26.05.2007

Der Kreuzzug der Gottlosen

Eine neue Generation von Skeptikern und Wissenschaftlern hat sich aufgemacht, die Welt vom Glauben zu befreien. Ihre Waffen sind Darwin, das Internet und das wachsende Unbehagen über die Einmischungen von Bischöfen und Islampredigern, Polit-Frömmlern und Kirchen.
Der Papst der "Neuen Atheisten" lebt in einem viktorianischen Haus mit Spitzbogenfenstern, geschnitzten Sandsteinsäulchen und Eichenportal. Es erinnert ein wenig an eine Kirche.
"Bitte kommen Sie doch herein."
Richard Dawkins ist der Meisterdenker all jener, die es sich vorgenommen haben, die Welt endgültig vom Glauben zu befreien, von Mullahs, Besserwissern im Talar und Gotteskriegern jeder Konfession. Der 66-jährige Evolutionsbiologe aus Oxford wurde von den Lesern der britischen Zeitschrift "Prospect" und dem US-Magazin "Foreign Policy" unter die drei führenden Intellektuellen der Welt gewählt.
Dawkins hat hochgerühmte Werke über den Darwinismus geschrieben ("Das egoistische Gen"). Doch Kult wurde er mit seinem jüngsten Buch "God Delusion" ("Der Gotteswahn") - in den USA und Großbritannien mehr als 30 Wochen auf der Bestsellerliste. Im September erscheint es in Deutschland - "größer als so manche Bibel", so der Humanistische Pressedienst.
Das Buch ist mit Verve und Wortgewalt geschrieben und könnte auf der Sachbuch-Liste all die Ratzingers und Peter Hahnes hinter sich lassen. Denn es scheint einem Unbehagen in den westlichen Gesellschaften Ausdruck zu geben.
"In den letzten rund 20 Jahren", sagt Richard Dawkins, "ist es der Religion sehr leicht gemacht worden. Wer glaubte, hatte einen privilegierten Status. Bischöfe wurden respektvoll behandelt und in Ethik-Kommissionen geladen. Neu ist, dass die Menschen davon die Nase voll haben. Das liegt gewiss auch am Erstarken des Islam. Die Zeit ist reif für ein neues atheistisches Denken."
Die Gottlosen sind zum Gegenangriff übergegangen. Immer nach dem Motto: "Ich glaube nicht, und das ist auch gut so". Eine neue Generation der Freidenker, Pfaffenbeißer und Skeptiker ist aufgebrochen, sich der "Rückkehr der Religionen" in den Weg zu stellen. Ihre Waffen sind Wissenschaft und Vernunft und, anders als zu Zeiten Feuerbachs oder Voltaires, das Internet - Hort allen Wissens und allen Wahns.
Es ist das Coming-out all jener, die lange glaubten, die Gottesfrage würde sich von selbst erledigen. Und die jetzt merken, wie ihre Gesellschaften den Glauben an die Gottlosigkeit zu verlieren beginnen. Und wie in der Politik und auf Cocktailpartys immer öfter über Religion und Glauben gesprochen wird.
Es ist das Unbehagen, wenn der Vatikan seine Stimme gegen Mohammed-Karikaturen erhebt. Wenn Bischöfe Lebens- und Liebesgemeinschaften als widernatürlich abkanzeln oder wenn Irans Staatspräsident "das Licht des verborgenen Imams" gespürt haben will, als er vor der Uno-Vollversammlung über seine Atompläne sprach.
Vielleicht ist es auch die nackte Panik, dass Gott im Kampf mit der Aufklärung Sieger bleiben könnte.
Dawkins ist ein um gutes Aussehen bemühter, etwas überarbeiteter Gentleman, der einem in der U-Bahn nicht unbedingt auffallen würde. Das Wohnzimmer des Professors besteht aus einer Sammlung aus Karussellpferdchen, Büchern, einem Stutzflügel und einem überdimensionalen Flachbildschirm. Dazu bellt ständig ein frisiertes Schoßhündchen. Vielleicht meint es, einen Katholiken gerochen zu haben, vielleicht steckt im Pudel auch nur ein Teufel.
Die Lesereisen von Richard Dawkins sind Missionierungen. Manche hassen ihn. Manche verachten ihn. Aber die meisten
jubeln und versuchen, ihm die Hand zu schütteln für seine Sätze. Es sind Sätze wie: "Der alttestamentarische Gott ist einer der unangenehmsten Charaktere der Literaturgeschichte. Eifersüchtig und ungerecht, ein Rassist, Schwulenhasser und Kinderkiller, ein übler Korinthenkacker, Megalomane und ethnischer Säuberer - so fange ich meine Lesungen an. Die Leute lieben das."
Und Dawkins genießt es, auf alles eine Antwort zu haben.
Wenn der Professor gefragt wird, ob er denn wirklich und wahrhaftig Atheist sei, trotz anglikanischer Erziehung, so antwortet er gewöhnlich: "Wenn es um Zeus, Apollo, Ra, Wotan, das Goldene Kalb oder das Fliegende Spaghettimonster geht, sind Sie doch auch ein Atheist. Ich setze eben nur einen weiteren Gott auf die Liste." Es ist anzunehmen, dass Oxfords Kirchgänger sich bekreuzigen, wenn ihnen Richard Dawkins auf der Straße begegnet.
