11.06.2007

Mein Kopf gehört mir

Sie sind pragmatischer als ihre Mütter, sie sind ehrgeiziger, zielstrebiger, gebildeter als die Männer. Sie glauben nicht mehr an die Versorgung durch die Ehe, sondern an den Erfolg. Eine junge Frauengeneration macht sich auf den Weg an die Macht - und lässt die Männer hinter sich.
Beluga Revolution", so hieß das Schiff, auf dem Rhea Leonhardt fünf Monate lang über die Weltmeere fuhr. Sie war in San Francisco, in Gibraltar und Oman, im Pazifik, Atlantik und im Mittelmeer. Sie hat das Deck geschrubbt, Rost geklopft, Eimer geschleppt, Routen berechnet, Ladung festgezurrt, das Schwergutschiff mit einem Joystick gelenkt und mit ukrainischen Deckarbeitern Wodka getrunken und Karten gespielt.
Sie will Kapitänin werden, das hat sie endgültig beschlossen in ihrem Praxissemester auf hoher See. Rhea Leonhardt ist 21 und studiert Nautik an der Hochschule Bremen. Wenn sie fertig ist, in zwei Jahren, hat sie ihr Patent und darf sich Diplom-Wirtschaftsingenieurin für Seeverkehr nennen. Dann heuert sie auf einem Schiff an, erst als zweite Offizierin, dann als erste Offizierin, und wenn sie gut ist, kann sie mit 26 Kapitänin sein. "Dann wäre ich die jüngste Kapitänin Deutschlands."
Die Jüngste in der Welt der Seefahrt, einer Männerdomäne, immer schon, aber das ändert sich jetzt. In Bremen studieren zurzeit 288 Nautiker, 30 von ihnen sind Frauen, der Anteil steigt. Vor ein paar Jahren lag die Quote annähernd bei null. Die zehn Prozent Frauen am Fachbereich gehören zum besten Drittel, sagt Peter Irminger, der Prodekan: "Unsere Damen sind sehr zielstrebig. Sie identifizieren sich stark mit ihrem Studium."
Rhea Leonhardt ist mit fünf Jahren bereits im eigenen Optimisten über den Wannsee gesegelt und wollte immer schon aufs Meer. Sie wird Macht ausüben, wird Männern ihre Befehle erteilen - ist das der
Reiz? Sie will nicht die Welt verändern, sagt sie, sie will den Job. Irgendwann auch eine Familie, aber auf jeden Fall diesen Job. Heutzutage fänden es viele Reedereien gut, sagt sie, eine Frau an Bord zu haben. "Dann ist die Stimmung besser, und die Männer benehmen sich vernünftiger."
Der alte Seefahrerspruch "Unnerröck an Bord - dat gifft Malheur" gilt nicht mehr. Rhea Leonhardt lächelt beiläufig, tausendmal gehört, diesen Unsinn, sie hat keine Lust mehr, diesen "Quatsch" zu diskutieren. Sie drückt ein paar Knöpfe, "Kiel Radio, this is Löwe, Löwe, Delta, Delta, Mike, Yankee, I want to make a phone call", spricht sie mit fester Stimme. Sie übt das Funken mit dem UKW-Gerät.
Es gibt keinen Grund, sagt Rhea Leonhardt, warum Frauen es nicht nach ganz oben schaffen sollten, auf die Kommandobrücke. Sogar auf dem Meer.
Alles ist möglich?
Alles ist möglich, sagt auch Alice Schwarzer, die Urmutter der modernen deutschen Frauenbewegung, in ihrem jüngsten Buch ("Die Antwort"): "Erstmals in der Geschichte" seien die Frauen in Deutschland "uneingeschränkt gleichberechtigt", jedenfalls auf dem Papier.
Die Frauen nutzen das, in wachsendem Maß. Sie fallen auf, diese 20-Jährigen, diese Alphamädchen, die vornan sein wollen und gezielt ihre Interessen verfolgen. Sie plappern nicht bloß, wie Luci van Org in einem Girlie-Song der neunziger Jahre, dass "ich ja sowieso gewinn, weil ich ein Mädchen bin". Sie machen Ernst.
Mehr als die Hälfte der deutschen Abiturienten sind Mädchen - und ihre Noten sind deutlich besser als die der Jungs. Die Jungs stellen dafür die Mehrheit bei den Hauptschülern und liegen bei den Sitzenbleibern und Schulabbrechern vorn. Die Hälfte der Studenten sind Frauen, und quer durch alle Fachrichtungen brauchen Studentinnen - bei gleich guten Abschlussnoten - weniger Semester, absolvieren außerdem noch mehr Auslandsaufenthalte und Praktika, nebenbei.
Die jungen Frauen, sagt der Jugendforscher und Shell-Studien-Autor Klaus Hurrelmann, sind auf der Überholspur: sind "flexibler, fleißiger, erfolgreicher" als die Jungen. Und sie sind "durchsetzungswilliger und leistungsstärker als ihre Mütter und Großmütter".
Besser, schneller, erfolgreicher als die Männer: Drei Jahrzehnte nach der Frauenbewegung der siebziger Jahre marschieren sie ehrgeizig und selbstbewusst durch die Institutionen und lassen viele Jungen hinter sich zurück.
Es beginnt in der Grundschule, wo Mädchen konzentrierter und erfolgreicher bei der Sache sind. Es geht weiter auf dem Gymnasium, wo die Schülerinnen an den Schülern vorbeiziehen. Deutlich mehr Mädchen als Jungen begreifen Bildung als Chance für den Aufstieg, als soziale Befreiung. Auch und gerade bei den Töchtern von Migranten: Obwohl sie überdurchschnittlich oft aus der sozialen Unterschicht kommen, sind sie sehr bildungsorientiert, ergab eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Und anders als das Klischee es will, werden die allermeisten dabei von ihren Eltern unterstützt. Bildung sei, so heißt es in der Untersuchung, der
"goldene Armreif" für diese jungen Frauen, die bestmögliche Aussteuer.
Besonders groß ist das Leistungsgefälle zwischen Mädchen und Jungen in den neuen Bundesländern: 2005 waren schon 58 Prozent der Abiturienten dort weiblich. Viele der jungen Frauen wandern anschließend in den Westen ab, der ihnen mehr Karrierechancen bietet. Die jungen Männer haben das Nachsehen.
Aber das ist nicht nur im Osten so. Fassungslos sehen viele Jungen und junge Männer, sagt Hurrelmann, wie die Mädchen, eloquent und zielbewusst, an ihnen vorbeiziehen. Weil viele Jungs noch immer in dem Glauben aufwachsen, ihre Rolle als Leitwolf sei ihnen genetisch vorbestimmt, geraten sie oft schon in der Schule ins Hintertreffen. Mädchen, die flinker und schlauer sind, passen nicht in ihr Weltbild.
Erst staunen sie, dann schmollen sie. Oft genug. Und frustrierte Jungs reagieren leicht mal aggressiv oder verschwenden ihre Möglichkeiten an Computerspiele, während die Mädchen fleißig weiterlernen. So klafft schon früh eine Lücke zwischen den Leistungen der Mädchen und denen der Jungs, die sich oft bis zum Schulende nicht mehr schließt.
Es scheint so, als ob die Mädchen eines besser begriffen haben als die Jungs: wie diese Gesellschaft funktioniert und wie man sie für sich nutzen kann.
Sie gehen neue Wege. Es ist ja nicht so, dass jetzt plötzlich alle Computerspezialistin werden wollen und keine mehr Romanistin oder Friseurin. Aber ihr Interesse am Technischen, am bisher eindeutig Männlichen, wächst.
