DER SPIEGEL



AUSSTELLUNGEN

Straße zum Weltwunder

Von Knöfel, Ulrike

Die aktuelle Documenta in Kassel stellt einmalig hohe Ansprüche - an das Publikum, aber vor allem an sich selbst. Wird die zwölfte Ausgabe seit 1955 dem legendären Ruf dieser Veranstaltung gerecht? Ein erster Blick auf die Ausstellung.

Zehn Jahre hat es nach Kriegsende gedauert, bis die Deutschen die Kunst der Moderne neu entdeckten. Das Land der Dichter, Denker und Maler - durch die Diktatur entwöhnt und verbogen - besann sich wieder auf die Kraft der Avantgarde, vor allem der Abstraktion.

Es war ein Experiment in Ruinen. In Kassel, im Krieg weitgehend zerstört, eröffnete 1955 eine Ausstellung namens Documenta. Aus dieser Vision des Museums auf Zeit wurde eine weltbekannte Institution. Seit 1972, damals lief bereits die fünfte Documenta, breitet sie sich alle fünf Jahre aus. Immer dann ist Kassel Machtzentrum der Kunst.

Happenings und Konzeptkunst, mystische Erneuerung durch Joseph Beuys, Malerei aus der DDR und Videokunst in der Endlosschleife - alles, was gerade als provokant oder progressiv galt: Hier war es zu sehen.

Das Publikum lernte, staunte, härtete sich ab und wurde immer größer. Im Jahr 2002 kamen 650 000 Gäste.

Mit jedem neuen Durchgang wachsen die Erwartungen. Die zwölfte, von Roger Buergel geleitete Ausgabe, die Mitte Juni beginnt, müsste demnach mindestens ein Weltwunder sein. Das Wunder jeder Documenta soll ja darin bestehen, die Massen zu begeistern, ohne selbst dem Massengeschmack zu verfallen. Die Auflösung dieses Widerspruchs fordert im Jahr 2007 mehr denn je heraus.

Buergel, 44, vormals freier Ausstellungsmacher, war bis zur Berufung nach Kassel ein weitgehend Unbekannter. Nun, kurz vor dem Start, wirkt er ein wenig übernächtigt, aber kampfeslustig.

Er muss es mit vielen aufnehmen, mit den üblichen Skeptikern und den zahllosen Konkurrenzschauen des Sommers. Herausragender Szene-Hotspot neben Kassel ist die Biennale von Venedig, dieses stets glamourös aufgezogene Treffen der Kunstnationen. Für Deutschland tritt dort Isa Genzken an (siehe Interview Seite 179).

Im Vorfeld der neuen Documenta wurde - ungewohnt - viel über Schönheit und Sinnlichkeit gesprochen, was aber nicht heißt, dass Buergel es dem Betrachter leicht macht.

Zusätzlich zu den musealen Quartieren (Museum Fridericianum, Documenta-Halle, Schloss Wilhelmshöhe und Neue Galerie) entstand im Park der Karlsaue ein Pavillondorf aus umfunktionierten Gewächshäusern. Drinnen fällt der eigens geteerte Belag auf, eine profane Asphaltstraße zur Kunst. Klingt weniger schön? Genau. Dafür wurde das Museum Fridericianum innen zum edlen Schaukasten zurücksaniert.

Ganz sicher ist diese Documenta ein Wechselbad der Eindrücke - und aufmüpfige Umdeutung der Moderne. Buergel dehnt im Zuge seiner ganz eigenen Globalisierung den Radius der Kunstwelt in Raum und Zeit aus, er definiert den Begriff des Zeitgenössischen neu. Aktuell ist bei ihm auch Uraltes. Relevant kann sein, wofür sich bislang kein Kunsthistoriker, kein Galerist interessierte.

Das heißt erst einmal, es gibt viel zu betrachten: persische Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert; chinesische Tempel, 1001 eigens eingeflogene Chinesen und dazu 1001 chinesische Stühle; minimalistische Skulpturen aus Kalifornien; einen Container mit Kunst aus Russland; Reisfelder, eine Giraffe; ein Pop-Parlament aus E-Gitarren.

