16.07.2007

Die Macht der Ohnmacht

Tibetischer Gottkönig, Friedensnobelpreisträger, spiritueller Superstar, von Chinas Kommunisten gehasst, im Westen verehrt: Der Dalai Lama, der jetzt Deutschland besucht, ist hier populärer als der deutsche Papst, der Buddhismus genießt mehr Sympathien als das Christentum. Was hat die Religion zu bieten? Und wer ist der Mensch hinter dem Klischee?
Drei unterschiedliche Orte, drei unterschiedliche Versionen des Dalai Lama: Dharamsala im Norden von Indien, Toronto in Kanada, Brüssel.
Nachtschlafende Zeit in der kleinen Stadt an den Hängen des Himalaja, Zentrum seines Exils seit nun schon 48 Jahren. "Little Lhasa" ruht. Um halb vier Uhr morgens haben auch die fleißigsten der tibetischen Marktfrauen in Dharamsala ihre Stricknadeln aus der Hand gelegt, die cleveren Heiler und Wahrsager ihre letzten gutgläubigen Touristen versorgt; die Kinder, die erst in den vergangenen Wochen die gefährliche Flucht über die hohen Pässe geschafft und dabei ihre Eltern verloren haben, sind eingeschlummert.
Dies ist die Stunde, in der der Dalai Lama aufsteht, seine Kunststoff-Flip-Flops überstreift und Meditationsübungen macht, in uralten, auf Palmblättern vervielfältigten Texten liest - bevor er sich auf das Laufband seines Fitnessgeräts begibt und den Trainingscomputer kontrolliert. Konsequent kosmopolitisch dann auch das Frühstück des Wanderers zwischen Welten und Zeiten: frischgemahlener tibetischer Gerstenbrei, gemischt mit abgepacktem amerikanischem Haselnussmüsli; dazu indische Zeitungen und die Morgennachrichten der BBC über den Fernsehsatelliten.
Er seufzt. Wieder steht ihm ein Tag bevor, prall gefüllt mit Terminen, mit Wünschen und Erwartungen, wie man sie eben einem Gottkönig und wiedergeborenen "Buddha des Mitgefühls" entgegenbringt. Er mag keinen Personenkult. "Alle Erleuchteten sind voll des Wissens, aber sie haben von nichts eine Ahnung", sagt er, nur mit einem Hauch von Koketterie. "Am liebsten würde ich in Pension gehen, am liebsten wäre ich ein einfacher Mönch."
Das ist der private Dalai Lama: liebenswert, selbstironisch, fehlbar - und oft erstaunlich selbstkritisch.
In der kanadischen Millionenstadt Toronto verschwindet er fast auf der großen Bühne des Messegeländes am Rande der Autobahn, wiegt den Oberkörper wie in Trance, ein spiritueller Kapitän allein auf hoher See.
Als die Besucher dann in die Halle strömen, wird er zum Menschenfischer, zieht die Gläubigen und die Nur-Neugierigen in seinen Bann. Zur Hochform aber läuft der Dalai Lama, oft schüchtern und zögerlich, erst beim Gespräch im kleinen Kreis auf.
Wie man denn möglichst schnell zur Erleuchtung komme, fragt einer, der sich als Medizinstudent vorstellt. "Für die Instant-Erleuchtung brauchen Sie eine Spritze", sagt Tibets Gottkönig, ohne eine Miene zu verziehen. Dann erläutert er, wieder ganz ernst, einige der Grundzüge des Buddhismus, die Überwindung des Leids durch Selbsterkenntnis, die Welt ohne einen Schöpfer, an den man blind glauben muss, die Lehre der Eigenverantwortlichkeit. "Versuchen Sie es zunächst mit einer Religion aus Ihrem Kulturkreis, beispielsweise mit dem Christentum, bevor Sie sich an die komplexen Rituale des tibetischen Buddhismus heranwagen", sagt er zur Verblüffung seiner Zuhörer. "An Rituale, aus denen Sie sich nicht beliebig heraussuchen können, was Ihnen gefällt."
Das ist der spirituelle Dalai Lama: liberal gegenüber anderen Religionen, im Umgang mit seinen Glaubensbrüdern gelegentlich von einer an Joseph Ratzinger erinnernden dogmatischen Schärfe.
