21.05.2007

Die Königin der Schmerzen

Romy Schneider war die schönste und zerbrechlichste Diva des deutschen Kinos, doch die Deutschen konnten zunehmend wenig mit ihr anfangen. Nun wird sie, zu ihrem 25. Todestag, in Wiedergutmachungen gefeiert, eine Frau, die ihrer größten Obsession erlag: der Kamera.
Unter den hundert Gräbern des Dorffriedhofs von Boissy Sans Avoir ist dieses eines der schlichteren. Eine graue Grabplatte. Die Frau, die hier vor einem Vierteljahrhundert beerdigt wurde, war 43. Ein Jahr vor ihrem Tod war ihr Sohn tödlich verunglückt. Sie starb mittellos.
Viele der Gräber hier könnten ähnliche Geschichten erzählen. Dieses unterscheidet sich von den anderen durch die frischen Blumen. Und dadurch, dass der Klang des Namens auf dem Grab überall in der Welt diese goldene Wolke an Wahnsinn aufstäuben lässt. Keine sonst, die diese Verzücktheiten und Irritationen erzeugt, keine dieses Leuchten: Romy, ein zärtlicher Klang.
"Sie war der absoluteste Mensch, den ich je kennengelernt habe", sagte ihr Lieblingsregisseur Claude Sautet.
Romy Schneider, das sind viele Gesichter. Das einer jugendlichen Prinzessin, eines amoralischen Teenagers, einer Hure, einer Mörderin, eines jüdischen Opfers. Viele Opferrollen, einige Täterrollen, Frauen auf der Kippe. Dazwischen zunehmend zerfließende Lebensrollen, doch immer dieselbe Frau, die unwiderstehlichste und verlorenste, die das deutsche Kino je hervorgebracht hat. Eine romantische Diva.
Die Franzosen, die sie mit allem Recht für sich reklamieren, wählten Romy Schneider zur schönsten und größten Schauspielerin des Jahrhunderts. Das deutsche Kino hingegen konnte, von den Anfangsjahren abgesehen, nichts mit ihr anfangen.
Die deutschen Jungfilmer, die in den sechziger Jahren Papas Kino für abgeschafft erklärten, waren eine glamourfeindliche Truppe mit Aufklärungsauftrag. Und der blieb lange. Und dafür büßen wir noch heute. Wir haben keine Stars. Wir haben die tüchtige Veronica Ferres.
Romy Schneider war zickig? Hm, auch Katja Riemann ist zickig, aber wer nur je einen Blick in die "Sissi"-Filme geworfen hat oder "Monpti" oder "Das Mädchen und der Kommissar" weiß, dass Riemann von Romy Schneider so weit entfernt ist wie ein Caffè Latte von der Venus.
Tatsächlich führt noch der schlechteste Film Romy Schneiders vor, wie gewöhnlich und gerissen die Kinogesichter heutzutage sind. Keines darunter, das auch nur im Entferntesten dieses Leuchten hätte.
Neben dem cartoonhaften Oberflächenglanz der heutigen Filme sind die der siebziger Jahre durchaus vernebelte Tränenmeere, zum Teil unausstehliche Tränenmeere, und dennoch ist Romy Schneider, die aus jenen Filmen herüberschaut, die allermodernste Heroine. Sie war die Erste, die völlig bedenkenlos zwischen Film und Leben pendelte und das Innerste zur öffentlichen Angelegenheit machte. Sie war eine wirkungsstarke, eine wirkungssüchtige Borderline-Heldin: Lange vor Britney Spears oder Lindsay Lohan oder Kate Moss hat
sie die Sucht und die Beichte und das Scheitern als öffentliches Ereignis inszeniert.
Der Unterschied zu den Party-Girls: Die hatten nie in den Blütenblättern der "Sissi"-Filme gestanden. Romys Beichten waren die einer gefallenen Königin der Herzen. Sie waren auf perverse Art romantisch, die der neuen Garde sind nur noch pornografisch.
Bei Romy Schneider, die lange vor ihnen Gas gegeben hat, ging es immer um den vollen Einsatz. Sie nahm Männer, sie mischte Whisky in den Rotwein, sie nahm Tabletten, sie nahm fast jede Droge, doch eine vor allem: die Kamera. Je mehr sie
sich in jenen Filmpausen verrannte, die andere Leben nennen, desto mehr wuchs ihre Sucht nach Aufmerksamkeit. Sie wuchs ins schwer Erträgliche.
Bald ließ sie Reporter in ihr Schlafzimmer. Wer aus unserer Zunft konnte schon diesem Ansturm von manipulativer Hilflosigkeit widerstehen? Alfred Nemeczek, ein völlig unbestechlicher Reporter, versucht es in einem Interview für den "Stern" einige Zeit vor ihrem Tod.
Romy Schneider: "Sie helfen mir, ja? Ich brauch schon auch Hilfe."
Nemeczek: "Sie brauchen erstens keine Hilfe ..."
Romy Schneider: "Doch, ich brauch Hilfe. Lassen Sie jetzt (sie deutet aufs Tonbandgerät) dieses Scheißding laufen. Ich find es total idiotisch, dass Sie sagen, dass ich keine Hilfe brauche. Ich brauche von Ihnen Hilfe, wie ich von einem Regisseur Hilfe brauche ..."
Doch selbst da, Ende der siebziger Jahre, als die schwarzen Wellen bereits über ihr zusammenschlugen, hatte sie noch dieses unbeschreibliche Leuchten, und das überlebt, tatsächlich. Mit Romy Schneider ist unser Land noch nicht fertig, und es ist dabei, nachzusitzen, wenn nun anlässlich ihres 25. Todestags neue Dokumentationen, neue Bücher über sie erscheinen, neue Ausstellungen vorbereitet werden. Vor allem aber zeigt es sich in ihren Filmen. Bereits in dieser Woche startet die ARD eine elfteilige Retrospektive mit Filmen wie "Die Halbzarte" (1958), "Das wilde Schaf" (1974) oder "Gruppenbild mit Dame" (1977).
Die Biopics, die vorbereitet und fallengelassen und erneut aufgenommen wurden, scheiterten immer an der Frage: Wer soll Romy spielen? Wer ist auratisch genug, um diese simple Tautologie vergessen zu lassen, nämlich, dass die beste Romy-Darstellerin aller Zeiten Romy Schneider war?
Sie hat zwar auf diesem französischen Dorffriedhof die letzte Ruhe gefunden, doch in Wahrheit hat sie sich ja in ihren Rollen ausgeatmet, hat sich gründlicher als je ein Weltstar vor oder nach ihr erschöpft in ihren 60 Filmen. "Im Film kann ich alles", sagte sie, "im Leben nichts."
Sie lebte so sehr in ihren Filmen, dass sie oft Filmsätze benutzte, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Ansonsten vertraute sie sich jedem zweiten Kugelschreiber an, der in ihrer Nähe war. Und wenn der dann von ihr hören wollte, dass ihre Mutter ein Drachen war, die Männer Schweine, die Nonnenschule eine düstere Zuchtanstalt und sie selbst ein Opfer, nickte sie. Sie nickte jedes Inszenierungsangebot ab, all die politisierenden oder feministischen Übermalungen ihres Lebens.
