25.06.2007

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEPapa Paul

Warum eine Berlinerin glaubt, sie sei Paul McCartneys Tochter
Wenn sie am Abend ausging, verabschiedete sie sich von ihren Eltern in einer blauen Jeans, sie gehe Schlittschuh laufen, sagte sie, zog sich im Keller um, fuhr auf die Reeperbahn, in einer roten, knallroten Jeans, betrat den Hamburger Kaiserkeller, warf ihr langes blondes Haar zurück, setzte sich an die Bühne, und oben spielte er, Paul McCartney.
Sie war immer da, wenn er im Kaiserkeller spielte. Bald redeten sie, tranken Sinalco-Cola und Bier, und manchmal gingen sie in den Pausen vor die Tür, Frikadellen essen; im Frühjahr 1962 war sie schwanger und sagte es ihm.
Erika Wohlers sah Paul McCartney nie wieder und heiratete Hans-Werner, einen Feuerwehrmann.
So erzählt sie es, 45 Jahre später in einem Berliner Café. Ihre Haare sind noch immer blond, aber mittlerweile kurzgeschnitten. Am Morgen hatte sie ferngesehen, Sat.1 gratulierte McCartney zum 65. Geburtstag. Paul wirkte fröhlich, unbeschwert. Sie sagt: "Aber auch Müllers, Meyers und Schulzes müssen zu ihren Kindern stehen."
Sie ist noch immer wütend nach all den Jahren. Und die Tochter neben ihr am Tisch ist noch immer traurig.
Sie heißt Bettina, ist 44 Jahre alt und Altenpflegerin, ihr Körper ist rund, ihr Gesicht ist rund, ihre Stimme zart. Auch sie erzählt die Geschichte ihres Lebens, aber der Geschichte fehlt ein Schluss, eine Auflösung.
Bettina Krischbin war elf und ging zur Hauptschule, als sie im Wandschrank ihrer Eltern Unterlagen vom Jugendamt fand. Sie las die Unterlagen sorgfältig durch, legte sie zurück und dachte darüber nach, ob es tatsächlich sein könne, dass nicht Hans-Werner, sondern Paul McCartney ihr Vater ist.
Sie überlegte ein Jahr lang.
Sie ging an den Kiosk und kaufte eine "Bravo", klebte ein Poster der "Beatles" in ihr Kinderzimmer, zwischen die Bilder von Abba und Elton John, und aus der Mitte dieses Posters sah sie nun dieser Mann an, mit Gitarre, langen Haaren und einem kleinen schmalen Bart am Kinn.
Ihre Mutter hoffte während dieser Zeit, dass die Beatles nur zufällig an der Wand hingen. Dass es nichts zu bedeuten hätte. Aber nach einem Jahr brach Bettina ihr Schweigen und stellte Fragen.
Die Mutter zeigte ihr weitere Unterlagen, einen Unterhaltsvertrag und einen Vergleich aus dem Jahr 1966, abgeschlossen zwischen dem Jugendamt und einem Anwalt, der 30 000 Mark hinterlegt haben soll für Bettina und 16 000 Mark für ihre Mutter.
Bettina Krischbin gießt heißes Wasser in ihre Tasse mit Kaffee, vor dem Lokal trödeln Kinder aus der Schule nach Hause. Sie glaubt ihre Geschichte.
"Ich fand seine Adresse nicht und schickte der 'Bravo' einen Brief", sagt sie. "Ich schrieb, dass ich die Tochter von Paul McCartney sei." Am nächsten Tag hätten zwei Reporter vor ihrer Haustür gestanden. Da war sie 16.
Mit 18 wollte sie endlich Gewissheit, sie klagte auf Anerkennung der Vaterschaft. Paul McCartney musste sich Blut abnehmen lassen, aber die Ergebnisse von zwei Gutachten waren negativ, eine Berufung beim Kammergericht wurde abgelehnt. Bettina Krischbin zog sich zurück, heiratete einen Drucker, bekam zwei Kinder, die bald studieren werden.
Das hätte ein guter Schluss ihrer Geschichte sein können.
Aber sie findet keine Ruhe. 27 Jahre später, Anfang 2007, schreibt Bettina Krischbin noch einmal einen Brief, dieses Mal an das Amtsgericht Schöneberg. Einige Wochen später sitzt sie dort in Zimmer 309 vor ihrer Akte und findet ein DIN-A4-Blatt, das ihr neue Hoffnung gibt.
Oben auf dem Blatt steht "Identitätsnachweis", es handelt sich um einen Vordruck, den James Paul McCartney, Passnummer PB033834033839, unterschrieb, damals, Anfang der achtziger Jahre, als man ihm das Blut abnahm.
An dem Nachweis heftet ein Foto, ein Polaroid von einem Gesicht.
Bettina Krischbin hat sich dieses Gesicht lange angesehen. Es ist, so steht es in den Unterlagen, das Gesicht von Paul McCartney. Sie prägt sich dieses Gesicht gut ein, geht nach Hause und googelt Bilder von McCartney aus den achtziger Jahren. Sie findet, dass er zu dieser Zeit anders aussah als auf dem Polaroid, voller.
"Er hat damals ein Double zum Test geschickt", sagt sie. Ihre Mutter sitzt neben ihr, raucht und nickt stumm.
Bettina Krischbin spricht von "Betrug", von "Prozessbetrug".
Deshalb hat sie Paul McCartney angezeigt. Sie sagt, es sei schwer gewesen, einen neuen Anwalt zu finden. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren Ende Mai ein, der Fall sei verjährt.
Die beiden Frauen legen jetzt vier zusammengeheftete Zettel neben ihre Kaffeetassen, sie spielen sie aus wie einen Trumpf. Es ist eine Strafanzeige, ein paar Tage alt erst. Darin steht, im Gutachten von damals habe es geheißen, der Beschuldigte habe Blutgruppe A und könne deshalb nicht der Vater sein. Es gäbe aber, hält der Anwalt dagegen, eine Veröffentlichung, die McCartney die Blutgruppe B zuschreibe. Sie sei im Internet zu finden, bei Wikipedia.
Bettina Krischbin setzt ihre Hoffnung auf eine freie Enzyklopädie, in die jeder eintragen darf, was er will.
"Es geht um Gerechtigkeit", sagt sie. Um den Schluss dieser Geschichte.
Neulich hat ihre Tochter einen Brief geschrieben, an die Adresse von Paul McCartney in Sussex. Sie schrieb, sie wolle ihren Opa kennenlernen.
BARBARA HARDINGHAUS
Von Hardinghaus, Barbara

DER SPIEGEL 26/2007
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