DER SPIEGEL



KUNST

Ich bin gerne frech

Von Beyer, Susanne und Knöfel, Ulrike

Isa Genzken, 58, Deutschlands Vorzeigekünstlerin auf der Biennale von Venedig, über ihren Ruhm, die Kraft der Rebellion und ihren Kampf gegen das Sentimentale in der Kunst

SPIEGEL: Frau Genzken, Sie arbeiten seit 38 Jahren als Künstlerin, äußern sich aber kaum je in der Öffentlichkeit. Warum?

Genzken: Sprache ist eine völlig andere Ausdrucksform als bildende Kunst. Es gibt Schnittmengen, aber Sie können das eine nicht ins andere übersetzen.

SPIEGEL: Als Abgesandte Deutschlands auf der Kunstbiennale in Venedig müssen Sie nun aber auch sich selbst repräsentieren.

Genzken: Das passt mir nicht so richtig. Plötzlich merke ich, wie schön die Ruhe war, die ich vorher um mich hatte. Ich war im Grunde nie berühmt. Aber auch nie nicht berühmt. Damit ließ es sich leben.

SPIEGEL: Den deutschen Pavillonbau haben Sie außen und innen völlig umgestaltet. Das Projekt heißt "Oil", warum?

Genzken: Öl, dafür sind ganze Kriege ausgebrochen. Bei diesem Wort fangen die Leute an nachzudenken, das liebe ich.

SPIEGEL: Sie haben ein Netz um den Pavillon gespannt, wozu?

Genzken: Das ist Plastik, also auch Öl.

SPIEGEL: Der Besucher wird durch einen Spiegelraum ins Zentrum des Gebäudes gelangen, sieht dort Koffer und Galgen. Es gibt Verweise auf Rembrandt, aber auch auf den florentinischen Bildhauer Luca della Robbia aus dem 15. Jahrhundert. Sie verlangen dem Publikum einiges ab.

Genzken: Ich setze dem Betrachter doch Kunst vor und keinen Kuchen mitsamt Rezept. "Oil" soll vor allem eines sein: hart, unsentimental. Ich mag Gefühlskunst nicht, ich mag auch nicht, wenn man für einen Ausstellungstitel fünf Sätze braucht.

SPIEGEL: Sie müssen sich darauf einstellen, verglichen zu werden - auch mit Ihren Vorgängern im deutschen Pavillon.

Genzken: Von den Arbeiten meiner Vorgänger erinnere ich mich zum Beispiel an die von Georg Baselitz, hat mir überhaupt nicht gefallen. Joseph Beuys dagegen, die Straßenbahnhaltestelle, wunderbar. Dann Gerhard Richter, mit dem ich ja verheiratet war - der hat aus dem Pavillon eine Walhalla der Geisteselite gemacht. Der deutsche Pavillon war immer wichtig. Man muss das mit Humor nehmen.

SPIEGEL: Wie war Ihr Verhältnis zu Beuys?

Genzken: Er mochte meine Werke von Anfang an. Gerhard Richter hat Beuys einmal gefragt: Wie findest du denn das, was die da macht. Da sagte Beuys mit seinem rheinischen Akzent, ganz gedehnt: Juut.

SPIEGEL: Sie waren viele Jahre lang mit Richter verheiratet. Haben Sie sich gegenseitig künstlerisch beeinflusst?

Genzken: Gute Künstler beeinflussen sich manchmal, und das kann gut sein. Muss es aber nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen, ich denke immer an die Zukunft und nicht an Vergangenes.

SPIEGEL: In den siebziger und achtziger Jahren war Düsseldorf das Zentrum der Kunst, berühmt wurden damals Maler wie Jörg Immendorff oder eben auch Richter. Sie waren eine doppelte Außenseiterin, Frau und Bildhauerin.

Genzken: Ich glaube nicht, dass Frauen es schwerer haben. Heute bestimmt nicht.

SPIEGEL: Sie haben spröde Werke aus Beton gemacht und riesige Blumenskulpturen, dann wieder Tableaus, die wie kleine Welttheater aussehen. Warum haben Sie nicht wie viele Ihrer Kollegen eine Kunst geschaffen, die leicht wiedererkennbar ist?

Genzken: Ich bin neugierig wie ein kleiner Wissenschaftler. Vorher zu wissen, wie das Resultat aussehen würde - das wäre zu langweilig.

SPIEGEL: Waren Sie stets draufgängerisch?

Genzken: Ja, schon als Kind. Wir lebten in Hamburg, meine Mutter hatte mir beigebracht, dass man immer nett aussehen müsse. Prompt wurde ich, da war ich etwa sechs Jahre alt, angesprochen, ob ich in einem Film mitspielen wollte. Meine Eltern erlaubten es mir, und es war wunderbar: Ich durfte ein wahnsinnig freches Kind spielen. Das hat sich dann offenbar fortgesetzt, ich bin immer noch gerne frech.

SPIEGEL: Waren Ihre Eltern künstlerisch interessiert?

Genzken: Sie waren besessen. Mein Vater war Arzt, liebte Musik, vor allem Wagner. Meine Mutter wollte Schauspielerin werden, daraus wurde nichts. Sie nannten mich Isa, so heißen in Kurdistan nur Männer. Das Einzige, das ich ihnen vorwerfe, ist, dass ich keine Geschwister habe.

SPIEGEL: Sie haben die fünfziger Jahre als Kind erlebt, diese engen und noch fragilen Wirtschaftswunderzeiten. Wie war das?

Genzken: Die Skulpturen aus Beton, die ich gemacht habe, haben mich selbst an die Eindrücke meiner Kindheit erinnert, an die Trümmer, zwischen denen ich aufwuchs. Ich glaube, ich bin in dieser Ruinenlandschaft geradezu aufgewacht. Später in New York, am 11. September 2001, sah ich wieder Trümmer.

SPIEGEL: Sie verbringen viel Zeit in New York, wie ist Ihr Verhältnis zu Amerika?

Genzken: Ich liebe die Amerikaner, meine Freunde sind dort. Es sind vor allem Künstler, alle sehr forsch. Die geben mir immer wieder einen Ruck. Wichtige Freunde hier sind die Künstler Wolfgang Tillmans und Kai Althoff. Beide sind wunderbar. Aber die würden mich nicht kritisieren. Die Amerikaner sind fordernder, ihre Kunst ist knallhart. Die europäischen Künstler sind sentimentaler, die amerikanischen Künstler können deshalb damit wenig anfangen.

SPIEGEL: Die Malerei der Leipziger Schule ist melancholisch und in den USA begehrt.

Genzken: Bei Sammlern, nicht bei Künstlern.

SPIEGEL: Eine Ihrer Arbeiten ist untypisch. Sie haben Fotos aus dem SPIEGEL zu einer Serie zusammengestellt und auf der Documenta gezeigt. Wie kam es dazu?

Genzken: Das war ein "Best of", mich haben die Dokumentarfotos im SPIEGEL immer begeistert. Aber natürlich hat Ihr Magazin das ignoriert. Und ich habe gedacht, das ist ja ein komisches Magazin.

INTERVIEW: SUSANNE BEYER, ULRIKE KNÖFEL


DER SPIEGEL 23/2007
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