"Schauspieler lieben die Einsamkeit", sagte ihr Filmpartner Peter O'Toole, "solange jemand an die Tür klopft." Romy wählte nicht die göttliche Distanz, sondern die Nahaufnahme, und das schon dreißig Jahre vor Lady Di. Wie Prinzessin Diana war sie gleichzeitig Opfer der Regenbogenpresse und deren Manipulateurin. Sie zieht eine beachtliche Spur von Titelblättern hinter sich her, die ein ebenso beachtliches Mitwirken verraten, oft hüllenlos und seelisch entblößt, ob in "Bunte", "De Post" "Privé", "Playboy" oder "Quick". Und der "Stern", immer wieder. "Stern"-Titel: "Romy liebt jetzt, wen sie will"; "Diesmal wird es für immer sein"; "Romy Schneider ganz intim". Mit dem vorläufig letzten, logischen Abschluss: "Die Ausbeutung der Romy Schneider". Das war nach ihrem Tod, und damit war zunächst der letzte Tropfen aus der Romy-Verwertung gepresst.
Sie war als Sissi umjubelt, und sie rechtfertigte sich für Sissi, denn das hatte sie zu tun im Deutschland der siebziger Jahre, als man ihr in endlosen Wiederholungen die Kitschmaske vom Gesicht riss und am liebsten jeden Alpenberg noch einmal einzeln verhört hätte, um ihn nach der Nazi-Vergangenheit abzuklopfen.
Romy Schneider wusste nicht, dass Adolf Hitler nur ein paar Kilometer von ihrem Heimatort entfernt seinen Befehlsstand hatte? Sie schämte sich jahrzehntelang dafür und leistete Abbitte, als Jüdin in "Das alte Gewehr", wo sie sich während der Dreharbeiten von Nazi-Kolben grün und blau schlagen ließ. Da nickten die Linken gnädig: Endlich wusste die Diva, wo Hitler gewohnt hatte.
Michael Jürgs behauptet in seiner glänzend recherchierten Biografie über Romy Schneider, dass es auch die Journalisten waren, die "sie in den Tod getrieben hatten"*.
Wohl kaum. Doch es waren durchaus auch politische Besserwisser, die sie außer Landes getrieben haben, sie und diese deutschen Fröste der siebziger Jahre mit ihrer unmusischen Ablehnung von Glanz
und Charisma, ihrem Gesinnungsterror,
ihrem Hässlichkeitskult. Und hier beginnt der Fall Romy Schneider zu schillern.
CHRISTIANE HÖLLGER IN BERLIN, eine stämmige kleine Frau mit funkelnden dunklen Augen, packt für eine Asien-Reise. "Romy hat all diese politisierenden und feministischen Deutungen gehasst, weil sie bevormundend waren", sagt die 64-jährige Autorin: Ihre Freundin Romy wäre heute 68. "Sie hat zwar genickt, aber sie hat sie wie Geiselnahmen empfunden."
Höllger ist überrumpelt, doch sie redet gern über Romy. Der 25. Todestag? "Ach", sagt sie. Erinnerungen richten sich nicht nach Jubiläen. Sie hat den Kopf voll mit Dingen, die sie noch besorgen muss.
Da sie nicht wusste, wer Romy Schneider war, damals, als sie sie in den frühen Sechzigern auf einer Party traf, wur-de sie ihre engste Freundin. Sie war eine der wenigen, die Romy meinte und nicht den Weltstar. Bei anderen war Romy nie sicher. Auch darunter hatte sie gelitten, wie wahrscheinlich alle berühmten Schauspieler.
"Romy hat mir die Deutschen erklärt", sagt Höllger, deren Familie emigriert war und die selbst erst als junges Au-pair-Mädchen zurückkehrte. Die Deutschen. Ihre Sehnsüchte und Rohheiten, ihre Liebe zum Kitsch und dessen erschrockene Ablehnung - der hysterische Wirbel um die "Sissi"-Trilogie in den fünfziger Jahren enthält all diese Pathologien.
"Natürlich fand sie Sissi toll, welches Mädchen träumt nicht davon, in Krinolinen-Kleidern vor dem Spiegel zu stehen?" Es hat sie maßlos verletzt, erinnert sich Höllger, wie sarkastisch Alice Schwarzer und andere diese zarten Technicolor-Lügen in Aufklärungsgesprächen mit ihr später zerfetzten.
Sie wehrte sich mit Ironie, der Waffe der Romantiker. Wenn Höllger sie irgendwo abholen sollte und sich verspätete, konnte es sein, dass ihr ein Zettel überbracht wurde, auf dem stand: "Der Deutschen liebstes Kind wartet auf dich." Unterzeichnet war das mit den Worten: "Die Kaiserin".
Vor dem gekrönten Teenager Sissi sanken allerdings nicht nur deutsche Fans in den Staub. Die ganze Welt ging in die Knie. Rund 30 000 Fans warteten auf den Rollfeldern in Madrid, in Paris und Rom, um Romy Schneider zu feiern, die mit dem "Sissi"-Film 1956 auf Promotion-Tour ging. Sie war die erste Königin der Herzen, gleich zu Beginn des hysterischen Zeitalters. Die 17-Jährige wurde von ihren Fans buchstäblich auf Händen ins Flughafengebäude getragen.
Der Sissi-Stoff lehnt sich an die theatralische Biografie der österreichischen Kaiserin Elisabeth an, die auf ihre Weise bereits Pop war: Sie war magersüchtig, schrieb Hunderte Gedichte, schmachtete in Tagebücher, wurde ermordet und kultisch verehrt.
Gegen diese Elendsbiografie strahlt Romy Schneiders "Sissi". Man kann sich heute kaum vorstellen, wie sehr ihre Kunstfigur die Seelenlandschaften der Zeit durchwühlt hat, wie sehr sie, ein paar Jahre nach der Kriegskatastrophe, die Sehnsüchte nach Anmut, Reinheit, Jugendfrische, Zartheit, Neubeginn gebündelt hat. Wer mochte es den Kinobesuchern verdenken, wenn sie ihre Trümmerhaufen für ein paar
Stunden vergessen wollten, dazu ist Kino da, das Fluchtmedium schlechthin, durch alle Zeiten. Sie war eine zeitgenössische Märchenfigur.
Königinnen der Herzen bestreiten ihren Rang aus nichts als der Zuwendung der Massen und der Magazine. Sie binden Traumenergien. Sie sind purer Pop. Es ist kein Zufall, dass Lady Di's Geburtstag am kommenden 1. Juli mit einem Rockkonzert im Londoner Wembley-Stadion gefeiert wird.
Vielleicht muss man von der Kulturkritik zur Biologie schwenken, um die Idol-Industrie unserer Tage zu begreifen. Sie scheint in einem durchaus robusten evolutionsgeschichtlichen Programm zu liegen, sie ist eine Stammhirn-Angelegenheit: Man hat festgestellt, dass die Rhesusäffchen auf einen bei ihnen sehr beliebten Kirschsaft verzichten, wenn sie dafür das Bild eines ranghöheren Tiers betrachten dürfen.
Da sich in einer narzisstischen Gesellschaft wie der unseren gesellschaftlicher Rang danach ermisst, wie viel Aufmerksamkeitskapital jemand angehäuft hat, war die junge Romy Schneider wirkungsmächtiger als jede reale Monarchin. Auch restlos aufgeklärte Demokratien, gerade sie, brauchen ihre Surrogat-Königinnen, und Sissi war der Archetyp.
Es war ja nicht Alistair Campbell, Tony Blairs Berater, der - nach Lady Di's Tod - die Phrase von der "Königin der Herzen" gefunden hatte. Das Original stammt aus dem zweiten "Sissi"-Film. Da sagt Kaiser Franz Joseph zu seiner Mädchenfrau: "Du hast die Herzen der Völker erobert." In ihrer Sissi-Rolle gibt Romy Schneider den fünfziger Jahren ihr Gesicht, so, wie es Lady Di mit den Achtzigern tat.