Alle warten auf ihn beim Treffen der EU-Politiker in Brüssel, die Prominenz ist vollzählig zum gesetzten Essen eingetroffen. Er aber geht voller Gemütsruhe erst mal in die Küche, plaudert mit den Köchen über ihr Gehalt, die Probleme der Kinder, die Pensionskasse. Blickt in die Töpfe und lässt sich alle Speisen erklären. Dann erst erzählt er den Gastgebern seine Anliegen: vom "kulturellen Genozid" spricht er, den die chinesischen Besatzer in Tibet anrichteten, von seiner Hoffnung auf die Rückkehr. Er schwört die EU-Kommissionsmitglieder darauf ein, doch seine Heimat nicht zu vergessen, und erzählt von tibetischen
Opfern: "Wir haben unseren Anspruch auf die Unabhängigkeit aufgegeben und Zugeständnisse angeboten, jetzt ist Peking am Zug. Aber was immer auch passiert, Gewaltlosigkeit bleibt mein oberstes Gebot."
Wie so oft beim Dalai Lama - nicht unbedingt was er sagt, sondern wie er es sagt, überzeugt die Zuhörer. Ihm nimmt man sein Engagement ab. Er verkörpert, was er verkündet. Er lebt, was er lehrt: Der Dalai Lama ist so etwas wie der Gegenentwurf zum "klassischen" Politiker. Womöglich empfinden es auch die europäischen Kommissare so: Sie klatschen ihm begeistert zu. Jeder im Saal weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass er seine Heimat noch einmal wiedersieht, gegen null geht, dass sich die Staaten der Welt mit der mächtigen Volksrepublik China arrangieren und lukrative Wirtschaftsbeziehungen pflegen wollen.
Das ist der politische Dalai Lama: kompromissbereit, aber fast chancenlos in seinem Kampf um ein wahrhaft autonomes Tibet, ein sympathischer Sisyphos vom höchsten Bergmassiv der Welt - wohl auch wegen des Mitleidseffekts so beliebt.
Am Donnerstag wird der Religionsführer mit den verschiedenen Gesichtern zu einem zehntägigen Besuch in Deutschland erwartet. Gemessen an seinen häufigen 24-Stunden-Auftritten weltweit ist es ein ausgedehnter Auslandsaufenthalt. In Hamburg wird er den Ersten Bürgermeister Ole von Beust treffen und sich - trotz Protestnoten aus Peking, die vor einer Aufwertung des "Verräters" gewarnt haben - ins Goldene Buch der Hansestadt eintragen dürfen. Er wird im Tennisstadion am Rothenbaum (Kapazität: 10 000 Plätze), wo sonst Roger Federer aufschlägt, Vorträge über den Buddhismus und "Die Praxis der Gewaltlosigkeit" halten, bevor er nach Freiburg weiterfährt.
Mehr als 30 000 Besucher aus aller Welt werden erwartet. Auf sämtlichen Kanälen laufen Vorberichte, Galerien veranstalten Sonderschauen mit den eindrucksvollsten Fotos aus seinem Leben, im Szenekino Abaton sind Tibet-Filmwochen angesagt. Von einer regelrechten "Dalai-Lama-Mania" wie bei einem Popstar berichten die Veranstalter. Kein Wunder - wir Deutschen, wir sind nicht nur Papst. Wir sind jetzt auch Dalai Lama.
In kaum einem anderen Land fühlt sich der Religionsführer nach eigenem Bekunden so wohl wie in Deutschland, "fast heimisch". Und die Bundesbürger überschütten ihn im Gegenzug geradezu mit Sympathie und Zuneigung. Sie fühlen sich von dem warmherzigen, stets lächelnden Mönch mit dem kahlen Schädel, der dunkelroten Kutte, der altmodischen Goldrandbrille und den Impfnarben am Oberarm, diesem seltsamen Heiligen mit den zum Segen vor der Brust erhobenen Händen, sogar mehr angesprochen als vom bayerischen Pontifex.
