09.07.2007

DÄNEMARKFriede in den Hütten

36 Jahre nach seiner Gründung muss sich der „Freistaat Christiania“ bürgerlichen Regeln beugen. Wer bleiben will, soll Marktpreise für Wohnung oder Haus bezahlen.
Die kleine Alltagswelt von Nils Vest, 64, ist bunt und beschaulich. Seit 36 Jahren leben der preisgekrönte Dokumentarfilmer und seine Frau Britta Lillesøe, eine Schauspielerin, mit gut 900 Gleichgesinnten auf rund 34 Hektar naturbelassenem Grund mitten in Kopenhagen: autofrei und nach eigenen Regeln, fast wie in einer "sehr großen Familie".
Sie verteilt sich auf etwa 300 wahllos zusammengewürfelte Häuser und Hütten. Historische Fabrikgebäude und Militärscheunen sind darunter, selbstentworfene Holzvillen, notdürftig zusammengezimmerte Bretterbuden, aber auch altersschwache Bauwagen. Vests "Traum von der eigenen Stadt in der Stadt" liegt malerisch eingeklemmt zwischen Hafen und altem Stadtgraben, ganz wie in einem "wunderbaren Märchen", sagt der Filmemacher.
Das Märchen ist der Freistaat Christiania, ein Produkt der siebziger Jahre, als Anarchisten, Hippies und andere alternative Gruppen ihre eigene Insel inmitten des bürgerlichen Ozeans gründeten.
Seither wird das "soziale Experiment" geduldet, aber damit könnte es bald vorbei sein. Christiania, die bunte Siedlung, steht vor einer radikalen Neuorganisation und vielleicht sogar vor der gewaltsamen Räumung durch die Polizei. "Wenn sie das wollen, dann gibt es Straßenkampf", glaubt Bewohner Dan Holm, 22, der für diesen Fall mit Tausenden Unterstützern, auch aus der autonomen Szene, rechnet.
Die Bilder, die dann drohen, sind noch vom Abriss des Jugendzentrums "Ungdomshuset" im März bekannt: brennende Autos, Barrikaden in den Straßen, tagelange Schlachten mit der Polizei.
Der dänischen Mitte-rechts-Minderheitsregierung passt das "Paradies der Verlierer" (Eigenwerbung) auf öffentlichem Grund schon lange nicht ins Konzept, sie hat mit dem Areal anderes im Sinn. Denn aus dem einstmals nutzlosen Gelände der dänischen Flotte ist inzwischen das Filetstück der Kopenhagener Stadtentwicklung geworden, Hunderte Millionen Kronen wert. Der Stadtteil Christianshavn, zentral gelegen, mit Hafenbecken, Kanälen und Teichen, gehört zu den angesagtesten Wohnquartieren der Stadt.
In den alten Marinegebäuden von Holmen und drum herum entstanden ebenso schicke wie teure Eigentumswohnungen mit Wasserblick. Mittendrin, einen Steinwurf von den altgewordenen Alternativen entfernt, liegt der ideologische Gegenentwurf zur Rock-und-Pop-Romantik Christianias: die neue Königliche Oper in prunkvollem Design aus Glas und Stahl.
Und nun will die Regierung auch Christiania normalisieren.
Unnormal ist für Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen und seine Koalition vor allem der immer noch schwungvolle Hasch- und Cannabis-Markt, der fast ebenso alt ist wie Christiania. Zwar ist die "Pusher Street" inzwischen auf Druck von Polizei und Behörden geschlossen; an bis zu 30 offenen Verkaufsständen war der Stoff hier jahrzehntelang ebenso offen wie illegal verkauft worden, für zig Millionen Kronen im Jahr, an Kunden aus Kopenhagen und aller Welt. Der Dope-Handel läuft jetzt aber unter der Hand - Pizza, Pot und Poster finden reißenden Absatz.
Touristen pilgern in Gruppen und unter fachkundiger Führung mehrmals täglich durch Christiania, vorbei an Kino, Cafés, Restaurants, Schmieden, Kunstwerkstätten, Galerien oder der landesweit bekannten Fahrradproduktion. Nachts strömen Rockfans aller Altersgruppen in zwei
Clubs, die "Grå Hal" (Graue Halle) und "Loppen".
In der Siedlung gibt es einen eigenen Kindergarten und Hort für die 250 Kids und Jugendlichen sowie architektonische Kleinode, über die regelmäßig in der einschlägigen Fachliteratur berichtet wird. Ein Pagodenhaus gehört dazu oder das "Bananhuset" - eine Herberge für traditionell wandernde Handwerksgesellen in Form einer Banane. Denkmalgeschützte Militärbaracken und Munitionslagerhäuser wurden liebevoll restauriert, phantasievolle Holzhäuser, eine Mischung aus Skandinavien und dem amerikanischen Westen, aufwendig gezimmert.
