25.06.2007

CHINAStadt der Wiedergeburt

Ein einmaliges Experiment wird zehn Jahre alt: Am 1. Juli 1997 holte China die britische Kronkolonie Hongkong heim ins Reich - mit dem Versprechen einer weitgehenden Autonomie. Hat Peking Wort gehalten? Kann die kapitalistische Perle auch unter KP-Hoheit glänzen? Von Erich Follath
Die roten Briefkästen mit der Krone wurden abgeschraubt, die letzten Briefmarken mit dem Konterfei von Elizabeth II. gedruckt, die 1200 Porträts der Monarchin in den Amtsstuben abgehängt. Die Queen war entsorgt, als es dann losging mit dem finalen Akt vor genau zehn Jahren, der Abschiedsfeier der Briten von Hongkong, dem großen Goodbye der Kolonialmacht.
Viele weinten, als der Union Jack eingeholt wurde. Chris Patten, der letzte britische Gouverneur, der in Hongkong nach rund 150 arroganten Kolonialistenjahren eine Last-Minute-Demokratie eingeführt hatte und sich dafür von Peking als "Hure" beschimpfen lassen musste, kämpfte mit den Tränen - seine Frau und die drei Töchter ließen ihren freien Lauf. Auch Ehrengast Prinz Charles drückte sich ein Taschentuch gegen die Augen, als er die königliche Yacht "Britannia" bestieg und noch einmal zurückwinkte. Kurz nach Mitternacht, 1. Juli 1997: Die Repräsentanten der alten Ordnung verlassen Hongkong, den "Duftenden Hafen". Das Juwel des Empire mit seinen 69 Milliarden US-Dollar Devisenreserven ist übergeben an die kommunistischen Herrscher der Volksrepublik - die üppigste Mitgift seit Kleopatra. Es ließ sich in der Symbolik des Augenblicks die historische Tragweite kaum übersehen: der Niedergang einer alten Weltmacht, der Aufstieg einer neuen.
Vor allem aber weinte der Himmel. Am Vortag der Übergabe hatte es stark zu regnen begonnen. Dann schüttete es. Schließlich öffneten sich alle Schleusen, und die abergläubischen Hongkong-Chinesen blickten besorgt in die schwarzgrauen Wolken hinauf, und was sie sahen, das schien ihnen wie ein böses Omen - die neuen kommunistischen Herrscher dieser kapitalistischen, auf gepachtetem Land errichteten Vorzeigestadt wurden mit einer Sintflut begrüßt. Mit einer Warnung der Götter. Es goss in Strömen, Stunden, Tage.
Düster orakelte damals auch Meister Joseph Wong, Experte für die chinesische Fengshui-Lehre von Wind und Wasser, als er sich tief im Schein einer alten Lampe am Temple-Street-Nachtmarkt über seine Geomantentabellen beugte: "Ein Baby, Schlag Mitternacht am 1. Juli 1997 geboren, dem
stehen vor allem schwere erste Jahre bevor. Eigenwillig und schwer einzugliedern ist das Kleine. Es wird leiden müssen unter dem Streit seiner Erziehungsberechtigten - vor allem, wenn die aus unterschiedlichen Welten kommen."
Und in der Tat konnten deren Gegensätze kaum größer sein: Das Baby ist ein Bastard, gemeinsam gezeugt vom britischen Löwen und dem chinesischen Drachen; ein Kind zweier Welten, geboren im Blitzlichtgewitter der internationalen Presse; 1997 getauft auf den sperrigen Namen SAR, Sonderverwaltungsregion Hongkong, China. Seine Paten sind Deng Xiaoping, der KP-Patriarch von Peking, und Margaret Thatcher, die konservative Ministerpräsidentin von London, die Mitte der achtziger Jahre über die Köpfe der Hongkonger hinweg eine Vereinbarung für die Zeit nach dem Auslaufen des Pachtvertrags ausgehandelt hatten.