Eine vom SPIEGEL Anfang Juli bei TNS Forschung in Auftrag gegebene Meinungsumfrage hat verblüffende Ergebnisse gebracht: Der tibetische Gottkönig ist in Deutschland populärer als der deutsche Papst: 44 Prozent nennen ihn "ein Vorbild", für Benedikt XVI. entscheiden sich 42 Prozent. Bei den Befragten mit Abitur und den jungen Leuten unter dreißig generell ist der Vorsprung des Dalai Lama gegenüber dem Stellvertreter Christi wesentlich größer - in diesen Bevölkerungsgruppen erwartet sich mehr als jeder Zweite sogar konkrete "Ratschläge" für sein Leben von dem charismatischen Mönch aus dem Himalaja-Reich. Die Deutschen finden den Buddhismus sympathischer als den hierzulande verbreiteten Glauben: 43 Prozent nennen die fernöstliche Religion "die friedlichste", gefolgt vom Christentum (41 Prozent); weit abgeschlagen - bei gerade mal einem Prozent - landet in dieser Rangliste der Islam.
Schnöder Materialismus und Geiz-istgeil-Ideologie sind offensichtlich in manchen Kreisen passé, Lamaismus gilt als en vogue, überall im Westen. Unterhaltungsgrößen und Menschenrechtler haben mit ihrem Engagement für den Dalai Lama und seinen Freiheitskampf auf dem Dach der Welt einen gemeinsamen Nenner gefunden, seltsame Bet-Genossen: Hollywood trifft Robin Wood.
Die Filmdiva Sharon Stone hat ihr Haus über dem Sunset Boulevard mit fernöstlichen Devotionalien geschmückt und nennt Audienzen beim Dalai Lama "ihr höchstes Glück". Goldie Hawn und Uma Thurman fühlen sich ebenso zu der fernöstlichen Lehre hingezogen wie Orlando Bloom, Oliver Stone und Tina Turner. Auch das Ex-Material-Girl Madonna gibt sich längst spirituell, Gerüchte besagen, sie könne sich nach Jahren der Beschäftigung mit kabbalistischen Praktiken nun dem Buddhismus zuwenden, sich zu den zahlreichen anderen
prominenten Tibetschwestern gesellen - Glaubens-"Hopping" ist in Kalifornien weitverbreitet und für manchen eine oberflächliche Freizeitdroge.
Über solche Zweifel erhaben ist Richard Gere ("Ein Mann für gewisse Stunden"), der fast so häufig in Dharamsala wie in den USA zu finden ist und als enger Freund des Dalai Lama ein Buddhistisches Zentrum nach dem anderen gründet. Oscar-Preisträger Martin Scorsese, spezialisiert auf sensible Filme über gesellschaftliche Außenseiter, hat mit "Kundun" seinem Vorbild Dalai Lama schon 1997 ein Denkmal gesetzt.
In Deutschland hat die Buddhismus-Begeisterung eine lange Tradition - ein Großteil der Denkerelite beschäftigte sich schon ab dem 18. Jahrhundert mit dem fernöstlichen Gedankengebäude, von Kant bis Hegel, von Schelling bis Schopenhauer. Eine regelrechte Welle - verbunden mit der Person des charismatischen Dalai Lama und seinem Friedensnobelpreis 1989 - schwappte dann im vergangenen Jahrzehnt durchs Land.
Das Lebenshilfewerk "Die fünf Tibeter" stand fast 400 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, das Kaufhaus C&A stellte Winterkleidung als "Tibetkollektion" vor, das Haus Guerlain warf als Duft der Saison ein Parfum namens "Samsara" auf den Markt (und übersah, dass dieser buddhistische Begriff vor allem das "Leiden" symbolisiert). Heute hat die Dalai-Lama-Begeisterung neben gestandenen Fans wie dem ehemaligen Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und dem Bergsteiger-König und Ex-Europaparlament-Grünen Reinhold Messner auch jüngere Menschen erreicht; als Dalai-Lama-Bewunderer outen sich Intellektuelle wie der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck oder Sportler wie der Ex-Fußballnationalspieler Mehmet Scholl. Die Popsängerin Nadja Benaissa von der Girlgroup No Angels sieht in dem Tibeter den "Jesus der Neuzeit". Und Dr. Motte, der Techno-DJ und Erfinder der Berliner Love Parade, sagt, den "Dalai Lama muss man einfach mögen, den lieben wir alle".