Glauben Sie ernsthaft, Professor Dawkins, dass es eine Chance gibt, Gott aus den Köpfen zu vertreiben? Immerhin sind 44 Prozent der US-Amerikaner überzeugt, dass Jesus innerhalb der nächsten 50 Jahre zurückkommen und über die Lebenden und Toten richten werde.
"Ich denke, ja, wir haben eine gute Chance. Gerade im Internet gibt es eine immense Flut von Skeptizismus. Es ist wahr, dass es bis vor kurzem ein religiöses Revival gab. Aber das wird enden. Und wir helfen dabei. Gerade in Amerika sind sehr viele Menschen froh, dass endlich jemand ausspricht, was sie immer gedacht haben."
Die Anhänger des neuen Atheismus sammeln sich, ähnlich wie einst die Urchristen, in den Katakomben der Neuzeit. Das sind all jene Websites mit Namen wie www.infidels.org oder www. religionisbullshit.net. Es gibt Hunderte davon. Gemeinsam ist ihnen ein gewisser Ton, der sich schnell einstellt, wenn nicht mehr gezweifelt wird.
Sie nennen sich die Brights, die Aufgeweckten: "Ein Bright ist eine Person mit einem naturalistischen Weltbild, frei von Übernatürlichem. Wir Brights glauben nicht an Geister, Elfen oder den Osterhasen - oder an Gott." So steht es in einem Manifest.
"Nun, Bright klingt vielleicht nach Angeberei", sagt Dawkins. "Das Wort Atheist hatte, besonders in den USA, einen schlechten Klang, ähnlich wie ,homosexual'. So entschied man sich, ein anderes Wort zu prägen, so wie es mit 'gay' gelungen ist."
Inzwischen gibt es in vielen Großstädten monatliche Brights-Treffen, Selbsterfahrungsgruppen anonymer Atheisten. Ihre Prinzipien sind:
ER ist nicht. ER ist unlogisch. ER ist überflüssig. Und schlimmer noch: ER ist gefährlich. Religionen sind nicht nur falsch, sie sind auch schlecht. Kurz, ein Bekenntnis zur wissenschaftlichen Welterklärung, frei von Göttern und Götzen.
Das Neue am Neuen Atheismus ist sein missionarischer Habitus. Vorbei die Zeit der bequemen Toleranz gegenüber dem Glauben. Jeder, dem am Projekt Aufklärung gelegen ist, muss Stellung beziehen. Dawkins und seinen Mitstreitern geht es nicht anders als Joseph Ratzinger: Sie haben genug vom weichen Relativismus, der uns umgibt. Es geht um die Wahrheit.
Wie ein Puritaner überall Sex wittert, sieht Dawkins den Gottesglauben hinter allem Übel. Dieser ist der Schöpfer allen Ungemachs: "Stellen wir uns eine Welt vor ohne Religion", schreibt Dawkins. "Es gäbe keine Selbstmordbomber, keinen 11. September, keine Kreuzzüge und Hexenverfolgungen, keinen Israel-Palästina-Konflikt, keine Massaker in Bosnien, keine Verfolgung von Juden als ,Christusmörder', keine Nordirland-,Unruhen', keine hochgefönten Fernsehprediger in schimmernden Anzügen, die leichtgläubigen Leuten ihr Geld aus der Tasche ziehen."
Eine Welt ohne Taliban, ohne Zwangsbeschneidungen und Ehrenmorde in Berlin-Kreuzberg? Und ohne einen US-Präsidenten, der mit einem vor knapp 2000 Jahren zu Tode gefolterten Landprediger redet, bevor er seine Bomber starten lässt? Es wäre das Paradies auf Erden.
Ist das Ihr Ernst, Herr Dawkins? Könnte man nicht ebenso gut Eros und Sex für das Böse in der Welt verantwortlich machen? Dawkins lächelt nicht.
"Selbstverständlich ist es mir ernst", sagt er. "Natürlich töten sich Katholiken und Protestanten in Nordirland nicht, weil sie theologische Differenzen hätten. Es geht um Rache. Rache zwischen Menschen, die nichts unterscheidet als ihre Religion. Und diese künstliche Trennung wird am Leben erhalten etwa durch konfessionelle Schulen."
Mag sein. Doch was ist mit all den ebenso harmlosen wie anrührenden Formen real existierender Frömmigkeit, mit Seelentrost und Tradition? Was ist mit dem Kinderglauben, dass Oma und Opa und der Goldhamster vom Himmel auf uns niederschauen? Mit den russischen Ikonen-Mütterchen, den anrührenden Karfreitagsprozessionen in Sizilien? Dawkins braucht über diese Fragen nicht lange nachzudenken: "Ich würde auch einem Kind nicht seinen Schnuller wegnehmen. Aber es bleibt ein infantiles Verhalten."
