09.07.2007

„Ich bin ja nicht paranoid“

Nahaufnahme: Die CDU-Abgeordnete Antje Blumenthal und ihr Kampf gegen den Scientologen Tom Cruise
Man müsse das Muster sehen, sagt Antje Blumenthal, den größeren Zusammenhang: "Hinter allem steckt eine Strategie."
Im Fall des Hollywood-Schauspielers Tom Cruise sieht die so aus: Erst schaut sich Cruise in Berlin nach einer Wohnung um, dann tauchen Berichte über einen Besuch seiner Frau im Zoo bei Eisbär Knut auf, nun will er in der Hauptstadt seinen nächsten Film "Valkyrie" drehen, ein Biopic über den Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Von außen betrachtet, stellt sich die Sache recht einfach dar. Ein Ehepaar macht sich mit der Stadt vertraut, in der es die nächsten drei Monate leben wird, und weil der Mann ein amerikanischer Superstar ist, steht alles in der Zeitung.
Aber natürlich sind die Dinge nicht so unverdächtig, wie sie erscheinen, jedenfalls nicht, wenn man sie mit professionellem Blick betrachtet: "Das mit der Haussuche und dem Zoobesuch ist gezielt in die Öffentlichkeit gebracht worden, es soll alles positiv wirken, sympathisch."
Zum Glück ist auch die Bundestagsabgeordnete Blumenthal eine eifrige Zeitungsleserin, und deshalb hat sie Verteidigungsminister Franz Josef Jung am Rande einer Abstimmung das Versprechen abgenommen, jede Drehgenehmigung im Bendlerblock, wo Stauffenberg hingerichtet wurde, zu versagen. Die Amerikaner haben kein Problem, den Drehort nachzubauen, aber darum geht es gar nicht. Für Blumenthal ist der Bendlerblock ein Symbol des mutigen Widerstands, früher gegen Hitler, jetzt gegen "Valkyrie".
Die CDU-Abgeordnete kennt sich aus mit Cruise. Sie hat zwar noch nie einen Film von ihm gesehen, zumindest kann sie sich an keinen erinnern; sie hält insgesamt nicht viel von Hollywood, ihr Lieblingssender ist Phoenix. Aber Blumenthal sitzt im Deutschen Bundestag im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dort wiederum ist sie Berichterstatterin der Union für Sekten und Psychogruppen, womit sie gewissermaßen im Auftrag des deutschen Volkes beobachtet, was Cruise so treibt, denn der ist ja nicht nur der bekannteste Schauspieler der Welt, sondern nebenbei Sprecher der Church of Scientology und damit auch der berühmteste Scientologe des Erdballs.
Man kann Blumenthal keinen Vorwurf machen, dass es bislang nicht so recht geklappt hat, die Leute aufzuklären. Sie geht jedem Hinweis nach, der bei ihr eingeht; sie besucht alle wichtigen Konferenzen, vergangenes Jahr war sie zu einer dreitägigen Tagung in Nowosibirsk, auch die Russen hätten jetzt ein Riesen-Scientology-Problem, sagt sie. Alle zwei, drei Monate schreibt sie eine Pressemitteilung; in der vorletzten ging es um Nachhilfeangebote, hinter denen möglicherweise Scientology steckt. "Niemand hat das überhaupt zur Kenntnis genommen", sagt Blumenthal. Sie klingt dabei eher verwundert als verbittert.
Jetzt also gegen Cruise und die Produktionsfirma United Artists. Für einen Augenblick sah es so aus, als ob sie alles zum Kippen bringen könnte. Anfang vergangener Woche lehnte die Stadt die Anfrage ab, die Filmleute auf ein Polizeigelände zu lassen, das als Drehort ausgewählt war. Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, der vor drei Jahren noch Cruise auf seinem Sofa im Rathaus sitzen hatte, sagt, dass ihm der Schauspieler nicht mehr über die Schwelle komme.
Aber das zählt noch nicht richtig, es sind nur Etappensiege. Außerhalb von Deutschland finden sie Scientology nicht gefährlich, sondern eher lächerlich, doch das sei eine fahrlässige Unterschätzung, sagt Blumenthal, auch die Nationalsozialisten habe am Anfang keiner ernst genommen. Es ist so schwer, die Bedrohung fassbar zu machen, das ist ja gerade so gefährlich. Man kann nicht wachsam genug sein.
Sie hat vor langem aufgehört, an Zufälle zu glauben. Neulich war ihr Auto plötzlich weg, als sie aus dem Haus trat, ein paar Tage später tauchte es wieder auf, fünf Minuten entfernt von der Wohnung. "Fünf Minuten weit weg, na", sagt sie und zieht die Augenbraue hoch. Muss sie noch mehr sagen?
"Ich bin ja nicht paranoid", aber wenn sie irgendwo öffentlich über Scientology redet, sitzt immer jemand im Publikum und schreibt mit. Als einmal die Telefonrechnung ohne jeden ersichtlichen Grund doppelt so hoch ausfiel wie üblich, war die Telekom ohne Diskussion bereit, die Rechnung zu senken. "Na"?, ruft Blumenthal, und jetzt klingt es beinah triumphierend. Sie wird nie beweisen können, dass jemand ihr Telefon manipuliert, aber der Verdacht liegt nach ihrer Meinung doch sehr nahe.
Sie hat sich mit mächtigen Gegnern angelegt, sie darf jetzt nicht nachlassen. 4,8 Millionen Euro öffentlicher Fördergelder hat der Bund für "Valkyrie" bewilligt, sie hat sich das genau notiert, sie muss jetzt nur die richtigen Leute ansprechen, die entscheidenden Hebel in Bewegung setzen.
"Die Leute werden aufmerksam", sagt sie. Am Morgen hat sie die E-Mail eines Mannes bekommen, der Angst hat, dass Scientologen seine Schule infiltriert haben. Der Mann, ein Psychologe, wollte Namen. Sie konnte nicht wirklich weiterhelfen, aber es ist ein Anfang gemacht. Sie ist jetzt ein Begriff, man kann sie nicht mehr einfach zur Seite schieben. JAN FLEISCHHAUER
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 28/2007
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