02.07.2007

ZEITGESCHICHTEBetroffenheit als Instrument

Tom Cruise will in Berlin einen Film über den Hitler-Attentäter Stauffenberg drehen. Der Streit um die Dreherlaubnis gerät immer mehr zur Polit-Posse.
Tom Cruise ist Schauspieler und Mitglied der Scientology-Sekte. Als Schauspieler hatte er sich schon mehrfach Drehgenehmigungen in Berlin erbeten. Und schon mehrfach hat er sich Abfuhren geholt. Das alles ist mittlerweile so sehr Routine, dass es schon fast komisch ist.
Vor drei Jahren verweigerte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse Tom Cruise die Dreherlaubnis für die Reichtagskuppel, wo der Star eine Szene für seinen Actionthriller "Mission: Impossible III" filmen wollte. Am Ende zog Cruise mit seinem Team nach Prag.
Nun möchte er an der Spree seinen Film "Valkyrie" drehen, in dem er den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen wird - auch an Originalschauplätzen wie dem Bendlerblock, wo Stauffenberg mit seinen Mitstreitern 1944 die Pläne für den letztlich missglückten Anschlag schmiedete und später hingerichtet wurde.
Doch erneut heißt es: Nein. Vor allem, weil das offizielle Berlin in Cruise nur das Scientology-Mitglied sieht.
Besonders heftig "Nein", seit Stauffenberg-Sohn Berthold, 72, den Schauspieler für unwürdig befand, seinen Helden-Vater zu porträtieren. "Es ist mir unsympathisch, dass ein bekennender Scientologe meinen Vater spielt."
Unter den professionellen Aufregern der Politik war die CDU-Abgeordnete Antje Blumenthal die aufgeregteste. Für den Bendlerblock werde das Verteidigungsministerium keine Dreherlaubnis erteilen, erklärte sie. Die Sektenexpertin der CDU/ CSU-Fraktion glaubt sich offenbar berufen, über das Ansehen des deutschen Widerstands und einer Hollywood-Großproduktion zu entscheiden.
Das Drehbuch von Oscar-Gewinner Christopher McQuarrie ("Die üblichen Verdächtigen") hatte sie nicht gelesen. Ihr reichte die Tatsache, dass Scientology-Mitglied Cruise Stauffenberg spielen soll.
Sicher ist die Frage erlaubt, ob ein Star wie Cruise noch alle Tassen im Schrank hat, wenn er in der bizarren Sci-Fi-Kirche der Scientologen mental auftankt. Und sicher gibt es Indizien dafür, dass die Organisation abtrünnige Mitglieder unter Druck setzt und sich mit zweifelhaften Mitteln in den Besitz von Immobilien bringt.
Doch Proteste gegen Filme - wie solche gegen "Phenomenon" mit Scientology-Mitglied John Travolta vor elf Jahren - und Verweigerungen von Drehgenehmigungen sind die unseligsten und deutschesten aller Antworten.
Für den jüdischen Regisseur Bryan Singer, der "Valkyrie" im Bendlerblock drehen will, sind die deutschen Bedenken schwer verständlich. Sein öffentliches Befremden nutzen wiederum prompt die pfiffigen Sprecher der Sekte, um sich als verfolgte Gruppierung zu gerieren.
Doch auch die internationale Presse ging ungnädig mit den deutschen Hysterikern um. "Wie könnte man besser an die Nazi-Zeit erinnern als dadurch, dass man einen Mann wegen seines Glaubens in seiner Arbeit behindert", kommentierte die "Philadelphia Daily News" den Streit um den Stauffenberg-Film. Und die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb: "Als Filmprüfstelle ist das Verteidigungsministerium ganz sicher eine Fehlbesetzung."
In den Behörden war derweil die Verwirrung groß, wer überhaupt für die Erteilung einer Drehgenehmigung zuständig sei. Verteidigungsminister Franz Josef Jung jedenfalls nicht, wie sein Sprecher versicherte. Der Minister sei zwar Hausherr im Bendlerblock, aber der historische Hof, wo Stauffenberg hingerichtet wurde, unterliege der Obhut der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben im Finanzministerium.
Und die machte jetzt kurzen Prozess. Torsten Albig, Sprecher des Finanzministeriums: "Der Bendlerblock als Ort der Erinnerung und der Trauer eignet sich nicht dazu, eben mal eine Filmkulisse daraus zu machen."
Sehr gewichtig und nicht unlistig. Aber widersprüchlich. Denn vor vier Jahren wurde dort, wo heute Schreibkräfte des Verteidigungsministeriums den Alltagskram einer Riesenbürokratie erledigen, ein Film gedreht: "Stauffenberg" von Jo Baier mit Sebastian Koch.
Für Albig eine offenbar traumatisierende Erfahrung. "Als plötzlich Caterer und Kameraleute dort auftauchten, war das für die Mitarbeiter der Gedenkstätte eine schmerzhafte Erfahrung." So klingt Betroffenheit, wenn sie als Instrument der Auseinandersetzung genutzt wird.
Drehbuchautor McQuarrie verwundert der absurde Häuserkampf um den Bendlerblock. "Dort hat für mich alles angefangen", erzählt er. "Als ich vor Jahren die Gedenktafel für die Helden des 20. Juli sah, setzte sich in meinem Kopf die Idee fest, einen Film über sie zu drehen."
Er wolle mit "Valkyrie" einen Mann zeigen, dem es gelungen ist, sich aus düsteren Strukturen zu befreien, der in den Tod ging, um sein Land von einem Terrorregime zu befreien. "Ich bin sicher, dass wir eine sehr deutsche und zugleich eine sehr universale Geschichte erzählen werden."
Die Posse um die Dreharbeiten ist wohl eher deutsch. LARS-OLAV BEIER,
MALTE HERWIG
Von Lars-Olav Beier und Malte Herwig

DER SPIEGEL 27/2007
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