26.05.2007

ZEITGESCHICHTE

Ein satanischer Feigling

Von Matussek, Matthias und Smoltczyk, Alexander

Dramatiker Rolf Hochhuth über die neuen Kontroversen zu seinem Papst-Stück "Der Stellvertreter" und Pius XII.

SPIEGEL: Herr Hochhuth, Ihr "Stellvertreter" ist das einzige Drama, das auch im Himmel Wirkung hatte. Ihr Porträt eines kaltherzigen, zum Holocaust schweigenden Papstes Pius XII. hat sicherlich dazu beigetragen, dass er bislang nicht seliggesprochen wurde. Inzwischen ist die Geschichtsschreibung deutlich milder. Zeit, Ihr Pius-Bild zu revidieren?

Hochhuth: Höchste Zeit. Ich habe 1958/60 nicht gewusst, was Pius XII. für ein genuin schlechter Mensch war. Sonst hätte ich das Stück gar nicht schreiben können, hätte eine solche Unfigur auf die Bühne stellen müssen, dass es unspielbar geworden wäre. Vor zwei Jahren kam heraus, dass Pius 1946 in einem Ukas an die Nuntiaturen der von den Nazis befreiten Länder verboten haben soll, Judenkinder herauszugeben, die von ihren Eltern in Klöstern in Sicherheit gebracht worden waren.

SPIEGEL: Nun ist aber ein zweiter Ukas zur gleichen Angelegenheit aufgetaucht, der Pius XII. erheblich entlastet.

Hochhuth: Das ist nicht alles. Erst jetzt auch habe ich erfahren, dass Pius XII. in einer Geheimrede vor dem Kardinalskollegium vom "halsstarrigen Volk" der Juden und von "Gottesmördern" sprach. 1942, im Jahr der Wannseekonferenz. Diese Herzlosigkeit war mir bis dahin neu.

SPIEGEL: Sie meinen die Weihnachts-Allokution 1942. Der Papst sprach von den Tränen Jesu "beim Anblick Jerusalems, das seiner Einladung und seiner Gnade mit starrer Verblendung und hartnäckiger Verleugnung entgegentrat, die es auf dem Weg der Schuld bis hin zum Gottesmord geführt hat". Das war eine Kritik an den gottesfernen Kriegstreibern und Mördern seiner Zeit.

Hochhuth: Keineswegs. Pius hat nicht "Kriegstreiber und Mörder" gemeint, sondern zitiert das Neue Testament - ein sehr antisemitisches Werk, das die Juden Gottesmörder nennt. Für mein Stück war allein relevant, was hat der Vatikan öffentlich zur Judentötung gesagt. Keine Silbe hat er gesagt.

SPIEGEL: Piscator schreibt in seinem Vorwort zum "Stellvertreter", Sie hätten mehrjährige, ausführliche historische Recherchen angestellt. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Hochhuth: Ab Spätherbst 1958, dann ab September 1959 in Rom.

SPIEGEL: Sie hatten, damals Lesering-Lektor, zum 50. Todestag Wilhelm Buschs eine Gesamtausgabe herausgegeben. Zum Dank bekamen Sie von Verlagschef Mohn drei Monate Ferien.

Hochhuth: Ich verbrachte den geschenkten Urlaub mit meiner Frau in Rom - der "Stellvertreter" entstand meist auf dem Dach der Peterskirche.

SPIEGEL: Wie kamen Sie als Protestant darauf, ein Papst-Stück zu schreiben?

Hochhuth: Nicht als Protestant, sondern als Deutscher, der 1945 in einer US-Wochenschau gesehen hatte, wie Eisenhower im KZ Buchenwald weinen musste. Das hat mich zeitlebens für die Amerikaner eingenommen. Ich wollte wissen: Was hat derjenige eigentlich gesagt, der sich selbst für den Stellvertreter Christi hält?

SPIEGEL: Die Archivmaterialien waren damals nicht zugänglich und bis in die achtziger Jahre hinein ungeordnet wie eine Altpapierdeponie. Woher hatten Sie Ihre Insider-Informationen aus dem Vatikan?

Hochhuth: Ich hatte keine einzige, brauchte auch keine. Selbst Montini, dann Paul VI., hat nie behauptet, ich hätte die Unwahrheit gesagt. Er schrieb: "Ein Protest vor aller Welt, den nicht ausgesprochen zu haben man dem Papst vorwirft, wäre nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich gewesen; das ist alles." Ich musste aber sichergehen, dass es nicht doch irgendwo ein Geheimpapier, eine Notiz über ein Telefonat der Kurie oder des Papstes mit der Reichsregierung gäbe, das Juden erwähnt. So freundete ich mich an mit einem deutschen Mitglied des Staatssekretariats ...