Wer Richard Dawkins in seinem Oxforder Haus mit den Spitzbögen besucht hat, bleibt mit einem Gefühl zurück, als hätte jemand etwas kaputtgemacht. Warum wütet der so?
Es ist, als würde nun auch die Aufklärung ihre Fundamentalisten hervorbringen. Mit Eifer und Zorn wird gegen alles zu Felde gezogen, was nur entfernt nach Unvernunft, Aberglaube, Weihrauch riecht. Ganz gleich ob Koranschüler, Kardinäle oder Eugen Drewermann. Plötzlich meint man wieder die antiklerikalen Schlachtrufer des 18. Jahrhunderts zu hören: Voltaire, Denis Diderot, die Jungs vom Jakobinerclub.
Nicht zufällig ist die Aufregung in den Ländern am größten, die von Terroranschlägen betroffen waren. In England, den USA, Spanien und den Niederlanden sehen sich die Atheisten als Kulturkämpfer gegen die Dschihadisierung der Welt.
In religiös gemäßigten Zonen wie Deutschland hingegen läuft die Debatte bislang noch harmlos ab. Wir sind das Land von Peter Hahne und Eva Herman.
Die Hohepriester dieses Kreuzzugs der Gottlosen sind Naturwissenschaftler, Autoren, Philosophen. In den Talkshows der USA präsentiert sich dieser Tage Christopher Hitchens. Früher war er Salon-Trotzkist in England, jetzt werden seine Essays von den Neokonservativen gefeiert. Hitchens ist eine Art angelsächsischer Enzensberger, scharfzüngig, quecksilbrig und klug. Die Botschaft seines jüngsten Buchs: "Gott ist nicht groß."
Im Gegenteil: "Religion vergiftet alles." Sie ist der Feind der Wissenschaft, beruht "großteils auf Lügen und Furcht" und leistet Komplizendienste bei Völkermorden, Sklaverei, Rassismus und sexueller Unterdrückung. In weiten Ostteilen Deutschlands sind solche Sätze Common Sense. Nicht so in den USA. Da ist das Sprengstoff. Zumal Hitchens kein "fucking liberal" ist. Er verteidigt den Irak-Krieg noch heute.
In Frankreich heißt der Prophet Michel Onfray, ein bekennender Verteidiger des Lustprinzips, der mit 48 Jahren 32 Bücher geschrieben hat. Onfray geht es um "das
letzte Gefecht" gegen den "theologischen Hokuspokus" (siehe Interview Seite 60). Sein Buch "Wir brauchen keinen Gott" wird von den Franzosen verschlungen, als würden sie Sündenablass dafür bekommen. "Ich könnte eine Religion gründen", sagte Onfray kürzlich nach einer Vorlesung in Caen. Und fügte hinzu, dass ihm nichts ferner liegen würde. Er war komplett in Schwarz gekleidet und stand vor einem überfüllten Auditorium von ehrfürchtig mitschreibenden Gefolgsleuten.
In den Niederlanden hat die bekennende Atheistin und Feministin Ayaan Hirsi Ali dem Westen Blindheit vorgeworfen, wenn er auf Dissidenten innerhalb des Islam hofft: "Man kann den Islam nicht verändern." Inzwischen lebt sie in den USA.
In Italien feiert der Mathematiker Piergiorgio Odifreddi Erfolge mit seinem Essay "Warum wir keine Christen sein können". Und er hat auch schon den Segensspruch auf Latein parat: "Benedicat vos omnipotens Logos: Pater Pythagoras, Filius Archimedes, et Spiritus Sanctus Newtonius. Der allmächtige Logos segne euch, im Namen des Vaters Pythagoras, des Sohnes Archimedes und des Heiligen Geistes Newton."
Allen gemein ist das Trauma des 11. September 2001. Ohne die Anschläge auf New York und Washington gäbe es keinen Neuen Atheismus.
Exakt am Tag eins nach Atta, dem 12. September 2001, begann Sam Harris, ein Buch zu schreiben. Viele seiner Mitbürger fragten sich damals, ob es in den USA nicht doch zu viele Schwule, Feministen und Bürgerrechtler gäbe, ob Gott diesen Sündenpfuhl nicht deswegen mit dem Anschlag strafen wollte. So predigten es die TV-Pfarrer, allen voran der in diesem Mai verstorbene Jerry Falwell.
Harris, damals ein 34-jähriger Stanford-Doktorand der Neurowissenschaften, hatte einen anderen Verdacht: Nicht Gottes Zorn war das Problem, sondern Gott selbst. Ohne Gottesglauben auch keine Akademiker, die sich - nach Jungfrauen brüllend - in Hochhäuser stürzten.
Er hatte erfahren, dass nur zwölf Prozent seiner amerikanischen Mitbürger überzeugt sind, dass es in der Natur mit natürlichen Dingen zugehe. Die allermeisten glauben, dass ein intelligenter Designer die Welt zusammengebaut habe. Harris: "Nach einem guten Jahrhundert wissenschaftlicher Erkenntnis über das Alter des
Lebens und das noch höhere Alter der Erde glaubt mehr als die Hälfte unserer Nachbarn, dass der gesamte Kosmos vor 6000 Jahren geschaffen worden sei - also tausend Jahre nachdem die Sumerer den Klebstoff erfunden hatten."