Zur neuen Vielfalt gehört es, alle künstlerischen Medien vorkommen zu lassen. Die vergangene Documenta galt als videolastig. Jetzt sind Filme eine Gattung unter mehreren - wenngleich das Video des Iren

James Coleman eines der teuersten Werke dieser Documenta ist. Zum Ausgleich gibt es dunkle Gemälde mit Gesichtern wie die von Monika Baer, sehr groß, sehr poetisch.

Und: Viele Konfliktherde sind vertreten. Dafür sorgt im Pavillon schon die kongolesische Malerin und Schriftstellerin Bill Kouélany. Sie hat auf eine künstliche Mauerruine Zeitungsberichte geklebt, die das Elend der Welt behandeln (Artikel über die Documenta lustigerweise eingeschlossen). Die Mauer selbst ist Symbol der Teilung. Geteilte Länder, geteilte Orte bilden eines der vielen Unterthemen der Schau. Urbanisierung heißt ein weiteres.

Buergel gibt sich wie seine direkten Vorgänger sendungsbewusst auf der Frequenz von Welt- und Gesellschaftskritik. Daher Fotos aus dem Niger-Delta, wo Großkonzerne die Ölvorkommen ausbeuten, daher ein Beet der Wienerin Ines Doujak mit (noch mickrigen) Pflanzen, das auf Bio-Piraterie verweist. Der Deutsche Andreas Siekmann hat ein Karussell der "Ausgeschlossenen" aufgestellt.

Und da ist das Boot, das der Künstler Romuald Hazoumé aus Benin gebaut hat. Eine Flucht aus der afrikanischen Hölle würde damit scheitern. Die Form wirkt traditionell, doch das Boot besteht nicht aus Holz, sondern aus Ölkanistern, und es ist löchrig, eben nicht seetauglich.

Dass gute Kunst von Inhalten lebt, von Inhaltsschwere geradezu, ist aber nur eine Schlussfolgerung der Schau. Der neue Kunstkanon aus Kassel setzt dann doch auf die Magie einer bestechenden Ästhetik. Ob sie gefällt oder irritiert, ist eine andere Frage. Die Gemälde von Dierk Schmidt etwa sind halbabstrakte Kommentare zur Kongo-Konferenz, einprägsam trotz des blassen Orangetons. Die Documenta, die in ihren ersten Jahren Kunststile (vor allem abstrakte) und später Inhalte (vor allem politische) und selten beides zugleich in den Vordergrund stellte, lässt diesmal das eine nicht ohne das andere gelten.

Ambitioniert, wie man als Leiter der Documenta nun mal sein sollte, will Buergel gleich die Geschichte der Ästhetik neu schreiben. Von einer "Migration der Form" spricht er und versteht darunter eine zeit- und länderübergreifende Verwandtschaft der ästhetischen Vorlieben. Seine These lautet, dass nicht nur Menschen, sondern "auch Formen von einem Kulturbereich in den anderen migrieren".

Das ist nicht zu verwechseln mit der Begeisterung fürs Exotische, der einst auch die Expressionisten erlagen, als sie afrikanische Kunst im Völkerkundemuseum für sich entdeckten und sich deutlich inspirieren ließen. Es geht um die stille, unbewusste Übernahme, auch um zufällige Korrespondenzen.

Gibt es diese Verbrüderung im Ästhetischen tatsächlich? Wie nah sind sich die Masken aus Benin, die ursprünglich auch mal Ölkanister waren, und der Wandbehang der deutschen Künstlerin Cosima von Bonin, ein Patchwork aus feinem Textil? In Kassel hängen sie nebeneinander - und von da ist es ein kleiner Schritt zur transparenten Wandinstallation des Österreichers Gerwald Rockenschaub. Buergel sinniert über Verdichtungen, man muss, um ihm zu folgen, Phantasie beweisen.

Fotos von Frisuren aus Nigeria und asiatische Kalligrafien belegen dieselbe Neigung zur hoheitsvoll geschwungenen Linie, die Nähe zum Ornament. Die lässt sich aus der europäischen Kunstgeschichte erst recht nicht wegdenken.