Bei beiden geht es zunächst darum, sich den König zu angeln. Sissi tut es gleich zu Beginn. Sie fischt in einem Wildbach und wirft die Angel aus, die sich in der Ordensbrust der vorbeikutschierenden Majestät verfängt.
Was folgt, ist ein politischer Mädchentraum: Sie kriegt ihn, und er liebt sie, und dann heilt sie die Welt durch Liebe. Sie lässt ungarische Revolutionäre und italienische Freiheitskämpfer dahinschmelzen, und das alles gegen den Widerstand der bösen Schwiegermama. Dafür hat sie Gott und die Berge und Pappili auf ihrer Seite.
Die drei Teile - "Sissi" (1955), "Sissi, die junge Kaiserin" (1956), "Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin" (1957) - waren unglaublich instinktsichere Spielereien aus Zeremoniell und Natur, aus höfischer Enge und der Freiheit der Berge. Lauter kleine Fluchten und große Herzsprünge. Die Märchenkönigin gebietet selbst den Tieren, wenn die Tauben auf dem Markusplatz den Schriftzug "Sissi" formen, und sogar die Wiesen geben sich Mühe, fotogen zu sein, wenn die jugendliche Romy auf ihnen herumtanzt und Blumen pflückt.
Ernst Marischka, einer jener versierten Handwerker, die dem deutschen Kino bald abhandenkommen sollten, weil es sich als Antikino neu erfinden wollte, hatte den Stoff ein Vierteljahrhundert mit sich herumgetragen. Es gab ein Bühnenstück, ein Musical, einen Hollywood-Versuch. Doch erst die damals 16-jährige Romy Schneider konnte die Sache wachküssen und zum Leuchten bringen. Rund 20 Millionen Deutsche sahen die Trilogie. Selbst in den USA war eine auf 145-Minuten zusammengeschnittene Version erfolgreich.
"Sissi" ist kein Film, sondern Kult. Karlheinz Böhm, der junge Kaiser Franz Joseph aus "Sissi", sammelt auf Sissi-Fanseiten für seine Afrika-Hilfe, Gothic-Fans feiern Sissi auf ihren Web-Seiten, sie ist göttlicher Trash weit über das Kino hinaus, und sie überzeugt immer neue Mädchengenerationen davon, wie sehr sie in ihren Poesiealben recht haben gegen die böse Welt.
Romy Schneider hatte ihr ganzes Leben auf diese Rolle hingelebt, sie war Sissi, und sie blieb es auf vertrackte Art bis an ihr Ende, denn diese Art von Königinnen sterben immer an gebrochenem Herzen.
Sie hat die Heimatfilme der fünfziger Jahre nicht gespielt, sie ist in einem gottverdammten Heimatfilm aufgewachsen: in diesem Landhaus in Mariengrund in Berchtesgaden mit der Löwenzahnwiese vor der Tür. "Sie war so hübsch anzuschauen in ihrem Dirndl und den Zöpfen", erinnert sich eine Nachbarin. Auf hübsch kam es an in dieser Kindheit. Als Fünfjährige kommt sie von einem Geburtstag und jubelt: "Sie haben gesagt, ich sei das hübscheste Kind von Berchtesgaden."
In keiner Powerpoint-Präsentation über narzisstische Persönlichkeitsstörungen darf diese Kindheit fehlen. Romy Schneider war schon als Disney-Prinzessin zur Welt gekommen, als flirrende Kunstexistenz, deren ständig abwesende Eltern von der Kinderschwester Trudi auf Postkarten über den ersten Zahn informiert wurden.
Bruder Wolf wird geboren, doch die Sonne scheint auf Romy. Auf der Wiese vor dem Haus breitet sie die Arme aus und tanzt und versucht auszusehen wie eines dieser lockigen Revuemädchen, die die Amis so mögen.
Ihren Hofstaat regiert sie mit dem entzückendsten Kinolächeln. Schon genealogisch ging das gar nicht anders: Ihre Eltern Magda Schneider und Wolf Albach-Retty waren Kinogötter, und sie sind eine Zeitlang das schönste und beliebteste Filmpaar, noch vor Lilian Harvey und Willy Fritsch. Auch die Großmutter ist Schauspielerin, am Burgtheater.
Der Stammbaum also besteht aus einer Kette von Show-Jongleuren, die ihren Unterhalt aus dem Spiel mit Sein und Schein beziehen. An ihrem glänzendsten Glied wird diese Kette reißen.
Schon als 13-Jährige notiert Romy in Kinderschrift in ihr Tagebuch: "Ich muss auf jeden Fall einmal eine Schauspielerin werden! Ja! Ich muss!" Das ist weit mehr als pinkfarbene Mädchenträumerei. Das ist ein schwarzer Fluch, ganz wie im Märchen.
Ihre Eltern trennen sich bald nach ihrer Geburt. Den abwesenden Vater himmelt sie aus der Ferne an. Sie schneidet seine Fotos aus den Zeitungen aus, sie ist nicht Tochter, sondern glühender Fan, eine logische Rollenzuweisung in diesem Kinohaushalt. Ihr erster Film endet mit einer tränenumflorten 14-jährigen Romy, die
ihrem Filmpapa auf einem Rollfeld hinterherwinkt, auf Nimmerwiedersehen.
An die Stelle des Papas im wirklichen Leben tritt 1949 Blatzheim, Hans Herbert Blatzheim, der Kaufhauskönig, eine grandios scheußliche Figur der Wirtschaftswunderjahre mit Cabrio und schlechtem Geschmack. Der Mann hat Geld. Das Romy-Schneider-Biopic wimmelt vor solchen Archetypen aus dem deutschen Gespensterkabinett, ja, "Romy" wäre der große Deutschlandfilm.
Sie wird ins Goldenstein-Internat der Augustinerinnen gesteckt. Alice Schwarzer sieht sie in ihrer feministischen Epistel so vor sich**: "Ihr Blick ist gesenkt, ihre Hände sind ineinander verkrampft. So muss sie auch im Kreis der 16 Mädchen gesessen haben, wenn abends die Mutter Oberin im Stechschritt ihren letzten Kontrollgang im Rittersaal des Internats Goldenstein gemacht hat."
So funktionieren Trivialmythen: Sie sind ihrem Wesen nach Projektionsfläche, jeder inszeniert immer die je eigenen Phobien gleich mit.
Die Wirklichkeit sieht so aus: Die Schwestern geben sich alle Mühe mit dem phantasievollen Mädchen, das sich bisweilen den Hass der Mitschülerinnen zuzieht, weil es auf Befehl weinen kann. Sie sind streng, sie wollen gerecht sein. Vielleicht sind sie auch einfach erschrocken vor der manipulativen Urgewalt, die sich da äußert.
Goldenstein, das sind Hausaufgaben, Musik, Weihnachtsspiele, Messen, Kissenschlachten. Bei einer wird der Madonna der Kopf abgeschlagen. Der ganz normale Internatsalltag. Tanzlehrer bringen den Mädchen Wiener Walzer und Polka bei. Zwischendurch lernen sie, das Bett zu machen und den Schrank aufzuräumen. Sie träumen sich in Tagebüchern und Poesiealben aus. Romy schreibt: "Mein Gott, wie wird es sein, wenn ich mich mal verliebe. Ach!!! Da wird dann meine schönste Zeit beginnen! Wenn einen viele Männer lieben! Und zwar fesche, schöne Männer."
