26.05.2007

DEBATTEVORSCHLAG ZUR GÜTE

Hinaufgeschaut! - Der Berge Gipfelriesen verkünden schon die feierlichste Stunde GOETHE
Sehr geehrte Gipfelbetreter und -betreterinnen,
Dear guests in Heiligendamm,
wegen der Vielzahl Ihrer Titel verbietet sich leider eine korrektere Form der Anrede, was ich zu entschuldigen bitte. Die Angelegenheit, derentwegen ich mich an Sie wende, ist unerfreulich; doch ist es mein Bestreben, sie mit der gebotenen Höflichkeit zu behandeln. Also werde ich nicht, wie ein deutscher Dichter, der sich vor beinah zweihundert Jahren erschossen hat, vom "Gipfel der Frechheit und Arglist" sprechen, sondern voller Verständnis auf Ihre Bedürfnisse eingehen.
Dass die Macht mit Einsamkeit erkauft wird, ist Ihnen wohlbekannt, und es wundert mich nicht, dass Sie deshalb die Geselligkeit pflegen. Über die dünne Luft, die auf dem Gipfel herrscht, tröstet man sich leichter, wenn man sie unter seinesgleichen atmen darf. Es liegt mir ferne, Ihnen diese kleine Freude zu missgönnen.
Dennoch erlaube ich mir, Sie auf einige Details hinzuweisen, die Ihnen vielleicht entgangen sind. Ihre häufigen Spitzengespräche bringen nämlich einige unerwünschte Nebeneffekte mit sich. Damit meine ich in erster Linie die Vertreibung der Zivilbevölkerung. Es schmerzt mich, dies zu sagen, aber Sie treten, sicher ohne dass Sie es bemerken, wie eine Besatzungsmacht auf. Während Sie endlose Sitzungen, Ansprachen und Galadiners über sich ergehen lassen müssen, wird vor der Tür ein Ausnahmezustand verhängt, der sich nur schwer mit den Garantien unserer Verfassung vereinbaren lässt. Zehntausende von Bewaffneten stehen vor Ihnen stramm. Es werden Straßensperren errichtet und Ausgangsverbote erlassen. Der öffentliche Raum ist enteignet. Weiträumige Demonstrationsverbote, lückenlose Überwachung, vorbeugende Verhaftungen sind, schon lange bevor Ihre Hubschrauber eintreffen, nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Nicht nur legen derartige Veranstaltungen ganze Millionenstädte lahm; auch friedliche Dörfer werden routinemäßig in den Belagerungszustand versetzt. Erinnerungen an Krieg und Diktatur werden wach, was bei Zartfühlenden zu allerlei Missverständnissen führen kann.
Nun ist freilich nicht ganz klar, wer sich in der misslicheren Lage befindet: Sie, meine Damen und Herren, als die Ein- oder der Rest der Menschheit als die Ausgesperrten. Gewiss haben Sie persönlich keine Beschädigungen durch Wasserwerfer oder Schlagstöcke zu befürchten, ja man tut sogar alles, um Ihr Wohlbefinden zu garantieren. Dennoch frage ich mich, ob es angenehm ist, mehrere Tage in einem Gefangenenlager, mag es auch noch so luxuriös ausgestattet sein, zu verbringen. Sie sehen, dass es mir nicht an Mitgefühl für Ihre prekäre Situation fehlt.
Sie werden einwenden, dass Sie wegen der Gefahren, die Ihr Gipfelsturm mit sich bringt, gar keine andere Wahl haben. Schließlich wäre es bedauerlich, wenn Ihnen etwas zustieße; eine Gesellschaft, die ohne Ihre Bemühungen auskäme, kann sich ja gar niemand vorstellen. Jedoch möchte ich Ihnen zu bedenken geben, dass Sie die Sicherheitsrisiken, mit denen Sie zu kämpfen haben, selber herbeiführen. Nicht nur Sie nämlich fühlen sich bedroht, sondern auch diejenigen, deren Bestes Sie wollen. Ich meine damit die restliche Bevölkerung, eine, wie ich meine, nicht unerhebliche Majorität. Sie können sich gar nicht vorstellen, welchen Missmut, welche Abneigung Sie durch Ihren beschwerlichen Gang auf den Gipfel bei diesen Menschen erzeugen.
Und was die von Ihnen zu Recht gefürchtete "gewaltbereite Minderheit" betrifft, so sind es Sie selber, die sie anlocken und ihr für ihre Auftritte eine unwiderstehliche Bühne verschaffen - so geschehen in Genua, Göteborg, Seattle und an vielen anderen Orten. Straßenschlachten, Molotow-Cocktails, Brandanschläge und Übergriffe der Polizei, bei denen es gelegentlich auch zu Todesfällen kommt, sorgen für unwillkommene Schlagzeilen und Fernsehbilder, die ganz dazu angetan sind, Ihren guten Ruf zu beeinträchtigen.