SPIEGEL: ... mit Bruno Wüstenberg, einem notorischen Pius-Gegner.

Hochhuth: Ich nenne keine Informanten.

SPIEGEL: Im Januar berichtete ein ehemaliger rumänischer Geheimdienstgeneral, der 1978 in die USA übergelaufene Ion Mihai Pacepa, Sie seien einer Desinformationskampagne des KGB und seines Dienstes aufgesessen und hätten, unwissentlich, gefälschte Dokumente für Ihren historischen Anhang verwendet.

Hochhuth: Mein Stück beruht nicht auf einem Dokument oder einer Information, sondern auf dem Schweigen des Papstes zum Holocaust. Stalin war zweifellos genial, doch dass er sogar fertiggebracht habe, zugunsten Hitlers dem Pacelli den Mund zu verbieten - das kann sich nur ein Hochstapler ausdenken, der sich dem Westen als angeblich rumänischer Geheimdienstchef anbietet.

SPIEGEL: Hatten Sie Dokumente, hinter denen östliche Dienste hätten stecken können?

Hochhuth: Warum hätten die östlichen Geheimdienste ihre Papiere einem jungen Mann in Gütersloh zustecken sollen, der noch nie zuvor ein Wort publiziert hatte? Das ist absurd.

SPIEGEL: Im SPIEGEL schrieben Sie vor einigen Jahren, es hätte nie ein entlastendes Dokument zu Pius XII. gegeben. Nun haben sowohl das Vatikanische Geheimarchiv seine Bestände bis zum Jahr 1939 zugänglich gemacht als auch diverse Stasi- und Nuntiaturarchive. Darin zeigt Pius XII. sich nicht unbedingt als eiskalter Potentat. In einer Rede vor dem Kardinalskollegium geißelt er den Nazismus etwa als "satanisches Gespenst". Die Alliierten warfen die Enzyklika "Summi pontificatus" von 1939 über Deutschland ab. Doch wohl nicht, weil nichts darin gestanden hätte?

Hochhuth: Die Juden hat er nicht öffentlich genannt, nie. Was er geheim sagte, ist hier völlig irrelevant.

SPIEGEL: Unter den Bedingungen einer Diktatur, wir kennen das aus den sechziger Jahren in der DDR, ist so eine Bezeichnung wie Feuer. Auch seine Zeitgenossen haben es offenbar verstanden. Sonst hätte die "New York Times" nicht über die Enzyklika unter der Überschrift berichtet: "Papst verdammt Diktatoren, Vertragsbrecher, Rassismus".

Hochhuth: Warum hätte die maßgebende Zeitung der USA die Katholiken nicht gegen Hitler aufputschen sollen?

SPIEGEL: Würden Sie heute noch sagen, der Vatikan sei die einzige Instanz gewesen, die Hitler nach dem Kriegseintritt der USA noch respektiert habe? Hitler hat niemanden und nichts respektiert.

Hochhuth: Andere haben nicht geschwiegen, wie etwa der todesmutige Bischof Galen aus Münster. Er war nicht eine Stunde in Haft wegen seiner Brandpredigten.

SPIEGEL: Auch Galen hat kein Wort zu den Juden gesagt. Sein Protest galt der Tötung behinderter Menschen.

Hochhuth: Natürlich gibt es zahllose Hinweise, dass die Kirche Gegnerin der Nazis war, abgesehen vielleicht von den frühen Jahren. Aber die Generation von Hannah Arendt oder Erwin Piscator konnte Eugenio Pacelli, dem späteren Papst, nicht verzeihen, dass er als Nuntius das Konkordat mit Hitler geschlossen hat.

SPIEGEL: Sie legen gewaltige Maßstäbe für das Verhalten in den vierziger Jahren an. Der Vatikan war eine 44-Hektar-Insel in einem Meer des Faschismus und des Nationalsozialismus, bewacht von einer Handvoll Schweizergardisten.

Hochhuth: Er war die einzige in allen Lagern aufs Höchste respektierte geistige Weltmacht. Und deshalb war Baron Weizsäcker, Hitlers Vatikan-Botschafter, so erleichtert, dass Pius den Mund hielt. 3000 katholische Priester wurden in Polen ermordet, ohne dass ihr "Vater" nur einmal Hitler darauf ansprach. Er war ein satanischer Feigling.

SPIEGEL: Sie haben geschrieben, der Vatikan hätte die ungarischen Juden im Stich gelassen. Inzwischen ist bekannt, dass der Nuntius in Budapest des Öfteren beim Horthy-Regime intervenierte. Natürlich nicht öffentlich. Aber ist Handeln nicht besser als Reden, aus Sicht der Opfer?