Sie wird sie alle kriegen. Heute würde man sagen: Ein paar Jahre länger in Goldenstein hätten vielleicht ihr Leben gerettet, noch ein paar Schutzjahre gegen die Meute draußen und das Wirkungstier in ihr. Doch mit 14 ist es vorbei. Sie wird heimgeholt in die Welt des schönen Scheins, nach Hause ins Kino. Von jetzt an geht es nur noch um Wirkung, daraufhin wird alles abgerichtet, auch der innere Mensch. Besonders der.
Als sie von der Mama am Telefon erfährt, dass sie für den Film "Wenn der weiße Flie-
der wieder blüht" engagiert wurde, schreit sie auf. Ein wilder Erleichterungsschrei. Magda Schneider spürt in dem Moment, dass da eine Rampenbestie darauf gewar-
tet hatte, freigelassen zu werden.
Sie dreht in den Sissi-Jahren einen Kostümschinken nach dem anderen, und bald ist es das Zeremoniell des Kostümkinos,
aus dem sie ausbrechen möchte. Das Volk murrt, es ist ein unsicherer Kantonist. Es schaut nicht mehr hin.
Sie spielt eine entzückende Lügnerin in "Monpti" (1957) und in "Die Halbzarte" (1959) die amoralische Tochter einer amoralischen Theaterfamilie, die sich ein Stück über ein amoralisches 17-jähriges Mädchen aus den Fingern saugt, um damit endlich einen Erfolg zu landen. So weitsichtig war Papas Kino schon damals: "Nichts lesen die Menschen so gern wie die Memoiren einer unmoralischen 17-Jährigen."
Hätte doch Billy Wilder einen dieser Filme gesehen, diese absoluten Nichtigkeiten in der Meterware, die sie damals verlegten, mit diesem hinreißend frivolen Leuchten im Zentrum - er wäre nie auf die Idee gekommen, die Rolle der "Irma La Douce" an Shirley MacLaine zu vergeben.
In diesem Jahr, 1959, ist sie in den Beliebtheitsumfragen auf Platz 20 abgerutscht. Doch einer hat genau hingeschaut: Luchino Visconti besetzt sie für ihre erste Theaterrolle in dem elisabethanischen Inzestdrama "Schade, dass sie eine Hure ist", und er setzt sie dem wohl aufregendsten Kerl zur Seite, den die Schattenwelt trivialer Mythen nur ausbacken kann, Alain Delon.
ER SIEHT GUT AUS. Er kämpfte in Indochina. Er soll Kontakte zur Mafia haben und beträchtliche erotische Phantasien. Der Prinz der neuen Zeit.
Jedes Mädchen heutzutage würde sofort juchzen: Geil! Doch linke wie rechte wie feministische Kolumnisten werden nie wieder aufhören zu flüstern, was Delon doch für ein Schwein war, genauer: ein "gallischer Hahn". Dieses Flüstern hört sich bisweilen durchaus lüstern an, denn von einer solchen Amour fou können die meisten nur träumen.
Dabei passt Delon genau in den Steckbrief Romys, die von einem Mann erwartet, dass er sie "gewaltsam in die Knie zwingt", und sie sagt: "Lieber eine unglückliche Leidenschaft erleben, statt im Glück zu schnarchen."
Heutzutage zieht es die jungen Kreativen aus Paris nach Berlin. Vor 40 Jahren lief die Sache umgekehrt: Paris versprach das ganz wilde Leben, die Restaurants an der Oper und die Boheme-Keller von St. Germain, raus aus der Spießeretikette, weg von Mama und Blatzheim, die selbstverständlich die Hände überm Kopf zusammenschlugen.
"Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn ein ganzes Land auf deine Entjungferung wartet?", fragt sie die Höllger. Eigentlich fühlte sich Deutschland als ihr rechtmäßiger Prinz, sagt Höllger. Und da ist es logisch, dass dieser Prinz eifersüchtig wird, denn in Paris weitet sich ihr Lebenskorridor genauso wie der ihrer Karriere. Die französische Theaterkritik liegt dem deutschen Fräuleinwunder zu Füßen, und Regisseur Visconti und seine Stars sind erotisch verknäult.
"Sie hielt das für normal", sagte die bodenständigere Mutter später. "Sie hielt es auch für normal, dass Alain weiter Männer liebte." Romy Schneider lebt die freie Liebe lange vor der Apo, lebt sie ihr vor. Tatsächlich, Romy Schneider hat sich in einem imponierenden Kraftakt neu erfunden.
Wie verführerisch sie in diesen Tagen ist! In Viscontis Episode "Der Job" aus dem Film "Boccaccio 70" ist sie eine junge Aristokratin, die von ihrem Mann mit Callgirls betrogen wird und auf eine ungewöhnliche Antwort verfällt: Fortan wird sie nur noch gegen Bezahlung mit ihm schlafen. In einer Szene ist sie nur mit einer Perlenkette bekleidet. Und dann lacht sie, hysterisch und endlos, sie lacht sich in eine lange dunkle Nacht, und dann blendet die Episode aus.
Während junge deutsche Regisseure in einem Manifest auf den Oberhausener Filmfestspielen feiern, dass mit dem "Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films einer von uns abgelehnten Geisteshaltung endlich der wirtschaftliche Boden entzogen wird", klopfen Hollywood-Regisseure wie Otto Preminger und Orson Welles bei Romy Schneider an, und sie sprechen mit ihr weniger über Geisteshaltungen als über Rollen.
Die Oberhausener erklären ihren "Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen". Und Romy dreht Weltkino mit "Der Kardinal" oder "Der Prozess", für den sie in Frankreich den Étoile de Cristal als beste ausländische Schauspielerin erhält und in den USA eine Golden-Globe-Nominierung.
Die Oberhausener fordern "Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner", und Romy unterschreibt einen
Sieben-Filme-Vertrag mit den Columbia-Studios.
Sie ist ausgebrochen, ein kapriziöser Jungstar, sie ist frei und - nach einer längeren Filmpause für ihren Alain - endlich in Hollywood und auf dem Sprung ganz nach oben. Allerdings gefällt ihr Amerika nicht besonders. Und Alain Delon in Paris steigt aus, mit einem Klassiker: Nach ihrer Rückkehr findet Romy Schneider in der gemeinsamen Pariser Wohnung einen Strauß Rosen vor und den Zettel: "Bin mit Nathalie nach Mexiko. Alles Gute. Alain."
Auch Romy Schneider hat in ihrer vierjährigen Verlobungszeit ihre raschen Affären, hat sie ein Leben lang, denn nach jedem Dreh, so sagt sie, gibt es einfach noch sehr viel überschüssiges Gefühl. "Wer behauptet eigentlich", schreibt sie später, "dass Nymphomanie eine Krankheit ist - sie ist, in den Pausenkrisen, so gesund."
Dennoch: Eine Königin lässt man nicht sitzen. Sie schneidet an ihren Pulsadern herum. Von Alain Delon bleibt zunächst eine winzige Narbe am Handgelenk. Sie erholt sich dadurch, dass sie dreht. Mit vielen Lebenskatastrophen geht sie so um. Sie steht für die hinreißende Komö- die "What's New Pussycat?" vor der Kamera, mit Peter O'Toole, Woody Allen, Peter Sellers, Ursula Andress. Sie gibt erneut Gas.