"Ein Land - zwei Systeme" wurde das eigenwillige Konzept genannt: 50 Jahre lang nach der Übergabe sollte der Sprössling Hongkong seinen kapitalistischen Lebensstil, seine eigene Währung und sein eigenes Steuersystem behalten dürfen, eine eigene Regierung mit "einem hohen Maß an Autonomie" bilden können - das alles freilich als "unveräußerlicher Teil Chinas", das Außenpolitik und Verteidigung kontrolliert. Das "verrückteste politische Konstrukt in der ganzen Welt" nannte es Hugo Restall, Chefredakteur der "Far Eastern Economic Review".
Konnte dieses einmalige Experiment gelingen? Waren Pekings Kader im Umgang mit dieser Kapitale des Kapitalismus - damals größter Containerhafen der Erde, Bankenzentrum Nummer fünf, Börse Nummer sieben, das Pro-Kopf-Einkommen fast 30-mal höher als das durchschnittliche im "Mutterland" - nicht hoffnungslos überfordert? Wie sollte ein neuer Besitzer, geübt bis dahin vorwiegend im Bedienen von Pferdekarren (und Panzern), plötzlich eine Luxuslimousine chauffieren, ohne sie gegen die Wand zu fahren?
Oder konnte dieses Hongkong womöglich die Volksrepublik mit seinem Freiheits- und Rechtssicherheitsvirus infizieren, China stärker beeinflussen, als von dort beeinflusst zu werden, konnte der Schwanz ausnahmsweise einmal mit dem Hund wedeln?
Nicht nur Astrologe Wong war skeptisch, auch die ansonsten notorisch optimistischen Hongkonger äußerten Befürchtungen. Westliche Auguren malten düstere Szenarien. In "die globale Rückständigkeit" würden die neuen Herren die Stadt führen, prophezeite etwa das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune" - Weltstadt ade! Und Martin Lee, der damalige Chef der Demokratischen Partei mit der höchsten Stimmenzahl in den - von Peking gleich als erste Amtshandlung aufgelösten - Legislativrat gewählt, fürchtete 1997 im SPIEGEL-Interview, dass die KP-Führung die Presse- und Demonstrationsfreiheit drastisch einschränken könnte: "Peking sucht totale Kontrolle." Er kündigte Widerstand an. "Sollen sie mich doch einsperren", sagte er.
Die Zahlen von heute verheißen etwas anderes: grandiose Erfolge, Hongkong steht wirtschaftlich besser da denn je. Die Stadt sei "das Kommando- und Kontrollzentrum" für einen Großteil des Welthandels, meint etwa der Manager Dennis Cicetti. Dieser Ort biete die "größten ökonomischen Freiheiten der Welt", schwärmt die amerikanische Heritage Foundation. Die Aktien boomen, und bei Börsengängen bisher noch nicht notierter Firmen hat Hongkong im Jahr 2006 über 41 Milliarden Dollar angelockt, mehr Investorengeld als London oder New York. Das Wirtschaftswachstum der Sonderverwaltungsregion von etwa sieben Prozent in den vergangenen Jahren hat das Pro-Kopf-Einkommen in der Größenordnung von dem Deutschlands etabliert, bei einer Arbeitslosigkeit um vier Prozent und einem Haushaltsüberschuss von sieben Milliarden Dollar: Hongkong hält chinesische Konkurrenten wie Shanghai trotz deren Aufholjagd auf Distanz.
Ortstermin mit Martin Lee im Juni 2007, im alten Parlamentsgebäude, wo er vor zehn Jahren protestierend auf dem Balkon stand. Einige seiner Parteikollegen trugen provozierende T-Shirts mit aufgedruckten Essstäbchen, die Hongkongs Silhouette wie eine Delikatesse umschlungen hielten,
"The Great Chinese Takeaway" stand darauf; andere wollten sich an ihren Abgeordnetensessel ketten. Aber das ist nicht der Stil des Juristen Lee, den stets die Aura des Klassenprimus umgibt; der Gentleman hat damals im Jackett demonstriert, und ein Jackett trägt er auch jetzt, nach dem ersten Jahrzehnt China-Herrschaft.