"Keiner redet über die Werte, die hier geschaffen wurden", sagt Morten Nilsen, 50, der als Touristenführer in Christiania jobbt. Er gehört, natürlich, zu den Urgesteinen und sagt, "wir haben auch Rechte".
Eben das ist der Streitpunkt. Nils Vest und Britta Lillesøe haben ihre Kinder in einer umgebauten Militärscheune von 1849 großgezogen. Die wurde, Stück für Stück, in Fredericia auf Jütland abgetragen und in Christiania wiedererrichtet und für viele zigtausend Kronen ausgebaut zu einem wahren Schmuckstück. "Das ist meine Heimat", sagt Lillesøe. Aber ein offizielles Okay dafür gibt es bis heute nicht. "Wir wollen nicht normalisiert, sondern legalisiert werden", sagt die ergraute Aktrice.
Britta gehörte zu den ersten Hippies und Hausbesetzern, die 1971 die rotten Armeekasernen auf dem staubigen Gelände in Beschlag nahmen. Ohne Rücksicht auf Eigentumsverhältnisse begannen sie, sich ein
neues Zuhause zu basteln, mit Gärten, Sportfeld, Recyclinghof, Abfallentsorgung und neuerdings auch einer Halfpipe für Skater und Blader, der größten weit und breit. Dabei wussten sie stets die öffentliche Meinung auf ihrer Seite.
Jeder Versuch, die Freiheit Christianias einzuschränken, wurde mit Massendemonstrationen beantwortet, manchmal auch mit gewaltsamem Widerstand, wie zuletzt im Mai. Fast drei Viertel der Kopenhagener sind in Umfragen stets für die Erhaltung des rechtsfreien Raums, landesweit liegt die Zustimmungsrate immer noch bei gut 50 Prozent. Dabei existiert Christiania, sieht man es formal, überhaupt nicht. Kauf-, Pacht- oder Mietverträge gibt es nicht. Viele, wenn nicht sogar die meisten Einwohner zahlen nicht einmal Steuern. Jeder Erwachsene muss monatlich 1400 Kronen (rund 190 Euro) in eine Gemeinschaftskasse abführen, plus Abgaben für Heizung, Strom und Wasser - alles ohne jeden Rechtsanspruch.
Klaus Danzer, 41, ist als wandernder Zimmermannsgeselle vor etwa 14 Jahren in Christiania hängengeblieben. Seitdem hat er, freiwillig, mehrere Häuser für andere Aussteiger gebaut, darunter die Herberge für reisende Handwerker.
Rund 100 000 Euro steckte der Zimmermann in eine Wohnung, die er für sich im Erdgeschoss der Unterkunft hergerichtet hat. Dort lebt er mit seiner Frau und zwei Töchtern. Jetzt will er mit viel Zeit und Geld ein altes, völlig heruntergekommenes Holzhaus zwischen altem Festungswall und Stadtgraben restaurieren. Das Haus liegt geradezu idyllisch direkt am Wasser, aber eben auch im rechtsfreien Raum.
Sämtliche Holzhäuser in diesem Biotop, wohl an die 50, will die Regierung am liebs-
ten einebnen, dazu weitere 20 auf dem "Platz der roten Sonne", wo ein Teil von rund 400 geplanten neuen Miet- und Eigentumswohnungen in Christiania gebaut werden soll. Die Landschaft entlang dem kilometerlangen Stadtgraben soll öffentlicher Park werden.
So sieht es der jüngste und wohl letzte Kompromissvorschlag der Regierung vor. Christianiter sollen einen Miet- oder Kaufanspruch auf die neuen Wohnungen erhalten, aber auch nicht mehr. Und das zu marktähnlichen Preisen.
Organisiert sein soll Christiania künftig in einem Mix aus Stiftungsmodell, gemeinnütziger Wohnungsbaugesellschaft und Genossenschaft - mit ausgeklügelten Mitbestimmungsrechten für die Bewohner. "Das ist zu mehr als 50 Prozent ein Sieg", wirbt Klaus Danzer für den Vorschlag. "Es ist eine historische Chance, als Einheit weiterzubestehen."
"Wir werden ganz legal etabliert sein", sagt Nils Vest. Zwei Drittel der Christianiter sehen das auch so, mehr oder weniger.
Aber zwei Drittel sind in Christiania so gut wie nichts, denn die Großkommune lebt nach dem "Konsensusprinzip": Entscheidungen nur nach Einstimmigkeit - und die ist kaum in Sicht. Eine Entscheidung, wie auch immer, muss jedoch schnell fallen, in den nächsten Wochen, zumindest darüber sind sich alle Seiten einig.
"Die Regierung weiß, wie schwer es für 650 Hippie-Anarchisten ist, einen Konsens hinzukriegen", schwant es dem Filmemacher Vest. Er hat die Geschichte Christianias in Filmen dokumentiert, mit allen politischen Schlachten - Siegen und Niederlagen. MANFRED ERTEL
* Bei der Feier zum 35-jährigen Bestehen Christianias, 2006.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 28/2007
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