Als ihr Stiefvater Blatzheim am 2. April 1965 das neuerrichtete Europa-Center an der Berliner Gedächtniskirche mit den zehn Blatzheim-Restaurants einweiht, lässt sie sich sogar als Glamour-Gast vorführen. Sie trägt Chanel. Sie bezeichnet Coco Chanel mittlerweile als enge Freundin in dieser an Freundinnen so raren Welt.
Sie musste von der Mutter in langen Telefonaten zu diesem Auftritt überredet werden, denn sie hasst Blatzheim. In Mariengrund hatte er ihr einst schlüpfrige Angebote gemacht. Und um sie zu einem vierten "Sissi"-Film zu überreden, hatte er ihr einen Koffer mit einer Million Mark ins Kinderzimmer gestellt. Auf Blatzheims Schweizer Firmenkonto verschwindet im Lauf der Jahre ein beträchtlicher Teil der Gagen, die der Jungstar Romy mit den frühen Erfolgen verdient hat.
Während Blatzheim in seiner Rede das freie Unternehmertum der jungen Bundesrepublik feiert und damit sich selbst meint, schiebt sich der Theaterstar Harry Meyen unter die Gäste. Dicke Hornbrille, Cordanzug, der Darling der Inselstadt. Er ist ein nervöser Intellektueller aus jüdischer Familie. Er war in der Nazi-Zeit inhaftiert worden und ist unter der kühlen Oberfläche ein tief traumatisierter Bühnenmensch.
Romy verliebt sich. Sie verbringt die Nacht mit ihm. Dass Meyen seit zwölf Jahren mit der Schauspielerin Anneliese Römer verheiratet ist, stört sie dabei nicht. "Das wird sich doch wohl regeln lassen", sagt sie. Die Römer wird mit 200 000 Mark abgefunden, die Schneider zahlt.
Und sie weiß noch nicht, welchen Preis sie tatsächlich zahlen wird: Meyen wird sich später erhängen, ihr gemeinsamer Sohn tödlich verunglücken. Romy Schneiders Lebensfilm folgt dem wirkungsvollen Zuschnitt antiker Tragödien: erst der Frevel, dann die maßlose Strafe der Götter.
In jener Zeit, 1966, entsteht ein Filmdokument, das Romy Schneider tiefer erfasst als vieles, was vorher oder nachher zusammengeschrieben wird. Der junge Fernsehredakteur Hans-Jürgen Syberberg dreht ein Porträt im Auftrag des Bayerischen Rundfunks; eigentlich: im Auftrag von Romy Schneider. "Von ihr ging diese Anfrage aus."
Wir erleben sie in einem unendlichen Gesprächsstrom, erleben ihre wechselnden Stimmungen, die wie der Sonnenschein und die Wolkenschatten über ihr Gesicht ziehen in einer Gondel hoch über Kitzbühel.
"Ich hab nicht mehr die Kraft, ich will auch nicht mehr ... ich meine Paris, ich werde immer wieder mal hingehen, aber dann ist es aus, ich bin kein Großstadtmensch ... ich möchte Theater spielen, ja, ich habe eine Scheißangst davor, aber ich möchte so gerne ... aber das hab ich ja alles wollen. Wenn das möglich gewesen wäre, hätte ich doch schon mit sieben 'Peterchens Mondfahrt' gespielt, ich hab auch in der Schule nur gespielt ... ich hätte ja immer nur ja sagen müssen, und da schwimmen wir halt in derselben lauwarmen Brühe und das ist ja wirklich deutsch ..."
Und während es so dahinplappert, über Sissi und die Deutschen und den "Otto Preminger, der mir mal gesagt hat, dreh alles, was kommt, alllles ...", schwenkt Syberbergs Kamera auf ein paar triste Schneereste auf der Alm, als müsse er sich von diesem Schauspielergesülze abwenden. Aber dann wird deutlich, wie sehr dieser Matsch da unten die tiefsitzende innere Traurigkeit Romy Schneiders bebildert.
Harry Meyen ist ästhetisch versiert genug, um zu erkennen, in welche Tiefen Syberberg mit seinen Kamera-Tauchfahrten gelangt ist. Er lässt den Film sofort verbieten
und präsentiert eine endlose Liste mit Änderungswünschen. "Es war ihm alles zu depressiv", erinnert sich Syberberg. "Er hat sofort Anwälte eingeschaltet."
Die Schneereste werden rausgeschnitten, dafür kommen ans Ende Bilder von Romy, die gerade ihren Sohn David zur Welt gebracht hat. Erst nach Romys Tod taucht Syberbergs Urfassung wieder auf.
Sie lebt mit Meyen in einer für ihre Verhältnisse bescheidenen Vierzimmerwohnung im Grunewald. Sie und Meyen sind zwei Süchtige und Borderliner, die sich in ewigen Zyklen aus Selbstvergötterung und Leere, Hochstimmung und Angst und Einsamkeit aneinanderklammern. Sie nehmen Tabletten, Optalidon und Staurodorm in erster Linie. Dazu viel Alkohol.
Heute weiß die Kreativitätsforschung, dass die narzisstische Störung nicht Ergebnis des Ruhms ist, sondern dessen Ursache. Nicht die allgemeine Akklamation macht verrückt, sondern es ist die Verrücktheit, die zur Akklamation führt. Psychiater Borwin Bandelow, ehemaliger Rockgitarrist und Autor des Buchs "Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein", in einem Gespräch mit dem SPIEGEL: "Wer es im Showbusiness bis ganz nach oben schafft, kann kein ganz gesunder Mensch sein."
Romys Kollege Peter O'Toole weiß das längst: "Jenseits der Leinwand haben Schauspieler überhaupt kein Ego", sagte er. "Sie müssen eine Rolle spielen, um die Wirklichkeit zu spüren, und sie brauchen Aufmerksamkeit, um sich lebendig zu fühlen, sie schwanken ständig zwischen Hochstimmungen und Depression."
Wer Romy Schneiders Tragödie verstehen will, muss nicht das feministische oder
politische Besteck bemühen, sondern er muss die Schauspielkunst verstehen. Sie und die Sucht, diese Krankheit der Kreativen. Die Sucht nach Liebe, nach Applaus, nach Alkohol, von allem immer mehr, und das gilt nicht nur für die "Rampensäue", sondern für viele Künstler - von den ersten sechs US-Literaturnobelpreisträgern waren fünf Alkoholiker.
Romy Schneider also spielt in diesen späten sechziger Jahren eine neue Rolle, sie spielt die Hausfrau. Das heißt in ihrem Fall, dass sie Harry Meyens Hemden von Viscontis Schneider in Rom anfertigen und einfliegen lässt. Ansonsten bestellt sie bei ihrer Köchin notorisch Königsberger Klopse. Um Champagner und den Wein kümmert sie sich selbst, das hat sie in Frankreich gelernt.
Meyen, der Kontrollfreak, sichtet die Rollenangebote für Romy, verwirft die meisten und versucht ansonsten, Licht in ihre Vermögensverhältnisse zu bringen. Er fordert Unterlagen bei Blatzheim an. Als der stirbt, wird errechnet, dass er Romy Schneider 1 251 418,15 Schweizer Franken schuldet. Ein Teil wird nun beglichen.
Meyen ist ein Konservativer mit durchaus skurrilem Humor - zu Weihnachten verpackt er alte Pullover in Geschenkpapier und behauptet, sie seien ihm von Frank Sinatra und Bob Hope geschickt worden. Da ihn die künstlerische Fortune verlässt, verknibbelt er sich in Romys Leben. Währenddessen schaut Romy immer ratloser nach draußen: Sie braucht den Film so sehr wie den Alkohol. Mehr noch.
