04.06.2007

DEMOGRAFIEGeld oder Liebe

Dem Osten laufen die Frauen davon - nicht nur wegen der Karriere, die sie im Westen machen können. Viele suchen auch den Mann, der ihren Ehrgeiz teilt und den sie im Osten nicht finden.
Juliane Repsch will weg. Nur noch zwei Monate bis Bremen, zwei Monate bis zur ersten eigenen Bude, 36 Quadratmeter groß, in einer Stadt, "lebensfroh, bunt und groß". Einer Stadt, die so alles hat, worauf sie sich freut. Und so gar nichts von Prenzlau in der Uckermark, 21 000 Einwohner, ihrer Heimat.
In Bremen wird Repsch, 19, als Azubi in einer Bank anfangen. Sie hat nicht mal versucht, in Prenzlau eine Lehrstelle zu finden, ihr war gleich klar gewesen, dass es der Westen sein musste. Wie bei fast allen ihren Freundinnen. "Prenzlau ist ja nicht so schlecht, aber nichts für Menschen, die etwas erreichen wollen in ihrem Leben."
Damit verliert Ostdeutschland also wieder ein paar Einwohner, und glaubt man der Studie, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der vergangenen Woche vorgelegt hat, dann ist es für den Osten der klassische Fall: Die Frauen laufen weg. Zurück bleiben Männer, und darunter zu viele von denen, die auch so schon zurückgeblieben sind: ohne Schulabschluss, ohne Job, jetzt auch noch ohne Frau.
Für die Regierungen in den neuen Ländern war der Befund der vorigen Woche keine Überraschung. Er deckt sich mit ihren demografischen Untersuchungen, außerdem mit der selbstironischen Betrachtung der noch ausharrenden Bürger, die schon früher das Kürzel DDR gern mit "Der Doofe Rest" übersetzten. Doch erstmals hat die Studie die Gründe gebündelt, warum zwischen 1991 und 2005 rund 400 000 Frauen unter 30 Jahren den Osten verlassen haben, aber nur 273 000 Männer.
Der Niedergang des Ostens lässt sich nicht nur als makroökonomische Fehlfunktion erklären. Die Krise ist auch eine Frau/Mann-Geschichte: mit der Frau, die ausbricht, weil sie mehr will vom Leben, auf eigenen Beinen stehen, einen Mann finden, der so hohe Ansprüche hat wie sie selbst. Und von einem Mann, der bleiben will, wie er ist, was er ist, wo er ist. Deshalb lässt ihn Frau Ost sitzen, geht in den glitzernden Westen, schnappt sich Mister Right, bekommt 1,34 Kinder und kehrt nie wieder zurück. Mann Ost dagegen bleibt einsam und kinderlos, ergibt sich seinem Selbstmitleid und einer Arbeitslosenquote, die vielerorts zweistellig ist.
Multipliziert mit zigtausend Fällen ist diese simple Frau/Mann-Geschichte heute zu einer Existenzfrage für den ganzen Osten geworden. Nirgendwo in Europa, nicht mal am finnischen Polarkreis, flüchtet der Studie zufolge ein so hoher Anteil Frauen aus der Heimat; nirgendwo sind die Männer deshalb so in der Überzahl wie hier. 100 000 Kinder hat der Osten zwischen 1995 und 2005 verloren, weil Ost-Frauen sie im Westen bekommen haben; jenseits der wenigen Leuchtturmregionen wie Dresden, Leipzig oder Jena fehlen zumeist mehr als 15 Prozent junger Frauen. Die Folgen, wie sie Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, nüchtern erklärt: Die Ost-Bevölkerung schrumpft unaufhaltsam, übrig bleiben junge Männer ohne Perspektive, eine neue Unterschicht, noch dazu empfänglich für die Hetze rechtsextremer Parteien.
