können sich den einen oder anderen leisten, wenn sie, wie jetzt angekündigt, ihre 120-Millionen-Rücklagen angreifen.

Nun soll die EU für mehr Gerechtigkeit im Milliardengeschäft mit dem Ball sorgen. Und Brüssel lässt sich natürlich nicht lange bitten, auf einem populären Feld aktiv zu werden, auf dem die EU bislang nichts zu sagen hatte.

Ende März beschloss das EU-Parlament Vorschläge zur Regulierung des Marktes. Im Juli soll die Kommission ein "Weißbuch" vorlegen. Das, so hoffen Rummenigge & Co., werde die Uefa auffordern, den Spaniern und Italienern die enormen Fernseheinnahmen durch die Einführung einer zentralen Vermarktungsstelle für TV-Rechte in den einzelnen Ländern zu beschneiden.

Weil Madrid und andere spanische oder italienische Spitzenteams die Übertragung der Ligaspiele selbst verkaufen dürfen, kassieren sie jährlich etwa 150 Millionen Euro.

Seine Bayern, jammert Rummenigge, hätten sich in der letzten Saison mit 15 Millionen bescheiden müssen. Denn die Spiele der deutschen Clubs werden, wie in England und Frankreich, zentral verkauft. Da springt selbst für die Besten trotz eines Erfolgszuschlags nicht so viel heraus.

Auch den Einfluss reicher Gönner, wie etwa des Chelsea-Eigners Roman Abramowitsch, soll Brüssel mindern. Rummenigge wünscht sich, im Zusammenspiel mit Uefa-Präsident Michel Platini, eine Obergrenze für Spielergehälter: Nur bis 55 Prozent ihres Umsatzes sollen Clubs für die Gehälter der Spieler ausgeben dürfen.

Es sei doch nicht normal, trug Rummenigge in Brüssel vor, dass Chelsea etwa denselben Umsatz wie Bayern erwirtschafte, nämlich 221 zu 205 Millionen Euro, dabei freilich rund 200 Millionen Verluste mache. Die gleiche dann der Ölmagnat und Putin-Freund Abramowitsch aus.

Während Rummenigge in Brüssel antichambriert, versucht sein Vize Uli Hoeneß in Berlin den für Sport zuständigen Innenminister Wolfgang Schäuble auf seine Seite zu ziehen. Die Uefa müsse, schrieb Hoeneß in einem Brief, "gegen die Verzerrung des Wettbewerbs einschreiten". Dazu könne das "Weißbuch" der EU-Kommission, über das die EU-Kollegen demnächst zu reden hätten, "wertvolle Handlungsanleitungen geben".

Anja Weisgerber, die sportpolitische Sprecherin der CSU-Gruppe im EU-Parlament, beteuert, man wolle nur "Hilfe zur Selbstregulierung geben": Vereine, nationale Verbände, Uefa, das EU-Parlament und die Kommission sollten am Runden Tisch "für faire Wettbewerbsbedingungen" sorgen. Schließlich, so die einstige bayerische Tennismeisterin, gehe es auch darum, "Geldwäsche zu verhindern".

"Alles Unsinn", sagt dazu Florian Müller. Der Lobbyist hat eine steile Karriere hinter sich. Mit 16 begann er Computerbücher zu schreiben, entwickelte später PC-Spiele, handelte mit Lizenzen. Als die Brüsseler EU-Kommission den Umgang mit Software-Patenten nach dem Geschmack der Weltmarkt-Giganten regeln wollte, organisierte er erfolgreich den Widerstand. Das Europäische Parlament gab nach, Müller wurde als "Kampagnenführer des Jahres" ausgezeichnet.

Jetzt verteidigt er die "Weißen": Real Madrid und andere hätten "mutig in Weltstars investiert" und ernteten nun "die Früchte ihrer Arbeit". Und in den EU-Verträgen sei zwar der freie Wettbewerb festgeschrieben, nicht aber, "dass die Bayern per Gesetz Titel gewinnen müssen". Wenn die Münchner "Raubtierkapitalisten, die ihren Bundesliga-Rivalen seit Jahrzehnten die besten Spieler wegkaufen", sich nun als Sachwalter der Armen aufspielten, sei das "wenig glaubhaft", spottet Müller und findet, wie er sagt, viel Zustimmung.

Auch das Bayern-Lamento über den unfairen TV-Markt sei wenig überzeugend. Die englische Premier League etwa vermarktet die Fernsehrechte, wie die deutsche Bundesliga, zentral und im Paket. Dabei erlöst sie fast 900 Millionen Euro. Die Bundesliga aber bringt gerade einmal gut 300 Millionen. "Die ist offenbar einfach nicht so gefragt", meint Müller.

Gehaltsgrenzen und gleichmäßiger verteilte Fernseheinnahmen könnten zwar vielleicht verhindern, dass der Abstand der Münchner (Umsatz in der vergangenen Saison: 204,7 Millionen Euro) zu Mailand, Manchester oder gar Madrid (292,2 Millionen) ständig größer wird. Die Kluft zu den ärmeren deutschen Vereinen und den Clubs aus kleineren Ländern aber bliebe auch dann unüberbrückbar.

Manche fußballbegeisterte EU-Politiker, wie der oberbayerische CSU-Parlamentarier Alexander Radwan, fürchten, es könne in Europas Fußballszene bald so zugehen wie im amerikanischen Football: "Milliardäre oder Investmentfonds halten sich private Top-Clubs, und die schießen die Champions League unter sich aus."

Radwan ist FC-Bayern-Mitglied seit der Schulzeit. Sein ewiges Idol heißt auch Müller - Gerd Müller. HANS-JÜRGEN SCHLAMP


DER SPIEGEL 21/2007
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