An einem Abend, an dem sich Harry Meyen bei einem gemeinsamen Essen in Axel Springers Sylter Haus in Tiraden über die protestierenden Studenten ergeht, kommt es zum Eklat. Romy brennt durch. Als sie ein Reisender im Zug fragt, ob sie Romy Schneider sei, antwortet sie kühl: "Glauben Sie etwa, Romy Schneider fährt zweiter Klasse?"
Tatsächlich hat sich da draußen etwas getan, sie findet die jungen Leute interessant und spannender als die Sylter Altherrenrunde, die Popkultur erzeugt eine ganz neue Vibration. Und dann ist es ausgerechnet Alain Delon, der mit dem ersehnten Comeback-Angebot vor der Tür steht. Der Film heißt: "Der Swimmingpool".
Es ist ein bemerkenswert blödes Starvehikel, doch tatsächlich gibt es eine Szene, die den ganzen Aufwand lohnt, gleich zu Beginn: Romy schwimmt durch den blauen Pool und taucht auf, wir sehen zunächst ihren nackten Rücken, wie sie sich aus dem Bassin stemmt, und dann die hohe Stirn, die grünblauen Augen, Wasserperlen überall, voilà: So schön war eine Frau mit nassen Haaren nie wieder!
"Ich bin sicher", sagt Romy, "dass die Apo mich nie als Sissi akzeptieren würde, aber in 'Swimmingpool' werden sie mich mögen, denn das ist eine sehr erotische Rolle." Von der Apo kommt keine Reaktion, aber in Frankreich stehen die Leute Schlange, alle wollen das Traumpaar wieder zusammen erleben.
Und Harry Meyen, der die Dreharbeiten an der Côte d'Azur mitverfolgt, weiß, dass er Romy wieder verloren hat. Nicht an Delon, sondern an den Film. Was Delon angeht, sagt Romy: "Nichts ist kälter als eine tote Liebe."
Sie ist gerade 30, eine reife, eine sinnliche Frau mit der Lust zur Provokation, sie ist genau der Typ, den sich französische Männer am Telefon ausdenken, wenn sie nicht schlafen können. Nun beginnt ihre eigentliche Dekade, die französische, und Romy stürzt sich in die Filme wie in langentbehrte Affären, sie dreht bisweilen fünf davon in zehn Monaten, und natürlich gehen bei ihr die Affären und die Filme Hand in Hand.
DIE SCHEIDUNG VON HARRY MEYEN ist eine zähe Rechnerei. Schließlich wird er mit 1,4 Millionen Mark abgefunden. Der gemeinsame Sohn David bleibt bei ihr, bei ihren wechselnden Kindermädchen, und Meyen leidet. Oft liegt er tagelang im Tablettendämmer. Drei Jahre vor ihrem Tod wird er sich an der Feuerleiter seines Apartmenthauses erhängen.
Frankreich hat auf Romy gewartet. Regisseur Claude Sautet verliebt sich in sie. Er hat sie nie getroffen, ist ihr nur in ihren Filmen begegnet, doch er schreibt ihr "Die Dinge des Lebens" so auf den Leib, dass eine unwiderstehliche Beziehungsgeschichte mit Michel Piccoli daraus wird. Das Romy-Emblem der Dekade indes wird sein nächster Film: "Das Mädchen und der Kommissar".
Wir sehen Romy Schneider über das Trottoir eines schmutzigen Pariser Außenbezirks laufen, und eine Stimme aus dem Off führt sie ein mit Sätzen, die sie genauso betreffen wie ihren Part, Lilly, die deutsche Prostituierte. "Sie wird von allen anerkannt, sie spielt eine Rolle, man kann sogar sagen, sie ist ein Star in diesem Kreis."
Sie läuft ihr Trottoir ab mit wissenden Augen und braunen Locken und lachbereitem Mund, sie trägt einen Lackledermantel und ein dekolletiertes Kleid, sie ist sinnlich und auf perverse Art unschuldig - in der Gefühlsgrammatik dieses Films kann man nur in die Knie sinken und den Boden küssen, den dieser Engel betritt.
Die andere Möglichkeit ist die verkniffene Brutalo-Fresse von Michel Piccoli, der ein zugeknöpfter Bulle mit Geheimratsecken ist, der sie gewinnt, indem er sie abprallen
lässt und sie benutzt, um ein paar kleinen Ganoven eine Falle zu stellen.
Schon während der Arbeiten am Drehbuch bombardierte Romy Schneider Sautet mit Telegrammen: "Die kleine Nutte - das bin ich." Das Wirkungstier in ihr hat das alles schon gewittert, die Erotik, die Brechungen, die fließenden Übergänge zwischen Gut und Böse, sie leuchtet in diesem moralischen Niemandsland, in dem Liebe und Verrat ineinandergestrickt sind.
Die deutschen Filme sind damit beschäftigt, die richtige Gesinnung zu produzieren und genau zu wissen, was richtig ist und was falsch. Die französischen dagegen sind pure Transgressionen. Heute wird "Das Mädchen und der Kommissar" in Videotheken als Thriller geführt, aber natürlich ist er ein Melodram. Aber wer außerhalb von Frankreich erwärmt sich schon für Melodramen?
Sie arbeitet weiter, hektisch. In Viscontis "Ludwig II." gibt sie noch einmal die Sissi, diesmal als Gespenstersonate, und sie sagt als dahinwelkende Kaiserin: "Triumphe sind schnell vergessen, oder sie rufen später die heftigste Kritik hervor." Ein weiterer dieser ungeheuerlichen Kinosätze, mit denen sie ihr Leben kommentiert.
Danach gelingt ihr der wahrscheinlich zarteste Film mit "César und Rosalie". Ihrem Partner Yves Montand verweigert sie sich - sie lebt eine heftige heimliche Affäre mit seiner Frau Simone Signoret. Sie dreht eine unendliche Reihe konfektionierter Grübelware, beseelt eine unendliche Reihe melancholischer, verführender, masochistischer Frauenfiguren.
Die siebziger Jahre sind das überschattete Jahrzehnt. Überschattet von der Intensität, mit der Romy Schneider in ihrer Kamerasucht verglüht und im Leben entgleist.
Ihre Interviews zeigen, dass sie sich an den Polit-Sound der Tage gewöhnt hat, irgendwie. Als sie die deutsche Jüdin in "Le Train - Nur ein Hauch von Glück" spielt, diktiert sie in die Spiralblöcke: "Ich spiele das auch deshalb, um ein Signal zu setzen gegen die Nazi-Typen, die in Deutschland immer noch etwas zu sagen haben."
Genaueres weiß sie über diese Nazi-Typen nicht, was hat sie sich dabei gedacht? Wenn sie mich schon nicht mehr als Sissi mögen, dann doch vielleicht als alkoholisierte Willy-Brandt-Anhängerin, die genau die richtigen "Mehr Demokratie wagen"-Sprüche draufhat? Auf jeden Fall justiert sie sich eifrig für den neuen sozialdemokratischen Mainstream. Sie findet Brandt toll, sie beichtet im "Stern" öffentlich, dass sie abgetrieben hat, und später trifft sie sich mit Alice Schwarzer, die ihr in ihrer postumen Biografie durchweg schlechte Noten in Feminismus gibt: Sie habe "Männerfilme" gemacht und ihr Leben unter "rosarotem Kitsch" begraben.
