26.05.2007

ARCHÄOLOGIEWaldgeist im Fischernetz

In kurzer Folge sind im Mittelmeer über 2000 Jahre alte Bronzestatuen aufgetaucht. Vielen Funden, zum Teil für Millionensummen von Museen angekauft, haftet der Ruch des Verbrechens an. Schatztaucher mischten bei der Bergung mit. Vor der tunesischen Küste kam es zur Schießerei.
Den Kopf verzückt nach hinten werfend, biegt der Satyr seinen grün schimmernden Leib. Er tanzt, ein Diener des Dionysos. Die Augen aus weißem Alabaster blicken ungestüm. Die Pupillen fehlen.
Die eindrucksvolle Plastik, rund 200 Kilo schwer, ist das Hauptexponat einer Ausstellung im Pariser Louvre, die noch bis Mitte Juni Arbeiten des Athener Bildhauers Praxiteles zeigt. Der Zeitgenosse Platons und Meister der Erzbildnerei schuf aus flüssiger Bronze, aber auch mit dem Marmormeißel Urbilder menschlicher Anmut.
Träumende Knaben und zartgliedrige Götter formte der Künstler aus befeuerten Tiegeln. Seine "Aphrodite von Knidos", die erste völlig nackte weibliche Skulptur der Antike, löste einen Skandal aus. Die frühen Anhänger des Christentums zertrümmerten das Werk heidnischer Lüste. Praxiteles' Bronzen wurden zu Geldmünzen umgegossen.
Der wirbelnde Satyr entging diesem Schicksal. Er überdauerte die Zeiten auf dem Grund des Mittelmeers.
Ein Geheimnis umweht dieses Standbild, das derzeit täglich von Hunderten Besuchern umringt und bestaunt wird. Der offiziellen Lesart zufolge verfing sich im März 1997 zuerst nur sein metallisches Bein im Netz des Kutters "Capitan Ciccio" (Käpten Fettkloß), der westlich der Insel Pantelleria bei Sizilien fischte. Die Seeleute holten das Bruchstück aus 480 Meter Tiefe empor.
Was dann geschah, ist unklar. Ein Jahr verging, ehe ein staatliches Antikenkommando Kopf und Torso elektromagnetisch aufspürte und am 4. März 1998 aus den Wellen hievte. Tags darauf wollte man die abgebrochenen Arme bergen. Dann kam es zu einem Beschuss durch die tunesische Küstenwache. Der genaue Fundort wird von den italienischen Stellen verschwiegen. Womöglich lag das Stück tatsächlich in afrikanischen Gewässern.
Der Zwist um den Waldgeist aus der Louvre-Schau ist typisch. Auf wundersame
Weise sind in letzter Zeit sehr seltene antike Bronzestatuen aufgetaucht. Zwei entstiegen, verkrustet mit Muscheln, der Adria. Andere überdauerten in Verstecken an Land oder kamen bei Versteigerungen unter den Hammer. Es sind allesamt Götter oder Sportler mit schwellenden Bizeps. Und allen haftet ein dunkler Ruch an (siehe Grafik).
Als "Segen für die Wissenschaft" bezeichnet der klassische Archäologe Stefan Lehmann von der Universität Halle die Serie an Neufunden aus dem Reich der Schönheit. Kaum ein Dutzend Bronzesportler waren bislang weltweit bekannt. Und nun diese Flut.
Ursprünglich standen derlei Gestalten in den Wettkampfstätten der Hellenen. Wer in Olympia als Boxer oder Diskuswerfer gewann, durfte dort ein eigenes Standbild aufstellen. Lange Reihen von nackten Leibern, aus Metall gegossen, säumten die Aufwege zu den Sportstadien auch in Korinth oder Nemea. Es sind Meisterwerke der anatomischen Darstellung. Der Triumph der griechischen Bildhauerei - hier nahm er seinen Ausgang.
Entsprechend begeistert sind die Forscher. Mit Röntgenstrahlen und Lasern haben sie die verschlickten Neuzugänge geprüft. Jede Montagenaht, jede Schweißstelle wurde mit Computertomografen sichtbar gemacht.
Ergebnis: Nach über 200 Jahren kulturgeschwätzigem Dauerstreit können die Gelehrten endlich die griechischen Originale (aus dem 5. bis 4. Jahrhundert vor Christus) von den täuschend genauen Kopien der Römer (um Christi Geburt) unterscheiden.
