11.06.2007

IRAK

Das geteilte Böse

Von Zand, Bernhard

Der sunnitische Aufstand steht vor der Spaltung, Saddam-Loyalisten und Qaida-Kader bekämpfen jetzt einander. Eine Wende im Bürgerkrieg?

Ein Ereignis, zwei Meinungen: "Einer unserer Männer war in der Stadt unterwegs, um feindliche Graffiti zu übermalen. Die Islamische Armee erschoss ihn, und so begann der Kampf." Das behauptet al-Qaida.

"Wir sind zur Muluki-Moschee gefahren, um die Qaida zur Rede zu stellen. Es ist nicht mehr hinzunehmen, was diese Leute aus unseren sunnitischen Vierteln machen: Geisterstädte, in denen keiner leben kann. Deshalb ist es zum Kampf gekommen." Das behauptet die Islamische Armee.

Zwei Tage lang dauerte die Schlacht in Amirija, dem derzeit gefährlichsten Viertel von Bagdad. Danach waren auch die letzten Anwohner der Muluki-Moschee geflohen, viele Tote lagen auf den Straßen. Gezählt hat sie niemand, denn die irakische Polizei, die Armee und die amerikanischen Soldaten kommen nicht mehr in diesen Teil von Amirija. Hier sind Terror und Aufstand, Mord und Totschlag unter sich.

Trotzdem verbindet sich mit dem Gemetzel von Amirija ein Schimmer von Hoffnung. Bis vor kurzem pflegten die irakische Qaida und die Islamische Armee, die beiden radikalsten Banden zwischen Euphrat und Tigris, einander auf ihren Websites zu gratulieren, wenn eine von ihnen wieder einen US-Humvee oder eine Gruppe irakischer Polizeirekruten in die Luft gejagt hatte. Jetzt aber stehen sie im Krieg miteinander, in den Dörfern und Städten des Sunnitendreiecks, im Westen von Bagdad - und im Internet, wo der Kampf um die Muluki-Moschee ganze Salven gegenseitiger Verdammung auslöste.

"Hunde" seien die Mitglieder der Islamischen Armee, so die Qaida. Deren Führer sollten sich auf Gottes Strafe und das Jüngste Gericht vorbereiten, so die Islamische Armee.

Mit verhaltenem Optimismus registrieren die irakische Regierung und die US-Militärführung die neue Dimension des innersunnitischen Konflikts. Al-Qaida ist das ultimativ

Böse im Zweistromland: Die Jünger des vor einem Jahr getöteten Terroristenführers Abu Mussab al-Sarkawi interessiert weder der Irak noch das irakische Volk, sie wollen den Bürgerkrieg, den sie erfolgreich herbeigebombt haben und mit einem Selbstmordanschlag nach dem anderen weiter anheizen.

Gruppen wie die Islamische Armee, die "Revolutionsbrigaden von 1920" oder die "Armee der Mudschahidin" aber sind ein Übel zweiter Ordnung: Auch sie morden, entführen und exekutieren - doch ihre Truppen, anders als bei der Qaida, sind ausschließlich Iraker, viele von ihnen ehemalige Offiziere und Geheimdienstler des Saddam-Regimes. In den Analysen westlicher Irak-Experten firmieren sie als "nationalistischer Aufstand"; sie unterhalten Verbindungen zur politischen Führung der Sunniten, und sie sind, mehr noch als die Qaida, auf das Wohlwollen der Bevölkerung angewiesen.

Bis zur Erschöpfung hatte Zalmay Khalilzad, der US-Botschafter bis Anfang dieses Jahres, mit Figuren aus der Grauzone zwischen Terror und Politik verhandelt, um einen Keil zwischen den sunnitischen Widerstand und die Qaida-Dschihadisten zu treiben - am Ende vergebens: Noch im Dezember 2006 sagte der US-Experte Evan Kohlmann die Formation einer großen irakischen Terrorholding voraus, angeführt von der Qaida, doch unter Einschluss so gut wie aller nationalistischen Armeen und Brigaden.

Jetzt aber, und ganz ohne Washingtons Zutun, bricht jener Widerspruch auf, der von Anfang an da war, den der gemeinsame Kampf gegen die Besatzer bislang aber verdeckte.

"Wir haben drei Feinde", sagt Scheich Chalaf al-Iljan, einer der am engsten mit dem sunnitischen Aufstand verbundenen Abgeordneten im irakischen Parlament: "Feind Nummer eins ist al-Qaida, Feind Nummer zwei ist Iran, Nummer drei sind die Amerikaner."

Iljan sitzt in der Lobby des Holiday Inn in der jordanischen Hauptstadt Amman, er streckt ächzend seine Beine aus. Vor sechs Monaten ließ er sich in Dubai die Knie operieren, in Bagdad allerdings hat man ihn lange nicht mehr gesehen: Iljan gilt als der Führer der Islamischen Armee. Bei einer Razzia in seiner Residenz im Jarmuk-Viertel fand man denselben Sprengstoff, der Anfang April bei einem Anschlag auf das irakische Parlament verwendet wurde. Als sein Feind Nummer vier darf die irakische Regierung gelten, der seine Partei pro forma noch angehört, aber das, sagt er, sei nur mehr eine Frage der Zeit.