So wie Ende April dieses Jahres im Kanzleramt. Es ist "Girls' Day". Mikrochips und Stromkabel verbinden sich zu Techniklandschaften in Grün, Blau und Silber, ein paar Mädchen beugen sich über einen Plexiglaskasten, in dem eine Computerfestplatte liegt; 15-Jährige mit Pferdeschwanz, auf deren Stirn kleine Schweißperlen nisten; ein Klick, eine Karte rastet ein. Aufgabe gelöst.
Zwei Dutzend Schülerinnen dreier Berliner Schulen treffen auf Angela Merkel. Die spricht von Brennkolben und Zukunft, und daneben stehen die Mädchen und starren auf die Frau im höchsten Amt. Ein Parcours ist aufgebaut, sie sollen Zukunft proben, "fühlen, dass Technik aufregend sein kann", auch für Mädchen. Sie sagt: "Informiert euch, geht euren Weg." Sie meint: "Wir brauchen euch", weil die Wirtschaft nach technischen Fachkräften verlangt. Merkel, mehr Physikerin als Kanzlerin an diesem Tag, geht voran - als Vorbild, als Wissenschaftlerin, von einem Stand des Unternehmensparcours zum nächsten. Die Blicke der Mädchen zucken aufgeregt zwischen der Politikerin und der ausgestellten Technik hin und her, und eine 15-Jährige namens Sonja sagt, dass sie sich gut vorstellen könne, "mal was mit Technik zu machen".
Sie lässt sich Schaltkreise erklären, Hardware und Software: "Warum sollten Jungs so was besser können?", fragt Sonja, dieses Vorurteil sporne sie noch mal extra an. Sie ist jetzt in der neunten Klasse, neben der Schule hat sie freiwillig einen Computerkurs gemacht, das brauche sie ja für später. Denn vielleicht wolle sie ein Praktikum machen. Und auf jeden Fall studieren.
Zielstrebige Mädchen, lasche Jungs - so ist es von Eltern inzwischen oft zu hören, und auch die Lage an den Universitäten gibt ihnen recht. Mehr als die Hälfte aller Medizinstudenten sind Frauen. Mehr als die Hälfte der Jurastudenten sind Frauen. In der angesehenen Henri-Nannen-Journalistenschule sind zwei Drittel der erfolgreichen Bewerber Frauen.
Selbst in den Naturwissenschaften holen sie auf: Im Fach Biologie werden 60 Prozent der Abschlussprüfungen von Studentinnen abgelegt, in Mathematik 54 Prozent. Bei den Chemikern sind es immerhin 45 Prozent, nur bei den Ingenieurwissenschaften, in Physik, Astronomie und Informatik dümpelt der Frauenanteil noch um die 20 Prozent.
"Frauen mögen manche Ingenieurberufe weniger, wenn es nämlich darum geht, Dinge zu bauen, die Menschen garen, verbrennen, in die Luft sprengen oder die Flugzeuge optimal schnell vom Himmel holen", sagt Wolfgang Mackens, 58, Professor für Mathematik an der TU Hamburg-Harburg. "Ich finde das ganz vernünftig. Sie mögen Ingenieurberufe dann, wenn dadurch Menschen oder der Umwelt geholfen wird, also zum Beispiel in der Medizintechnik und Stadtplanung."
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jedenfalls prognostiziert: "Junge Frauen dürften künftig weiter aufholen", sie haben "die Bildungsdefizite gegenüber den Männern in den letzten Jahrzehnten nicht nur verringert, sondern die Männer in weiten Bereichen der allgemeinen wie beruflichen Bildung bereits überholt". Sie wollen nicht nur die Hälfte des Himmels, sondern die Hälfte der Welt, und sie machen sich auf den Weg.
So kann es passieren, dass ein deutscher Mann morgens aufsteht, die erste Stimme, die er hört, ist die aus der Politikredaktion im Deutschlandfunk. Eine Frau. Er nimmt ein Taxi, wird chauffiert von einer Frau. Er steigt ins Flugzeug, am Steuerknüppel sitzt eine Frau. Er liest Zeitung, Berichte über die Reisen und Reden der Bundeskanzlerin. Er landet, nimmt seinen Mietwagen, den Strafzettel schreibt ihm eine Frau. Abends
geht er ins Stadttheater, und das Stück wird inszeniert von einer Frau. Oder er besucht ein Handballspiel der Bundesliga, so ziemlich das Härteste, was der deutsche Sport zu bieten hat - und der Schiedsrichter ist eine Schiedsrichterin. Und bevor er ins Bett geht, sieht er in den "Tagesthemen" Anne Will, wie sie Lisa Marie Ullrich interviewt. Die 16-jährige deutsche Vertreterin des Jugendgipfels J8 kommt gerade von einem Treffen mit den Staatschefs und berichtet beeindruckend klug von dieser Begegnung.
Nur dazwischen, beim geschäftlichen Meeting, ist seine Welt noch so, wie sie immer war. Am Konferenztisch sitzen Männer. Nur Männer. Sind es zehn Teilnehmer oder mehr, dann ist, vielleicht, eine Frau dabei.
Dort oben, in den Chefetagen, sind Männer noch unter sich. Wie lange noch?
Es hat sich viel verändert in Deutschland, das steht fest. Keine CDU-Familienministerin hätte sich vor zehn Jahren, wie es heute Ursula von der Leyen tut, als "konservative Feministin" titulieren lassen, ohne sich dagegen zu wehren. Und eine ehrgeizige FDP-Politikerin hätte den Teufel getan und niemals, wie Silvana Koch-Mehrin, eine "Streitschrift für einen
neuen Feminismus" publiziert. "Feministin", das hört man jetzt plötzlich wieder,
und zwar gerade auch von jungen Frauen. Jahrelang war es ein schmutziges Wort.
Befragt man die Generation der unter 30-Jährigen danach, wie es um die Gleichberechtigung stehe, so hört man die Einschätzung: nicht besonders gut. In einer Umfrage im Auftrag des SPIEGEL fanden 81 Prozent der Frauen zwischen 18 und 29, dass die Gleichberechtigung nicht erreicht und der Feminismus keineswegs überflüssig sei. Auch 62 Prozent der gleichaltrigen Männer sehen das so. Und die Jüngeren - die in der Altersgruppe zwischen 18 und 21 - sind eher noch misstrauischer als diejenigen, die ein paar Jahre älter sind.
Neu verhandelt werden die Rollen von Männern und Frauen, und der jüngste Anstoß für diese Entwicklung kam auch aus einer Richtung, die das gewiss nicht beabsichtigt hat: Eva Herman mit ihrem sentimentalen Lob der Hausfrauenehe, Bischof Walter Mixa mit seiner Predigt wider die Krippenerziehung, durch die er Frauen zu "Gebärmaschinen" degradiert sieht. Ein von Konservativen provozierter Eklat.
"Diese ganze Rabenmutter-Diskussion ist so altmodisch, so überflüssig, so rückwärtsgewandt", sagt Meredith Haaf, 23, Buchautorin und Studentin der Geschichte und Germanistik. Sie sagt es genervt, aber dankbar sein könnte sie eigentlich auch, denn ihr und ihren Mitstreiterinnen gab diese Debatte den letzten Schub.
Gemeinsam mit drei Kolleginnen schreibt sie jetzt ein Buch zum Thema "junger Feminismus", eine Publikation für Frauen
ihres Alters, die zu politisch sind für die gefühlige Welt der Frauenzeitschriften und sich zu jung fühlen für die übliche Berichterstattung. "Es sind doch vor allem Männer, die über das Thema Familienpolitik schreiben, oder Frauen, die 20, 30 Jahre älter sind als wir", sagt Meredith Haaf. Das will sie ändern.
Sie glaubt, dass kaum jemand bisher wahrgenommen habe, wie sehr ihre Generation, die in den achtziger Jahren geboren ist, schon anders denkt und lebt als die Generationen davor.