Das war Sam Harris zu viel. Er wollte sich nicht vorstellen, dass Kongress und US-Präsident von Leuten gewählt werden, die keinen Zweifel daran haben, dass Dinosaurier, Termiten und Blauwale paarweise auf Noahs Arche lebten.
Sein Buch "Das Ende des Glaubens" verkaufte sich 270 000-mal. Das waren durchaus mehr als die 2500 eingeschriebenen Mitglieder der "American Atheists". Für Sam Harris war es eine Offenbarung. Er war nicht allein.
Harris' zweites Buch, "Brief an eine christliche Nation", erschien im September 2006. Inzwischen ist Sam Harris der Peter Hahne für Gottlose.
Eine Übersetzung seines ersten Buches ins Arabische lehnte er ab: "Ich denke, das wäre für jeden Übersetzer ein Todesurteil."
Die Botschaft der Neuen Atheisten lässt sich in zehn Geboten zusammenfassen:
I. DU SOLLST NICHT GLAUBEN.
Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine übernatürliche Macht. Die Last des Gegenbeweises liegt beim Gläubigen. Unerklärliche Phänomene sind kein Hinweis auf Wunder, sondern auf unzureichende Forschung.
Kein Krieg, kein Sterben eines Kindes ist jemals hinweggebetet worden. Die Menge der täglichen Gebete steht zur Menge des täglichen Unrechts in direktem Verhältnis, nicht in umgekehrtem.
Gewiss, auch die Existenz Gottes ist nicht zu widerlegen. Ebenso wenig wie Einhörner, Werwölfe oder Teekannen in der Umlaufbahn des Mars. Atheismus ist keine Therapie gegen den Glauben, sondern nur die wiedergefundene geistige Gesundheit.
II. DU SOLLST DIR KEIN SELBSTBILDNIS MACHEN UND ES GOTT NENNEN.
Gott ist ein Produkt der Menschen und nicht umgekehrt. Mag Religion auch so weit verbreitet sein wie Sex und Grippe. Das sagt nichts über ihren Wahrheitsgehalt aus. Visionäre religiöse Erfahrungen haben mehr mit Störungen der Hirnlappen zu tun als mit dem Jenseits.
Wir tun unvernünftige Dinge wie glauben oder lieben, weil unser Hirn ein Irrationalitätsmoment eingebaut hat. Glaube ist eine Art automatische Temposperre fürs Denken. Manche Denkmuster wie "Es gibt ein Leben nach dem Tod" sind wie Viren. Sie verbreiten sich, und man kann sie nicht ausrotten. Nur vorsehen kann man sich: Kein ungeschützter Verkehr mit Gläubigen!
III. DU SOLLST KEINE GÖTTER NEBEN DIR DULDEN.
Die friedliche Koexistenz mit den Gläubigen ist vorbei. Die Neuen Atheisten sind keine agnostischen Gläubigenversteher. Seit der Fatwa gegen Salman Rushdie, seit der Erklärung des neuen Dschihad gegen die Moderne ist Schluss mit religiösem Multikulti: "Ich kann nicht sagen: Okay, du träumst weiter von deinem verborgenen Schiiten-Imam, und ich studiere weiter Thomas Paine und George Orwell, die Welt ist groß genug für uns beide. Ein wahrer Gläubiger kann nicht aufhören, bevor die ganze Welt das Knie beugt" (Hitchens).
IV. DU SOLLST KEINEN SCHÖPFER HABEN.
Die Theorie Darwins liefert eine schlüssige Erklärung, weshalb aus Chaos Ordnung wird. Es bedarf keines "Intelligenten Designers", um sich etwas so Unwahrscheinliches wie eine Hummel auszudenken. Es bedarf nur vieler Jahrmillionen von Selektion und Mutation. Außerdem: Wer schuf eigentlich den Schöpfer? Die Entstehung von Etwas aus Nichts war einfach Glück. Vielleicht ist die Chance 1:1 030 072 234. Aber es muss passiert sein, denn es gibt uns. Und daran besteht, trotz aller Pariser Philosophen, kein Zweifel.
V. DU SOLLST DEINE KINDER EHREN UND SIE DESHALB MIT GOTT IN FRIEDEN LASSEN.
Kein Mensch ist von Geburt an Christ, Muslim, Jude oder Osho-Jünger. Wir werden dazu gemacht. Wer das Pech hat, in eine strenggläubige Familie hineingeboren zu werden, hat gute Chancen, sein Leben lang an die Süße des Märtyrertods zu glauben, keine Knöpfe benutzen zu dürfen wie bei den Amish in Pennsylvania oder psychisch an den Beichtstuhl gekettet zu sein.
Die Neuen Atheisten fordern das Kinderrecht auf wissenschaftlich fundierten Religions-Aufklärungsunterricht. Sie sehen keinen wesentlichen Unterschied zwischen Prügelstrafe, Missbrauch und den Schäden, der einer Kinderseele in Jesuitenschulen zugefügt wird.