Wie kommt es, dass al-Qaida, deren Führer Männer wie er früher als "die Löwen des Widerstands" priesen, nun plötzlich zum Feind geworden ist? Die Qaida, sagt der Scheich, sei etwas grundsätzlich Unirakisches: "Sie töten irakische Zivilisten, sie töten unsere Imame, sie bringen verdiente Kriegsveteranen um. Sie sind eine globale Organisation, die nur da ist, um den Ruf des Islam zu zerstören."

Vor allem, fügt ein Gefolgsmann hinzu, lasse die Qaida keine Götter neben sich gelten. Wer sich weigere, ihrem Dachverband, dem "Islamischen Staat Irak", beizutreten, werde ohne Gerichtsverfahren, ohne Beweis, auf bloßen Verdacht hin ermordet. Die alten Saddam-Loyalisten, scheint es, haben ein Problem mit dem Totalitarismus der Qaida.

Sicher, der Dschihad verbinde alle Muslime, die gegen die Besatzung kämpften, sagt Scheich Iljan. Doch die Qaida werde von Teheran unterstützt, das selbst den Irak unter seine Kontrolle bringen wolle. Es gebe Lager jenseits der Grenze, behauptet er, in denen gleichzeitig iranische Revolutionswächter und Qaida-Leute ausgebildet würden.

Seltsame Allianzen entstehen da am Tigris: Den Vorwurf, Iran arbeite nicht nur mit den schiitischen Milizen zusammen, sondern auch mit der Qaida, bringt auch Washington immer wieder vor. Tragen diese gemeinsamen Feindbilder, kommt es zu einer sunnitisch-amerikanischen Front?

Von Erfolgen berichten Amerikaner wie sunnitische Stammesführer seit geraumer Zeit aus der westirakischen Provinz Anbar. Dort ist es gelungen, die Qaida weitgehend aus ihren ehemaligen Hochburgen Falludscha und Ramadi zu vertreiben. Aufständische, die früher gegen die US-Truppen kämpften, treten inzwischen zu Hunderten in die irakische Polizei ein. Die bedrängte Qaida rächt sich mit Anschlägen, die sie früher nur gegen Schiiten verübte.

General David Petraeus, der oberste US-Kommandeur im Irak, setzt offenbar auf eine breite sunnitische Mehrheit gegen die Qaida. Und er hat sich eine Frist bis September gesetzt, dann will er Bilanz ziehen.

Tatsächlich habe Amerika den nationalistischen Teil des Aufstands als Anti-Qaida-Truppe inzwischen anerkannt, sagt der Iraker Mustafa Alani vom Golf-Forschungszentrum in Dubai. Der Krieg sei damit aber nicht mehr zu gewinnen. "Dafür ist es zu spät. Der Aufstand insgesamt fühlt inzwischen den Sieg." Wohl etablierten die US-Truppen immer wieder "Inseln relativer Sicherheit" im Irak, die Verbindung zwischen diesen Inseln herzustellen gelinge ihnen aber nicht. "Der Widerstand ist inzwischen wie Wasser: Was aus der einen Pfütze abfließt, taucht in der nächsten wieder auf."

So gesehen steht al-Qaida im Irak in jedem Fall vor einem Erfolg: Selbst wenn das Terrornetzwerk unterliegen sollte, hat es wie seinerzeit in Afghanistan an Nimbus und Jüngern gewonnen, um den Kampf anderswohin zu tragen. Der Irak ist nach wie vor ein "Terror-Importeur", wie Alani sagt, der Zustrom an Dschihadisten übersteigt die Zahl der Abwanderer.

Früher habe er oft Meldungen vom Kampf gegen die Qaida aus Falludscha und Ramadi bekommen, sagt ein junger Iraker, der sich zum "patriotischen Widerstand" rechnet. Heute klingle das Telefon aus Baakuba im Osten, aus Mahmudija im Süden oder aus Mossul oben im Norden. Ein Drittel der sunnitischen Jugendlichen, schätzt er, stehe auf Seiten der Qaida; die Zahl könne abnehmen - oder auch nicht.

Vor einem Jahr ist sein Vater gestorben, er war einer der 70 Männer, die 1968 mit Saddam die Baath-Partei an die Macht geputscht hatten. Eine Zeitlang verhandelte er noch als Vertreter der Baath-Partei mit dem US-Botschafter Khalilzad, um sich, mit anderen Nationalisten, der Welle der Qaida entgegenzustemmen. Es hat nicht geklappt. "Gestorben ist er an einem Herzinfarkt", sagt der Sohn. "Aber sagen wir es ruhig: Er war zu Tode zermürbt." BERNHARD ZAND


DER SPIEGEL 24/2007
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