02.07.2007

HUMOR„Wir schämen uns nicht“

Die Macher der weltweit erfolgreichen TV-Serie „Die Simpsons“, Matt Groening und Al Jean, über gute und schlechte Witze und den ersten „Simpsons“-Kinofilm
SPIEGEL: Mr Groening, Sie sind weltberühmt als Erfinder der Trickfilmserie "Die Simpsons". Sie sind offenbar wahnsinnig komisch.
Groening: Eigenartig, nicht wahr? Meine Mutter stammt aus Norwegen, die Familie meines Vaters aus Deutschland - das sind eigentlich die beiden humorlosesten Länder, die es gibt.
SPIEGEL: Humor scheint also nicht erblich zu sein?
Groening: Doch. Meine Mutter ist eine sehr lustige, sehr redselige Person, und mein Vater war es auch. Er hieß übrigens Homer wie der Daddy in den "Simpsons". Meinen älteren Sohn habe ich auch so genannt. Wir waren zu Hause fünf Geschwister, und um sich durchzusetzen, musste man schlagfertig sein. Weil mein Vater in der Werbebranche arbeitete, bekamen wir fast alle Zeitschriften gratis ins Haus. Mein Job als Kind war es, sie im Keller zu stapeln, aber natürlich habe ich auch mal reingeguckt. So bin ich aufgewachsen mit den Cartoons des "New Yorker". Das prägt.
SPIEGEL: Mr Jean, nun kommen die "Simpsons", nach zwanzig Jahren im Fernsehen, ins Kino. Was hat Sie daran interessiert? Brauchen Sie Geld?
Jean: Immer. Aber vor allem wollen wir wissen, ob so was klappt: ein TV-Format im Kino.
SPIEGEL: Eine "Simpsons"-Episode dauert gut 20 Minuten, der Kinofilm 90 Minuten. Fiel Ihnen die Umstellung schwer?
Jean: Die Dramaturgie war der größte Unterschied. Wir konnten ja nicht einfach vier TV-Episoden zu einem Kinofilm zusammenfassen. Dann würden sich die Zuschauer zu Tode langweilen. So verbrachte unser Autorenteam viele Monate auf dem Fox-Studiogelände im ehemaligen Bungalow von Marilyn Monroe, unserer Arbeitsklause.
SPIEGEL: Dort entstand auch die Szene, in der Bart Simpson auf einem Skateboard durch die Stadt flitzt - nackt. Sogar sein Penis ist kurz zu sehen. Ein kalkulierter Tabubruch?
Groening: Nein, einfach ein sicherer Lacher. Wir haben bereits die US-Altersfreigabe ab 13. Die Umstände der Entblößung sind auch alles andere als sexuell. Es ist eher wie das Wickeln eines Babys.
SPIEGEL: Gibt es typisch amerikanischen Humor?
Groening: Ja, nehmen Sie Homer: Er ist laut, tolpatschig, und man möchte ihn garantiert nicht zum Nachbarn haben. Aber er hat auch ein großes Herz. So sieht die Welt Amerika, und wir schämen uns nicht.
SPIEGEL: Wer entscheidet, was lustig ist bei den "Simpsons"?
Jean: Die Zuschauer, immer. Jeder Gag im Film hat sich seinen Platz in Testvorführungen redlich verdient. Was nicht ankam, wurde gnadenlos herausgeschnitten. Im Allgemeinen wurde am lautesten gelacht, wenn eine Figur einen auf den Deckel bekommt. Und es gibt feinsinnige Scherze, über die sich alle Autoren ausschütten vor Lachen, aber das Publikum reagiert nicht.
Groening: Das ist manchmal einfach eine Altersfrage. Es gab im Film einen Marihuana-Witz, über den kein Test-Zuschauer lachen konnte. Was wahrscheinlich allein daran lag, dass das Publikum zu jung war, um zu wissen, dass "Gras" auch eine Bezeichnung für Drogen ist.
SPIEGEL: In Ihrem Film heißt der US-Präsident Arnold Schwarzenegger. Ein böser Scherz oder eine politische Prophezeiung?
Groening: Ein Bombenwitz. Arnold verkündet: "I was elected to lead, not to read", "Ich wurde gewählt, um zu führen, nicht, um zu lesen". Zum Glück mussten wir ihn nicht um Erlaubnis bitten, er ist eine öffentliche Figur. Für uns ist es ein Gratis-Gastauftritt eines berühmten Filmstars.
SPIEGEL: Nicht nur die Republikaner bekommen ihr Fett weg. Im Kinofilm machen Sie sich auch über Rockstars lustig, die sich als Klimaschützer aufspielen.
Groening: Wir haben etwas gegen Scheinheiligkeit und verspotten alle Mächtigen, egal ob rechts oder links. Und Homer und seine Familie sind unpolitisch. Homer würde nie zur Wahl gehen.
Jean: Höchstens zu einer Abstimmung über den besten Doughnut.
SPIEGEL: Werden Sie selbst im nächsten Wahlkampf einen Präsidentschaftskandidaten unterstützen, wie viele Ihrer Kollegen aus dem Showgeschäft auch?
Jean: Ich habe bei der letzten Wahl für John Kerry gespendet, und ich war sehr deprimiert, als er verlor.
Groening: Und ich habe bei der vorletzten Wahl für Al Gore gespendet, und ich war sehr deprimiert, als er gewann ...
SPIEGEL: ... um dann am Ende doch gegen George W. Bush den Kürzeren zu ziehen. Hat sich das für den Film verantwortliche Studio des erzkonservativen Medienmoguls Rupert Murdoch, die 20th Century Fox, in die Produktion eingemischt?
Groening: Kaum, ihre Änderungsvorschläge waren minimal und unproblematisch. Murdoch tauchte sogar einmal in einer TV-Episode als böser Milliardär auf und sprach auch seine Rolle. Als Murdoch fünf Minuten zu spät ins Studio kam, sagte unser Regisseur scherzhaft: "Das wird auch langsam Zeit." Murdoch bedachte ihn mit einem eisigen Blick, als hätte er eine sprechende Küchenschabe gesehen.
SPIEGEL: Für Prominente ist eine Gastrolle bei den "Simpsons" der popkulturelle Ritterschlag. Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones, die Schauspielerin Elizabeth Taylor oder der Physiker Stephen Hawking waren schon darunter. Bieten Ihnen Stars manchmal Geld dafür?
Groening: Seien Sie bloß still! Wenn die Fox-Leute von dieser Idee hören, machen sie ein Geschäft daraus. Wir fragen die Kandidaten, und die meisten sagen zu.
SPIEGEL: Wer sagte ab?
Jean: Alle US-Präsidenten. Nur den amtierenden haben wir bisher nicht gefragt. Dafür hat 2003 Tony Blair mitgemacht.
SPIEGEL: Als George Bush senior Präsident war, hat er in einer Rede die "Simpsons" sogar verdammt. Amerika brauche mehr die heile Welt der "Waltons", sagte er.
Jean: Ich bezweifle, dass Bush die Serie zu diesem Zeitpunkt je selbst gesehen hatte. Vermutlich hat es ihm sein Redenschreiber eingeflüstert. Später haben wir Bush eine Kopie der Episode geschickt, in der er in das Haus neben Homer einzieht und die beiden einen Nachbarschaftskrieg führen.
Groening: Die Episode soll Bush nicht gefallen haben.
SPIEGEL: Dabei scheinen die "Simpsons" auch traditionelle Werte zu vermitteln. Die Church of England, angeführt vom Erzbischof von Canterbury, hat gerade angeregt, die "Simpsons" in Kirchen zu zeigen, damit die Jugend etwas lernt über Gut und Böse. Erschreckt Sie das?
Jean: Wenn es bedeutet, dass wir selbst nicht mehr zur Kirche gehen müssen: Nein! Ich bin dem Erzbischof dankbar.
Groening: Die Autoren der "Simpsons" sind jedenfalls nicht besonders fromm. Allerdings haben wir einige gläubige Zeichner. Ich habe gehört, dass ein paar von ihnen unsere Darstellung des Teufels nicht behagt. Wir versuchen, keine billigen Witze auf Kosten von Gläubigen zu machen. Aber wir tun es manchmal trotzdem.
Jean: "Die Simpsons" ist meines Wissens die einzige TV-Serie, deren Helden regelmäßig in die Kirche gehen. Auch wenn sie dort dann manchmal einschlafen.
Groening: Und wir zeigen Gott, nicht im Film, aber in einigen Folgen. Er hat fünf Finger. Homer und Co. haben nur vier.
Jean: Der Schauspieler, der Gott synchronisiert, ist übrigens der gleiche, der auch den Teufel und Hitler spricht.
SPIEGEL: Würde Homer Simpson, dem Anti-Helden, eigentlich Ihr Film gefallen?
Groening: Homer würde wohl die bunten Farben mögen. Aber vor allem das Popcorn im Kino-Foyer.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH, MARTIN WOLF