VI. SEI GUT AUCH OHNE GOTT.
Ohne Gott ist alles erlaubt? Unsinn, es gibt eine Ethik ohne Glauben. "Wir nehmen zumindest die Möglichkeit an, dass Leute besser und nicht schlechter miteinander umgehen, wenn sie die Tatsache ihres kurzen und mühseligen Lebens akzeptiert haben" (Hitchens). Gottesgläubige hatten gewiss ihren gerechten Anteil an den Massenmorden, Scheiterhaufen, an seelischen und sexuellen Verkrüppelungen.
Es gibt keine allgemeingültigen Normen jenseits von Kulturen und Zeiten. Nur bittere Erfahrungen und die daraus gezogenen Lehren. Der Mensch ist Schöpfer und Herr der Norm.
VII. DU SOLLST KEINE ANDEREN GÖTTER NEBEN DER WISSENSCHAFT HABEN.
Wissen und Glauben sind wie Feuer und Wasser. Es gibt kein Gemeinsames. Der angebliche Glaube prominenter Wissenschaftler ist Selbsttäuschung und Begriffsverwirrung. Wenn unter "Gott" nur die so herrlich ineinandergreifenden Gesetze des Universums verstanden werden, dann ist das für den Glauben sehr unbefriedigend: Man betet nicht zum Gesetz der Schwerkraft.
VIII. LIEBE DEINEN NÄCHSTEN - OHNE SCHLECHTES GEWISSEN.
Alle monotheistische Religionen machen die Frau dem Manne untertan, den Körper einem asketischen Ideal, die Lust der Heuchelei. Hätten junge Muslime in Ägypten, Pakistan, Marokko ein entspannteres Verhältnis zu Sex, Drugs and Rock'n'Roll, brauchte die Welt weniger Antiterrorgesetze.
IX. DU SOLLST DEN SABBAT NICHT EHREN.
Es darf keine Sonderrechte für Religionen geben. Religiöse Gefühle sind nicht schützenswerter als ästhetische, politische oder moralische. Grausamkeiten und Dummheiten werden nicht unbedenklicher, nur weil sie mit dem Stempel "Religion" versehen sind.
Das Christentum ist als Religion nicht besser als der Islam oder das Judentum: "Solange wir das Prinzip akzeptieren, religiöser Glaube müsse als solcher respektiert werden, ist nicht einzusehen, weshalb wir keinen Respekt vor dem Glauben von Osama Bin Laden und den Selbstmordattentätern haben sollten." Dixit Dawkins.
X. DU SOLLST NICHT KNIEN ALS SCHÖPFER.
Auch ohne Glauben lässt sich Demut empfinden gegenüber allem Schönen, Wahren, Guten. Mozarts "Zauberflöte" brauchte den Glauben so wenig, wie ihn Schiller, T. S. Eliot oder I. M. Pei brauchten. Und Shakespeare hätte "Hamlet" nicht geschrieben, wenn sein Auftraggeber die Kirche gewesen wäre. Beethoven und Bach sind keine Beweise für die Existenz Gottes, sie beweisen nur die Existenz von Beethoven und Bach.
Der Totalangriff der Aufklärer macht keine Gefangenen. Ihr Reich des Bösen ist gleichermaßen bewohnt von frommen Teufeln, von Kreationisten, Dschihadisten, Christenverstehern, Pfingstlern, Befreiungstheologen, Imamen, "Babycaust"-Rednecks, von Fürstin Gloria und Harald Schmidt und Hans Küng und Katrin Göring-Eckardt - kurz all jenen Zeitgenossen, die der Metaphysik nicht abschwören wollen.
Bisweilen scheint es, als würde auf alles eingeschlagen, was sich dem Messbaren entzieht, ohne dem Geheimnis einen Raum zu lassen, als wäre unsere Zeit nicht schon an sich ausgenüchtert genug. Als gäbe es nicht jede Menge Dinge, die sich nicht beweisen lassen, an die Zeitgenossen aber ohne Schaden fürs Gemeinwohl glauben: Liebe, Homöopathie, Astrologie, den Wetterbericht, den Reformwillen der Kanzlerin.
Gibt es in diesem erklärten Kulturkampf Platz zwischen den Fronten? Lässt sich vom Glauben überhaupt etwas retten, ohne damit gleich zu Komplizen der Gotteskrieger und Kreationisten zu werden?
Zu den heftigsten Kritikern der Neuen Atheisten gehören kurioserweise jene, die es laut Dawkins gar nicht geben dürfte: Wissenschaftler, für die "Gott" keinen Angriff auf ihr Weltbild darstellt. Sie fühlen sich von der Unbedingtheit, dem missionarischen Habitus Dawkins' abgestoßen:
"Mit ,Der Gotteswahn' ist es mir peinlich, Atheist zu sein", sagte etwa Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse, einer der renommiertesten Kritiker des Kreationismus.
