02.07.2007

COMPUTERSturzflug für jedermann

Ein neues Simulationsprogramm ermöglicht eine virtuelle Reise durch Wien - Prototyp für preisgünstige Ausflüge in künstliche Welten.
Über dem Wiener Graben trägt sich Unerhörtes zu: Die Silhouette eines menschlichen Wesens mit ikarusartigen Flügeln setzt aus schwindelerregender Höhe zum Sturzflug auf den Prachtboulevard an.
Den in den umliegenden Straßencafés versammelten Touristen würde wohl angesichts des gewagten Manövers umgehend das Schlagobers aus der Mokkatasse schwappen - wenn Publikum denn überhaupt vorhanden wäre. Doch das wunderschöne Wien mit seinem prächtigen Putz und Stuck ist nur eine auf Software basierende Illusion, geschaffen von Grafikern am Computer.
Den Ikarus hingegen mit seinen blauen Schaumstoffflügeln gibt es wirklich; er entpuppt sich als blasser junger Mann mit langen Haaren und Brille: der Diplominformatiker Stefan Hampel, 27. Gemeinsam mit dem österreichischen Medienschaffenden Alois Kozar hat Hampel den virtuellen Stadtrundflug durch Wien in Szene gesetzt.
Kozar hat seine Heimatstadt am Rechner dreidimensional und mit Liebe zum Detail nachgebaut - sogar die Rolex-Werbung an einer Häuserfront am Stephansplatz ist erkennbar. Hampel konzipierte derweil ein sogenanntes visuelles "Tracking"-System. Punktgenau überträgt dieses Programm jeden seiner Flügelschläge als synchrone Bewegung in die Wiener Altstadtszenerie. So erlaubt die Software rasante Flüge durch die Schluchten der Metropole, aber auch das beschauliche Verweilen in der Höhe, etwa auf einem Giebel der Staatsoper.
Demnächst will Hampels Partner Kozar mit dem Flugspektakel Bewohner und Touristen in der österreichischen Hauptstadt amüsieren. Akademiker Hampel, Absolvent der Technischen Fachhochschule Berlin, denkt bereits in ganz anderen Dimensionen: Für ihn ist das Computersystem ein Prototyp, um endlich preisgünstige Ausflüge in virtuelle Welten zu ermöglichen - Cyberspace für jedermann.
Sein Mentor ist Heinrich Godbersen. Seit Jahren beschäftigt sich der Berliner Informatikprofessor mit der Entwicklung virtueller Realitäten (worüber ihm schließlich ein grauer Bart wuchs). Lange faszinierte der Gedanke an digitale Paralleluniversen nur versponnene Computerfreaks. Im Gedächtnis haften geblieben sind die Bilder von bizarren Gestalten, die mit einem Helm auf dem Kopf herumhampeln. Könnte daraus nun doch noch eine Massenbewegung werden?
"Wir erleben derzeit einen Paradigmenwechsel bei den Einsatzgebieten von 3-D-Visualisierungen", schwärmt Godbersen. Dabei ist ihm die zuletzt vielbesprochene virtuelle Welt "Second Life" lediglich ein Indikator für den Siegeszug dreidimensionaler Darstellungen.
Längst überprüfen große Konzerne beispielsweise die Funktionalität ganzer Fertigungsprozesse zunächst virtuell am Computer, und das bis ins Detail: Passt der Gabelstapler auch wirklich durchs Hallentor? Das Problem dabei: "Die Möglichkeiten sind grenzenlos, aber es kostet immer ein Heidengeld", klagt Godbersen.
Doch nun sehen sich der Meister und sein Adept Hampel vor einem Durchbruch. "Inzwischen können wir Ausflüge in virtuelle Welten auch low cost realisieren", verspricht der Professor.
Die Chancen für das Vorhaben stehen tatsächlich gar nicht schlecht: Die Popularität diverser Ego-Shooter hat etwa der Entwicklung sowohl der Soft- als auch der Hardware erheblich auf die Sprünge geholfen. Kaum ein PC, der heutzutage ohne hochleistungsfähige Grafikkarte ausgeliefert wird. Der Rückgriff auf bereits bestehende Bausteine ist also möglich. Die "Minimalinstallation" bestünde nach Auskunft der Berliner 3-D-Experten lediglich "aus drei Leinwänden, drei Videoprojektoren und einem PC".
Bei geschätzten Kosten von 10 000 bis 15 000 Euro würden erstmals Anwender, die sich dreidimensionale Simulationen bisher nicht leisten konnten, in den Genuss virtueller Welten kommen. Godbersen denkt vor allem an Architektur- und Ingenieurbüros, an Stadt- und Landschaftsplaner. Aber auch ganz andere Einsatzgebiete sind denkbar: Segelvereine etwa könnten das Visualisierungsprogramm nutzen, um eine eher unübersichtliche Regatta ins Clubhaus zu übertragen. "Wir können ein maßgeschneidertes Produkt im kompletten Paket liefern", verspricht Hampel.
Einstweilen sollen Projekte wie der künstliche Stadtflug durch Wien das Potential der preisgünstigen Computervisualisierung demonstrieren. Zwar bietet auch Google Earth inzwischen die Möglichkeit, die Viertel fremder Städte virtuell zu durchschreiten. "Aber wir können das edler machen", versichert Godbersen.
Durch die Stadtschluchten zu fliegen bereite zudem auch viel mehr Spaß als bisherige Simulationen, schwärmt der Professor: "Wir sind ganz nahe beim Vogel." FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 27/2007
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