"Die Simpsons"
ist eine der erfolgreichsten TV-Serien aller Zeiten. 1987 trat die glupschäugige Zeichentrick-Familie um Vater Homer zum ersten Mal im US-Fernsehen auf; in diesem Frühjahr lief die 400. Episode. In über 120 Ländern sind "Die Simpsons" im Programm, in Deutschland bei ProSieben. Die Comic-Familie aus der Kleinstadt Springfield mag simpel gestaltet sein und sich noch simpler durch ihren Alltag aus Eheproblemen, Jobkrisen und Kindergezänk bewegen. Dennoch sind "Die Simpsons" keine Kindersendung: Jede Folge ist gespickt mit intellektuellen Anspielungen, Popkultur-Zitaten und Gags über "the American way of life". Zum Renommee der Serie trägt auch bei, dass immer wieder Prominente als Gaststars ihr gezeichnetes Alter Ego synchronisieren, darunter der ehemalige britische Premier Tony Blair, U2-Sänger Bono oder der Schriftsteller Thomas Pynchon. Erfunden wurden "Die Simpsons" vom Comic-Zeichner Matt Groening, mittlerweile 53; von Beginn dabei ist auch der Produzent und Chefautor Al Jean, 45. Ende Juli kommt der erste Simpsons-Kinofilm heraus.
Von Christoph Dallach und Martin Wolf

DER SPIEGEL 27/2007
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