Ich erlaube mir ferner, Sie auf eine Weiterung hinzuweisen, die Sie vielleicht nicht bedacht haben. Das ist der Ansteckungseffekt, den Sie, vermutlich ohne es zu wollen, durch Ihre Versammlungen erzielen. Deren enorme Wichtigkeit nämlich lässt andere nicht ruhen, und so kommt es zu einer Inflation von Gipfeln. Nicht nur Sie, die hochrangigen Vertreter der G 8, finden sich ja zu regelmäßigen Beratungen auf höchster Ebene ein, sondern auch Nachahmungstäter aller Art. Ich meine damit nicht Ihre Kollegen von der G 4, G 6, G 7, G 10, G 12 oder G 20, sondern die Vereinten Nationen, die Europäische Union, die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds, die OSZE, die WTO, die Nato, die Seato, die OAS, die OAU, die Asean, das IOC, die Sicherheitskonferenz, das World Economic Forum und die unzähligen Untergliederungen der Vereinten Nationen. Überall, wohin man blickt, bemühen sich vermeintliche Masters of the Universe, es
Ihnen gleichzutun. Ein ganzes Hochgebirgspanorama von Gipfeln hat sich da aufgetan, und nicht nur die Polizisten, die für dieses alpinistische Gedrängel benötigt werden, können einem leid tun. Es ist absehbar, dass auch die Hersteller von Konservendosen, die Klaviervirtuosen und die Diätberater auf die Dauer nicht auf weltweit organisierte Gipfeltreffen verzichten wollen; denn wie schon der deutsche Philosoph Christian Wolff in seinen "Vernünftigen Gedanken von der Menschen Thun und Lassen" (1720) schrieb, gibt es viel mehr Leute, als man glaubt, die "in allem den grösten Gipffel der Vollkommenheit erreichet zu haben vermeinen". Sämtliche Gewerkschafts- und Sportfunktionäre führen ja längst tagaus, tagein Spitzengespräche, und die Fifa, der Weltfußballverband, genießt schon seit geraumer Zeit bei ihren Tagungen die Privilegien, mit denen Sie, sehr geehrte Gäste, leben müssen.
Glauben Sie mir, ich meine es gut mit Ihnen; denn Sie öden mit Ihren Veranstaltungen nicht nur die Bevölkerung an, Sie schaden auch sich selber. Wie die Geschichte lehrt, sind Okkupanten unbeliebt, und Sie legen doch gewiss Wert auf die Wertschätzung Ihrer Mitmenschen. Mein Rat wäre deshalb: Treiben Sie es nicht auf die Spitze!
Damit will ich Ihnen nicht die Freude an der Geselligkeit verleiden. Ich verstehe sehr wohl, dass Sie ab und zu ganz unter sich sein möchten. Der Realitätsverlust, der mit Ihrer Isolation verbunden ist, lässt sich gewiss verschmerzen. Ich erlaube mir deshalb einen Vorschlag zur Güte, der alle Beteiligten zufriedenstellen könnte.
Ein Blick in den Weltatlas zeigt, dass es in vielen Regionen, wie in der Karibik oder im Stillen Ozean, abgelegene Inseln gibt, kleine Paradiese, die Exklusivität und ein unbeschwertes Beisammensein ermöglichen können. Drei solcher Zufluchtsorte würden, wenn sie sorgfältig ausgewählt sind, genügen, um Ihre berechtigten Wünsche zu erfüllen. Für eigene Landebahnen, klimatisierte Suiten und eine gut durchleuchtete Dienerschaft ließe sich sorgen. Eine solche Lösung wäre für verarmte Inselstaaten ein Segen, um nicht zu sagen: ein Beispiel wirksamer Entwicklungshilfe. Arbeitsplätze, Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Genesung - das alles könnte nicht ausbleiben, und gewiss ließe sich auch ein exterritorialer Status leicht vereinbaren, so dass Sie auf etwaige Verfassungsprobleme keine Rücksicht zu nehmen brauchten.
Auch Ihr Sicherheitsbedürfnis wäre an solchen Orten leicht zu stillen. Ein Überwachungssatellit, eine Batterie erprobter Abwehrraketen, eine Staffel von Kampfflugzeugen und ein paar Kriegsschiffe zu stationieren dürfte nicht schwerfallen.
Etwaige Bedenken wegen der Kosten, die ein solches Arrangement verursachen würde, kann ich zerstreuen. Nicht nur die 16 000 Polizisten, die derzeit für Sie aufgeboten werden, ließen sich auf diese Weise einsparen. Und während Ihre bevorstehenden Gespräche mit hundert Millionen Euro zu Buche schlagen, obwohl der Ort des Geschehens nur einmal und nur für ein paar Tage zur Verfügung steht, blieben Ihnen die drei Inselfestungen, die ich vorschlage, für lange Zeit erhalten, so dass der Aufenthalt dort den Stammgästen bald zu einer lieben Gewohnheit würde. Um die Rentabilität zu steigern, könnten Sie diese privaten Refugien bei Leerstand an andere, wenn auch weniger bedeutende, so doch zahlungsfähige Spitzenkräfte vermieten. Für den Fall aber, dass Ihre Gipfel-Inseln dennoch rote Zahlen schreiben sollten - ich bin sicher, dass jeder von uns bereit sein wird, ein Scherflein beizutragen, wenn er dafür die Gewissheit haben darf, dass Sie uns in Zukunft mit Ihren Besuchen verschonen.
Von Enzensberger, Hans Magnus

DER SPIEGEL 22/2007
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