25.06.2007

IRAK

Schockierende Praxis

Anfang der neunziger Jahre machte das Pflegeheim Dar al-Hanan ("Haus der Zuwendung") in Bagdad zum ersten Mal Schlagzeilen - als Propagandavehikel des Saddam-Regimes gegen die vom Westen verhängten Irak-Sanktionen. Vorvergangene Woche fanden irakische und US-Soldaten 24 nackte, zum Teil an ihr Bett gefesselte, in ihrem Kot liegende Kinder im Dar al-Hanan - und wieder ist von Manipulation die Rede: Die schockierenden Bilder entstellten die Tatsachen, so der irakische Sozialminister Mahmud al-Radhi: Amerika wolle sich als "humanitäre Partei" darstellen. Schindluder getrieben wird indes seit Jahrzehnten mit der Gesundheit der irakischen Pflegekinder. Sie habe das Dar al-Hanan sechsmal besucht, so eine Ärztin vom nahegelegenen Kinderkrankenhaus Eskan: "Die Zustände waren vor der Invasion so katastrophal wie heute." Alle ihre Berichte seien ergebnislos geblieben, obwohl sie - zuletzt im Winter 2006 - detaillierte Vorwürfe erhoben habe. So sei das Festbinden schwer hirngeschädigter Kinder gängige Praxis; außerdem habe das Pflegepersonal den Patienten teure westliche Antibiotika und Hautmedikamente wie Dermodin vorenthalten, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Die aktuellen Bilder zeigten lediglich "die Spitze des Eisbergs", so der Psychiater Said Nuri: "Tausende behinderter Kinder werden heute im Irak gehalten wie Tiere." Mit dem Zerfall der staatlichen Strukturen würden sich auch die moralischen Maßstäbe auflösen. Er rate Eltern, staatliche Pflegeheime zu meiden und ihre behinderten Kinder zu Hause zu betreuen. Doch nur sehr reiche oder sehr religiöse Familien kümmern sich noch adäquat um ihre Kinder. Für die Mehrheit der Iraker ist der Überlebenskampf inzwischen so hart, dass sie die Kranken und Behinderten als Last empfinden.


DER SPIEGEL 26/2007
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