Das Parlamentsgebäude, das er als Treffpunkt vorgeschlagen hat, ist mit seinen kühlen Säulenhallen eines der wenigen verbliebenen Häuser aus der britischen Kolonialzeit. Es wirkt jetzt, da auch der alte Pier der "Star Ferry" abgerissen ist, mit der man vom Inselteil Hongkongs hinüber nach Kowloon fährt, wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Verloren neben all den Glitzergebäuden etwa das Internationale Finanzzentrum (IFC) mit seinen 88 Stockwerken, gegenwärtig Hongkongs höchstes Gebäude. Aber den Rekord wird das IFC nicht mehr lange halten - ein neuer Wolkenkratzer entsteht gerade, in dessen obersten Etagen sich das Ritz-Carlton einrichten wird, mit 490 Metern dann das höchste Hotel der Welt. Noch so ein Superlativ Hongkongs, neben der längsten Rolltreppe und der wohl größten Rolls-Royce-Dichte.
Martin Lee, inzwischen 69 Jahre alt, aber kämpferisch, scharfsinnig und asketisch wie früher, erzählt stolz, dass es gerade gelungen sei, wie jedes Jahr eine große Demonstration zum Gedenken an das Tiananmen-Massaker in Peking zu organisieren. 55 000 Hongkonger seien gekommen, um gegen die KP zu protestieren, an den blutig niedergewalzten Freiheitskampf der Studenten im Juni 1989 zu erinnern und deren Rehabilitierung durch die Partei zu fordern. "So etwas wäre in keiner Stadt der Volksrepublik möglich", sagt stolz der Mann, der immer noch für seine Demokraten in der Legislativversammlung die Stellung hält.
Also hat Hongkong seine besonderen Freiheiten behalten, war Lees damalige Sicht der Dinge übermäßig pessimistisch?
So möchte der Advokat das nicht stehenlassen. Es sei zwar richtig, dass viele der schlimmsten Befürchtungen nicht eingetroffen seien, sagt er: keine Pekinger Soldaten auf den Straßen, keine Angriffe auf die Unabhängigkeit der Justiz, keine Absetzung der in britischer Zeit ausgebildeten, hochprofessionellen Verwaltungsangestellten. Aber Lee sieht eine Erosion bürgerlicher Freiheiten - und keinerlei Fortschritte in Richtung freie Wahlen. Die Presse, sagt er, übe sich in Selbstzensur, beispielsweise würden Leitartikel, die Taiwans oder Tibets politische Unabhängigkeit von Peking forderten, nicht gedruckt. Und wichtiger noch: Peking allein bestimme die personelle Zusammensetzung der angeblich doch weitgehend autonomen Hongkong-Regierung.
Hat es nicht im März 2007 mit dem eher pekingkritischen Alan Leong, 49, erstmals einen Kandidaten gegeben, der den SAR-Chef Donald Tsang, 62, zum Duell herausfordern konnte?
Der Demokrat winkt ab. Leong habe durch die Besonderheiten des Hongkong-Wahlrechts nicht den Hauch einer Chance gehabt. "Die chinesische KP-Führung misstraut den Hongkongern, sie fürchtet, dass hier ein eigener, eigenwilliger und unabhängiger Menschenschlag entsteht", sagt Lee: "Seit 1997 will Peking nur eines von uns: gute Geschäfte - und Ruhe."
Tatsächlich ist Hongkongs Wahlsystem bestenfalls ein halbdemokratischer Zwitter. Nur die Hälfte der 60 Abgeordneten können die Bürger direkt wählen, die anderen werden von Berufsverbänden ernannt. Den Chief Executive, wie der SAR-Chef offiziell genannt wird, bestimmt ein Wahlkomitee, das überwiegend aus pekingnahen Politikern und Wirtschaftsbossen besteht. Trotz der in Hongkongs Miniverfassung ("Basic Law") vorgesehenen Entwicklung in Richtung allgemeine freie Wahlen hat Peking geblockt.
Die ersten zwölf Monate waren tatsächlich schlimm, noch schlimmer, als es der Wahrsager prophezeite. Erst schüttelte die Asienkrise, von Thailand ausgehend, die Hongkonger Börse durch - innerhalb von vier Tagen verlor sie fast ein Viertel ihres Werts. Dann erzwang die Vogelgrippe das Notschlachten von 1,4 Millionen Hühnern. Anschließend zerstörten Killeralgen einen großen Teil der lokalen Fischbestände. Dass die Plage im Wissenschaftler-Jargon "Red Tide" hieß, besserte die Laune in Peking und in der SAR auch nicht gerade. 1998 brach Hongkongs Wirtschaft um über fünf Prozent ein. Die Untergangsphilosophen spitzten die Feder, und als im Jahr 2003 auch noch Sars die SAR heimsuchte, da glaubten nur noch wenige an die Stadt.
