26.05.2007

FINANZENGestörtes Verhältnis

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und sein amerikanischer Amtskollege Henry Paulson können nicht miteinander. Die Geschichte eines Zerwürfnisses.
Im Blick hatte Peer Steinbrück nichts als Verachtung. Mit beiden Händen wischte der Bundesfinanzminister am Freitag vergangener Woche zu später Stunde die lästige Frage weg. Nein, er sei nicht verstimmt darüber, dass sein amerikanischer Amtskollege Henry Paulson nicht zum Finanzministertreffen der führenden Industriestaaten (G 8) nach Werder am Schwielowsee gekommen war.
Immerhin: Beim vorherigen Treffen des Gremiums kurz nach Ostern in der US-Hauptstadt Washington war es Steinbrück, der fehlte. Er war lieber in den Urlaub nach Namibia geflogen, als mit seinen Amtskollegen über die Zähmung von Hedgefonds zu streiten. Deshalb vermuteten nun viele ein Revanchefoul des Amerikaners.
Zwar beschwichtigte der SPD-Politiker: "Bei uns geht's doch nicht zu wie auf dem Kindergeburtstag: Kommst du nicht zu meiner Party, geh ich nicht zu deiner." Doch genau danach sieht es aus.
Das Verhältnis zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Finanzminister
ist so ramponiert wie selten zuvor. Und eine der Ursachen ist der Krach um die Aufsicht über die ebenso allgegenwärtige wie anonyme "Heuschrecken"-Branche der Hedgefonds. Die Deutschen wollen Transparenz und Kontrollen einführen. Amerikaner und Briten lehnen das strikt ab.
Zusätzlich belastet wird die deutschamerikanische Partnerschaft aber auch durch eine Serie von Pannen und Peinlichkeiten, gepaart mit Tölpelhaftigkeiten auf der einen Seite, dominantem Machtanspruch auf der anderen - und Fehleinschätzungen in beiden Lagern.
Steinbrück etwa macht sich noch Illusionen, was seinen Gestaltungsspielraum angeht. Denn selbst wenn er - wie zurzeit - den Vorsitz in der G-8-Runde innehat, sind seine Möglichkeiten arg begrenzt.
Trotzdem berichtete er mit einer Mischung aus Stolz und Zufriedenheit, dass Paulson ihm am ersten Konferenztag am Schwielowsee telefonisch mitgeteilt habe, die Amerikaner würden bei den Hedgefonds auf die deutsche Linie einschwenken. Sie könnten sich mit einem Verhaltenskodex für die umstrittenen Geldsammelstellen anfreunden - unter zwei Voraussetzungen: Die Branche müsse sich die Regeln "freiwillig" und "spontan" selbst verordnen.
Das aber ist in etwa so wahrscheinlich wie sechs Richtige im Lotto. Was Steinbrück für einen Beleg des guten Verhältnisses zu dem Amerikaner hält, untermauert deshalb in Wahrheit das genaue Gegenteil. Paulson muss nicht mal nach Deutschland reisen, um den anderen seinen Willen aufzuzwängen: Es soll sich erst mal gar nichts tun bei den "Heuschrecken".
Jetzt rächt sich, dass Steinbrück selbst Zweifel an der Ernsthaftigkeit seines Anliegens aufkommen ließ, als er in Washington schwänzte, statt für sein Vorhaben zu werben. Internationales interessiert ihn einfach nicht. So lehnte er in Werder auch endgültig ab, den Vorsitz des einflussreichen Lenkungsausschusses im Internationalen Währungsfonds zu übernehmen. Dessen Chef Rodrigo de Rato beschied er knapp, er habe noch zu viele innenpolitische Aufgaben zu erledigen.
Solche Schwächen verzeihen Amerikaner nicht. Erst recht nicht ein an der Wall Street gestählter Finanzmanager wie Paulson, der zuletzt Chef der mächtigen Investmentbank Goldman Sachs war.
Von Anfang an standen er und seine Mitarbeiter, ähnlich wie die Briten, der deutschen Initiative reserviert bis skeptisch gegenüber. Eine zu strenge staatliche Aufsicht könnte der blühenden heimischen Hedgefonds-Industrie schaden, fürchteten sie. Steinbrücks Fehlen in Washington erleichterte ihnen den Widerstand.
Und selbst wenn Treffen zwischen Steinbrück und Paulson zustande kommen, stehen sie unter keinem guten Stern. Steinbrücks letzter Washington-Besuch war begleitet von einer Serie an Missgeschicken. Zuerst verspätete sich die Bundeswehrmaschine, dann stand Steinbrück im Stau des Washingtoner Feierabendverkehrs. Schließlich ließ die Sicherheit die Kolonne nicht ins US-Finanzministeriums, weil die Autos an der Pforte nicht ordnungsgemäß gemeldet waren. Statt der vorgesehenen Stunde sprach Steinbrück elf Minuten mit Paulson. Einen Stuhl bot der Amerikaner erst gar nicht an.
Nicht nur daheim demonstrieren die Amerikaner gern, wer Herr im Haus ist. So empört sich Steinbrück gern darüber, dass die Protokollbeamten der Amerikaner bei Paulsons Antrittsvisite in Berlin sogar die Sitzordnung diktieren wollten. "In meinem eigenen Ministerium", schimpft der Deutsche noch heute.
Unvergessen bleibt ein Vorfall beim vorletzten Ministertreffen in Essen. Jeder Delegation stand ein eigener Saal für Pressekonferenzen zur Verfügung, jeder dekoriert mit Landesfahne, EU-Flagge und dem schwarz-rot-goldenen Tuch des Gastgebers. Paulsons Entourage säuberte erst einmal die eigene Halle vom fremden Fahnenschmuck. Wütend gab Steinbrück Anweisung, beide Fahnen wieder neben das Sternenbanner zu plazieren. Widerwillig fügten sich die Amerikaner.
Der Bundesfinanzminister selbst immerhin will künftig keinen Grund mehr zur Klage bieten. An der nächsten Tagung von Währungsfonds und Weltbank nehme er wieder teil, kündigte er in Werder an. "Meine Urlaubsplanung werde ich entsprechend gestalten." CHRISTIAN REIERMANN
* Mit US-Präsident George W. Bush.
Von Christian Reiermann

DER SPIEGEL 22/2007
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