02.07.2007

AFFÄRENLukrative Hilfe

Für den neuen Siemens-Chef Peter Löscher kommt es knüppeldick. Nun ermittelt die Weltbank gegen den Konzern. Es geht um den Bau eines Kraftwerks in Pakistan.
Für seinen ersten großen Auftritt hatte sich der Neue ein traditionsreiches Umfeld ausgesucht. Im Nürnberger Rathaussaal aus dem 14. Jahrhundert ergriff der seit Anfang des Monats amtierende Siemens-Chef Peter Löscher am vergangenen Dienstag das Wort. Er sprach von "Herausforderungen" und "Vertrauen", das es zurückzugewinnen gelte. Eine echte Strategie, wie er den krisengeschüttelten Konzern in die Zukunft führen möchte, präsentierte er freilich noch nicht. In seinen ersten drei Monaten wolle er erst einmal das weltumspannende Siemens-Reich erkunden.
Der neue Siemens-Boss und sein Aufsichtsratschef Gerhard Cromme müssen sich beeilen, dabei mit den Fahndern Schritt zu halten. Nach den Affären um geheime Konten und bezahlte Betriebsräte ermittelt nun auch noch die Washingtoner Weltbank gegen den Münchner Hightech-Multi.
Am Donnerstag vorvergangener Woche trafen Ermittler der Weltbank im Madrider Westin Palace Hotel mit einem geheimen Informanten zusammen. Der international erfahrene Projektmanager hatte in den neunziger Jahren für ein Kraftwerksprojekt des Siemens-Konzerns gearbeitet.
Was der Ingenieur den Weltbank-Fahndern in dem fast fünfstündigen Gespräch schilderte, ließ die Amerikaner aufhorchen: Siemens soll beim Bau eines Kraftwerks, das Ende der neunziger Jahre in der pakistanischen Provinz Punjab fertiggestellt wurde, die Kosten künstlich in die Höhe getrieben und somit womöglich überhöhte Zuschüsse in Millionenhöhe von der Weltbank kassiert haben.
Offenbar ist das nicht der einzige Fall, der die Washingtoner Ermittler interessiert, auch wenn sich die Weltbank nicht zu ihren Siemens-Untersuchungen äußern möchte: "Wir kommentieren keine unserer Ermittlungen", heißt es dort wortkarg. Doch die Informationen, die der Projektmanager bei dem Madrider Geheimtreffen lieferte, haben die Weltbank-Fahnder offensichtlich elektrisiert.
Ausführlich schilderte der Mann, wie er im Jahr 1996 über einen Mittelsmann eines deutschen Ingenieurbüros für das Projekt angeheuert wurde. Unter dem Namen Rousch Power Ltd. hatte ein schwerreicher arabischer Clan das 500-Millionen-Dollar-Kraftwerksprojekt angeschoben. Siemens sollte das 412 Megawatt liefernde Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GUD) bauen und sich gleichzeitig über seine Tochter Project Ventures an der Betreibergesellschaft beteiligen.
Die Kreditfinanzierung teilten sich die Weltbank sowie eine pakistanische und eine internationale Bankengruppe. Sie lieferten 370 Millionen Dollar, die restlichen rund 130 Millionen Dollar wollten die beteiligten Firmen als Eigenkapital einschießen.
Der frisch angestellte Manager zweifelte jedoch bald an der internen Buchhaltung. Für den Bau flossen knapp 370 Millionen Dollar - also exakt die Kreditsumme - an Siemens, obwohl zuvor vergleichbare Kraftwerke nach seinen Erkenntnissen nur rund 220 Millionen Dollar gekostet haben sollen. Kam Siemens so teilweise in den Besitz eines Kraftwerks, ohne selbst einen einzigen Dollar investiert zu haben? Wurden durch eine mögliche Überbezahlung Schmiergelder für Entscheidungsträger querfinanziert?
Den brisanten Verdacht teilte er seinen Vorgesetzten bei Siemens mit - und flog raus. Bald wurden auch die pakistanischen Behörden misstrauisch. Es soll anschließend im Zusammenhang mit dem Projekt auch zu Verhaftungen gekommen sein, doch die Ermittlungen blieben offenbar ergebnislos.
Siemens erklärt, man sei bereits im Jahr 2004 von dem ehemaligen Mitarbeiter auf die angebliche Überbezahlung bei dem Projekt aufmerksam gemacht worden. Danach habe man den Fall intern geprüft, jedoch "keine Hinweise" auf mögliche Verfehlungen gefunden.
"Der Mann war unfähig", rechtfertigt ein an dem Projekt beteiligter pensionierter Siemens-Manager den Rausschmiss des früheren Mitarbeiters heute. "Schwerölbetriebene Kraftwerke sind nun mal viel teurer zu bauen als herkömmliche Gasanlagen, da braucht es zusätzlich eine halbe Chemiefabrik", erklärt er den hohen Preis.
Experten vom Verband der Großkraftwerksbetreiber sehen allenfalls einen Preisaufschlag von 10 bis 15 Prozent für diese Technik. Allerdings könne in einem Dritte-Welt-Land auch der Bau der benötigten Infrastruktur noch mit weiteren Millionen zu Buche schlagen.
Dennoch scheinen die Weltbank-Fahnder den Aussagen ihres Informanten akribisch nachzugehen. Sie haben Siemens ohnehin schon seit längerem wegen möglicher Korruptionsdelikte im Visier.
Bereits im Februar traf ein Fahnder aus Washington zu einem vertraulichen Gespräch mit der Münchner Staatsanwaltschaft in der bayerischen Landeshauptstadt ein. Wie denn die Ermittlungen so vorangingen, wollte er wissen. Und ob bei den
bisherigen Erkenntnissen um die schwarzen Kassen des Konzerns auch Projekte der Weltbank eine Rolle gespielt hätten.
"Es trifft zu, dass ein Fahnder der Weltbank im Zusammenhang mit unseren Siemens-Ermittlungen auf uns zugekommen ist", bestätigt der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld. Und es werde wohl nicht der letzte Kontakt gewesen sein.
Fakt ist auch: Die Ermittlungen der Weltbank könnten im Fall Siemens ganz neue Abgründe aufreißen - ähnlich wie eine eventuelle Milliarden-Strafe der ebenfalls aktiven US-Börsenaufsicht SEC.
Sollte sich der Verdacht der Washingtoner Fahnder erhärten, könnte Siemens künftig sogar komplett von den lukrativen Weltbank-Projekten ausgeschlossen werden. Das hätte katastrophale Folgen für die Konzernbilanz. Allein von Juli 2000 an arbeitete Siemens laut einer Aufstellung der Weltbank an 134 geförderten Projekten mit einem Gesamtvolumen von über 1,3 Milliarden Dollar.
So bauen die Münchner an der Metro für die indische Metropole Mumbai mit, Auftragsvolumen rund 220 Millionen Dollar. Für eine neue, 780 Kilometer lange Hochspannungstrasse, die im Jahr 2011 zwischen zwei weiteren indischen Metropolen fertiggestellt sein soll, kassiert Siemens 186 Millionen Dollar.
Was es heißt, von dieser weltweit operierenden Institution geächtet zu werden, musste zuletzt der deutsche Anlagenprojektierer Lahmeyer International schmerzvoll erfahren.
In den neunziger Jahren hatten die Deutschen in Lesotho die Geschäftsführer eines Staudammprojekts mit mehreren hunderttausend Euro geschmiert. Die korrupten Manager machten aus ihrem plötzlichen Reichtum anschließend kein Geheimnis und protzten offen mit Villen und teuren Autos.
Vor vier Jahren erhielt Lahmeyer die erste Rechnung für die korrupten Praktiken. Ein lokales Gericht verurteilte die Firma zu einer Strafe in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro.
Eine deutlich schmerzhaftere Buße folgte schließlich im November vergangenen Jahres. Lahmeyer fand sich plötzlich auf der schwarzen Liste der Weltbank wieder. Bis zum Jahr 2013 ist die deutsche Firma nun von allen Weltbank-finanzierten Aufträgen ausgeschlossen.
Und es könnte für Siemens noch schlimmer kommen. Wer von der Weltbank einmal gebannt wurde, fliegt oft auch bei anderen Entwicklungsbanken aus dem Programm. Zudem weigern sich viele US-Firmen, mit den geächteten Unternehmen dann noch Geschäfte zu machen.
Der neue Siemens-Chef Löscher wird viel Überzeugungsarbeit leisten müssen - nicht nur bei den eigenen Leuten.
BEAT BALZLI, JÖRG SCHMITT
Von Beat Balzli und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 27/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Lukrative Hilfe

