21.05.2007

ZEITGESCHICHTE

Furtwänglers Schatten

Von Kronsbein, Joachim

Der kanadische Historiker Misha Aster belegt, wie die Berliner Philharmoniker von den Nazis profitiert haben.

Sie sind Deutschlands elitärstes Orchester, ein stolzer Klangkörper mit internationalem Renommee. Die bedeutendsten Dirigenten reißen sich um ein Engagement, Solisten verbuchen einen Auftritt mit diesen Musikern als Glanzpunkt ihrer Karriere.

Zum 125. Geburtstag der Berliner Philharmoniker hat der kanadische Historiker Misha Aster, 28, für eine zeitgeschichtliche Studie jedoch keineswegs die künstlerischen Ruhmestaten des Orchesters zusammengetragen, sondern in Archiven und bei den drei letzten überlebenden Vorkriegs-Philharmonikern nach der dunkelsten Epoche geforscht, der Zeit zwischen 1933 und 1945.

Im August werden Asters Erkenntnisse über die Berliner Philharmoniker in der Nazi-Zeit im Münchner Siedler Verlag als Buch herauskommen. Gleichzeitig wird in Berlin eine Ausstellung mit Dokumenten aus der düsteren Periode eröffnet.

Die engen Beziehungen zwischen den Philharmonikern und den Nazis begannen als finanzielle Rettungsaktion. Das Orchester war eine private Gründung unzufriedener Musiker, die sich 1882 aus der Berliner Kapelle eines gewissen Benjamin Bilse abgespalten hatten, weil Bilse seinen Leuten

für eine Tournee nach Warschau nur Bahnfahrkarten vierter Klasse genehmigt hatte.

Durch die kluge Auswahl ihrer Chefdirigenten, wie Hans von Bülow und Arthur Nikisch, hatte sich die selbstverwaltete Protestlerschar, die seit 1887 unter dem Namen Berliner Philharmonisches Orchester firmierte, bald einen Spitzenplatz im europäischen Musikleben erspielt.

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, standen die Berliner allerdings "kurz vor dem Bankrott", wie Aster herausfand. Sie waren als private GmbH organisiert und hatten sich finanziell übernommen. Den Nazis, besonders Propagandaminister Joseph Goebbels, war sofort klar, dass sie die angeschlagenen Philharmoniker durch wirtschaftliches Entgegenkommen ohne Aufsehen unter ihre Kontrolle bringen konnten.

Im Oktober 1933 beschloss die Nazi-Bürokratie, vertreten durch das Goebbels-Ministerium, die Philharmoniker-GmbH zu übernehmen. Jedes Orchestermitglied bekam 600 Reichsmark für seinen Anteil. "Der NS-Staat", sagt Aster, "hat das Orchester gerettet."

Und die Musiker waren den Nazis fortan verpflichtet. Sie ließen sich für Propagandazwecke einspannen. Zweimal traten sie bei Reichsparteitagen in Nürnberg auf, spielten bei der Vorfeier von Hitlers Geburtstag oder musizierten während einer Feierstunde für die Reichskulturkammer.

Im Wesentlichen, betont Aster, blieben die Philharmoniker aber "ein ganz normales Orchester" mit Abonnements- und Volkskonzerten sowie Auslandstourneen. Denn die Nazis brauchten kein weiteres Parteiensemble, sie wollten "einfach das beste Orchester mit dem besten Dirigenten". Der Beste war damals Wilhelm Furtwängler, von 1922 an Chefdirigent der Philharmoniker.

Furtwänglers Beethoven-, Brahms- und Bruckner-Interpretationen waren schon damals legendär, sein Ruhm strahlte weltweit. Der eigensinnige Dirigent hatte sich 1934 allerdings mit den Nazis überworfen. Es ging um die Oper "Mathis der Maler" von Paul Hindemith, deren Uraufführung Furtwängler angekündigt hatte. Die Nazis agitierten gegen das ihnen suspekte Werk, Furtwängler protestierte in einem Zeitungsartikel und wurde darauf gezwungen, alle seine Ämter zurückzugeben.

Doch nach knapp fünf Monaten stand er wieder vor den Philharmonikern - als Gast zwar, aber in Wirklichkeit agierte er, als sei er wieder der Chef. Zuvor hatte er sich mit Goebbels versöhnt und eine "Loyalitätserklärung" für Hitler abgegeben.

Furtwänglers Verhalten während der Nazi-Zeit, sein Kooperieren mit der Macht,

trug ihm nach Kriegsende ein Auftrittsverbot der Alliierten ein. An seiner Person wird bis heute exemplarisch das Verhältnis von Künstlern zur Diktatur diskutiert.

Die Philharmoniker hätten sich "im Schatten des großen Themas Furtwängler offenbar recht wohl gefühlt", meint Aster. Ihre eigene Rolle im Nazi-Reich blieb so lange im Dunkeln. 16 bis 20 der rund 100 Musiker, schätzt Aster, seien Parteimitglieder gewesen. Bei den Wiener Philharmonikern waren es 43 Prozent. Einige der strammen Nazis seien gelegentlich sogar in SA-Uniform zur Probe erschienen. Im Schutz des Hitler-Regimes führten die Berliner Philharmoniker ein "privilegiertes Leben". Sie wurden nicht zum Kriegsdienst eingezogen und gaben noch 1945 im zerstörten Berlin Konzerte. 80 Prozent der Musiker, die 1933 bei den Philharmonikern spielten, schätzt Aster, waren auch noch bei Kriegsende dabei.

Die vier Juden, die 1933 dazugehörten, waren bis 1935 alle ausgewandert. Andere, die mit einer jüdischen Frau verheiratet waren, konnte Furtwängler durch Eingaben bei Goebbels schützen. Drei Philharmoniker kamen gegen Kriegsende in Berlin bei Angriffen ums Leben, zwei starben kurz nach Kriegsende, und drei brachten sich aus Angst vor den Siegern in der letzten Kriegswoche um.

Am 26. Mai 1945, der Krieg war knapp drei Wochen zu Ende, spielten die Philharmoniker zum ersten Mal wieder öffentlich. Auf dem Programm stand auch die flirrend-zauberische Ouvertüre zum "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dessen Musik hatten die Nazis verboten. JOACHIM KRONSBEIN

* In Berlin, 1939.

DER SPIEGEL 21/2007
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