Eines der mittlerweile fünf Gegenbücher zu "Der Gotteswahn" ist gleich in Dawkins' Nachbarschaft geschrieben worden, von dem Oxforder Molekularbiologen und Kirchenhistoriker Alister McGrath. Es heißt "Der Dawkins-Wahn?".
McGrath kritisiert das ungenaue Zitieren des Buches, seinen Wissenschaftsglauben und das selektive Abfischen des Internet nach Zitaten. Der Gedanke, wonach Gottesglaube ein Virus sei (II. Gebot), sei pseudowissenschaftlicher Unsinn.
"Einen der größten Bärendienste hat Dawkins den Naturwissenschaften geleistet, in dem er sie als unnachgiebig und notwendig atheistisch darstellt", sagt McGrath. Tatsächlich sind die Verfechter des "Intelligent Design" vom Neuen Atheismus begeistert: Seht, wohin es führt, wenn man Charles Darwin nicht abschwört!
Die Neuen Atheisten nehmen sich die abstrusesten Vertreter des Glaubens vor und überschütten sie mit Spott. Doch die wenigsten Christen würden ernsthaft behaupten, Gott sei eine Art Telefonzentrale, die pausenlos Gebete entgegennimmt und abarbeitet.
Zugleich zitieren Harris und Dawkins die Bibel ebenso buchstabengläubig wie die vernageltsten Adventisten, ohne zwischen Bildrede, Allegorie und Lyrik zu unterscheiden. Alt- und neutestamentarischer Gott werden durcheinandergeworfen, Kirchenregeln mit Glaubensdogmen verwechselt, Religion mit Gottesglaube.
Natürlich ist es einfach, sich über die angeblich 5120 Schutzheiligen des Katholizismus zu erheitern, zuständig unter anderem für Bombentechniker, Magersüchtige, Unterleibsbeschwerden und Hufschmiede. Aber das hat für die meisten Gläubigen mit Gott so viel zu tun wie die Dosenpfandverordnung mit der Menschenrechtserklärung. Weil Theologie sowieso
irrationaler Unsinn ist, versuchen sie gar nicht erst, die Primärquellen zu studieren: "Es ist, als würde sich jemand über Biologie auslassen, dessen einzige Kenntnis auf dem Gebiet das ,Buch der britischen Vögel' ist", schreibt der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton in seiner Rezension des "Gotteswahns".
Der Anblick des Gekreuzigten ist kein infantiles Wegschauen von der Tragik der Welt: "Wer in diesem entsetzlichen Bild eines unschuldig Gemarterten nicht die Wahrheit der Geschichte sehen kann, wird jenem Bright-Aberglauben anhängen, den wir unendlichen menschlichen Fortschritt nennen, und für die Dawkins ein Vollblut-Apologet ist", schreibt er weiter in der "London Review of Books".
Auch Bischof Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hält Dawkins seinen pseudoreligiösen Wissenschaftsglauben vor: "Es wäre zwar verwunderlich, wenn religiöse Empfindungen nicht auch eine somatische Entsprechung hätten, doch dies begründet noch keine Kausalität. Die Religiosität des Menschen ist nicht in einem Hirnlappen versteckt."
Wirklicher Glaube habe es mit der Freiheit des Menschen zu tun: "Der Mensch wird nicht abhängig gedacht und gemacht von Hirnströmen und Genen. Diese geschenkte Freiheit verbindet sich mit dem Menschenrechtsgedanken. Ich kenne keine vergleichbar radikale Begründung der Gleichheit jedes Menschen als im Gedanken der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Das Abschneiden dieses Bezugs auf Transzendenz hätte fatale Folgen."
Gott ist für die meisten Gläubigen weder Person noch ein Prinzip, noch eine Existenz, sondern eine Antwort auf die Frage, warum etwas ist und nicht nichts.
All diese mehr oder weniger säkularen Kritiker gehören für die Neu-Gottlosen vermutlich zum äußeren Kreis der Hölle. Dort, wo die nützlicheren Idioten der Obskuranten schmoren.
Einen der engeren Kreise dieser Welt der Verdummten bildet dagegen eine mehrere Meter dicke, im Jahr 852 unter Papst Leo fertiggestellte Ziegelmauer in Rom. Sie schützt den Vatikan vor der Welt, die Welt aber - zum Leidwesen nicht nur der Atheisten - nicht vor dem Vatikan.
Hinter diesen Mauern wird unter anderem Fragen nachgegangen, in jahrzehntelangen scholastischen Disputen, ob die ungetauft gestorbenen Kinder in die Hölle kommen. Und was das Konzil von Trient in seiner sechsten Sitzung vom 13. Januar 1547 dazu gesagt hat.
Monsignore Walter Brandmüller ist der Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften. "Es wäre ein wahres Wunder gewesen", sagt der 78-Jährige und klopft mit dem Finger auf das Buch von Sam Harris vor ihm auf dem Teetisch, "wenn die Hölle sich nicht gerührt hätte."
Für Brandmüller ist der neue Kreuzzug der Aufklärer, bei dem der Dämon des Bösen seine Hand im Spiel hat, vor allem eine Reaktion auf das wiedererstarkte Interesse an der Religion.