Noch heute ist die Romy-Freundin Christiane Höllger darüber fassungslos: "Sie warf Romy vor, dass sie sich nicht als Lesbierin geoutet habe." Tatsächlich hat Romy Schneider auch ab und zu Affären mit Frauen. Doch sie denkt gar nicht daran, daraus politisch Kapital zu schlagen. Im Übrigen mag sie Männer viel zu sehr.
Wenn sie in Berlin ist, wohnt sie oft in Höllgers WG in diesen siebziger Jahren, ihre Söhne sind im gleichen Alter, und sie schaut dann in das "Unfröhliche" eines Berliner Hinterhofs und fühlt sich wohl dabei, weil das Licht zu ihrer Stimmung passt. Sie beginnt eine heftige Romanze mit Bruno Ganz, dem Star des Berliner Schaubühnen-Ensembles um Peter Stein, dessen Schauspieler alle bis in die Haarspitzen politisiert sind.
Sie pilgert mit Höllger in die Aufführungen des "Prinz von Homburg", des "Peer Gynt". Höllger: "Wir haben uns geschworen, nie wie Solvejg zu werden, die ihr Leben damit zubringt, auf die Heimkehr des Welteroberers Peer Gynt zu warten."
In Deutschland hat sich die Rote Armee Fraktion formiert, Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann wird erschossen, Unterstützerkomitees für die Inhaftierten haben sich gebildet, und Jean-Paul Sartre besucht Andreas Baader und nennt ihn hinterher "ein Arschloch".
Mitten in diesen Sumpf hinein hat Dietmar Schönherr, selbst Schauspieler, mit "Je später der Abend" die erste nennenswerte Talkshow im Fernsehen etabliert. Und er soll für den wohl berühmtesten Romy-Auftritt außerhalb des Kinos sorgen.
Er kennt Romy, seit er den Part von Alain Delon in der Schnitzler-Verfilmung "Christine" synchronisiert hat. Er fährt nach Paris, um sie für die Teilnahme an seiner Show zu gewinnen. "Sie trank zwei mächtige Humpen Rotwein", sagt Schönherr, der heute auf Ibiza lebt. Er seufzt. "Sie konnte sehr spröde sein." Das ist Schauspielersprech für: Sie konnte einem gewaltig auf den Keks gehen.
"Ihre Bedingungen waren, dass wir über nichts Politisches und nichts Privates reden." Worüber dann, wollte Schönherr wissen? Über all die Filme, die die Deutschen nicht gesehen haben?
Sie bleibt stur. Im Film gibt es Drehbücher, im Leben nicht, und in Deutschland ist der politische Diskurs nach dem strahlend fröhlichen Sechziger-Jahre-Aufbruch nur noch ein verrohter Austausch unter Gehässigkeitsspezialisten, die lauernd auf den nächsten ideologischen Lapsus warten.
"Noch auf dem Weg ins Studio zischte sie mich an: Nichts Politisches!" Statt der überschwänglichen Redseligkeit, die sie acht Jahre zuvor Syberberg gewährt hatte, wählt sie nun also das abgrundtiefe Verstummen. Doch da sie damit in einer Talkshow herumsitzt, garantiert genau dieses Verstummen die allerhöchste Beachtung. Sie ist für alle Zeiten die Leidensstatue unter schwarzem Käppi, die Königin der Schmerzen.
Es ist dann Burkhard Driest, Bankräuber und Schriftsteller und Schauspieler, der die Runde aufmöbelt, in der natürlich politisiert wird.
Sie taxiert Driest so, wie sie in ihren Filmen - in "Sommerliebe" (1974) oder "Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen" (1975) - kommende Liebhaber taxiert, um herauszufinden, was sie im Kopf und in der Hose haben. Und als Driest die faulen Eier, die gerade auf Willy Brandt
geworfen worden waren, als "unpolitische Sauerei" bezeichnet, legt sie ihre Hand auf seine Lederjacke und haucht: "Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sehr."
Wirkungsvoller geht es gar nicht. Was keinem auffällt: Sie erzielt die Wirkung mit einem Filmtext. Als Sissi sagt sie über den jungen Kaiser Franz Joseph im gleichen Tonfall: "Ich liebe ihn. Ich liebe ihn sogar sehr." So belohnt Romy Schneider eine politische Äußerung mit einem Herzensbekenntnis, einem verrutschten Sissi-Echo.
Nur absoluten Diven gelingt ein solcher Auftritt. Das deutsche Kino hingegen lässt sie weiter links liegen. Rainer Werner Fassbinder findet seine Liebe zum Kitsch, er dreht ein Melodram nach dem anderen, aber er nimmt Hanna Schygulla dafür, die über seinen Filmen hängt wie ein nasser Lappen. Auch Volker Schlöndorff winkt ab. Er vergibt die Titelrolle in Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" nicht an die sehr interessierte Romy Schneider, sondern an die Schaubühnen-Frau Angela Winkler.
Wim Wenders? Dreht dröge Männer-Episteln. Und Werner Herzog, dem man auch in Paris zu Füßen liegt? Er will Filme drehen "über Menschen, die inneres Licht ausstrahlen, eine Tragödie um sich haben, die verwüstet worden sind". Das klingt zunächst wie eine exakte Rollenbeschreibung für Romy Schneider, aber Herzog denkt dabei nicht an sie, sondern an Zwerge und Autisten und den wahnsinnigen Klaus Kinski.
Doch 1976 kommt es tatsächlich zu Romys Deutschland-Comeback. Sie will es so sehr, dass sie dafür auch einen Regie-No-Name in Kauf nimmt. Sie schreibt lange Briefe an Böll, und sie hat Angst. Sie wird die Leni in Bölls "Gruppenbild mit Dame" spielen.
Noch über 30 Jahre später erinnert sich Fotograf Bob Lebeck mit einem kopfschüttelnden Lächeln an die erste Begegnung in einem Berliner Hotel: "Schon ihr erster Blick war ein unglaublicher Flirt", sagt er. "Als wolle sie sagen: Sie gefallen mir, Sie gefallen mir sehr."
Sie redet, sie gurrt, sie trinkt, und nachts schiebt sie ihm einen kleinen roten Zettel unter der Tür durch, auf dem steht: "Du machst mir Angst. Ich mache mir Angst. Vergiss mich ganz schnell. Aber bitte sage mir noch gute Nacht".
Lebeck, der Profi, greift zu seiner Leica, bevor er sich aufmacht. Ihre Tür ist angelehnt. "Sie lag auf dem Bett, dann zog sie ihre Stiefel aus." Lebeck fotografiert sie, beim Schminken, beim Herumalbern, sie vergisst die Liebe und schnappt nach seiner Aufmerksamkeit und Nähe, bis morgens um vier reden sie, und dann schlafen sie nebeneinander ein.
Die Dreharbeiten zu "Gruppenbild mit Dame" sind ein Desaster, der Regisseur ist ein Stümper und der Film weit entfernt von jenen stilsicheren Meisterwerken, denen sie ihre Eruptionen schenkt, etwa "Das wilde Schaf" (1974) mit Jean-Louis Trintignant oder "Trio Infernal" (1974) mit Michel Piccoli oder "Mado" (1976), ebenfalls mit Piccoli.
Sie spielt Huren, sie spielt Opfer, und Visconti nennt sie "sehr deutsch in dieser Mischung aus Schamlosigkeit und Keuschheit". Sie spielt vor allem immer wieder sich selbst - ihr Auftritt als Alkoholikerin in "Mado" dauert nur sieben Minuten, doch es sind genau diese sieben Minuten, die den Film ins Gedächtnis brennen.
