04.06.2007

ENERGIE Viel Geld für wenig Strom

Die hohe Förderung von Solarstrom ist paradoxerweise zum Hemmschuh für die weitere Entwicklung der Boom-Branche geworden. Jetzt will die Politik gegensteuern.
Ungläubig starrten die drei SPD-Bundestagsabgeordneten Marco Bülow, Dirk Becker und Axel Berg, allesamt Energieexperten, auf Jan Kai Dobelmann. Der 34-Jährige ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie. Ein Lobbyist also. Einer, der normalerweise versuchen sollte, für sein Anliegen, in diesem Fall die Förderung der Solarenergie, günstige Gesetze zu erwirken oder hohe Zuschüsse lockerzumachen.
Doch Dobelmanns eindringliches Credo war den Erwartungen der Parlamentarier diametral entgegengesetzt: "Die derzeitige Solarförderung ist viel zu hoch", sagte der Ingenieur in der vertraulichen Runde. Sie führe "zu einer Innovationsträgheit in der Solarbranche, die weder dem Klima nutzt noch dem Wirtschaftsstandort Deutschland".
Das saß. Doch dann kam auch noch Philippe Welter, Chef des Solar Verlags und Herausgeber der Branchenzeitschrift "Photon". Auch er ein Freund und Förderer der Sonnenenergie, auch er plädierte für eine drastische Senkung der sogenannten Einspeisevergütung, die über 20 Jahre läuft.
Der Manager rechnete vor, dass die Verbraucher alle bis 2010 installierten Anlagen in Deutschland mit bis zu 150 Milliarden Euro subventionieren würden, sollten sich die Fördersätze nicht deutlich verringern. Zwar verteile sich die gigantische Summe auf 23 Jahre - doch auch das ergibt, im Schnitt, rund sechs Milliarden Euro im Jahr. Laut Welter ist das "viel Geld für wenig Strom".
Denn: Die für Ende 2010 erwartete Gesamtleistung von rund 16 000 Megawatt entspricht - theoretisch - zwar etwa 16 Kernkraftwerken. Doch während die Atommeiler Tag und Nacht voll laufen, beträgt die Ausbeute einer Solaranlage nur etwa ein Achtel der maximalen Leistung.
Die Förderung ist in der Tat recht üppig: Wer 2007 eine Solaranlage auf sein Dach baut, erhält 20 Jahre lang 49 Cent für jede Kilowattstunde, die er in das deutsche Stromnetz einspeist. Das ist das Zehnfache dessen, was Strom kostet, wenn er mit Braunkohle gewonnen wird.
Klar: Der hohe Abnahmepreis war zunächst Auslöser für den beispiellosen Boom der Solarbranche in Deutschland (siehe Grafik). Enorme Kostensenkungen bei den Produzenten waren die Folge. Während jedes Watt Leistung 1998 in der Herstellung noch knapp zehn Euro kostete, sind es heute nur noch drei Euro - im Durchschnitt fallen die Kosten jedes Jahr um mehr als zehn Prozent, die Einspeisevergütung sinkt dagegen nur um fünf Prozent.
Auch wegen dieser Diskrepanz gehören Solarworld, Q-Cells und Ersol zu den renditestärksten Unternehmen am deutschen Aktienmarkt. Ihr Interesse, die Solarzellen billiger anzubieten, ist gering - denn wegen der hohen Förderung kaufen die Verbraucher die Anlagen noch immer.
Paradoxerweise könnte, so glauben zahlreiche Experten, die installierte Solarleistung in Deutschland viel stärker steigen, wenn der Garantiepreis für den Sonnenstrom reduziert würde. Denn dann müssten die Hersteller ihre Preise senken, die Margen würden schrumpfen - und die hohen Gewinne wären nur über höhere Absatzzahlen zu halten. Der dadurch eingeleitete Wettbewerb aber käme den Verbrauchern zugute.
Die Einspeisevergütung müsse bleiben, wie sie ist, fordern dagegen Vertreter und Lobbyisten der Solarunternehmen, schließlich brauchten sie eine hohe Rendite, um ihr Wachstum zu finanzieren und Anschlusskredite zu erhalten.
Für Verbandspräsident Dobelmann sind das die vorgeschobenen Argumente einer Branche, der es "sehr, sehr gutgeht". Er sieht hohe Potentiale, aber bei der derzeitigen Förderung wenig Anreiz, die Kosten weiter zu senken.
Dabei steht die Industrie vor enormen technologischen Neuerungen. Mit Dünnschichtmodulen lassen sich die Produktionskosten für ein Watt bereits auf unter einen Euro drücken. Die Etablierung dieser Technik sei ein riesiger Schritt hin zur echten Rentabilität der Solarenergie. Und auch andere Entwicklungen deuten darauf hin, dass Solarstrom viel schneller wirtschaftlich sein könnte als angenommen.
"Die hohe Einspeisevergütung ist zum Hemmschuh für weitere Innovationen geworden", klagt Dobelmann und warnt: "Wir laufen Gefahr, unsere Technologieführerschaft im Solarbereich zu verlieren." Welter dagegen sieht die Schäden der hohen Subvention eher im wirtschaftlichen Bereich: "Die enormen Summen, die sich hier auftürmen, werden sich in einigen Jahren massiv auf den Strompreis auswirken", sagt der "Photon"-Herausgeber.
Schon im Jahr 2010 dürften die vom Verbraucher getragenen Kosten für die Einspeisevergütung bei 5,4 Milliarden Euro liegen - und damit ein Drittel über dem vergleichbaren Wert für die Windenergie. Nur: Der Wind deckt dann 7,5 Prozent des deutschen Strombedarfs, die Sonne gerade mal 2,5 Prozent.
Die Bundestagsabgeordneten haben die Botschaft verstanden. Nach Ansicht von Axel Berg, dem stellvertretenden energiepolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, besteht Einigkeit darüber, dass die Förderung bei der Novelle des entsprechenden Gesetzes im Herbst gekürzt wird. "Wir wollen nicht, dass die Solarunternehmer so etwas werden wie die Scheichs in der arabischen Welt", sagt der Politiker, "oder wie die reichen Ölmagnaten in den USA." WOLFGANG REUTER
Von Reuter, Wolfgang

DER SPIEGEL 23/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.