"Gott kann mit der menschlichen Vernunft erkannt werden, er muss es aber nicht zwangsläufig", sagt Brandmüller. "Es gibt Realitäten, die für die Streichholzschächtelchen unserer Begriffe zu groß sind. Woher weiß die Vernunft, dass sie alles wissen kann?"
Brandmüller ist ein typischer Vatikangelehrter, spricht fließend in sechs Sprachen und ist zuständig für die Revision der Angelegenheit "Papst Urban VIII. vs. Galileo Galilei". Außerdem war er einmal Dressurreiter, weshalb ihn nur zwei Dinge in wahres Entzücken versetzen könnten: "Eine gelungene Liturgie und eine perfekt gerittene Traversale".
Die Beweislast für die Nichtexistenz Gottes läge im Übrigen bei Richard Dawkins, nicht bei den Gläubigen: "Sie staunen? Ich meine aber doch! Denn: Wenn ich die Existenz eines unendlichen Geistes, aus dessen Gedanken und Willen die gesamte Wirklichkeit hervorgegangen ist, leugne, dann muss ich doch wohl erklären können, wieso dann Welt und Mensch überhaupt existieren. Urknall, Evolution, Selbstorganisation einer (nicht vorhandenen) Materie anzunehmen erfordert weit größere Gläubigkeit, als die Kirche für ihre Dogmen verlangt. Wie sollte denn ein Nichts auf einmal knallen?"
Wer mit Brandmüller zusammensitzt, der langweilt sich jedenfalls nicht.
"In der Tat", sagt der päpstliche Chefhistoriker, "gibt es keinen Vernunftbeweis für die Existenz eines Gottes. Auch kann man die Existenz des Bösen rational nicht erklären. All das ist nur aufgrund göttlicher Offenbarung erkenn- beziehungsweise verstehbar." Wunderheilungen und Auferstehung sind für Brandmüller historische Tatsachen. Gerade als Historiker sei er von der Wahrheit der Offenbarung Gottes in Jesus von Nazaret überzeugt: "In den Schriften werden keine vorderorientalischen Märchen erzählt, sondern von den Hörern und Lesern nachprüfbare Tatsachen berichtet", meint Brandmüller. "Ansonsten wäre die christliche Predigt am Ort und vor Zeugen des Geschehens im Hohngelächter der Zeitgenossen untergegangen." Auch Christenglaube schützt nicht vor Positivismus.
Gleich unterhalb von Brandmüllers Büro liegt der Petersplatz, in großer Zahl bepilgert von Leuten, die offenbar Dawkins' Bücher noch nicht gelesen haben.
Mit Benedikt XVI. hat sich ein Mann aus dem Land Kants, Feuerbachs und Nietzsches auf den Thron Petri gesetzt. Er
macht es den Neuen Atheisten nicht einfach. Denn dieser Papst ist ein Intellektueller, der mit führenden Köpfen des Unglaubens ausführliche Streitgespräche geführt hat. Überzeugen konnte er sie nicht. Aber er wurde als Dialogpartner ernst genommen.
Deutschlands Meisterdenker Jürgen Habermas etwa spricht immer wieder gern von der "postsäkularen Gesellschaft". Bei seinem Dialog mit dem damaligen Kardinal Ratzinger gestand er zu: Auch der aufgeklärte Verfassungsstaat stützte sich auf den real existierenden Gottesglauben seiner Bürger, um seine Normen durchzusetzen. Es brauchte eine Aufgabenteilung von Glauben und Vernunft. Bislang konnte kein Verfassungspatriotismus, keine "Wir sind Deutschland"-Kampagne, kein Kult der Rationalität als Ersatz für religiöse Gefühle taugen.
Für Joseph Ratzinger sind Vernunft und Glauben keine Gegensätze: "Im Christentum ist Aufklärung Religion geworden und nicht ihr Gegenspieler", sagte der spätere Papst Benedikt in seinem Disput mit dem römischen Philosophen (und Atheisten) Paolo Flores d'Arcais.
Juden und Christen denken Gott als Logos, als Licht und Quelle aller Gesetze und Erkenntnisse, so fügte er später in Regensburg hinzu. Das sei ein wesentlicher Unterschied zum Islam, wo der göttliche Wille Natur und Logos überragt. Was immer Allah will, wird geschehen, unabhängig von Ursachen und Gründen.
Und dennoch: "Eine letzte Beweisbarkeit der christlichen Grundoption gibt es nicht", gestand Ratzinger dem Philosophen zu. Doch müsse der Mensch als zur Vernunft und Liebe fähiges Wesen auf der Ursprünglichkeit des Logos beharren. Am Anfang war das Wort, nicht das Chaos. Wir erfahren uns - außer im Straßenverkehr - als denkende und liebende Wesen. Also ist ER.
Dieses platonische Argument überzeugte Flores d'Arcais keineswegs. Glaube sei mangels Beweisen nur als "reiner Glaube" wählbar, quer zu jedem Wissen und jeder rationalen Begründung. "Die offensichtliche Konsequenz daraus ist", erwiderte der Denker, "dass Gott nie und gegen niemanden in einer politischen Auseinandersetzung ins Feld geführt werden kann."