Sie reden von Feminismus, überraschend viele tun das, aber sie meinen etwas anderes als ihre Mütter, als ihre Großmütter, als die Alice-Schwarzer-Generation - sie meinen viel Pragmatismus, wenig Ideologie.
Es gibt in den USA und in Großbritannien einen "third wave feminism", der jetzt nach Deutschland schwappt - eine "dritte Welle" nach der ersten um 1900, die das Wahlrecht erkämpfte, nach der zweiten in den siebziger Jahren, der Alice Schwarzer entstammt. Neu am jungen Feminismus ist vor allem der Gedanke, dass nicht die Männer die Feinde sind, sondern die gesellschaftlichen Strukturen - und die gilt es zu bekämpfen.
Meredith Haaf erzählt von jungen Männern, die sie kennt und die behaupten, sie würden es nicht einsehen, später das ganze Geld für eine Familie verdienen zu müssen, sie wollten auch Zeit für ihre Kinder und eine Frau, die sich das mit ihnen teilt.
Das sind Männer, mit denen sich Meredith Haaf eine bessere Zukunft vorstellen kann. Das ist es auch, was sie unter Feminismus versteht: die Gesellschaft verändern - auf andere Art allerdings als Alice Schwarzer. Weiblicher, zusammen mit den Männern. Kann das funktionieren?
Anders funktioniert es jedenfalls erst recht nicht mehr, glaubt Meredith Haaf. Dass in Deutschland Feminismus seit Jahrzehnten mit einer einzigen Frau assoziiert wird, findet sie erschreckend. "Alice Schwarzer ist zu mächtig geworden. Sie spricht nicht für uns alle, schon gar nicht für die jüngere Generation."
Die Gesellschaft ist nicht mehr, wie sie war, das haben viele in Haafs Alter schon in der eigenen Biografie zu spüren bekommen: "Wir sind die Generation der Scheidungskinder. Vielleicht begreifen die Jungs ja, dass man mehr für eine Beziehung tun muss, als ihre Väter getan haben. Und wir Frauen haben gelernt, dass man sein Leben nicht auf einer Ehe aufbauen kann."
Das ist der Trend. Und er wird sich noch verstärken.
Lange war der Heiratsmarkt für Frauen in Deutschland attraktiver als der Arbeitsmarkt. Sich einen vermögenden Mann zu sichern brachte nicht nur gesellschaftlich viel Anerkennung, es zahlte sich ein Leben lang aus. Auch dann, wenn die Liebe nicht ewig hielt. Eine Ehefrau hatte bei einer Scheidung Anspruch darauf, dass ihr Lebensstandard gewahrt blieb. Sogar berufstätige Ehefrauen ohne Kinder erhielten von ihren besserverdienenden Ehemännern oft lebenslang Unterhaltszahlungen. Mütter konnten sich nach einer Scheidung weiterhin uneingeschränkt der Erziehung ihrer Kinder widmen (sofern ihr Ex-Mann genügend zahlen konnte); waren die Kinder groß, fanden die Mütter meist keine angemessenen Jobs; dann kam das Rentenalter. Die Ehe kam einer finanziellen Lebensversicherung gleich, je reicher der Ehemann, desto größer der Hauptgewinn.
Jetzt aber hat Justizministerin Brigitte Zypries ein neues Unterhaltsrecht auf den Weg gebracht - eines, das die Hausfrauenehe nicht mehr belohnt und festigt, im Gegenteil. Künftig soll die Ex-Ehefrau deutlich schlechter gestellt werden als bisher. Mütter müssen dann, so der Plan, bereits nach dem dritten Lebensjahr ihrer Kinder wieder selbst berufstätig sein und Geld zuverdienen.
Die Kinder haben in Zukunft Vorrang, erst wenn ihre Versorgung gesichert ist und auch die der Kinder aus einer neuen Partnerschaft, bekommt auch die geschiedene Frau vom Ex-Ehemann Geld.
Das neue Unterhaltsrecht wird ein gesellschaftspolitisches Erdbeben auslösen. Es verschiebt nicht einfach nur die Rangfolge von Kindern und Ex-Partnern beim Unterhalt. Es bedeutet: Frauen werden zu mehr Selbständigkeit gezwungen.
Und es wird sich auswirken auf die jungen Frauen, die mit diesem Unterhaltsrecht im Rücken mit einem veränderten Bewusstsein in die Ehe gehen - und in den Beruf. Sie werden weniger bereit sein, zurückzustecken gegenüber dem Mann zu Hause und den Männern im Büro. Die Rollenverteilung wird sich verschieben, denn
keine vernünftige Frau wird nun ihre finanzielle Unabhängigkeit mehr so einfach aufgeben. Es fördert die Einsicht: Auf eine Ehe allein ist kein Verlass. Es hat keinen Sinn, die eigene Existenz an die Arbeitsbiografie des Mannes zu knüpfen.
Die Hausfrauen werden weniger werden. Die Krippenplätze dafür mehr, wenn man Ursula von der Leyen trauen darf.
Und das alles schon deswegen, weil die Wirtschaft die jungen Frauen entdeckt hat und ihren Beitrag zur Ökonomie als dringend notwendig verbucht. Sie klagt über Fachkräftemangel, der sich noch drastisch verschärfen werde. Unbedingt müsse man, sagt eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger, die "geringe Erwerbstätigkeit von Frauen erhöhen". Weil man die gutausgebildeten, motivierten, ehrgeizigen Arbeitnehmerinnen unbedingt braucht.
Das klingt nach großer Zukunft, nach einem Durchmarsch der jungen Frauen. Und
dann sitzt in einem Berliner Café mit übergroßer Sonnenbrille auf der Nase und dickem Terminkalender auf dem Schoß eine erfolgreiche Buchautorin und Philosophin und sagt: "Moment mal. So einfach geht das alles nicht."
"Die F-Klasse" - so heißt der Titel von Thea Dorns jüngstem Buch. Es ist der Versuch, einer neuen, jungen feministischen Bewegung ein Schlagwort zu geben, sie hat sich zu so etwas wie einer Wortführerin entwickelt, manchen gilt Thea Dorn, 36, als die Nachfolgerin von Alice Schwarzer.
Eine Nachfolgerin, die überraschend nüchtern klingt in all der Euphorie.
Sie sind gut, diese Alphamädchen, sie haben große Ziele.
Sie wollen durchstarten, sie können, sie müssen. Aber werden sie auch?
Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen haben den Kampf um den Zugang zur Bildung gefochten, das ist geschafft, der Zugang an die Universitäten ist offen für alle - nur kostet er jetzt Geld, aber das ist keine Geschlechterfrage. Knappes Bafög und Studiengebühren schrecken Männer aus ärmeren Familien ebenso wie Frauen.
Frauen sind gut, wo messbare Leistungen zählen, Noten, Punkte, Abschlusszeugnisse. Dann aber, warnt Dorn, komme "der kritische Punkt": Was folgt danach, im wirklichen Leben? Die Krise? Oder tatsächlich der Durchmarsch bis ganz nach oben, wo man dann womöglich die Welt verändern kann, die der Arbeit, der sozialen Verhältnisse, der Politik?
Alles ist möglich - sagt Alice Schwarzer, sie sagt aber auch: "Die äußeren Fesseln sind gefallen. Die Tore zur Welt stehen den Frauen offen. Und was geschieht? Angesichts der Fröste der Freiheit scheinen die Frauen zu schaudern. Liegt es daran, dass die innere Emanzipation noch Trippelschritte macht, während die äußere in Siebenmeilenstiefeln vorangestürmt ist?"
