25.06.2007

ZEITGEIST

Ein Messer in der Hose

Von Dallach, Christoph

Heavy Metal, lange als Musik für Außenseiter abgetan, drängt in die Mitte der Gesellschaft und sorgt für Millionenumsätze. In einem nivellierten Pop-Business ist die Krach- und Dröhnmusik die letztmögliche Ausdrucksform des Rock'n'Roll. Von Christoph Dallach

Der sehr breitschultrige Heavy-Metal-Titan Joey DeMaio thront in der Business-Etage eines Hamburger Hotels in einem Clubsessel. Vor ihm stehen ein Laptop und eine Tasse Tee. Bedächtig berichtet er von Krankenhäusern in Afrika, von Waisenhäusern im Ostblock und Flutopfern im Allgemeinen.

Dazu klickt er sich durch eine kuriose Bildergalerie auf dem Schirm seines Laptops: Da sieht man den Rocker - verkleidet in dunklem Anzug, Krawatte, weißem Hemd - als Ritter des karitativen Malteserordens in der Gesellschaft von berühmten Opernsängerinnen und Elder Statesmen. Wenn man ihn ließe, würde der Bassist und Boss der einst im Guinness-Buch als "lauteste Band der Welt" eingetragenen Heavy-Metal-Gang Manowar wohl nur über sein Leben als Malteserritter plaudern.

Doch eigentlich ist DeMaio gekommen, um Werbung zu machen für ein großes Manowar-Spektakel in einem hessischen Kaff namens Bad Arolsen, das am 6. und 7. Juli stattfinden soll. Zwei Tage lang will die Band sich und ihre erwarteten 35 000 Fans mit einer Art Mini-Festival inklusive Tattoo-Stände, einem Zelt mit Stripperinnen und preiswertem Bier feiern: ein Ereignis, das gewöhnlich von etablierten Medien, vor allem den Feuilletons, zuverlässig ignoriert wird.

Kein Wunder, denn Heavy Metal gilt den meisten Menschen traditionell als dubioser Prekariats-Rock, als kruder Mix von Lärm, Fantasy und Sex: ein Verlierer-Soundtrack für jene, die nicht erwachsen werden wollen oder können.

Aber die Zeiten ändern sich offenbar, besonders im Post-WM-Euphorie-Deutschland. Heavy Metal wird neuerdings mit erstaunlichem Interesse und durchaus Respekt rezipiert, längst ist es kein Randphänomen mehr, auch wenn es noch so sehr danach aussieht. Zum Beispiel der allseits beklatschte Kino-Dokumentarfilm "Full Metal Village" der Südkoreanerin Sung-Hyung Cho über das weltweit legendäre Heavy-Metal-Festival in der schleswig-holsteinischen Einöde von Wacken: Fasziniert blickt die Filmemacherin auf die fröhliche Kollision von Dorfbewohnern und Rockern, die aufgekratzt und friedlich die Puppen tanzen lassen.

Dazu passt das in diesem Frühjahr auch in Deutschland veröffentlichte und in den USA gefeierte Buch "Fargo Rock City" des Amerikaners Chuck Klosterman, in dem sich der Autor auf so unterhaltsame wie kluge Weise vor den vermeintlich uncoolen Helden seiner Jugend auf dem Land verbeugt. Ganz unironisch preist Klosterman Bands wie Mötley Crüe, Skid Row, Kiss oder gar die Scorpions. Seine euphorischen "Argumente für die Musik der aufgedrehten Verstärker" ("New York Times") brachten ihm unter den Kritikern viel Zuspruch. Das Buch beschreibt ein Massenphänomen, das lange zu Unrecht tabu war. Selbst

im Schlager-Universum sind wilde Zeiten angebrochen, seit die finnischen Kirmes-Grusel-Rocker von Lordi im vergangenen Jahr sensationell den Eurovision Song Contest gewannen.

