25.06.2007

KINO„Ich hatte Todesangst“

Der US-Schauspieler Bruce Willis, 52, über Actionfilme im Zeitalter des Terrors, Hollywoods alternde Helden und seinen neuen Thriller „Stirb langsam 4.0“
SPIEGEL: Mr Willis, Sie spielen zum vierten Mal den New Yorker Polizisten John McClane, der sich wieder einmal mit Terroristen herumschlägt. Im ersten "Stirb langsam"-Film von 1988 musste McClane Verbrecher bekämpfen, die unschuldige Büroangestellte in einem Hochhaus angreifen, im zweiten Teil bringen Terroristen Passagierflugzeuge zum Absturz ...
Willis: ... und am Ende wollen die Gangster mit einem Flugzeug abhauen. Und ich sprenge es dann in die Luft.
SPIEGEL: Und im dritten Film ist das Schlachtfeld der New Yorker Finanzdistrikt. Fällt Ihnen etwas auf?
Willis: Nein, was denn?
SPIEGEL: Zusammengenommen erinnern diese Plots fatal an die Anschläge vom 11. September 2001.
Willis: Das stimmt. Aber es gab noch keinen 11. September, als wir die ersten drei "Stirb langsam"-Filme drehten.
SPIEGEL: Eben. Warum haben Sie sich so viel Zeit gelassen mit dem vierten Teil? Aus Scham? Weil die Realität mittlerweile jede Terrorphantasie Hollywoods übertroffen hat?
Willis: Nein, es gab einfach nach dem 11. September eine lange Pause für alle Filme, die mit Terroristen zu tun hatten. Man vermied schon das Wort. Vorher fiel es in fast jedem Thriller. Jetzt geht man vorsichtiger damit um. Mittlerweile ist genug Zeit vergangen, und die Zuschauer verstehen, dass "Stirb langsam" nur Unterhaltung ist. Die wirklich gruseligen Sachen laufen heutzutage im Fernsehen, in den Nachrichten.
SPIEGEL: Was fasziniert die Amerikaner so daran, dass im Kino immer wieder ihr Land in Schutt und Asche gelegt wird?
Willis: Das ist eine Verallgemeinerung. Ich glaube nicht, dass es gerade die Zerstörung der USA ist, die die Leute fasziniert. Filme wie "Stirb langsam" sind nur die moderne Variante der Cowboy-und-Indianer-Filme von früher. Es geht doch immer um das Gleiche: Das Gute triumphiert über das Böse. Kleine Geschichten mit einer moralischen Botschaft, wenn Sie so wollen.
SPIEGEL: Die Botschaft von "Stirb langsam" heißt: Auge um Auge. Genauer: Bombardierst du mein Auto, mache ich deinen Hubschrauber kaputt.
Willis: Na und? Es ist wie eine Achterbahnfahrt im Vergnügungspark, bei der man sich erschreckt, wenn es steil bergab geht. Aber man weiß, dass man nie aus der Kurve fliegen wird. Man fährt mit, weil man diesen Kitzel spüren will. Und man guckt "Stirb langsam", weil man sehen will, wie ich in die Luft gesprengt und so zerknautscht werde, dass jeder normale Mensch dabei sterben würde. Aber ich schüttele mich einmal, grinse, und dann geht es weiter.
SPIEGEL: Ist es schwierig, solche Actionszenen zu drehen, ganze Straßenzüge abzusperren und dort Explosionen zu zünden?
Willis: Wir haben in Los Angeles unsere eigene Autobahn gebaut, die wir dann in die Luft gejagt haben. Das war einfacher, weil es das Studio nun einmal ein paar Nummern größer haben wollte.
SPIEGEL: Es heißt, Ihr Stunt-Double habe sich in einer Szene schwer verletzt.