Hochhuth: Ich habe niemals behauptet, ortsansässige Geistliche hätten nicht zuweilen etwas unternommen. Doch der Papst hätte seinem Konkordatspartner Hitler sagen können: Ich werde meinen Glaubensbrüdern in Ungarn Anweisung erteilen, den Juden Schutz zu gewähren. Die ungarischen Juden sind von treuen Söhnen der Kirche, von Katholiken, in Fußmärschen nach Auschwitz getrieben worden.

SPIEGEL: Der Oberrabbiner von Rom nahm aus Dank Pacellis Vornamen Eugenio an und ließ sich taufen. Wieso wurde Pius XII. bei seinem Tod von Israels späterer Ministerpräsidentin Golda Meïr überschwänglich gelobt?

Hochhuth: Dank ihrer totalen Unkenntnis.

SPIEGEL: Offenbar hatten die Zeitgenossen ein ganz anderes Bild von ihm. Der jüdische Theologe Pinchas Lapide hat geschätzt, Pius XII. habe durch seine Diplomatie 700 000 bis 860 000 Juden vor dem Holocaust gerettet.

Hochhuth: Lapide belegt seine Schätzung nicht. Was kann man einem Juden glauben, noch dazu einem Theologen, der erlebt hat, wie sein Volk, auch dank des Schweigens des Heiligen Vaters, ausgerottet wurde - und der doch überlief zur Vatikan-Kirche?

SPIEGEL: Piscator nannte Sie einen Bekenner in einer Welt des Schweigens. Sie schrieben über Filbinger, Ärzteskandale, Churchill, Wessis im Osten. Fühlen Sie sich wohl in dieser Rolle als Bekenner?

Hochhuth: Ich war nie Bekenner, sondern Chronist - ich habe doch gar kein Bekenntnis. Ich finde auch das Wort von Piscator so kurz nach dem Krieg unzutreffend, denn es war damals keine bekennerlose Welt. Auch ist es falsch anzunehmen, ich hätte eine politische Richtung. Spätestens seit der IG-Metall-Chef Zwickel auf der gleichen Anklagebank wie der Bankier Ackermann saß, gibt es ohnehin kein rechts oder links mehr.

SPIEGEL: Sie sind ein Überzeugungstäter. Sie haben uns gerade ein Sonett über die Pendlerpauschale geschickt.

Hochhuth: Das Wort Überzeugungstäter empfinde ich als Ritterschlag. Unrecht bringt mich auf die Palme und an den Schreibtisch.

SPIEGEL: Woran arbeiten Sie gerade?

Hochhuth: An einem Stück über die Ermordung Alfred Herrhausens.

SPIEGEL: Ihre These?

Hochhuth: Der Tod von jemandem, der den Schuldennachlass in der Dritten Welt betrieb, kam den Amerikanern jedenfalls nicht ungelegen.

INTERVIEW: MATTHIAS MATUSSEK,

ALEXANDER SMOLTCZYK

Rolf Hochhuth

löste als junger Dramatiker mit seinem Erstling "Der Stellvertreter" 1963 den größten und bis dahin weitreichendsten Skandal des deutschen Theaters aus. In dem von Erwin Piscator in Berlin uraufgeführten Stück klagt der Dramatiker - in der Manier der Schillerschen Gewissensdramen - Papst Pius XII. an, zum Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg geschwiegen zu haben. Manche Historiker, auch der Vatikan, sehen Pius XII. dagegen als besorgten Kirchenführer, der intensiver Anteil am Schicksal der Juden genommen habe, als es in Hochhuths Stück geschildert wird. Nun bestätigte die für Seligsprechungen zuständige Kongregation des Vatikans ihre Absicht, Papst Pius XII. seligsprechen zu lassen. Gegen die kürzlich von der "Frankfurter Allgemeinen" kolportierte Vermutung, dass Hochhuth vom KGB mit gefälschten Dokumenten über Pius XII. beliefert worden sei, verwahrt sich der Dramatiker. Nicht nur mit "Der Stellvertreter" sorgte Hochhuths Dokumentartheater für Wirbel - ebenso kontrovers wurden zahlreiche weitere Stücke des Dramatikers aufgenommen, etwa über Winston Churchill ("Soldaten") oder den badenwürttembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger ("Juristen"). Hochhuth, 76, lebt als freier Schriftsteller in Berlin und ist über die Ilse-Holzapfel-Stiftung Miteigentümer am Berliner Ensemble am Schiffbauer Damm, der Bühne, an der einst Bertolt Brecht wirkte.



DER SPIEGEL 22/2007
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