Das geheimnisvolle, todbringende Virus, das den Infizierten buchstäblich den Atem nimmt, war zuerst in Guangdong aufgetreten und von den Behörden in der Hongkonger Nachbarprovinz nicht ernst genommen worden. Als die Weltgesundheitsorganisation wegen der Seuche Alarm schlug und Peking für seine Informationspolitik scharf rügte, war es schon zu spät: 1755 Menschen erkrankten, 299 starben an Sars; Hongkongs Schulen blieben geschlossen, der Flugverkehr war stark eingeschränkt, Staaten wie Malaysia verboten Hongkong-Bürgern die Einreise.
Mit rigorosen Quarantäne-Bestimmungen und Hygienemaßnahmen wurde die Ausbreitung des Todesvirus gebremst; nach drei schrecklichen Monaten war dann der Spuk vorbei. Da lag die Arbeitslosigkeit in Hongkong bei neun Prozent, in der freien Wirtschaft waren die verlangten Einschränkungen noch größer. Und ausgerechnet in diese aufgeladene Stimmung hinein versuchte Peking, ein neues, Bürgerfreiheiten einschränkendes Anti-Subversions-Gesetz für Hongkong durchzupeitschen.
Eine halbe Million Menschen gingen auf die Straße, erzwangen die Rücknahme des Paragrafenwerks - zum ersten Mal in der Geschichte der Volksrepublik hatte das Volk gegen die Regierung gesiegt. Für den einflussreichen Pekinger Professor Yan Xuetong ein Beweis dafür, dass "Hongkong nur äußerlich, nicht in der Substanz in Chinas Schoß zurückgekehrt ist". Tung Chee-hwa, heute 70, der glücklose und offensichtlich ziemlich unfähige erste Chef der Sonderverwaltungsregion, wurde geschasst, offiziell trat er aus "Gesundheitsgründen" zurück.
An seine Stelle hievte Peking 2005 jedoch keinen weiteren pekingfreundlichen Unternehmer ins Amt, sondern Donald Tsang - einen Hongkonger Polizistensohn, gläubigen Katholiken und langjährigen Spitzenbeamten der britischen Kolonialverwaltung, den die Queen einst sogar in den Ritterstand erhoben hatte. Er macht seinen Job kompetenter als sein Vorgänger, ohne allerdings besondere politische Akzente zu setzen oder sich gar gegenüber Peking zu profilieren.
Schnell hat sich gezeigt, dass auch nach der Sars-Epidemie die Nachrufe auf Hongkong verfrüht gewesen sind. Das Löwenund-Drachen-Mischlingskind stieg aus dem Grab, erblühte wieder zu neuem Glanz - eine der erstaunlichsten Wiederauferstehungsgeschichten seit Lazarus. Sie wurde dadurch möglich, dass Hongkong das tat, was es schon seit je am besten konnte: sich in Zeiten großer Krisen umzuorientieren - die Stadt erfand sich neu. So wie damals schon, am Anfang seiner Geschichte.
Als die Briten hier 1841 den Union Jack gehisst hatten, hielten viele das für einen
peinlichen Irrtum. Im Außenministerium stand man Kopf, weil Captain Charles Elliot nach einem wichtigen Sieg gegen die durch Opiumgeschäfte geschwächten Chinesen sich mit "einer öden Insel" begnügt und nichts Besseres als Handelsplatz herausgeschlagen hatte. In diesem Hongkong, später um die Halbinsel Kowloon ("Neun Drachen") und die auf 99 Jahre gepachteten New Territories erweitert, lebten zunächst nicht mehr als 6000 Chinesen, viele Nachkommen von Piraten.