Weiblich, aufgeweckt, weggegangen: Das gilt auch für Dana S., 30 Jahre alt, aus Sachsen. 1995 machte sie in Dresden ihr Abitur - Mathematik 1, Notendurchschnitt 2,1. Nach neun Semestern schloss sie im Jahr 2000 ihr Informatikstudium an der TU Dresden ab, Spezialgebiet Rechennetze und Datenbanken; für ihre Einser-Diplomarbeit entwickelte sie ein Simulationsprogramm für Mobilfunknetze. Dana S. brachte deshalb für den Beruf genau das mit, was für junge Frauen aus dem Osten typisch ist, nicht aber für junge Männer: eine hervorragende Ausbildung.
Zwar gelten Mädchen in ganz Deutschland als die besseren Schüler, im Osten ist der Vorsprung aber noch größer: 58 Prozent der Abiturienten waren hier 2005 Mädchen, bei den Hauptschülern kamen sie dagegen nur auf knapp 40 Prozent. Institutsdirektor Klingholz vermutet, dass auch der hohe Frauenanteil in ostdeutschen Lehrerkollegien für die Entwicklung verantwortlich ist - den Jungen fehlten vielleicht die Vorbilder. Fest steht für ihn aber, dass die besseren Zeugnisse beim Exodus der Mädchen die entscheidende Rolle spielen: "Man kann nur abwandern, wenn man was in der Birne hat."
Fünf Bewerbungen schrieb Dana S. für ihren ersten Job. Sie konnte sich die Stelle aussuchen und ging zum Düsseldorfer Mobilfunkanbieter Vodafone. Heute leitet sie dort ein Team mit bis zu 20 Mitarbeitern, führte kürzlich Kanzlerin Angela Merkel auf der Computermesse Cebit in Hannover die neueste Mobilfunktechnik vor. "Den Umzug in den Westen habe ich nie bereut", sagt sie, "es war die absolut richtige Entscheidung."
Dahinter steckt für den Bamberger Soziologieprofessor Hans-Peter Blossfeld auch ein Erbe der DDR - selbst bei Mädchen, die erst nach der Wende geboren
wurden. "Das System hat selbstbewusste, stark berufsorientierte Frauen produziert, und der Effekt hält bis heute an."
Auch Ina Kreiselmeier zählt zu diesen Arbeitsbienen: Abitur in Chemnitz, Ausbildung zur Europasekretärin, fit in Englisch, Französisch, Spanisch, dazu ein Bachelor-Studium in Bayreuth, heute in Stuttgart Vertriebsassistentin bei einer DaimlerChrysler-Tochter. "Die Berufschancen sind hier einfach viel größer" - den sächsischen Dialekt lässt sie kaum noch durchklingen, wenn sie so etwas sagt.
Warum aber gehen Jungen nicht? Viele von ihnen, so die Studie, glaubten immer noch, auf sie warte im Osten ein Malocherjob für ganze Kerle, etwa in der Schwerindustrie, der Landwirtschaft, auf dem Bau. Wenn sie endlich aufwachten, arbeitslos, in der zweiten Umschulung, merkten sie, dass es diese Jobs kaum noch gibt.
So gesehen ist David Mein, 18, der Cousin der Prenzlauer Abiturientin Repsch, mit einer Lehre zum Lackierer noch auf einem guten Weg. Sein Glück im Westen versuchen will er aber nicht: "Hier ist die Heimat, hier kennt man alles, hier hat man seine Freunde, seine Familie." Er findet es auch nicht langweilig, sich immer wieder mit denselben Freunden in denselben Wohnungen zu treffen, um sich dort "einen bunten Abend" zu machen. Und die Mädchen, die gehen und nicht mehr zurückkehren? "Ach, Mädchen", sagt David, "Mädchen findet man immer noch."
Wenn er sich da nur nicht täuscht. Die Firmenchefs aus dem Westen sind nämlich nicht die Einzigen, bei denen ein großer Teil der Jungen keine Chance mehr hat. Auch die ehrgeizigen Frauen aus dem Osten sagen mit freundlichen Grüßen ab: Hartz-IV-Kandidaten, die ihnen als Höhepunkt des Wochenendes einen TV-Abend mit Dosenbier bieten - nein danke.