Zudem wissen die Forscher jetzt, wie weitgespannt der römische Kunsthandel zur See ablief. Hergestellt wurden die famosen Repliken offenbar nur in einigen Werkstätten in der Gegend um Neapel, die ihr Betriebsgeheimnis streng schützten. Behende mischten die Handwerker dort Kupfer, Zinn und Blei in über 1000 Grad heißen Pfannen und gossen die Schmelze in Tonformen.
Kleine Segelschiffe brachten die Kunstwerke bis nach Ägypten und Spanien, wo sie als Schmuck in den Villen reicher Adliger standen.
Eine andere Seeroute führte entlang der zerklüfteten Balkanküste nach Norden. Der "Athlet von Kroatien", 1999 entdeckt, lag in der Nähe der Insel Losinj in 45 Meter Tiefe, eingekeilt von gefährlichen Felsen. Nahebei fand man verstreut Keramik. Die Prüfung ergab, dass der Kapitän bei schwerem Sturm panisch Ballast abgeworfen hatte: erst kleckerweise das Geschirr, dann die Statue.
Aber auch dieses - offiziell vom Zagreber Kulturministerium geborgene - Objekt umweht eine seltsame Vorgeschichte. Schon Monate zuvor kreiste ein belgischer
Taucher über der Fundstelle. Angeblich wurde er später von den Behörden genötigt, den Weg zum Schatz zu weisen.
So geht es ständig. Ungeheure metallische Götzen, Knabensieger und Muskelhelden hat das Meer entlassen, die meisten mit halbseidener Vergangenheit. "Auf dem Balkan werden derzeit ganze römische Landgüter illegal gehoben", erklärt Lehmann, "der Küstenschutz dort ist unzureichend."
Angeheizt wird die Plünderei durch die hohen Preise auf dem Antikenmarkt. Das Kimbell Art Museum in Texas zahlte bei Sotheby's für einen antiken Sportler 4,5 Millionen Dollar. Versteigert wurde nur der Kopf, eine römische Kopie.
Bei den Kunsthändlern geht gleichwohl die Angst um. Fahnder in Italien und Griechenland mühen sich derzeit mit aller Kraft, den Sumpf trockenzulegen, aus dem sich der gefräßige Kunstmarkt bedient. In Rom ist eine Sonderstaffel der Carabinieri tätig. Die Staatsanwaltschaft in Athen arbeitet mit verdeckten Ermittlern.
Über 50 mulschig erworbene Stücke wollen die US-Museen bald zähneknirschend zurückgeben. Um viele weitere wird hinter den Kulissen böse gestritten. Marion True, die Ex-Kuratorin des Getty-Museums, steht in Rom unter Anklage. Sie bestreitet die Vorwürfe. Griechenland bereitet für Juni einen Großprozess vor, es geht um einen entwendeten makedonischen Goldreif.
Auch die wichtigste Drehscheibe der Schieber, die Schweiz, steht unter Druck. Vorvergangene Woche reiste der griechische Kulturminister Georgios Voulgarakis nach Bern. Er will den vielen wilden Kunstdepots und Freihandelslagern zwischen Zürich, Basel und Genf einen Riegel vorschieben.
Getragen von einer Welle moralischer Entrüstung, stellen neuerdings auch andere Staaten kecke Rückforderungen. Ägypter fordern die Nofretete, Türken den Pergamonaltar. Juristisch gesehen stehen die Anwürfe auf wackeligen Füßen. Die von deutschen Ausgräbern 1912 entdeckte Nofretete-Büste sei "mit Lehm" beschmiert und listig außer Landes geschafft worden, tönte jüngst Ägyptens Antikenchef Zahi Hawass. Alles Unfug.
Aber auch die Griechen und Italiener klagen empört edelste Antiquitäten ein, die ihnen offenbar gar nicht zustehen. An der Kulturfront ist ein heilloser Streit entbrannt.
Den meisten Unfrieden stiftet derzeit die Affäre um den "Apollon sauroktonos". Der Name steht für eine 150 Zentimeter große Bronzegestalt, die den Gott des Wissens und der Künste als Jüngling darstellt. Ursprünglich lehnte er an einen Baumstamm und spießte mit dem Pfeil eine Eidechse auf. Heute sind die Arme abgebrochen.