Schwarzer ist nicht recht zufrieden mit den Frauen, die nach ihr kamen, und im vergangenen Jahr erschien ein Aufsatz der "Zeit"-Autorin Heike Faller, Jahrgang 1971, der gab ihr recht. "Haben wir die Emanzipation verspielt?", fragte sie und bekannte ebenso selbstkritisch wie -ironisch: "Besonders kämpferisch war meine Generation nicht - wir haben damit kokettiert, es nicht zu sein." Dabei haben diese Frauen übersehen, dass ihnen die Chance zur Macht unmerklich abhandenkam. Dass der Praktikant, den man selbst eingearbeitet hat, zum Chef geworden ist. Dass die Männer die Mächtigen waren und blieben. Dass "wir", so schreibt es Heike Faller, "während wir noch mit Schuheeinkaufen und Kochkursen beschäftigt waren, die Vorteile verspielt haben, die Feministinnen für uns herausgeholt haben".
Thea Dorn gehört wie Heike Faller zur Nach-Schwarzer-Generation und weiß von einer ähnlichen Erkenntnis zu berichten: Anfang dreißig habe sie festgestellt, dass es sie eben doch gebe, "die berühmte gläserne Decke", die nicht zu sehen, nur zu spüren ist und die den beruflichen Aufstieg der Frauen hemmt. Dann nämlich, als sie und ihre Freundinnen plötzlich dreimal so hart kämpfen mussten, um weiterzukommen. Als sie beispielsweise beobachteten, dass einige Kollegen an der Universität, nicht die unsympathischsten Professoren, gar nicht zuhörten, wenn sie das Wort ergriffen, sondern nur freundlich nickten.
"Es ist das übliche Verhalten: Männer befördern Männer", sagt der Harburger Mathematikprofessor Mackens, "das kann man dem einzelnen Mann auch nicht übelnehmen. Es ist für ihn weniger Risiko, sich zum Beispiel beim Aufbau einer Arbeitsgruppe an das Bekannte zu halten und Ausfälle zu vermeiden." Solange das System nicht die Veränderung belohne, etwa durch Förderung
von Firmen, die vermehrt Frauen einstellten, gebe es für die Männer keinen ihrem Vorgesetzten vermittelbaren Grund, "vermeidbare Risiken einzugehen". Schwangerschaften, Erziehungszeiten sind, mathematisch-ökonomisch gesehen, Risiken.
Es ist ein geschlossener Kreislauf, den die Frauen durchbrechen müssen, mit hohem Energieaufwand und oft mit starken persönlichen Einbußen. "Nicht jede ist eine Jeanne d'Arc", sagt Mackens.
Auch seine eigene Frau nicht: Sie ist promovierte Mathematikerin, 13 Jahre jünger als er "und wahrscheinlich ein gutes Stück besser als ich", sagt der Professor. Vor dem ersten Kind stand sie vor der Entscheidung: Familie oder Habilitation? Zwar gab sie den Sohn nach sechs Monaten in die Krippe - "aber sie hat es nicht ausgehalten". Also gab sie den Traum, Professorin zu werden, auf, bekam noch zwei Kinder und setzte neun Jahre aus. Heute ist sie wissenschaftliche Angestellte der Universität Hamburg und arbeitet Professoren
zu. Warum sie sich die Erziehungszeit nicht geteilt haben? "Einem Mann sieht man so eine Pause doch noch weniger nach als einer Frau", glaubt Mackens. Nicht jeder ist ein Jean d'Arc.
Mackens' Frau gehört zu jener Generation der in den Sechzigern Geborenen, die zwar im Prinzip verstanden haben, worum es geht - aber den Weg freigekämpft haben sie nicht. Weder in Gremienmacht noch im Geldbeutel zahlt sich der weibliche Bildungsvorsprung bislang aus. Schon beim Einstiegsgehalt herrscht Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: In fast allen Fachrichtungen verdienen männliche Absolventen im Durchschnitt mehr als ihre Kommilitoninnen - gleich im ersten Job ist der Unterschied oft krass, manchmal beträgt er mehr als 500 Euro brutto im Monat.
Die Wirtschaftsdokumentation Hoppenstedt hat gerade neue Zahlen vorgelegt: Der Frauenanteil im Management steigt, weltweit sind es jetzt 22 Prozent, in der Europäischen Union 17, in Deutschland etwas mehr als 15 Prozent. Das ist nicht viel, absolut gesehen, aber in Deutschland immerhin doppelt so viel wie noch vor zwölf Jahren.
Chancen haben Frauen eher in kleinen Unternehmen (17 Prozent) als in Großunternehmen (11,8 Prozent). Weiter oben, in den Chefsesseln, sitzen Frauen in 7,5 Prozent der Fälle in Groß-, 9,4 Prozent in mittelständischen, 11,9 Prozent in Kleinunternehmen. In den Vorständen deutscher Großunternehmen beträgt der Frauenanteil 3 Prozent.
Das größte Handicap junger Frauen, glaubt die Autorin Thea Dorn, sei ihr Musterschülerinnen-Verhalten. Sie ziehen Befriedigung aus dem Lob des Lehrers, aus der Anerkennung ihres Professors. Aber wenn sie dann im Beruf ihr Wissen und ihr Können in Konkurrenz zu anderen anbringen sollen, ziehen sie sich zurück.
Statt ihr Selbstwertgefühl darüber zu stärken, dass sie selbstgesteckte Ziele erreichen, versuchen sie die Erwartungen anderer zu erfüllen. "Frauen können einfach schlechter auf die Schnauze fallen", sagt Thea Dorn, "und deshalb gehen viele von uns Situationen aus dem Weg, in denen das passieren könnte."
Wollen sie wirklich Erfolg haben, dann müssen die Alphamädchen es deutlich besser machen als die Frauen davor.
Bei einem starken Drittel der jungen Frauen, glaubt Helga Lukoschat, Geschäftsführerin des Hochschulkarrierezentrums für Frauen, Femtec, handelt es sich um "Ausnahmefrauen, die entschieden ihren Weg gehen wollen. Bei denen gibt es so etwas wie ein inneres Band, das sie zieht". Die werden es schaffen - bei den anderen wird man sehen.
Wer als Frau im Leben Karriere und Familie unterbringen möchte, muss die Jahre zwischen dem Schulabschluss und dem 30. Geburtstag gut planen. Klingt nicht sehr aufregend, ist aber nach Clara Streits Ansicht eine der wesentlichen Erfolgsstrategien. Clara Streit ist 39 alt, seit vier Jahren gehört sie zu den 36 Seniorpartnern der Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland. Sie ist eine von zwei Frauen in diesem Kreis.
"Ich war nie ein Fan von: Jetzt mache ich erst mal Au-pair und dann vielleicht eine Lehre und dann mal sehen", sagt sie. Sie selbst hat in ihrer Abiturzeitung bereits Top-Managerin als Berufswunsch angegeben. Nach der Schule bewarb sie sich um einen Platz an der Elite-Uni St. Gallen, obwohl sie als eines von drei Geschwistern von Haus aus nie ehrgeizig angetrieben wurde.
"Besonders entsetzt bin ich, wenn Mädchen mit Abitur geraten wird, erst mal eine Hotellehre zu machen, nur mit dem Argument: Bettenmachen und Kochen kann man immer gebrauchen", sagt Clara Streit. Auch ein langes Sichtreibenlassen als Weltenbummlerin ist nach Streits Meinung kein Weg in eine Karriere. Auslandsaufenthalt ja, aber nur, um bei einem Praktikum die Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern.
Es geht darum, einen Plan zu haben. Um diese trockene Erkenntnis von Clara Streit kommt man wohl nicht herum, wenn man mit Anfang dreißig schon so viel Berufserfahrung haben möchte, um sich dann ein ruhiges Babyjahr gönnen zu können, ohne gleich vom Karrierekarussell geschleudert zu werden.
Frauen kommen in Deutschland auch deshalb nicht in die Chefetagen, weil dafür immer noch die ununterbrochene Vollzeittätigkeit Voraussetzung ist, Präsenzrituale zählen, die Demonstration der permanenten Unentbehrlichkeit. Auch das könnte sich verschieben, in Richtung flexiblere Arbeitszeiten, Telearbeit, Jobsharing auch in verantwortungsvoller Position. Ändern wird sich das nicht, solange in der Wirtschaft Männer dominieren. Und das tun sie, eindeutig - doch beim Führungsnachwuchs scheint sich etwas zu ändern.
