18.06.2007

Das afghanische Herz

Global Village: Ein deutscher Ingenieur, der in Kabul aufwuchs, baut Straßen mitten im Kampfgebiet.
Neustadt ist ein malerischer Ort an der Ostseeküste von Schleswig-Holstein und die Heimat von Hans Deleré, 64. Der Straßenbauingenieur könnte dort gemütlich im Café Wallburg auf der Terrasse sitzen, Käsekuchen essen und aufs Wasser schauen. Aber er ist lieber in Kandahar im umkämpften Süden von Afghanistan. Seit drei Monaten haust er hier in einem Nato-Camp in einer fensterlosen Koje, zweimal 2,50 Meter groß. Die Kanadier gewähren dem Deutschen Schutz und Unterkunft auf ihrem Militärstützpunkt.
Bei Wind und Wetter geht Deleré morgens raus zum Waschcontainer, danach steht er in der Kantine fürs Frühstück an. Er ist der einzige Deutsche hier, groß und dunkelblond, in kariertem Hemd und einem haselnussbraunen Fleece-Pullover. In der Luft hängt feiner Staub, Deleré hat sich einen Dauerhusten eingefangen, leicht ist es nicht hier. Doch er will gerade diese besondere Straße bauen im Panjwai-Distrikt, in dem sich Nato-Truppen und die Taliban seit Monaten tödliche Scharmützel liefern.
"Es gibt keine Entwicklung ohne Sicherheit, und es gibt keine Sicherheit ohne Entwicklung in Afghanistan", hatte der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan einmal gesagt. Aber wer von den Entwicklungshelfern und Experten traut sich schon in den wilden, gefahrenreichen Paschtunengürtel im Süden? Deleré gehört zu den Wagemutigen.
Die Straße des Deutschen ist mit 4,3 Kilometern nicht sehr lang. Sie verbindet den Panjwai-Distrikt mit der sogenannten Ring Road, die nach Westen an die iranische Grenze, nach Osten zur Hauptstadt Kabul führt. Panjwai gilt als strategisch wichtige Region und ist auch eine der fruchtbarsten Gegenden Afghanistans. Die Straße verbindet nicht nur Panjwai mit den Hauptverkehrslinien Afghanistans, sie hat auch viel mit Delerés Biografie zu tun.
Vor 57 Jahren wohnte er mit seinem Vater in Shar-i-Nau, einem Viertel im Zentrum von Kabul. Josef Deleré war Straßenbauingenieur wie sein Sohn heute. Deutsche Firmen bauten in den Nachkriegsjahren am Hindukusch Staudämme, Fabriken und Elektrizitätswerke. Großprojekte wie das von Siemens miterrichtete Sarobi-Kraftwerk 50 Kilometer östlich Kabuls prägen in Afghanistan noch heute den guten Ruf deutscher Ingenieurkunst.
Der Vater war zuständig für den Ausbau des gesamten afghanischen Straßennetzes. Die Gebirgsstraße von Tang-i-Gharu Mai Par, ursprünglich ein verschlungener Karawanenweg durch die Berge im Osten und eine der wichtigsten Handelsverbindungen nach Pakistan, ist sein Werk. "Ich habe ein afghanisches Herz", sagt der Sohn heute und hält seine Splitterschutzweste und den Stahlhelm ungelenk im Arm. Hans Deleré ist kein Freund des Militärischen. Gleich aber geht es raus zur Baustelle, und dort muss er sich den Regeln des kanadischen Schutzkommandos beugen.
Gelbe Steppe liegt zwischen den Distrikten Panjwai und Zhari, am Horizont steigen blass die Berge auf. Deleré drückt den afghanischen Bauarbeitern die Hand. Bauleiter ist ein Pakistaner, Auftraggeber die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die Bundesregierung kommt für die Kosten auf. Deleré ist der oberste Aufseher.
Er staunt über die guten Baumaschinen und den perfekt aufgetragenen Asphalt auf der Sechs-Meter-Spur. Noch immer spricht Deleré ein bisschen Dari. Er sagt: "Alman hastum, rafiq Afghanistan hastum - ich bin Deutscher, ich bin ein Freund Afghanistans." Dann lächeln die Afghanen. Wenn
es um fachliche Details geht, etwa Wasserdurchlässe unter der Fahrbahn, bleibt Deleré jedoch unnachgiebig deutsch. Dafür liefern ihm die Afghanen dann "echte Wertarbeit".
Bis zu seinem 14. Geburtstag hat Deleré in Kabul gelebt, sechs Jahre lang. Sein bester Freund war ein großgewachsener Tadschike aus dem Pandschir-Tal mit langem Bart, Turban und Chapan-Mantel, wie Präsident Hamid Karzai ihn heute bei offiziellen Auftritten trägt. Der Hausdiener Faiz Mohammed passte auf den blonden Jungen in den kurzen Lederhosen auf wie ein Schneeleopard, der seine Beute verteidigt: "Willst du in die Schule, oder sollen wir Hühner jagen?", fragte er den Jungen morgens. Später am Tag radelte der oft noch zum Basar in der Chicken Street, wo er für die Kollegen seines Vaters Alkohol besorgte - angebrochene Whiskey- und Weinflaschen, die bei internationalen Botschaftsempfängen abgezweigt worden waren.
Inzwischen ist die deutsche Straße im Süden fertig, und es gab eine unspektakuläre Übergabe. Dabei ist das Projekt eine kleine Sensation. Kein einziger Schuss war während der Bauphase gefallen, und niemand hat in den vergangenen zwei Monaten versucht, die Straße wieder zu zerstören. Mitarbeiter der GTZ hatten offenbar mit den richtigen Leuten gesprochen, auch mit den Taliban. Die gaben ihr Einverständnis und versprachen, dem deutschen Ingenieur kein Haar zu krümmen.
Inzwischen ist Deleré kurz nach Neustadt im Ostholsteinischen zurückgekehrt. Nur einmal saß er auf der Terrasse im Café Wallburg und aß Käsekuchen. Es zieht ihn zurück nach Afghanistan, er will nicht nur eine weitere Straße bauen, sondern gleich ein ganzes Technologiezentrum für Asphalt. Die Afghanen sollen sich in Zukunft selbst helfen können, das ist sein Traum. Schon bald soll es losgehen. Dann wird er wieder sein kleines Medaillon mit dem roten Stein umlegen, in das eine Sure des Koran graviert ist: "Die Kraft Gottes wird erbeten, Gott schütze mich."
SUSANNE KOELBL
* Links: um 1950 mit afghanischem Begleiter; rechts: im Februar in Kandahar.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 25/2007
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