Aber die Einheimischen beobachteten die neuen Herren genau; sie erkannten, dass sie sich auf die Gesetze der "Gweilos" ("Geistermenschen") verlassen konnten. Als nach 1879 der Opiumhandel zurückging, begannen die britischen Großunternehmer ihre Geschäfte zu diversifizieren, auch tüchtige Chinesen bekamen eine Chance - und erwiesen sich bald als glänzende Geschäftsleute. Hongkongs Sinn und Seele, seine Ratio und Religion, wurde die Geldvermehrung.
Die anpassungsfähige Kronkolonie warf im 20. Jahrhundert mehrfach ihre alte Haut ab. Hunderttausende Festlandchinesen, die während Maos Revolution in die Kronkolonie geflohen waren, bildeten ein williges Arbeiterheer. Mit niedrigen Produktionskosten und ohne soziales Netz katapultierten sie die Stadt des Laisserfaire in eine industrielle Revolution: "Made in Hongkong" wurde zum Markenzeichen, allerdings erst nur für Billigprodukte. Später wurden statt Plastikblumen Radios produziert, statt schlichter Wecker elektronische Uhren. Bald schon folgten Computerchips - eine gelungene Weiterentwicklung.
Doch dann drohte die Stadt der geborenen Unternehmer und gelernten Überlebenskünstler an ihrem Erfolg zu ersticken, zu teuer die Arbeitskosten. Anfang der achtziger Jahre begannen clevere Unternehmer, die industrielle Fabrikation ins Perlflussdelta der angrenzenden Provinz Guangdong zu verlagern. Ein Trend, der sich nach 1997 verstärkt hat. 57 500 Fabriken mit 9,6 Millionen Arbeitsplätzen sind "drüben" mit Hongkonger Hilfe entstanden; Guangdong gilt inzwischen als Fabrik der Welt. Für den "Duftenden Hafen" heißt das: noch einmal Wiedergeburt - diesmal als internationales Banken- und Dienstleistungszentrum. Die Sieben-Millionen-Stadt von heute lenkt Finanzströme, finanziert Geschäfte. Hongkong 2007 verkuppelt: Es ist Anbahnungsinstitut und Partnervermittler der Globalisierung, eine Metropole der weltweiten Versorgungskette.
Eine dieser unbekannten Herzschlagadern des internationalen Handels ist die Firma Li & Fung, 1500 Angestellte, untergebracht in Allerweltsbüros eines Aller-
weltshochhauses in Kowloon. Auf Äußerlichkeiten kommt es hier nicht an, sondern auf Effektivität. Präsident Bruce Rockowitz sagt: "Wenn Sie ein Produkt in bester Qualität zum besten Preis erwerben wollen - wir sind die ideale Suchmaschine." Seine 1906 in Kanton gegründete Firma sorgt dafür, dass Victoria's Secret in den USA pünktlich seine Luxusdessous erhält, Disney in Paris seine Spielzeugbären. Wie die richtigen Knöpfe (Philippinen) zum idealen Jeansstoff (Vietnam) mit den besten Reißverschlüssen (Kambodscha) kommen und welche Firma das Ganze am billigsten und zuverlässigsten zusammennäht - Li & Fung kriegt's raus. Per Internet und Handy steht das Hightech-Unternehmen mit über 8000 Fabriken in Verbindung, zu einem großen Teil in der Volksrepublik. Auf Wunsch übernimmt Li & Fung den gesamten Produktionsprozess, vom Design über die Qualitätskontrolle bis zum Transport. Die Firma sorgt sogar dafür, dass der westliche Auftraggeber vor peinlichen Anklagen von Menschenrechtsorganisationen sicher ist, indem sie die Fabriken vor Ort in Sachen Sicherheit und Arbeitsschutz überprüft.
Hongkong produziert immer weniger, es organisiert, es liefert: Die aus solchen Geschäften resultierenden sogenannten Re-Exporte machen inzwischen mehr als 95 Prozent des SAR-Handels aus.
Während Li & Fung auf Kleidung, Spielzeug und Konsumgüter spezialisiert ist, macht die erst 1987 gegründete Firma Noble Group mit Nahrungsmitteln und Metallen große Geschäfte. Unternehmensgründer Richard Elman wickelt sein Business über 72 Büros in 42 Staaten ab; aus seiner Hongkonger Zentrale kann er über eine eigene Software jederzeit den aktuellen Standort von 150 Containerschiffen verfolgen, auch die genaue Ladung überprüfen und nach Bedarf umleiten. Gerade blinkt es auf den Weltkarten seiner Computer vor der Küste Madagaskars, in der Straße von Malakka, am Suezkanal.