Gelegentlich wird der Bogen gnadenlos überspannt. Warum auch nicht? Alles soll neu betrachtet, neu bewertet werden. Weil Buergel schon einmal dabei ist, stellt er gleich noch die diversen Darbietungsformen zur Diskussion. Wie es die Werke präsentiert, daraus hat das Kasseler Team ein regelrechtes Spiel gemacht. Es hat, als hintersinnigen Verweis auf die Globalisierung des Marktes, eine Art Kunstmesse eingerichtet - mit Kojen aus Stellwänden. Auch für einen "White Cube" wurde Platz reserviert: Immerhin folgt der Kunstbetrieb in Museen und Galerien - genauso weltweit - dem Zwang zum puristischen Raum. Dass es altmodischer geht, beweist Buergel im Museum Fridericianum. Die Wände sind so farbig gestaltet, wie man es im 19. Jahrhundert liebte. Der elegante Anachronismus lässt manches Werk wie einen Klassiker erscheinen.

Das trifft auf die riesigen Girlanden von Iole de Freitas zu, die sich durch einen Saal

schlängeln und an der Fassade fortsetzen. Es gilt auch für Dokumente eines früheren argentinischen Künstlerkollektivs, die vor zartes Grün drapiert sind: Die Mitglieder der Gruppe Tucumán Arde bekämpften in den Sechzigern die Diktatur, manche gaben die Kunst auf, schlossen sich der Guerilla an. Passt das zu Buergels schickem Neoklassizismus? Es ist zumindest ein interessanter Versuch der Musealisierung.

Das beliebte Ritual jeder Vernissage, das Namedropping, dürfte schwerfallen auf einer Documenta, die zwar auch mit Stars auftrumpft, aber ansonsten eine Bühne der Entdeckungen sein will. Der Chinese Zheng Guogo ist eine; er bringt einen frittierten Spielzeugpanzer als Kritik an der Massenproduktion des Superbilligen mit.

Und wer kennt die Chilenin Lotty Rosenfeld oder erinnert sich an die verstorbene britische Fotografin Jo Spence und ihre ungeschönten Aufnahmen der Gegenwart, darunter Aktbilder, die kaum den Geschmack der Masse treffen?

Jede Documenta hat ihre eigenen Stärken und Schwächen. Diese hier will viel, wahrscheinlich zu viel. Man hat an alles gedacht und jeden berücksichtigt, alle Quoten erfüllt. Buergels Leute haben einen Starkoch nominiert, von dem aber unsicher ist, ob er sich blicken lässt. Für die VIPs richteten sie ein "Hospitality"-Programm ein, für die Benachteiligten der Hartz-IV-Gesellschaft gründeten sie einen "Salon des Refusés", für die MP-3-Generation bereiten sie ein Download vor.

Eigentlich lässt sich sagen: Auf dieser Documenta ist alles möglich, solange es nur den amtierenden Kunstschicksalsgott Buergel (sowie seine Ehefrau und Mitkuratorin Ruth Noack) fasziniert - oder amüsiert. Und doch: Spannungsreicher und widerspenstiger, also auch anregender, lässt sich eine Documenta kaum machen. Man verlangt keine übertriebene Ehrfurcht vor der Kunst, lässt Humor zu. Zugleich ist eine geistige Überanstrengung Absicht.

Eine der Buergelschen Leitfragen, mit denen er in die Vorbereitung der Ausstellung gegangen ist, lautet: "Was tun?" Sie bezieht sich auf das Problem der Bildung.

Wer über eine intellektuelle Herausforderung lieber spotte, statt sich ihr zu stellen, wer da aufgebe, der verliere den evolutionären Wettbewerb, mahnt Buergel: "So einfach ist das."

Schon verstanden: Über seine anspruchsvolle Schau - diese Übung für Konzentration und Phantasie - soll sich niemand lustig machen. Selbstironisch hat er, der große Dozent, von einem Künstler ein "Klassenzimmer" zimmern lassen.

Seit der ersten Documenta 1955 wünscht sich ausnahmslos jeder Leiter, für Aufruhr zu sorgen. Buergel wird das 2007 mit seiner Schau - Gesamtkunstwerk, Globalisierungsgipfel und Kunstunterricht auf Weltniveau zugleich - sicher gelingen.


DER SPIEGEL 23/2007
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DER SPIEGEL 23/2007

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