"Neu ist, dass mit steigendem Einkommen der Frauen auch ihr Wille wächst aufzusteigen", sagt die Hamburger BWL-Professorin und Gehaltsexpertin Sonja Bischoff. Junge Managerinnen täten es immer häufiger den Männern gleich und strebten weiter nach oben. "Diesen Zusammenhang von Einkommen und Aufstiegsorientierung hat es bei den Frauen bisher nicht gegeben. Das macht Mut."
Vergleicht man Berufsanfängerinnen von heute mit denen von vor zehn Jahren, so ist die Karriere offenbar viel selbstverständlicher. Noch in den neunziger Jahren seien Frauen mit der Befürchtung in den Beruf gegangen, aufgrund ihres Geschlechts zu kurz zu kommen. Sonja Bischoff sagt: "Das wurde dann oft zur 'self-fulfilling prophecy'. Heute gehen junge Frauen selbstbewusster davon aus, dass ihre Leistung zählt und dass sie anerkannt werden."
Für Jana Görs, 25, aus Magdeburg sind Überraschungssiege mittlerweile Routine, sie ereignen sich meist schon zu Beginn der Zusammenarbeit, wenn Manageraugen auf ihre blonden Locken sehen und dann von ihr kühle Fragen nach Umsatzzielen hören. "Ich bin eine Frau, ich bin jung und trete trotzdem souverän auf - das ist mein Wettbewerbsvorteil", sagt sie.
Jana Görs bietet mit ihrer Firma Zephram Workshops zur Ideenfindung an und hat damit Unternehmen wie Siemens, Microsoft oder BMW schon geholfen, Konzepte für neue Produkte oder Kosteneinsparungen zu entwickeln.
Vor gut einem Jahr hat Jana Görs, damals noch Studentin der Computer-Visualistik, das kleine Unternehmen an der Universität Magdeburg zusammen mit einem Kommilitonen und einem Professor gegründet. Die junge Frau machte einen Crashkurs in BWL und übernahm die Geschäftsführung. Überzeugen konnte Zephram bereits als Gewinner des IT-Gründerpreises von Microsoft im vergangenen Jahr.
Jana Görs ist gern Chefin, "ich habe noch nie das Gefühl gehabt, als Frau nicht akzeptiert zu werden". Gegenüber Männern hat sie sich schon während des Ingenieurstudiums durchgesetzt: "Um zu überzeugen, muss man die Angst vor Ablehnung ablegen", sagt sie. Für Frauen sei das besonders wichtig, glaubt sie, "denn Männer wittern die Angst von Frauen und überrennen sie dann einfach". Gefallenwollen sei eine typisch weibliche, aber wirkungslose Strategie. "Die Mädchen, die nur große Augen machen", die kennt sie, manche von ihnen bewerben sich bei ihr als studentische Mitarbeiterinnen - und werden von der Chefin Görs enttäuscht: "So was kann ich meinen Kunden nicht antun."
Jana Görs ist in Magdeburg mit berufstätigen Eltern aufgewachsen. Ihre Mutter war 19, als Jana, die ältere von zwei Geschwistern, geboren wurde, die Eltern studierten noch, und in Krippe und Schule, sagt Jana Görs, fühlte sie sich wohl. Als die Mutter nach der Wende eine eigene Firma gründete, freuten sich die Kinder mit der Mutter, wenn Aufträge eingingen.
Jana Görs sagt: "Die Freude, die eine Frau im Beruf erlebt, überträgt sich doch aufs Kind." Sie selbst möchte in jedem Fall berufstätig bleiben, Kinder plant sie frühestens mit Anfang dreißig.
Mit Geschlechterklischees, glaubt sie, habe sie keine Probleme: Das typische Bild von pickeligen, dick bebrillten Mathematikern halte manche Mädchen vielleicht davon ab, Ingenieurin zu werden, weil sie denken, das sei unweiblich, "aber mir hat Mathe immer Spaß gemacht".
Doch was wird, wenn sie selbst einmal Falten hat, eine Brille trägt und nicht mehr mit dem Überraschungsfaktor "Frau, jung, hübsch und trotzdem kompetent" punkten kann?
Jana Görs sagt: "Dann kann ich hoffentlich mit der Berufserfahrung überzeugen, die mir jetzt noch fehlt."
Wie schwierig das ist mit der Schönheit, der Weiblichkeit und der Macht, seit Jahrzehnten ist das eines der großen Themen der Alice-Schwarzer-Generation. Sich schön machen, das galt in den siebziger Jahren als Verrat an der Sache der Frauen - als Geste jener, die Angst hatten, die Welt zu erobern und sich männlicher Kritik auszusetzen. Als Unterwerfungsstrategie.
Schwarzer meint, dass die Welt seither noch viel sexualisierter geworden sei und Frauen nach wie vor unter dem Zwang stünden, sich durch Niedlichkeit oder sexuelle Attraktivität harmloser zu präsentieren. Diese aufgebrezelten Frauen, klagt sie in ihrem neuen Buch, "begreifen sie denn gar nicht, dass ein Mann noch nicht einmal bis zum Mülleimer gehen würde in
solchen Schuhen, mit denen manche Frauen Tag für Tag ihre Füße verkrüppeln und in denen sie kaum gehen, geschweige denn große Schritte machen können?"
Unterwerfung oder nicht - sicher ist, dass sich die Frage der äußeren Erscheinung für eine Frau, die nach oben strebt, schärfer und schwieriger stellt als für einen Mann.
Wie attraktiv soll, darf, muss, kann eine Frau sich präsentieren, die Erfolg haben und Macht erobern will?
Sie hat die Freiheit zu entscheiden, und sie ist zu dieser Freiheit verdammt: Will sie, gewissermaßen körperlos, streng als Kumpel erscheinen wie Angela Merkel? Oder damenhaft wie Ursula von der Leyen? Oder weiblich und sexy wie Ségolène Royal?
Zu viel Körperlichkeit kann sich rächen, man sah es am Schicksal der Landrätin Gabriele Pauli, die nach ihren Latex-Fotos in die politische Bedeutungslosigkeit verschwand. Die äußere Erscheinung wird immer als Statement gelesen, sie wirkt als Filter für die Wahrnehmung ihrer Fähigkeiten, das trifft alle Frauen. Leichter haben es bisher, das ist die Botschaft der Vorbilder, diejenigen Frauen, die sich gegen die Rolle der hübschen und für die Rolle der nüchternen Erscheinung entschieden haben: Angela Merkel setzte sich durch, nicht Ségolène Royal.
Bauchfrei in die Chefetage - das kann nicht der Plan sein, es geht eher darum, männliche Betrachtungsweisen nicht als gegeben und unveränderbar zu übernehmen. Selbst zu entscheiden, was angemessen ist und was nicht. Die Deutungshoheit zu übernehmen.
"Wenn ich von Männern bewertet werde, geht es immer nur um meine Klamotten und meine Frisur." Pyranja sagt das, 28 Jahre alt, Rapperin. Anja heißt sie eigentlich; ihren Nachnamen will sie nicht genannt haben.
"Du sagst, dass man als Typ besser Auto fahren und rappen kann? Ich fang mit dir ein Rennen an." Pyranja kommt kämpferisch daher in ihrem Song "Blondes Gift". Sie ist zierlich, hat ein schmales Gesicht und sehr blonde Haare. Wenn man genau hinhört, merkt man einen leichten Mecklenburger Tonfall. Seit fünf Jahren lebt sie von der Musik, Anja hat drei Studioalben aufgenommen, ihre eigene Plattenfirma gegründet und moderiert eine HipHop-Sendung im Radio. Sie kommt aus Rostock und studiert Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste. Im Studium hat sie viel über Marketing gelernt, das wendet sie jetzt für ihre Kunst und ihre Plattenfirma an.