So zog Belinda Hofer, 30, früher Luckau, Brandenburg, heute Leimen, Baden-Württemberg, nicht nur wegen der Karriere in den Westen. Hofer hatte nach der Schule zunächst eine Friseurlehre gemacht, sie schnitt im Osten Haare für 4,74 Euro die Stunde, eine Friseurin mit Abi, aber gehen wollte sie trotzdem nicht. Dann aber wechselte sie auf die Verwaltungsfachhochschule Berlin und lernte ihren Freund kennen. "Der war auf Zack, einfach positiver drauf als viele ostdeutsche Männer, einer, der das Leben anpackt, so wie ich."
Erst ging ihr Freund zurück in seine badische Heimat, dann fand sie 2006 selbst eine Stelle als Sachbearbeiterin in der Verwaltung der Uni Mannheim. Und da bleibt sie nun, Rückkehr unwahrscheinlich. Auch die Vodafone-Frau Dana S. hatte ihre Bewerbungen gezielt ins Rheinland geschickt - ihr damaliger Freund, ein Unternehmer aus dem Westen, wohnte dort schon.
Egal ob für Geld oder aus Liebe: Für die fünf ostdeutschen Länder ist die Lebensentscheidung der jungen Frauen eine Überlebensentscheidung - doch viel tun können die Landesregierungen nicht. "Ich verlange von niemandem, dass er aus Barmherzigkeit mir gegenüber im Land bleibt, wenn ich ihm hier keine Zukunftschance bieten kann", sagt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer.
Böhmer war schon mal mit dem blumigen Vorschlag aufgefallen, junge Männer aus Sachsen-Anhalt sollten ausschwärmen in alle Bundeslande, um Frauen zu freien und heimzuholen in ihr mutterarmes Mutterland. Ernsthafter setzt der Landesvater allerdings darauf, dass sich der Arbeitsmarkt in den neuen Ländern entspannt, eine Hoffnung, die sein Thüringer Amtskollege Dieter Althaus teilt. Unter den 300 Beschäftigten eines neuen Instandhaltungsbetriebs für Flugzeugtriebwerke in Arnstadt seien 60 Rückkehrer aus dem Westen. Darüber solle man doch lieber reden statt über "die Horrorszenarien".
In Brandenburg die gleiche Hoffnung, allerdings gemischt mit mehr Realismus: "So einen Abwanderungsprozess schaltet man nicht von einem Tag auf den anderen um", gibt der Chef der Staatskanzlei, Clemens Appel, zu. Möglicherweise könne man den Trend wenigstens bremsen, auch weil es bald genug Chancen im eigenen Land geben werde - 2015 sollen hier 200 000 Fachkräfte fehlen.
Chancen? Für Klingholz, Mitautor der Studie, steht dagegen fest, dass der Kampf um die eigenen Landeskinder in großen Teilen des Ostens verloren ist - für immer. "Die Peripherie blutet aus, das ist unumkehrbar", sagt er, und selbst die Zentren, in denen der Rückgang gestoppt sei, könnten wahrscheinlich nur mal kurz durchatmen: "Die profitieren von der Binnenwanderung im Osten, haben das Umland leergeräumt, aber das kann man auch nur einmal machen." Schon jetzt steckten viele Regionen in der Abwärtsspirale: weniger Menschen, weniger Geld für Infrastruktur, deshalb noch mehr Abwanderung, und immer so weiter.
Die gute Nachricht für den Osten kommt deshalb auch nicht von Klingholz, sondern vom Rostocker Demografieprofessor Rainer Dinkel: Schon im Jahr 2012 ziehen demnach in Mecklenburg-Vorpommern mehr Menschen zu als weg. Nur die Begründung stört: Dann gebe es nämlich so wenige junge Landeskinder, dass man auch kaum noch welche verlieren könne.
ANDREA BRANDT, JÜRGEN DAHLKAMP,
SIMONE KAISER, CORDULA MEYER,
CAROLINE SCHMIDT
Von Andrea Brandt, Jürgen Dahlkamp, Simone Kaiser, Cordula Meyer und Caroline Schmidt

DER SPIEGEL 23/2007
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