Es war eine Sensation, als das Museum of Art in Cleveland das Objekt vor drei Jahren erwarb. "Wir trauten unseren Augen nicht", erklärt Lehmann angesichts des guten Erhaltungszustand des Metalls.
Die Amerikaner nennen das mit feiner Patina überzogene Werk stolz die "wichtigste klassische Skulptur, die seit dem Zweiten Weltkrieg von einem nordamerikanischen Museum angekauft wurde".
Besonders aufregend: Die Bleizapfen am Fuß deuten an, dass es sich um ein rund 2350 Jahre altes griechisches Original von Praxiteles handelt. Der Sauroktonos (Griechisch für: Echsentöter) könnte sein einziges Götterbild sein, das den Schmelzöfen eifernder Christen entkam.
Unbedingt wollte der Louvre den Jüngling in seiner aktuellen Ausstellung zeigen. Doch schon im Vorfeld zerstieben alle Pläne. Der "Archäologische Rat" in Athen behauptet, das Stück stamme aus dem "Ionischen Meere" und sei heimlich nah der Küste innerhalb der griechischen Zwölfmeilenzone geborgen worden.
Nach langem Hin und Her knickte der Louvre ein und sperrte die US-Leihgabe aus - ein Eklat.
Doch haben die Kulturdetektive aus Griechenland recht? Die beschuldigten Amerikaner geben sich entrüstet. Beim Ankauf der Statue sei alles rechtens gelaufen. Sie stamme aus altem Familienbesitz - und zwar von einem Mann aus dem "Ostteil Deutschlands".
Gemeint ist damit der Rechtsanwalt Ernst-Ulrich Walter, 87, ein kauziger Geschäftsmann, der im 53-Einwohner-Dorf Leutwitz (Sachsen) auf einem halbverfallenen Erbhof lebt und ein "Museum für Morgenlandfahrer" betreibt.
"60 Jahre lang", erzählt der Globetrotter, der gern Turnschuhe trägt, habe er den Orient bis hin nach China bereist. "Ich war Berater der Schah-Familie und trotzte dem Kugelhagel verfeindeter Kurdenstämme."
Auch sammelte er Ikonen in Russland und alimentierte eine archäologische Grabung in Kommagene (Türkei) mit 120 000 Mark.
"Zuletzt habe ich vor drei Jahren mit der Armee ein Antikenprojekt in Syrien durchgeführt", raunt der Wunderling, dessen Schätze sich in seinem "Dreiseithof" in 20 Zimmern stapeln. Auf die Frage, wie er all die Altertümer am Zoll vorbei brachte, sagt er nur: "Man muss Wege suchen, Leute kennen."
Den griechischen Echsentöter entdeckte der alte Herr angeblich im Garten seines Anwesens. 1991 hatte er den alten Familiensitz zurückgekauft. Mit Patina überzogen, habe die Figur in den Blumenrabatten gestanden.
Dass die wohl einzige Original-Praxiteles-Skulptur der Welt in der sächsischen Provinz herumgammelte, klingt unwahrscheinlich. Die Griechen halten die Version denn auch für Quatsch. Das Landschloss sei nichts anderes als eine "Weißwaschanlage", um die wahre Herkunft des Objekts zu verschleiern.
Merkwürdig ist zudem: In die USA gelangte die Skulptur im Jahr 2004 durch Vermittlung der Libanesen Hicham und Ali Aboutaam, die in Genf die Galerie "Phoenix Ancient Art" betreiben. Ali wurde in Ägypten (in Abwesenheit) zu 15 Jahren verurteilt - und hernach wieder freigesprochen; den Bruder erklärte ein US-Gericht für schuldig, weil er am Zoll vorbei für 950 000 Dollar einen silbernen Zeremonialkessel verscherbelte.
Doch so seltsam sich die Geschichte mit dem sächsischen Vordergarten auch anhört: Sie könnte stimmen. Im "Ionischen Meer", wie die Griechen behaupten, lag die Skulptur jedenfalls nie, wie die Oberflächenanalysen beweisen. Die Statue steht zudem auf einer Sockelplatte aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Sie könnte also wirklich aus einer alten Privatsammlung kommen.
Das Zwielicht um den Echsentöter macht deutlich: Auch die Griechen tricksen. Im Windschatten berechtigter Rückforderungen versuchen sie, mit schwammigen Indizien und Verdächtigungen weitere Glanzstücke einzusacken. "Unsere Branche wird kriminalisiert", entrüstet sich der Basler Kunsthändler und klassische Archäologe Christoph Leon.
