04.06.2007

ZEITGESCHICHTENS-Akte eines Komikers

Karl Valentin gilt als einer der beliebtesten Komiker Deutschlands. Am Montag dieser Woche wird sein 125. Geburtstag gefeiert, zu diesem Anlass sind neue Bücher erschienen (SPIEGEL 20/2007). In einer neuen Biografie von Monika Dimpfl (dtv) wird - wie auch in älteren Biografien - ein Kapitel im Leben des Komikers nur beiläufig beachtet, nämlich Valentins Verhältnis zu den Nazis. Biografin Dimpfl zitiert in ihrem ansonsten gut recherchierten Buch vor allem Zeitgenossen Valentins, die dem Humoristen attestierten, "Angst, ja Panik" vor den Nazis gehabt zu haben. Valentin sei, so gibt Dimpfl den Schriftsteller Oskar Maria Graf wieder, "für keinerlei politischen Betrieb zu verwenden" gewesen. Die Akte Karl Valentins, die die Reichskulturkammer zwischen 1933 und 1945 anlegte und die im Berliner Bundesarchiv einzusehen ist, gibt genaueren Aufschluss über Valentins Verhältnis zur Diktatur. Daraus geht hervor, dass der Komiker in den zwölf Jahren Hitler-Herrschaft zwar tatsächlich eher Abstand hielt, dass er allerdings wiederholt versucht hat, NS-Behörden zu seinem Nutzen und zum Schaden anderer zu instrumentalisieren. Am 23. Oktober 1933 war Valentin pflichtgemäß Mitglied der Reichskulturkammer - Fachschaft Film - geworden, Briefe an die Behörde unterschrieb er wie üblich mit "Heil Hitler!" Ende 1934 gab ein NS-Beamter zu Protokoll, Valentin habe sich bei ihm über den Filmemacher Walter Jerven beschwert; es ging dabei um Finanzielles. Bei seiner Beschwerde habe Valentin allerdings auch durchblicken lassen, dass der richtige Name Jervens "Samuel Wucherpfennig" laute. Dieser Hinweis alarmierte den Beamten. Er bat daraufhin den Präsidenten der Reichsfilmkammer "festzustellen, ob die Behauptung von Karl Valentin zutreffend ist". Tatsächlich musste Walter Jerven alias Wucherpfennig sofort seinen Ariernachweis erbringen - was ihm innerhalb von vier Tagen auch gelang. Am 28. Dezember 1934 heißt es in einem Aktenvermerk über die "Beschwerde des Karl Valentin, München", Walter Jerven heiße nicht Samuel, sondern Wilhelm Wucherpfennig und habe seine arische Abstammung nachgewiesen - Valentins Denunziationsversuch war somit ins Leere gelaufen. Im Jahr 1936 nutzte Valentin die Behörden nochmals. Diesmal lag er im Clinch mit dem - nichtjüdischen - Regisseur Erich Engels, an den er sich vertraglich gebunden hatte. In einem larmoyanten Schreiben bat er den für ihn zuständigen Vertreter bei der Reichsfachschaft Film, ihm zu helfen, aus den Verträgen herauszukommen ("Ihrer gefl. Rückäußerung entgegensehend, verbleibe ich mit Heil Hitler! Karl Valentin"). Als er damit keinen Erfolg hatte, wandte er sich, laut Aktenvermerk, gleich an den "Stellvertreter des Führers", also an Rudolf Heß. Das half sofort. Valentin musste zwar weiter mit Engels filmen, aber aus der Behörde hieß es, dass auf Valentins "besonders sensible Natur" Rücksicht zu nehmen sei, damit es nicht wieder zu "nervösen Störungen" komme. Karl Valentin, der Unpolitische? Ganz so, wie die Biografen es wollen, war es offenbar nicht. Valentin konnte sehr durchtrieben sein. Auf der Bühne, im Leben und auch als kulturpolitischer Akteur.

DER SPIEGEL 23/2007
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