Willis: Das war ein Unfall. Er ist zehn Meter tief von einer Feuerleiter gefallen, und erst im letzten Moment hat er sich noch abstützen können, sonst hätte er sich den Schädel gebrochen. So waren es zum Glück nur die Handgelenke. Ich habe große Hochachtung vor den Stuntmen: Einmal musste ich selbst von einem fünfstöckigen Parkhaus springen. Unten lag zwar ein Luftsack, aber ich hatte trotzdem Todesangst.
SPIEGEL: Die Bösewichte im neuen Film sind Computerfreaks, die gegen die Actionhelden der alten Schule antreten. Ist das eine Metapher für das Hollywood von heute, wo die Abteilungen für Spezialeffekte mitunter wichtiger genommen werden als Drehbücher und Darsteller?
Willis: Die Computertricks werden immer billiger, und deshalb werden immer mehr davon in die Filme gepackt. Das ist im Moment die Mode. Aber die Zuschauer sind kritischer geworden. Ich gehe oft mit meinen Töchtern ins Kino, und als ich einmal mit meiner Jüngsten - sie war damals elf - in einem solchen Film voller Computertricks war, sagte sie hinterher: "Ich hatte nie das Gefühl, dass tatsächlich jemand in Gefahr war." Eine Elfjährige! Dann lieber Action der alten Schule.
SPIEGEL: Sie geben mit 52 noch einmal den wilden Mann, Ihr Kollege Sylvester Stallone dreht mit 60 gerade einen neuen "Rambo"-Film, Harrison Ford, 64, spielt noch einmal den Abenteurer Indiana Jones.
Warum müssen die älteren Herren noch mal ran - bringt es der Nachwuchs nicht?
Willis: Hollywood setzt lieber auf bewährte Marken, und solange das Geld in die Kassen fließt, wird das auch so bleiben. Ich bin stolz, dass ich diesen Zyklus von vier Filmen geschaffen habe, dass ich eine Figur, die ich mit Anfang dreißig gespielt habe, auch mit über fünfzig noch glaubwürdig darstellen kann.
SPIEGEL: Sie hat sich im Lauf der Jahre aber sehr verändert. John McClane raucht nicht mehr. Altersweisheit?
Willis: Rauchen bringt einen um. Damit kenne ich mich aus, glauben Sie mir. Aber hier in Deutschland ist es wohl immer noch ziemlich populär, oder?
SPIEGEL: Nicht mehr so wie früher.
Willis: Bestimmt, weil die Gesetze verschärft worden sind.
SPIEGEL: Soll das heißen, John McClane raucht aus Gesetzestreue nicht mehr?
Willis: Nein, ich hatte nur vom Rauchen einfach die Schnauze voll. Ich möchte nicht wissen, mit wie vielen Zigaretten ich meine Lunge geteert habe. Als ich mir das Rauchen gerade abgewöhnt hatte, spielte ich in dem Film "Das Tribunal" einen US-Offizier in einem deutschen Kriegsgefangenenlager. Ich bekam eine Packung Lucky Strike ohne Filter in die Hand gedrückt mit den Worten: "Die Dinger haben die GIs im Lager ständig geraucht." Also musste ich mir wochenlang eine Lucky nach der anderen anstecken. Ohne Filter.
SPIEGEL: In "Stirb langsam 4.0" trinkt McClane auch nicht mehr. Ist er ein Asket geworden, ein Vorbild für die Jugend?
Willis: Der Film ist so rasant, dass McClane gar keine Zeit hat, sich zu betrinken. Ich werde nicht aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Publikum zum Asketen. Dazu ist mein Unterhaltungsbewusstsein viel zu groß.
SPIEGEL: Wollen Sie wirklich keine Werte vermitteln? Sie bekennen sich doch in Interviews immer wieder ausdrücklich zu Familiensinn und Vaterlandstreue.
Willis: Man sollte Filme nicht benutzen, um die eigene Weltanschauung zu verbreiten. Klar versucht man, in einer Figur Züge von sich selbst zu finden. Aber auf keinen Fall darf sie zum Lautsprecher für Parolen werden. Ich will keine Werbung machen, nicht mal für meine eigenen Werte.
SPIEGEL: Doch nun machen Sie Werbung für "Stirb langsam 4.0".