Noble ist der zweitgrößte Kohlehändler der Welt, ein bedeutender Exporteur asiatischen Kaffees und als Vermittler von Eisenerz aktiv, hilft gern auch bei der Vermarktung des Endprodukts Stahl. Bei manchen Waren braucht man gar keine Partner mehr: Das Handelshaus organisiert den Anbau von Sojabohnen in Argentinien, lagert das Naturprodukt in eigenen Kühlhäusern, schafft es in seinen Containern nach China, wo es in Noble-Fabriken zu Öl verarbeitet und dann an die Konsumenten geliefert wird. Noble ist auch in die zukunftsträchtige Ethanol-Produktion eingestiegen. Eine gigantische Erfolgsstory - und doch kennt selbst in Hongkong kaum jemand den Emporkömmling. Dagegen ist ein anderer Name in aller Munde.
Wer durch die wenigen verbliebenen Teehäuser von Kowloon schlendert, wo die alten Männer die Käfige mit ihren Singvögeln nebeneinander aufhängen, damit sich ihre Lieblinge genauso gut "unterhalten" können wie sie; wer durch die Kneipen des Stadtteils Mong Kok streift, wo die Lastwagenfahrer Nudelsuppe schlürfen und einander ihre Meinungen zuschreien, um den permanenten Baulärm zu übertönen; wer in den schicken Cafés von Lan Kwai Fong die Boss-gestylten Yuppies beim Latte macchiato auf die wahren Machtverhältnisse von Hongkong anspricht, wer nach ihrem Vorbild fragt - der hört immer und überall: "chiu yan", Supermann.
Gemeint ist der Unternehmer Li Kashing, 78, geschätzte 23 Milliarden Dollar schwer, einer der zehn reichsten Männer der Welt. Nicht schlecht für einen, dessen Vater ohne Almosen im Armengrab gelandet wäre und der als Zwölfjähriger ohne einen Penny in den Taschen als Plastikgürtelverkäufer angefangen hat. Li Kashing verkörpert den Aufstieg Hongkongs aus bitterer Armut, aus dem Sumpf der Sweatshops bis hin zum Cyberport und in
die Glitzerwelt des internationalen Big Business wie kein anderer.
"Ich bin nie an Hongkong verzweifelt", sagt der heimliche Herrscher dieser Stadt und warnt gleichzeitig, zu blauäugig in die Börsen der Volksrepublik einzusteigen. Li darf so etwas ohne Rücksprache mit Peking sagen. Er genießt das enge Vertrauen der KP-Führung, er hat viel in der Volksrepublik investiert. Weltweit kontrolliert niemand so viele Container-Terminals wie Hongkongs Supermann; auch in Deutschland ist er aktiv, ließ schon mal den Kurs der Telekom durch den Verkauf von 44 Millionen Aktien abstürzen. Wann immer ein Bürger in der SAR einen Dollar ausgibt, kassiert Li zehn Cent, heißt ein geflügeltes Wort in der ehemaligen Kronkolonie. Er gilt als der größte Grundstückseigner und Bauherr in der Stadt, besitzt Supermärkte, Stromgesellschaften. Zurzeit sehe er enormes Potential in der Weiterentwicklung klassischer chinesischer Medizin, sagt der Unternehmer mit dem Midas-Touch. Dem Wirtschaftsmagazin "Forbes Asia" war dieses überraschende Interesse gleich eine Titelgeschichte wert. Tenor: Weiß Supermann etwas, was wir nicht wissen - und in welche seiner Firmen sollte man nun einsteigen?