Fast alle Rapper sind Männer. Die meisten Fans sind Männer. Die Musikjourna-listen sind Männer. Frauen haben im HipHop nichts zu suchen, das haben sie Anja gesagt.
"Eigentlich hat man als Frau nur zwei Möglichkeiten im HipHop: Entweder man zeigt seinen Arsch und sieht gut aus, oder man versucht hart zu sein wie ein halber Kerl." Anja wollte beides nicht. Damals hat sie sich vorgenommen, sich nicht mehr darum zu kümmern, was die Männer über sie reden. Aber nicht nur die Männer sind schuld an dem Frauenbild in der HipHop-Szene, findet Anja. "Die Jungs müssen nur schnipsen und haben drei Mädels an der Hand. Dadurch wird es Frauen schwerer gemacht, die durch ihre Musik überzeugen wollen. Wer sich nur irgendwelchen Rappern an den Hals wirft, verbaut viele Sachen für andere Mädchen, die es ernst meinen."
Es ist kein reines Männerproblem. Diejenigen Frauen, die sich weiter anpassen und noch immer ihr Leben als Anhang eines Mannes definieren - die gibt es ja weiterhin auch, im Rap wie überall in der Gesellschaft.
Anja hat von ihrer Mutter gelernt, empfindlich auf solche Mechanismen zu reagieren. Die Mutter arbeitet in Rostock für die Stadtverwaltung, war immer berufstätig. "Erst nach der Wende ist sie dann angefeindet worden."
Anja möchte auch mal eine Familie haben und weiter arbeiten. "Ich sehe auch gar nicht ein, warum meine Träume weniger
wert sein sollen als die von dem Mann."
Die Botschaft der Mütter - sie ist wichtig, die verbale Botschaft und auch diejenige, die sich aus dem Leben ableiten lässt. Thea Dorn beispielsweise hat ihre selbständige, eigenwillige Mutter sehr darunter leiden sehen, dass sie arbeitslos wurde und damit abhängig von einem Mann.
Die Botschaft kann lauten: "Mach es besser als ich." Oder auch: "Mein Weg war gar nicht schlecht."
Es ist wohl kein Zufall - viele Alphamädchen haben die zweite Botschaft vernommen, und zwar von einer Mutter mit ostdeutscher Biografie. Die Magdeburger Unternehmensgründerin Jana Görs, die Rostocker Rapperin Pyranja - zu Hause haben sie gelernt: Krippenerziehung ist normal. Mütter, die arbeiten gehen, sind normal.
Auch Elisabeth Päthz, 22 Jahre alt, Schachspielerin, Jugendweltmeisterin 2002, Juniorenweltmeisterin 2005, ehrgeizig, durchsetzungsstark, ist ein Kind der DDR.
Sie sitzt in ihrer neuen Wohnung in Berlin-Wilmersdorf und sieht erschöpft aus. Das letzte große Turnier, elf Partien in zwölf Tagen, ist gerade erst ein paar Tage her. Schach ist ein Leistungssport, und Elisabeth Päthz besetzt darin die Rolle des Nachwuchsstars: Sie spielt schon lange in der Erwachsenenklasse und steht in der Nationalmannschaft auf Rang eins, vor Frauen, die 10, 15 Jahre älter sind als sie.
Elisabeth Päthz sagt, ein typisches Mädchen sei sie nie gewesen, in der Grundschule raufte sie sich lieber mit den Jungs, anstatt Puppen hübsch zu machen. Schach spielt sie, seit sie fünf ist. Ihre Familie lebt in Thüringen, es ist eine Schachfamilie: Ihr zwei Jahre älterer Bruder spielt, ihre Eltern auch. Der Vater wurde zweimal DDR-Meister, dann fing er hauptberuflich an, seine Kinder zu trainieren. Das feste Einkommen brachte seine Frau nach Hause.
Die Tochter verdient inzwischen mit Schach ihr Geld. Sie spielt längst besser als ihr Bruder - "weil ich es zu meinem Beruf gemacht habe, er nicht". Wenn sie in gemischten Spitzenturnieren gegen Männer antritt, kommt sie oft unter die ersten 20. Acht bis neun Turniere spielt Elisabeth Päthz im Jahr, wenn es gut läuft, bekommt sie dabei insgesamt 15 000 Euro an Preisgeld und Honoraren. Und dann ist da noch ihr Monatsgehalt von rund 1200 Euro als Sportsoldatin. Für zwei Jahre hat sie sich bei der Bundeswehr verpflichtet. "Dadurch kann ich mich zwei Jahre lang voll aufs Schach konzentrieren", sagt sie, "in den Krieg ziehen würde ich nie!"
Mit der klassischen Rollenverteilung ist Elisabeth Päthz nicht aufgewachsen, und so will sie selbst auch nicht leben. Ihrem 22-jährigen Freund, einem georgischen Schachspieler, ringt sie seit einem Jahr eine gleichberechtigte Partnerschaft ab. Zu Hause in Tiflis wäscht und putzt seine Mutter für ihn, Päthz musste ihm erst beibringen, dass sie diese Rolle nicht übernimmt, wenn er bei ihr in Deutschland ist. "Ich bin ganz stolz, dass er inzwischen schon Nudeln kochen kann", sagt sie, "wenn er irgendwann einen Kuchen schafft, ist meine Mission erfüllt."
Nächstes Jahr will sie anfangen zu studieren, Grundschullehramt. Ein schachfreundlicher und ein familienfreundlicher Beruf, den sie nicht aufgeben muss, wenn sie Mutter wird.
Wenn sie Mutter wird. Das ist er, der zweite kritische Punkt in der weiblichen Biografie nach dem Einstieg in den Beruf. Daran wird sich die Zukunft der Alphamädchen entscheiden: wie sie Job und Familie vereinbaren können. Und wollen.
Die Frauen wollen schon. Zumindest etwa 80 Prozent von ihnen. So hoch beziffert der Soziologe Klaus Hurrelmann den Anteil der jungen Frauen, die später Kinder und Karriere kombinieren möchten. Hurrelmann hat bei der Arbeit an der jüngsten Shell-Jugendstudie festgestellt, dass die Bereitschaft der Geschlechter, sich auf ein flexibles Rollenmodell einzulassen, sehr unterschiedlich ist. Er nennt es die "40/80-Katastrophe": Weit mehr als die Hälfte der jungen Männer wünschen sich eine Ehefrau, die ihnen später den Rücken freihält. Nur 40 Prozent können sich eine Partnerschaft vorstellen, in der die Aufgaben gleichberechtigt verteilt sind. Wenn aber 80 Prozent
junger Frauen auf nur 40 Prozent junger Männer treffen, die eine ähnliche Lebensvorstellung haben, was machen dann die 40 Prozent ohne modernen Mann?
Ein paar von ihnen werden es aus Liebe vielleicht mit dem traditionelleren Lebensmodell probieren, sich "hinüberziehen lassen", sagt Hurrelmann. Bleibt aber die Frage, wie haltbar Ehen sind, in denen Mann und Frau so unterschiedliche Weltsichten haben.
Der große Teil dieser jungen Frauen wird sich auf die Karriere konzentrieren, prognostiziert Hurrelmann. Das bedeutet womöglich, dass jede dritte Frau in Deutschland in Zukunft keine Kinder bekommen wird.
Dabei haben Frauen durchaus die Absicht, die Zukunft mit den Männern auszuhandeln. Sie wissen längst: Wollen sie beides haben, Beruf und Familie, dann brauchen sie die männliche Kooperation. Sie müssen die Männer mitnehmen.