Dass an dem Vorwurf was dran ist, beweist die wohl schrägste Schmuggelaktion der vergangenen Jahre. In der Szene heißt sie nur der "Saarbrucken case". Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, legen den Verdacht nahe, dass die griechischen Ermittler in diesem Fall unsauber vorgingen und wohl den Boden der Rechtstaatlichkeit verließen.
Wieder geht es um eine eindrucksvolle Bronzeskulptur. Es ist ein Sportler, 1,47 Meter groß, die Arme fehlen. Ursprünglich zeigte sie den Knaben beim Reinigen der Achselhöhle. Ein Meisterstück.
Aus dem polizeilichen Verhörprotokoll geht hervor, dass die Figur 1998 in die Hände eines Michael Kotsaridis gelangte. Der Restaurantbesitzer aus Saarlouis kaufte die bizarr verkrustete Statue während einer Reise nach Albanien einer Familie Sula aus der Stadt Durrës ab, angeblich "für knapp 15 000 Mark". "Ich hatte durch meine Gaststätte viele Kontakte zu Albanern", gab der Beschuldigte in der Vernehmung an. Die antike Figur habe ein Fischer vor den Ufern Montenegros mit einem Schleppnetz an Bord gezogen.
Ein Fahrer brachte die Ware mit einem Lkw nach Deutschland. Doch der Versuch, den armlosen Bronzeknaben zu verkaufen, endete für den Gyros-Kneipier im Knast. Denn alsbald meldete sich ein gewisser "Georg" aus New York, der das feine Stück für sechs Millionen Dollar kaufen wollte. Man traf sich im Hotel Pannonia in Saarlouis, wo Georg Zimmer 402 bewohnte. Kotsaridis kam im Mercedes, seine Statue lag in Wolldecken gewickelt in einer Holzkiste vom Baumarkt.
Dann aber erschien unversehens die Saarbrücker Polizei. Georg war in Wahrheit der Undercover-Agent Georgios Tsallas, der den Deal fingiert und die deutschen Stellen um Amtshilfe gebeten hatte. Immer wieder beteuerte er, dass die Skulptur aus der "Bucht von Prevesa" in Westgriechenland stamme.
Um die Angaben zu überprüfen, ließ die Saarbrücker Staatsanwaltschaft den verkrusteten Torso ins Rheinische Landesmuseum Bonn schaffen. Ergebnis: Ihr Gusskern besteht aus vulkanischer Erde und wurde um 20 vor Christus an den Hängen des Vesuvs hergestellt.
Im Klartext: Mit Griechenland hat das Stück etwa so viel zu tun wie Twiggy mit der Venus von Willendorf.
Gleichwohl lieferten die deutschen Behörden den Beschuldigten Kotsaridis nach Südeuropa aus. Ein Gericht in Athen verurteilte ihn zu zehn Jahren und sieben Monaten Gefängnis. "Der reine Irrsinn", meint der Verteidiger im Prozess, Fred Valentin, ein Rechtsanwalt aus Saarbrücken. "Die Ankläger führten nicht einen einzigen Zeugen auf, angeblich, weil die Informanten von irgendeiner Hehlermafia mit dem Tode bedroht wurden."
Kurz nach der Entscheidung rückten die Deutschen auch die kostbare Plastik heraus. Sie steht seit drei Jahren als Glanzstück im Nationalmuseum von Athen. Daneben steht ein Schild: "Fundort unbekannt". Die Griechen glauben offenbar ihre eigene Herkunftsgeschichte nicht mehr.
"Immer wieder arbeiten wir im Spannungsfeld von Kulturgeschichte und Kriminalität", erklärt Archäologe Lehmann, der im nächsten Heft das Fachblatts "Antike Welt" gemeinsam mit dem Bonner Konservator Frank Willer Details des Bronzekrimis präsentieren wird. Der Aufsatz enthält zugleich neue, bahnbrechende Erkenntnisse zur Datierungstechnik antiker Statuen.
Juristisch dagegen kann der "Saarbrucken case" nicht befriedigen. "Da geschieht Unrecht", meint der Kunsthändler Leon. "Die Griechen haben sich die atemberaubende Skulptur schlicht unter den Nagel gerissen." MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 22/2007
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