Video 03:39

Videoanalyse zum Parteitag "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"

  • Video "Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär" Video 02:37
    Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär
  • Video "E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker" Video 02:14
    E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker
  • Video "CSU-Parteitag: Zum Streiten machen wir die Haustüre zu" Video 02:25
    CSU-Parteitag: "Zum Streiten machen wir die Haustüre zu"
  • Video "Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den Großen roten Fleck" Video 01:17
    Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den "Großen roten Fleck"
  • Video "Officer down: Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen" Video 01:04
    "Officer down": Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen
  • Video "Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag" Video 02:00
    Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag
  • Video "Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: Der gleiche Mist wie bei Jamaika" Video 02:12
    Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: "Der gleiche Mist wie bei Jamaika"
  • Video "Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt" Video 01:26
    Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt
  • Video "Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen" Video 00:56
    Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen
  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: Der Kampf geht weiter" Video 02:13
    Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: "Der Kampf geht weiter"
  • Video "Tatort: Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!" Video 04:29
    "Tatort": "Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!"
  • Video "Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi" Video 05:51
    Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi
  • Video "Virales Video: Star-Wars-Crashtest" Video 01:22
    Virales Video: Star-Wars-Crashtest
  • Video "Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt" Video 01:26
    Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt
  • Video "Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May" Video 01:00
    Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May
  • Video "Weinstein über Hayek: Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt" Video 00:58
    Weinstein über Hayek: "Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt"
  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Videoanalyse zum Parteitag: Die CSU ist in einem desolaten Zustand" Video 03:39
    Videoanalyse zum Parteitag: "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"