Hier hilft nicht der Glaube, "es wird schon irgendwie klappen", mit dem sich die Frauen trösteten, die heute in den Vierzigern sind - bis sie sich dann, wie Thea Dorn es ausdrückt, "schneller, als man hallo sagen kann", wiederfanden mit der Alleinverantwortung für das Kind. Hier helfen Absprachen, helfen Pläne, nur so ist das zu beenden, was sich laut dem Soziologen Ulrich Beck bei den Männern verfestigt hat: die "verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre".
Vera Souhrada, 25, sitzt am Küchentisch in ihrer Altbauwohnung in Fürth, auf ihrem Schoß klettert Jakob herum, ihr zweijähriger Sohn. Durch die Balkontür flutet Sonne in den Raum, Jakob spielt mit einem Spielzeugtier. "Kocka", kräht er, Katze. Die beiden sprechen tschechisch miteinander. Vera Souhrada ist 1989 mit ihrer Mutter aus einem kleinen Ort in der Nähe von Karlsbad nach Bayern geflohen.
Mit Christian Brandl, Vera Souhradas Freund und Jakobs Vater, reden sie deutsch. Brandl muss gerade arbeiten, er ist Polizist, 42 Stunden im Schichtdienst. Vera Souhrada studiert Medizin, zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit in Neurologie.
Wenn sie in der Uni ist und ihr Freund arbeitet, geht Jakob in eine Kinderkrippe. Seit er 16 Monate alt ist, hat er dort einen Platz. Es gefällt ihm gut da, glaubt die Mutter. "Als wir neulich eine Woche im Urlaub waren, hat er die anderen Kinder richtig vermisst. Er hat immer die ganzen Namen aufgezählt. Anne, Ben, Haakon."
Am Anfang jedes Monats setzen sich Vera Souhrada und Christian Brandl zusammen und machen einen Plan für die nächsten Wochen. In die linke Spalte trägt sie ihre Vorlesungen ein, in die mittlere Spalte er seine Schichten. In der rechten Spalte wird notiert, wann die beiden nach der Krippe noch einen Babysitter brauchen. Jakobs Omas wohnen beide in der Nähe und passen gern auf ihn auf. Zwei Tage in der Woche hat Christian Brandl frei, da kümmert er sich um Jakob, bringt ihn morgens in die Krippe und abends ins Bett. Den Haushalt haben die beiden aufgeteilt. Sie macht die Wäsche, er spült das Geschirr.
Vera Souhrada hat durch Jakob keine Zeit im Studium verloren. Im neunten Monat bestand sie ihr Physikum, zwei Wochen nach der Geburt saß sie wieder in den Vorlesungen. Am Anfang ging sie nur zu Pflichtveranstaltungen und lernte zu Hause, wenn Jakob schlief. "Das Praktische am Studium ist ja, dass man flexibel ist", findet Vera Souhrada. Sie ist sogar fleißiger, seit Jakob da ist. Jetzt hat sie Zeit von neun bis drei, wenn Jakob in der Krippe ist, die sie zum Lernen nutzt. Sie ist organisierter geworden.
Dass sie ihr Studium beenden und arbeiten wird, wusste die junge Frau immer, schon als kleines Mädchen wollte sie "Frau Doktor" werden. Nur Hausfrau und Mutter zu sein käme für Vera Souhrada nicht in Frage, nach einer Woche ohne Uni wird sie richtig unzufrieden. "Man muss seine Intelligenz so zurückfahren, immer diese Kindersprache, mit niemandem anders reden." Sie findet das anstrengend.
"Ich bin schon emanzipiert", sagt sie. Früher hätte sie das Wort nie benutzt, sie hat immer gedacht, Gleichberechtigung sei heutzutage ganz selbstverständlich. "Jetzt habe ich gemerkt, dass das nicht so ist." Gerade als Mutter habe man es oft schwer. Vera Souhrada ärgert sich über mütterfeindliche Strukturen, die Demografiedebatte, über Bischof Mixa und ältere Frauen, die ihr Vorwürfe machen, weil sie Jakob in eine Krippe bringt.
Ihr Freund wurde noch nie gefragt, wo sein Kind ist, wenn er arbeitet. Sie selbst hört diese Frage ständig.
Manchmal sieht es so aus, als habe sich wenig verändert in diesem Land. Und dann wieder doch.
Man tritt an einem Frühlingstag an einen Zeitungskiosk und sieht auf dem Titel eines bunten Klatschblatts Brad Pitt, den amerikanischen Schauspieler, mit kleiner Tochter auf dem Arm, ganz zärtlicher Vater, während seine Angelina Jolie als Schauspielerin und Uno-Sonderbotschafterin um die Welt reist, man liest die Zeile: "Wir schaffen das schon". Vielleicht ist Brad Pitt ein Signal.
Vielleicht ist Angela Merkel ein Signal, die sich durch Machtkämpfe und Intrigen geboxt hat und Bundeskanzlerin wurde und zumindest symbolisch eine neue Republik geschaffen hat - eine Republik, in der kleine Jungs schon ihre Mütter fragen: "Gibt es eigentlich auch Bundeskanzler?"
BARBARA SUPP; JULIA BONSTEIN, ANKE DÜRR, DIALIKA KRAHE, MERLIND THEILE, CLAUDIA VOIGT, KATHRIN WERNER

Chen Shuai Sui
19, Abiturientin und fünfmalige Landesmeisterin bei der deutschen Mathematik-Olympiade
"Ich war schon immer sehr gut in Mathe, aber auch in anderen Fächern. Ich war zwölf, als wir aus China nach Deutschland kamen. Zwei Jahre später habe ich zum ersten Mal an der Mathe-Olympiade teilgenommen und gleich gewonnen in meiner Altersstufe. Es war schön, etwas zu haben, was sich nicht durch die Umsiedlung verändert hat; etwas, worin ich gut war und worauf ich mich verlassen konnte. Das Schönste an der Mathematik ist nämlich: Was vor tausend Jahren entwickelt worden ist, ist heute noch richtig. Das Gefühl der Sicherheit und Unvergänglichkeit ist faszinierend. Gewiss können viele diese Faszination nicht verstehen, aber die Menschen sind nun mal verschieden. Dass die deutschen Schüler im Durchschnitt in Mathe schlechter sind als etwa die chinesischen, liegt sicherlich nicht an der Begabung, sondern an der fehlenden Übung. Meine Eltern haben hier in Deutschland studiert; meine Mutter arbeitet heute bei einer Partnerfirma von Airbus, mein Vater ist Doktor der Physik. Wo ich meine Zukunft sehe? Ich würde gern im Bereich Banken und Versicherungen arbeiten oder in die Forschung gehen. Erst mal werde ich natürlich Mathematik studieren. Dass das eine Männerdomäne sein soll, sehe ich nicht so. Wenn ich eine Aufgabe löse, denke ich jedenfalls nicht daran, dass ich sie als Mädchen löse."

Jennifer Köster
25, Polizeimeisterin bei der Hamburger Schutzpolizei
"Selbstverständlich gehe ich bei Schlägereien auf dem Kiez dazwischen, das gehört dazu. Als mein Vater vor 42 Jahren bei der Polizei anfing, wurden seine Kolleginnen meist nur dazugerufen, wenn eine Frau durchsucht werden musste oder ein Kind vermisst wurde. Heute machen wir Frauen bei der Polizei die gleiche Arbeit wie die Männer. Die Anwesenheit einer Frau kann die Lage manchmal entschärfen. Ich habe aber auch schon erlebt, dass Männer eine gefährliche Situation ebenfalls durch einfühlsames Reden in den Griff bekommen. Es wird immer Männer geben, die meinen, Frauen hätten bei der Polizei nichts zu suchen. Darauf müssen wir Frauen vorbereitet sein, wenn wir einen solchen Beruf wählen. Aber ich wollte schon als kleines Mädchen Polizistin werden, das war immer mein Traumberuf. Ich möchte gern auf die Fachhochschule gehen, um dann Kommissarin zu werden. Meine Mutter war Friseurin und ist nach meiner Geburt zu Hause geblieben. Ich hätte mir keine schönere Kindheit für mich und meine Schwester vorstellen können. Wenn ich selbst Kinder habe, möchte ich allerdings bald wieder anfangen zu arbeiten, am Anfang in Teilzeit. Heute ist es doch selbstverständlich, dass Mann und Frau gleichermaßen an der Kindererziehung und an der Hausarbeit beteiligt sind. Die Gesellschaft hat sich verändert. Männliche Kollegen, die Kinder haben, müssen doch auch planen: Kann ich mich schlafen legen, wenn ich von der Nachtschicht komme, oder muss ich erst mal wickeln?"