Heavy Metal kracht also mit erstaunlicher Nachhaltigkeit in die öffentliche Wahrnehmung. Diese brüllend laute Rockmusik wird von einem neuen Publikum jenseits der traditionellen Nische entdeckt. Dabei geht es nicht um Kompromiss-Bands wie Metallica, AC/DC oder Guns N' Roses, die bei Kulturwächtern und Werbetextern schon immer Gnade und Zuspruch fanden. Die Rede ist vielmehr von den Kellerkindern der Branche, Bands, deren Lieder kein großer Radiosender ins Programm nimmt und deren Videoclips im Musikfernsehen allenfalls zur Geisterstunde eingeschmuggelt werden.

Die Welt des Heavy Metal besteht aus Strömungen wie Death-, True-, Speed- oder Thrash-Metal; die Bands heißen Kreator, Napalm Death oder eben Manowar - und plötzlich erscheinen sie als erfrischend brachiale Alternative zur allzu gewitzten Coolness des Bildungsbürger-Rock, den Blumfeld, Radiohead oder Sonic Youth bieten.

"Diesen bizarren Konsens darüber", schreibt Chuck Klosterman, "dass sporadisch interessante, bewusst unterproduzierte Musik von Natur aus alles überragend ist - vor allem deshalb, weil keiner sie versteht -, wird es immer geben." Aber dieser Konsens ist Ausdruck eines elitären Denkens, das der Natur des Rock widerspricht. Denn Rock'n'Roll sei diejenige Kunstform, "bei der das Publikum wichtiger ist als die Kunst selbst". Der coole Rock zitiert Sartre, Warhol oder Nietzsche, die Metaller halten es dagegen mit Conan, Satan und Pamela Anderson: Bye, bye Tristesse, hallo Radau!

Die Liebe zum Heavy Metal haben viele Anhänger bislang so dezent versteckt wie Pornofilme hinter der Bücherwand. Aber vielleicht weil die Deutschen seit der Fußball-WM mutiger und ausgelassener denn je wirken, wird hierzulande nun auch der vermeintliche Proll-Rock in den Pop-Kanon aufgenommen.

Joey DeMaio, immer noch in dem Clubsessel des Hamburger Hotels, wagt sogar die These, dass Heavy Metal eine deutsche Erfindung sei. Guter Hardrock sei wie eine Wagner-Oper: "Einen Augenblick singen die Engel, im nächsten Moment krachen Donner und Blitze." Sein Tonstudio hat DeMaio "Haus Wahnfried" genannt, und die Wagner-Festspiele in Bayreuth hält er für das beste aller Rock-Festivals. Er habe zwar nicht jedes Buch über den Komponisten gelesen, aber "die meisten".

Seine Erkenntnis: Die Deutschen haben Rock im Blut, und wer in der Rock-Welt etwas werden will, braucht den teutonischen Segen: Selbst die Beatles hätten erst im Hamburger Star-Club ihr Handwerk gelernt.

DeMaios These von den Deutschen als Ur-Rocker stützt auch die Tatsache, dass eine amerikanische Band wie Manowar in Deutschland weitaus größeren Erfolg hat als im Rest der Welt - die Deutschen mögen

die überbordende Ästhetik der Band, die sich auf ihren Plattencovern gern mit entblößten, muskelbepackten Oberkörpern präsentiert, in den Fäusten bluttriefende Schwerter, zu ihren Füßen Monsterschlangen und unbekleidete Jungfrauen.

Folgerichtig rauschte Manowars aktuelles Album "Gods of War" in diesem Frühjahr, so wie das Vorgängerwerk, direkt auf Platz zwei der deutschen Verkaufs-Charts als dröhnender Konkurrent von Nelly Furtado und Tokio Hotel.

"Wir verkaufen von Jahr zu Jahr mehr", sagt Joey DeMaio - und das in Zeiten einstürzender Tonträger-Umsätze. Doch das Biotop Heavy Metal ist das Letzte, das eine nivellierte Pop-Kultur noch an Bizarrem, Bedrohlichem und Missverständlichem zu bieten hat.