Li Ka-shing konnte nie etwas mit Gouverneur Pattens Demokratisierungsbestrebungen anfangen: Er ist ein Patriarch, der glaubt, Politik sei allein dazu da, Geschäfte zu erleichtern. Ein chinesischer Patriot, der den britischen Konservativen mal 100 000 Pfund spendete. Seine Grabstelle hat er sich schon ausgesucht, drüben auf einem Hügel nahe seiner Heimatstadt Shantou, der er ein Krankenhaus, eine Universität gespendet hat. Privat gilt er als extrem anspruchslos, trägt Anzüge von der Stange, eine 50-Euro-Uhr. Ein Drittel seines Vermögens vermacht Li Kashing seiner Stiftung, "sie ist mein dritter Sohn".
Nahe des Li-Wolkenkratzers in der Innenstadt lassen sich Touristen aus der Volksrepublik auch den Bank-of-China-Bau zeigen, den Hongkongs Volksmund "Dengs letzte Erektion" getauft hat. Der Tourismus vom Festland in die SAR hat so stark zugenommen, dass Chinesen inzwischen die größte Besuchergruppe bilden. Sie brauchen immer noch eine Extragenehmigung, aber die ist für "Schnuppertouren" leichter zu bekommen.
Diese neuen Touristen mögen nicht ganz so viel für Hotels ausgeben wie die Japaner oder Amerikaner, aber sie sind für Hongkongs Wirtschaft wichtig: Die Festlandchinesen sind einkaufswütig und spielsüchtig. Sie stürmen die Armani- und Hermès-Boutiquen, sorgen mit dafür, dass an einem einzigen Renntag in Happy Valley oder Sha Tin mehr umgesetzt wird als auf Deutschlands Pferderennbahnen im ganzen Jahr. Und manche KP-Funktionäre tragen ihre Bestechungsgelder kofferweise von hier aus hinüber nach Macau, in die portugiesische Ex-Kolonie, um die Millionen an den Roulettetischen weißzuwaschen.
Was erzählen die Festlandtouristen, die hier in Hongkong politische Demonstrationen oder Werbeveranstaltungen der bei ihnen streng verbotenen Falun-Gong-Sekte beobachten, ihren Freunden? Sind sie beeindruckt, entsetzt, demokratieinfiziert? Wie schneidet Hongkong ab im Vergleich
mit Shanghai, dieser anderen exkolonialen chinesischen Weltstadt?
Am besten kann das Nora Sun beantworten, die in beiden Metropolen Geschäftsinteressen hat. Sie muss kein Blatt vor den Mund nehmen - allein die Erwähnung ihres Großvaters genügt, um die Einflussreichen überall in China zum ehrfürchtigen Zuhören zu bewegen. Noras Opa ist Sun Yat-sen, der Mann, der einst in Hongkong für die Revolution agitierte und dann dem alten Kaiserreich die Zöpfe abschnitt: Im Jahr 1912 hat er in Nanking die Republik China ausgerufen und wurde ihr erster Staatspräsident, heute verehren ihn Kommunisten und Demokraten gleichermaßen.
Ein Leben wie ein Abenteuerfilm: Nora Sun, in Shanghai geboren, wird mit acht Jahren von Kidnappern verschleppt und dann freigekauft; sie flieht an der Seite ihrer Mutter nach Hongkong, als Maos Truppen ihre Villa beschlagnahmen; sie wird Stewardess, heiratet einen Piloten und macht als Maklerin in Kalifornien ihre erste Million; Mitte der Achtziger studiert sie Wirtschaftswissenschaften und geht 1996 als Attaché ans Shanghaier Generalkonsulat der USA. Auch nach ihrer Pensionierung ist sie, zurückgekehrt in die alte Villa ihrer Mutter, Shanghais wohl begehrtes-ter Partygast - und wenn sie nach Hongkong kommt, wo ihr Sohn die gemeinsame Consulting-Firma führt, der dortige Star.
"Natürlich hat Shanghai einen dramatischen Aufstieg genommen", sagt die First Lady der Society. "Ich komme eben erst von der Millionärsmesse, wo die Reichen ihr Geld verprassen." Ihr Blick schweift zum Ahnherrn des Clans, dessen Präsenz allgegenwärtig ist, sein strenges Antlitz mahnt von Porzellantellern und Gemälden. "Aber es hat schon seine guten Gründe, warum die großen Börsengänge in der Sonderverwaltungsregion und nicht in Shanghai stattfinden: Hongkong hat etwas, was der Stadt am Huangpu fehlt, die immer noch von den richtigen ,guanxi', den Beziehungen, bestimmt wird, nicht von Leistung - Hongkong zeichnen Rechtssicherheit und effektive Korruptionsbekämpfung aus."