Willis: Weil es Teil des Jobs ist. Aber mit der härteste. Ich würde lieber den Film für sich selbst sprechen lassen. Stattdessen sitze ich hier und rede mir den Mund fusselig. Die Produzenten haben sehr viel Geld in diesen Film gesteckt. Sie erwarten von mir, dass ich ihn promote. Also tue ich es. Aber Spaß macht das nicht. Da bin ich lieber mit meinen Kindern zusammen oder treffe mich mit meinen Kumpels.
SPIEGEL: Star sein heißt also: ein dreckiger Job, aber jemand muss ihn machen?
Willis: Nun wollen wir mal nicht übertreiben. Doch viele Menschen machen sich völlig falsche Vorstellungen von unserem Beruf. Ein Schauspieler muss doch nach jedem Film ganz neu anfangen, jede Rolle ist ein völlig neuer Job. Manchmal hat man das Glück, eine Figur mehrmals darstellen zu können, aber das ist selten. Stellen Sie sich vor, nach diesem Interview würde Ihnen Ihr Chef sagen: "Prima, und nun schreiben Sie mal ein Kochbuch."
SPIEGEL: Warum nicht? Allerdings werden wir nicht ganz so gut bezahlt wie Sie.
Willis: Richtig, doch wenn Ihr Interview Ihrem Magazin eine Milliarde Dollar einbringen würde, bekämen Sie sicher eine kleine Gehaltserhöhung.
SPIEGEL: Ist es nicht doch besser, sich selbst immer wieder neu erfinden zu müssen, statt sich ständig zu wiederholen?
Willis: Ja, es stimmt schon, ich genieße es sehr, dass mir das Alter andere Rollenfächer eröffnet. Es reizt mich inzwischen mehr, den Bösen zu spielen als den Helden. Ab und zu muss man auch den Erwartungen seines Publikums entkommen. Denn die Medien geben den Zuschauern das Gefühl, uns Stars in- und auswendig zu kennen. Die Kameras sind überall. Jeden Tag verbreitet die Boulevardpresse irgendwelche Gerüchte über uns. Es gibt keinerlei Diskretion mehr.
SPIEGEL: Bedauern Sie das?
Willis: Der US-Präsident Franklin D. Roosevelt saß im Rollstuhl. Doch viele Amerikaner wussten das nicht, denn die Presse hat darüber nicht berichtet. John F. Kennedy hatte Affären mit Filmstars, doch die Öffentlichkeit erfuhr erst Jahre später davon. Heute stünde es eine Stunde später im Internet. Online kann ich lesen, mit wem ich vor 15 Minuten eine Party verlassen habe.
SPIEGEL: Verfolgen Sie denn, was im Internet über Sie verbreitet wird?
Willis: Nicht mehr. Ich möchte nicht, dass dieser ganze Dreck in mein Privatleben eindringt. Ob an einer Geschichte ein Körnchen Wahrheit ist oder ob sie komplett erstunken und erlogen ist, ist mir egal. Die Rolle des Kämpfers, der sich gegen all die Lügen zur Wehr setzt, interessiert mich nicht mehr.
SPIEGEL: Das klingt resignativ.
Willis: Nein, ich habe nicht resigniert. Ich habe nur im Lauf der Jahre erfahren, dass man viel weniger in seinem eigenen Leben kontrollieren kann, als man wahrhaben will. Die Leute setzen sich wahnsinnig unter Druck, weil sie glauben, alles in ihrem Leben in der Hand haben zu müssen. Das ist eine Illusion. Man hat nur über zwei Dinge wirklich Kontrolle: Wenn man mit einer Situation konfrontiert wird, kann man entscheiden, wie man darauf reagiert. Und man kann entscheiden, wen man liebt. Alles andere geschieht so oder so. Seien Sie einfach gelassen.
INTERVIEW: LARS-OLAV BEIER, MARTIN WOLF
Von Lars-Olav Beier und Martin Wolf

DER SPIEGEL 26/2007
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