Auf dem Set von "Trio Infernal" lernt sie den jungen Daniel Biasini kennen. Er gefällt ihr. Sie kauft ihn. Für 2500 Francs im Monat kümmert er sich um ihre Rechnungen, bringt den Sohn David zur Schule, besorgt Rezepte. Biasini sieht gut aus, er kann mit Messer und Gabel essen, er schmückt die 36-jährige Diva und vertreibt ihr die Einsamkeit. Natürlich liebt sie ihn, wie alle jungen Kabelträger zuvor, die ihr die Regisseure zur Verfügung stellen. Ihn noch ein bisschen mehr.
Sie heiratet ihn. Eines der berühmtesten Lebeck-Fotos entsteht in Berlin während der Böll-Dreharbeiten: Biasini sitzt im Schaukelstuhl und raucht, sie kauert daneben und schaut zu ihm auf, stolz. Ein Prachtstück, der Junge.
Kaum ein Lebeck-Foto hat je so viel Hass erzeugt wie dieses: Romy verschwendet sich an einen Stenz! In den interessanteren Liebhaberprojektionen deutscher Journalisten kommt Biasini kaum verhüllt als unwürdiger Nebenbuhler vor.
Man wird ihm später so pedantisch alle die Autos vorrechnen, die er mit Romys Geld gekauft haben soll, dass er in seiner eigenen Biografie penibel Wagentypen und Baujahr und Nummernschilder auflistet, wie ein mutmaßlicher Hehler, der
überraschend in eine Polizeikontrolle geraten ist.
Dabei ist er genau der Papa, den sich Romys Sohn David gewünscht hat, ein Draufgänger, mit dem er Motorrad fährt, ein Kumpeltyp, ein ganz anderes Kaliber als der strenge und zunehmend verfallende Intellektuelle Harry Meyen, der ständig mit Mama darüber streitet, wer die Kosten für die Flüge zwischen Hamburg und Paris übernimmt.
David besucht eine Ganztagsschule, und Romy verschwendet sich weiter, sie jagt von einem Film zum nächsten, sie verschenkt aus Launen heraus Cartier-Kettchen, unterhält mehrere Wohnungen, und obwohl sie Frankreichs größter Kinostar ist, lebt sie stets am Rande der Pleite.
Wie Michael Jürgs nachweist, flossen jährlich zwischen 600 000 und 1,5 Millionen Francs auf das Schweizer Konto des Finanzberaters Henrik Kaestlin. Ein Steuersparmodell, doch wie so oft bei diesen windigen Modellen floss zu wenig zurück. Wo ist Romys Geld geblieben? Jürgs vermutet in seiner Biografie, dass sie zudem auch noch erpresst worden sei mit einem Foto, das sie beim Drogenkonsum zeigt.
Als sich Romy schließlich von Kaestlins Cinecustodia-Firma trennt, hat die französische Steuerbehörde Forderungen von sieben Millionen Francs angemeldet. Sie ist bereits sehr erschöpft, doch schon aus finanziellen Gründen muss sie nun weiterarbeiten in diesen späten siebziger Jahren, einfach um das Niveau zu halten, an das sie sich gewöhnt hatte.
Suchtkranke nehmen keine Rücksichten, am wenigsten auf sich selbst. Sie rasen ihre Runden durchs Hamsterrad, während die Trümmerberge wachsen. Ihre Ehe mit Biasini zerbricht, kurz nachdem die gemeinsame Tochter Sarah zur Welt kommt. Sohn David lebt nun immer öfter bei Biasinis Eltern in einem noblen Pariser Vorort. Er missbilligt die neuen Liebschaften Romys.
In den letzten drei Jahren ihres Lebens bricht die Kunstexistenz Romy Schneider zusammen und wird unter Trümmern begraben. Harry Meyen ist tot, und ihr neuer Liebhaber, der junge Produzent Laurent Pétin, schafft sie nach einer Schmerzattacke ins Krankenhaus, wo ihr eine entzündete Niere entfernt wird.
Und dann verunglückt ihr Sohn David tödlich bei dem Versuch, über die Speerspitzengitter auf dem Anwesen der Biasinis zu klettern. Das Krankenhaus, in dem David stirbt, kennt sie bereits: Es ist dasselbe, in dem sie die Schlussszene des Films "Die Dinge des Lebens" gedreht hat. Nächtelang irrt sie in der Folgezeit durch Paris, schlaflos, gejagt von unzähligen Geisterstimmen in unzähligen Geisterrollen.
Bereits fünf Monate später steht sie für ihren letzten Film vor der Kamera, "Die Spaziergängerin von Sans-Souci". Sie widmet ihn den Toten: ihrem Sohn, ihrem ersten Mann. In einer Schlüsselszene rettet sie einen kleinen Jungen vor den Stiefeltritten der Nazis, schützend hält sie den blutenden Jungen im Arm. Wie kann sie das spielen?
Ein halbes Jahr vor diesen letzten Dreharbeiten, das hat ihre Freundin Christiane Höllger vermittelt, empfängt sie Bob Lebeck und Michael Jürgs in einem Sanatorium in Quiberon. Es ist eine Prominenten-Trockenlege, in die sich mit ein paar Trinkgeldern durchaus Champagner oder Wein schmuggeln lässt.
Bei dem Gespräch wird klar: Die zerbrechliche Diva, sie ist restlos zerbrochen. Sie weint viel, sie lacht unvermittelt, sie ist fahrig, sie redet pausenlos, als könnte sie alles nur durch Reden heilen.
Am Abend zuvor ist sie mit den Journalisten in eine schummrige Hafenkneipe gezogen. Und dort gibt es einen magischen Moment. Ein alter Mann tritt auf sie zu. Er sieht aus wie ein Penner. Er fragt, ob sie Sissi sei. Früher wäre sie aus der Haut gefahren darüber. Doch diesmal schaut sie überrascht auf. Sie schaut den Mann lange an, und sie nickt. Und dann tanzt sie mit ihm, selig auf dem zertretenen Boden dieser Kneipe, sie vergisst die Journalisten, er ist ihr Prinz, und sie noch einmal, ein letztes Mal, die Königin der Herzen.
Vierzehn Monate später stirbt sie in ihrem Apartment in Paris. Sie wusste, dass sie nach ihrer Nierenoperation nichts mehr trinken durfte, doch sie trank weiter, Rotwein, auch in der Nacht vor ihrem Tod. Der Arzt stellt als "natürliche Ursache Herzversagen" fest.
Da ist Jürgs genauer am Ende seiner Biografie: "Romy Schneider, 43, hat endlich ihr Leben besiegt." Niemand tritt ihr Testament an, denn sie ist hochverschuldet. Sie hinterlässt Hunderte Zettel und Briefe, die in alle Welt verstreut sind. Für die Ausstellungen, die nun geplant sind, müssen eine Menge Menschen angeschrieben werden.
Das war Romy Schneider fürs deutsche Kino: eine goldene Wolke, die sich aufgelöst hat. Doch jedes Mal, wenn einer ihrer Filme läuft, bildet sie sich neu. Und verpufft wieder.
MATTHIAS MATUSSEK, LARS-OLAV BEIER
* In "Sissi, die junge Kaiserin", 1956.
* Michael Jürgs: "Der Fall Romy Schneider". Ullstein Verlag, München; 344 Seiten; 8,95 Euro.
* Promotion-Foto für "Wenn der weiße Flieder wieder blüht", 1953.
** Alice Schwarzer: "Romy Schneider - Mythos und Leben". Knaur Verlag, München; 220 Seiten; 9,95 Euro.
Von Matthias Matussek und Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 21/2007
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