Damit ist die Kernfrage des Neuen Atheismus berührt. Denn im Grunde geht es Dawkins und den Seinen gar nicht um Gott. Es geht um den 11. September 2001.
Das ist die Zeitenwende. Wie sollen sich Demokratien gegenüber dem islamischen Fundamentalismus verhalten? Sollen sich die aufgeklärten Gesellschaften auf ihre eigenen christlich-jüdischen Wurzeln besinnen, sie selbstbewusster vor sich hertragen, mehr Kruzifixe in die Klassenzimmer hängen?
Das verlangt das neue Grundsatzprogramm der CDU, das ist die Position von Bestsellerautoren wie Di Fabio, Peter Hahne und Benedikt XVI.
Die Brights dagegen fordern die Vollendung der Aufklärung. Nicht allein der Islam, sondern jeder Glaube sei eine Beleidigung der Intelligenz, also weg damit. Auf keinen Fall dürfe der Westen etwa gemäßigte Islamisten oder Islam-Dissidenten unterstützen.
"Aufklärungs-Fundamentalismus" nennt das der angloniederländische Schriftsteller Ian Buruma und hat damit eine internationale Debatte ausgelöst (hierzulande aufgenommen vom Online-Kulturmagazin
"Perlentaucher"): "Nicht jeder Muslim, nicht einmal jeder orthodoxe Muslim ist ein heiliger Krieger in spe."
Die Eröffnung eines muslimischen Krankenhauses in Rotterdam und für muslimische Frauen reservierte Strände seien, so Buruma, kein Zeichen von Islamisierung, sondern genauso selbstverständlich wie ein koscheres Restaurant oder ein Nudistenstrand.
Hintergrund ist der Mord an dem Amsterdamer Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 durch einen selbsternannten Dschihadisten.
Timothy Garton Ash, der seine Postadresse ebenfalls in Oxford hat, fürchtet, dass rigoroser Atheismus die zweite Einwanderergeneration abschrecken könnte: "Wenn sie von uns die Botschaft bekommen, sie müssten erst ihren Glauben ablegen, um Europäer sein zu können, dann werden sie sich entscheiden, nicht Europäer zu werden. Von Muslimen zu verlangen, den säkularen Humanismus als Glauben anzunehmen, wäre von säkularen Europäern fast so intolerant wie die Forderung eines islamistischen Gotteskriegers an uns, seinen Glauben zu übernehmen."
Garton Ash steht ebenso wie Dawkins und Hitchens für die Vernunft, aber eine mit Nachsicht gepaarte. Vermutlich ist das die brauchbare Haltung: Einsicht in die Relativität der eigenen Werte, verbunden mit offensivem Eintreten für die Zivilrechte, für das offene Wort und für die Satire.
Und das Recht, seinen Humanismus und seine Demut gegenüber der Welt, wenn nötig, auch mit Außerirdischen zu begründen oder fliegenden Teekannen, Charles Darwin oder Jesus Menschensohn.
Anders gesagt: Für das Navigationssystem eines modernen Staates ist die Meinung der Religionen ein ferner und nützlicher Satellit. Aber kein Zielpunkt. Demokratien sind plurale Gemeinschaften, keine Gemeinden, und seien es Gemeinden der Gottlosen.
Die Weltdebatte über Gottes Sinn oder Unsinn begann am 1. November 1755, als in Rom ein anderer Benedikt Papst war und Lissabon durch ein Erdbeben und den nachfolgenden Tsunami fast vollständig zerstört wurde. Danach war in Europa nichts mehr so wie früher. Wie konnte ER so etwas zulassen, ausgerechnet an Allerheiligen? In das allgemeine Wehklagen hinein befahl der damalige portugiesische Premierminister Sebastião José Carvalho e Melo: "Beerdigt die Toten und ernährt die Lebenden."
Diesen Satz hat Voltaire nie vergessen können, als er kurz nach dem Erdbeben begann, in seinen Schriften eine pragmatische, über sich selbst aufgeklärte Vernunft zu skizzieren: "Wir müssen unseren Garten bestellen."
Ernährt die Lebenden und lasst sie mit Letztfragen in Ruh. Der Glaube wird nicht aussterben, jedenfalls nicht, solange wir noch Angst vor dem Sterben haben und vor dem Dunkel und vor dem Unbekannten und voreinander. Nichts spricht gegen die tiefe Gewissheit, dass alle Erfahrung und Wissen nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Alles Weitere ist Privatsache.
Der Schriftsteller Martin Walser hat der "Süddeutschen Zeitung" kürzlich in vier Zeilen aufgeschrieben, was zu sagen bleibt: "Ich bin an den Sonntag gebunden / wie an eine Melodie, / ich habe keine andere gefunden, / ich glaube nichts und ich knie."
ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 22/2007
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Der Kreuzzug der Gottlosen

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Fahrrad fährt 144 km/h Auf dem Highway ist die Hülle los

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