Gefragt sind verlässliche Rahmenbedingungen wie niedrige Steuern, ein allen zugängliches Gesundheitswesen, kostenfreie Schulbildung. Das US-Magazin "Time" sieht sie in Hongkong verwirklicht: "Irgendjemand muss irgendwo auf der Welt die Globalisierung ermöglichen und ihre Trends lenken. Wie sich herausstellt, sorgt dafür dieser berühmte nackte Fels im Südchinesischen Meer."
Die Stadt profitiert von ihrer engen Vernetzung mit Rest-China, ist damit aber natürlich extrem abhängig von der dortigen Entwicklung. Und wie im "Mutterland" nehmen die Unterschiede zwischen Arm und Reich gewaltig und immer schneller zu; in den heruntergekommenen Blöcken des sozialen Wohnungsbaus hausen Familien in zwei winzigen Zimmern; direkt nebenan entsteht das Luxusprojekt "The Legend", dessen Penthouse gerade für 15,8 Millionen Dollar weggegangen ist. Kaum irgendwo werden so viele Appetitzügler verkauft wie hier, kaum irgendwo ist die Babyknappheit (mit 0,9 Kindern pro Frau) so alarmierend.
Auch wenn Hongkong als Finanzzentrum noch relativ ungefährdet erscheint, so werden die Festlandhäfen von Shanghai und Shenzhen, was den Umsatz angeht, durch ihre niedrigen Preise Hongkong bald überholen. Und je mehr die aus dem Perlflussdelta herüberschwappende Verschmutzung Hongkongs Luft verpestet, desto weniger attraktiv wird die Stadt als Standort für westliche Firmen und Spitzenkräfte. Desto "typischer chinesisch" wird sie - und droht ihre Einzigartigkeit zu verlieren.
In diesen Tagen aber sind die prägenden Eindrücke anders. Frühmorgens schon, wenn die Dunstwand reißt und aus der Dämmerung die kühnen Türme aus Stahl und spiegelndem Glas auftauchen wie eine Verheißung, granitschwarz, silbrig schimmernd, goldverziert, vibriert dieses Hongkong vor Vitalität. Presslufthämmer fressen sich in Beton, Bauarbeiter balancieren auf Baugerüsten, unten auf der Erde türmen ihre Kollegen Schutt zur Landgewinnung auf, Meter um Meter wird dem Meer abgerungen, Geschäftsleute strömen in ihre Büros, so schnellen Schritts, dass sie fast die Jogger überholen: eine Stadt unter permanenter Spannung, voller Aggressivität und Energie, strotzend vor Selbstbewusstsein und Zukunftsoptimismus. Europa wirkt dagegen wie auf Valium. "Alles, was ich brauche, ist eine Chance", sagt der Mann, der nachgemachte Lacoste-Hemden verkauft, schnell angesichts einer Polizeikontrolle seinen Stand zusammenpackt und ihn einige Straßen weiter wieder aufrichtet.
Joseph Wong, inzwischen 48, Fengshui-Kenner und Wahrsager, hat Karriere gemacht. Man trifft ihn nun nicht mehr auf dem Nachtmarkt, sondern in seinem mit Computern ausgestatteten Büro im 16. Stockwerk eines Hochhauses, Konsultationen nur noch frühestens vier Wochen nach Voranmeldung. Die eigene Website (www.fortune-telling.biz) zeigt seine weltweite Vernetzung, er schreibt eine vielgelesene Zeitschriftenkolumne.
Der Meister sagt: "Ich hatte dem Sprössling mit dem Geburtsdatum 1. Juli 1997 ja schwere erste Jahre vorausgesagt, wenn Sie sich erinnern - aber nach dem zehnten Geburtstag ist er aus dem Gröbsten heraus. Was folgt, sind glückliche Jahre als Teenager. Und erst als Twen, da ist für die SAR nur mehr der Himmel die Grenze."
* Am 4. Juni, zur Erinnerung an das Pekinger Tiananmen-Massaker von 1989.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 26/2007
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