Ina Bornkessel
27, Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig
"Viele Leute sind erst mal überrascht, wenn sie mich hier sehen - an der Spitze einer sprachwissenschaftlichen Forschungsgruppe erwartet man wohl niemanden in meinem Alter, schon gar keine Frau. Meinen Doktortitel in Allgemeiner und Theoretischer Linguistik hatte ich mit 22, heute arbeite ich am Max-Planck-Institut in Leipzig auf Professorenebene und betreue hier sechs Doktoranden. Wir untersuchen, was beim Lesen und Hören von Sprache im Gehirn passiert. Sprache hat mich schon immer interessiert: Mit sieben zog ich mit meiner Mutter von Berlin nach Australien und blieb dort bis zum Abitur, ich bin also zweisprachig aufgewachsen. Im Studium an der Universität Potsdam habe ich dann meinen späteren Mann kennengelernt, er ist 14 Jahre älter als ich und hatte schon zwei Töchter, die heute Teenager sind. Ich liebe meine Arbeit und bin nicht so ein Kindermensch. Wenn ich früher an meine Zukunft dachte, tauchte darin gar kein Nachwuchs auf. Inzwischen finde ich kleine Kinder aber doch ganz süß, ich merke, dass ich in diesen ,Frauenfragen' seit ein paar Jahren nicht mehr so kategorisch bin. Auch meine Haltung zum Feminismus hat sich gewandelt. Früher dachte ich, man brauche ihn nicht mehr, schon der Terminus klingt so altmodisch. Heute, nach ein paar Jahren im Berufsleben, sehe ich das aber differenzierter. Manches am Feminismus erscheint mir nicht mehr überflüssig, denn man hat es als Frau in der Arbeitswelt schon schwerer. Weil man sich immer erst beweisen muss."

Nadja Benaissa
25, jüngste Sängerin der Popgruppe No Angels
"Irgendwie bin ich schon Feministin. Aber nicht so wie die radikalen Feministinnen von früher, bei denen es hieß: nur nichts Figurbetontes anziehen, bloß nicht schminken. Ich bin selbstbewusst, und ich bin gern eine Frau. Mit 17 habe ich meine Tochter Leila zur Welt gebracht, mit 18 wurde ich für die No Angels ausgewählt. Ich musste immer für mich selbst sorgen und bin wirklich selbständig. Ich brauche keinen Mann, der mich oder mein Kind durchfüttern müsste. Ich kann alles machen, was Männer machen können. Ich sehe da keine Schubladen, wo ich denke, das darf ich, das darf ich nicht. In meiner Familie arbeiten alle Frauen, selbst auf der marokkanischen Seite von meinem Vater. Darum bin ich schon immer so geprägt worden, und es war immer klar, dass ich was machen möchte aus meinem Leben, mein eigenes Geld verdienen und unabhängig sein. Mir ist es auch ganz wichtig, dass meine Tochter stark und selbstbewusst ist, auch wenn sie dann vielleicht nicht jeder mag und sie mal irgendwo aneckt. Ich sage meiner Tochter immer, dass nichts und niemand sie zu etwas zwingen kann und sie nichts tun muss, was sie nicht will. Ich bin stolz darauf, Popstar und Mutter zu sein, auch wenn das manchmal anstrengend ist. Ich habe viel Post von jungen Müttern bekommen, die mir geschrieben haben, dass ich ihnen Mut mache."

Aylin Selcuk
18, Abiturientin, Gründerin des Vereins "Die DeuKische Generation" zur Integration deutsch-türkischer Jugendlicher
"Ich glaube, dass wir Frauen heute längst alles erreichen können, vielleicht sogar mehr als die Männer. Frau sein bedeutet, Chancen zu haben in dieser Gesellschaft, davon bin ich überzeugt. Deshalb ärgere ich mich manchmal über die Feministinnen, denn ich frage mich: Was wollt ihr eigentlich noch? Ich habe doch heutzutage keine schlechteren Voraussetzungen mehr, nur weil ich eine Frau bin. Jetzt, nach dem Abitur, konzentriere ich mich erst mal auf den Verein, dann kommt das Studium: Business Administration und Management in den USA und in Deutschland zu studieren wäre mein Traum. Dann Karriere, Kind und wieder Karriere - ich will auf nichts verzichten in meinem Leben. Ehrgeizig war ich schon immer, die achte Klasse habe ich übersprungen. Wann immer Gruppenarbeiten anstehen, übernehme ich so schnell es geht die Führung. Das liegt wohl daran, dass ich nur sehr schwer Verantwortung abgeben kann. Auch wenn es viel Arbeit bedeutet wie jetzt bei unserem Verein: die ständigen Treffen, die ganze Organisation, die Pressetermine und die Podiumsdiskussionen - das wurde in letzter Zeit ganz schön viel, neben dem Abitur. Aber das ist es mir wert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Aufmerksamkeit, die der Verein in letzter Zeit bekommen hat, auch damit zusammenhängt, dass ich, die Gründerin, ein Mädchen bin. Davon profitiere ich bestimmt."

Nina Mattenklotz
26, Regiestudentin an der Theaterakademie Hamburg
"Dass Theaterregie ein Männerberuf sein soll, war mir nicht bewusst und auch nicht wichtig. Für die Regisseure und Regisseurinnen, mit denen ich gearbeitet habe, wie zum Beispiel Friederike Heller vom Burgtheater, war das auch nie ein Thema. Und es stimmt auch nicht mehr: In unserer Regieklasse sind zum Beispiel vier Frauen und ein Mann. Aber es ist schon merkwürdig: Bei unserem Antikenprojekt im April haben wir Frauen uns alle für ein Stück mit einer Titelheldin entschieden, der Kommilitone hat ,Orestes' inszeniert. Ich habe mir ,Elektra' ausgesucht, aber nicht, weil es ein Frauenstück ist, ich war einfach gebannt von dem Text. Ich habe lange nach einem Beruf gesucht, der mich mit Herz und Verstand fordert und ausfüllt. Die Bilder, die Kommunikation der Schauspieler untereinander und mit den Zuschauern, die Konzentration im Raum, die dabei entstehen kann - das hat mich für das Theater eingenommen. Ich komme aus einem Dorf in Nordrhein-Westfalen und bin nach dem Abitur gleich in die Großstadt gegangen. Meine Eltern haben meiner Schwester und mir immer gesagt: Macht das, was für euch gut ist. Nach meinem Abschluss möchte ich natürlich als Regisseurin arbeiten. Es ist klar, dass man das mit dem Partner besprechen und organisieren muss, wenn man diesen Beruf mit einer Familie vereinbaren will. Die Männer in meinem Freundeskreis sehen das ähnlich: Die Aufgaben und Bedürfnisse müssen besprochen und geteilt werden. Es muss für beide passen."
* Beim Deutschen Arbeitgebertag 2006 in Berlin.
Von Barbara Supp, Julia Bonstein, Anke Dürr, Dialika Krahe, Merlind Theile, Claudia Voigt und Kathrin Werner

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