Alle anderen Genres sind in den vergangenen Jahrzehnten domestiziert worden. All die schönen Unverschämtheiten, Skandale und Blasphemien sind längst Geschichte. Die Arctic Monkeys, die Red Hot Chili Peppers und Coldplay sorgen nur noch in den Feuilletons für Wirbel oder für Geschichten im Wirtschaftsteil.

Vorbei die Zeiten, als Elvis mit einem Hüftschwung ein Land und eine Generation in Verlegenheit brachte; als die langen Haare der Beatles und der Rolling Stones für Empörung sorgten; als die Sex Pistols mit dem Wörtchen "fucker" im Fernsehen das Königreich erschütterten. Techno ist im neuen Jahrtausend nicht bedrohlicher

als ein Handy-Klingelton, die Schussnarben des Gangsta-Rapper 50 Cent nur Posterschmuck in Kinderzimmern.

Rockmusik als Gegenentwurf zum bürgerlichen Alltagstrott hat ausgedient, sie ist Hintergrundgedudel geworden, Dauerberieselung in Klingeltönen, iPods, Formatradio und Werbemusiken.

Nur die Bastion Heavy Metal, gleich dem gallischen Dorf in den Asterix-Heften, ist noch nicht gefallen. Als Pioniere gelten die Briten von Black Sabbath, die Ende der sechziger Jahre mit Sänger Ozzy Osbourne loslegten und ihren böse wummernden Dröhn-Rock mit Symbolen und Zitaten von Fantasy und Okkultismus ausschmückten.

Es folgten Bands wie Judas Priest, Iron Maiden oder Def Leppard, die auch gemeinsam hatten, dass sie vom Rest der Welt verachtet und verhöhnt wurden. Wohl auch deswegen hat sich das Genre bis heute Geheimnis und Faszination bewahrt, denn seine Anhänger genießen immer noch eine Art Wir-gegen-die-Welt-Gefühl - ursprünglich das Lebenselixier des Rock'n'Roll.

Diese harte Musik fordert ein letztes Recht auf Eskapismus: Brüllen, Bier trinken, böser Mann spielen.

Genau dies hat Joey DeMaio, dieser mildtätige, wohlartikulierende Gentleman-Rocker und promovierte Musikwissenschaftler - "das wussten Sie nicht, oder?" - sein Leben lang getan, und nun erzählt er, wie er tatsächlich einmal einen Plattenvertrag mit seinem eigenen Blut unterzeichnet hat.

Es ist schon ein paar Jahre her, da saß er, so erinnert er sich, in einem typischen Bürokonferenzsaal, vor sich einen unterschriftsreifen Vertrag, als er sich das Hemd aufknöpfte, ein Messer aus der Hose zog, sich in die Brust schnitt, einen Kugelschreiber in die Wunde tunkte und seinen Namen unter das Papier setzte. "Dem Juristen der Firma wurde beim Anblick meines Bluts so übel, dass er auf die Toilette rannte, um sich zu erbrechen", sagt DeMaio, und es scheint immer noch zu amüsieren.

Seine Gruppe Manowar gibt es nun seit einem Vierteljahrhundert, sein Alter möchte DeMaio lieber als letztes Geheimnis bewahren. Mit der Weisheit eines Haudegens, der schon einige Jahrzehnte Radau überlebt hat, behauptet er, dass eine Welt mit mehr Heavy Metal eine bessere wäre.

Zum Beispiel habe ihn neulich ein Hells-Angels-Rocker aus dem Krankenhaus angerufen. Der wollte sich bedanken. Er war nach einer Auseinandersetzung der übleren Sorte mit einigen Schussverletzungen eingeliefert worden, und es bestand wenig Hoffnung, dass er wieder gesund werden würde. Aber dann habe er so lange Manowar gehört, bis er die Kraft hatte, wieder aufzustehen.


DER SPIEGEL 26/2007
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