Weltweit gibt es rund 450 Millionen Buddhisten - nach dem Christentum, dem Islam und dem Hinduismus bilden sie die Weltreligion Nummer vier, vorherrschend in Südostasien, wo Thailands Junta mit dem Gedanken spielte, den Buddhismus zur Staatsreligion zu machen. Mehr als eine Viertelmillion Deutsche werden inzwischen buddhistischen Gruppen zugerechnet, und dabei treibt der Boom manchmal auch sumpfige Blüten - die Zahl der sympathisierenden Sinnsuchenden dürfte um ein Vielfaches höher sein: Buddhismus bedarf nicht der Organisation, der Institution. Gerade darin liegt ja unter anderem seine Attraktion, sein Charme.
Es sind vor allem Angehörige der "gehobenen", gutverdienenden Kreise, die sich angezogen fühlen: Politiker und Professoren, Manager und Mimen, Werbetexter und Wirtschaftsbosse. Der Buddhismus gilt ihnen als anziehendste Weltreligion, als Glaube, der das Individuum kaum zu etwas nötigt, der viel Spielraum zum eigenen Denken lässt, auf Andersdenkende in der Regel nicht hinabschaut. Zweieinhalb Jahrtausende weitgehende Friedfertigkeit statt grausamer Inquisition, stets heiter wirkende Mönche statt präpotenter Kirchenfürsten, Nirwana-Hoffnung statt Dschihad-Drohung, meditative Überzeugungsarbeit statt missionarischer Bekehrung; Schuld und Sühne Begriffe aus einer anderen, strafenden Glaubenswelt, der Mensch allein Schöpfer seines Schicksals: Kann daran etwas falsch sein?
Und ist nicht der Dalai Lama der perfekte Repräsentant dieser sanften Weltmacht, eine unantastbare höchste moralische Instanz, zuständig für die Grundfragen der Menschheit wie Lebenssinn, Glück, Gerechtigkeit, Frieden? Ein postmoderner Engel mit urzeitlichen, in Wiedergeburten stets reinkarnierten Wurzeln? Ein letzter gemeinsamer Nenner für Begeisterungsfähige und Skeptiker, Ohnmächtige und Übermächtige, Neurotiker und Naturburschen - eine Art Trostpflaster für die in Globalisierungsgewinner und -verlierer zersplitternde Erde?
Schon seine Titel unterscheiden ihn von allen anderen Menschen: "Ozean der Weisheit" bedeutet der aus dem Mongolischen stammende Titel Dalai Lama. Als "Herr des Weißen Lotus" und "Unvergleichlichen Meister" verehren ihn Buddhisten in aller Welt. Eine seiner tibetischen Bezeichnungen lautet "Das wunscherfüllende Juwel". Und die offizielle
Anrede bleibt allein ihm und dem Papst der Katholiken vorbehalten - "Seine Heiligkeit".
Was für ein Leben, was für eine Karriere: geboren vor nunmehr 72 Jahren im tibetischen Dorf Taktser, 1100 Kilometer von Lhasa entfernt, als neuntes Kind einer Bauernfamilie. Entdeckt als Wiedergeburt des früheren Dalai Lama von einer Mönchsdelegation, nach mystischen Ritualen. Mit fünf Jahren auf dem Löwenthron. Aufgewachsen als spirituelles und politisches Oberhaupt der Tibeter im Brennpunkt internationaler Verwicklungen. Als Gesprächspartner gesucht auch vom Großen Vorsitzenden Mao - da ist er 19. Zum dramatischen Abschied vom Potala-Palast gezwungen, an der Seite von CIA-trainierten Untergrundkämpfern, die ihn im März 1959 über reißende Ströme und 5000-Meter-Pässe schleusen - da ist er 23 Jahre alt. Prominentester Asylant der Welt, Prophet der Gewaltlosigkeit, rastloser Reisender für die tibetische Sache und schließlich Friedensnobelpreisträger.
Pekings Propaganda macht ihn zum Staatsfeind Nummer eins. Im Westen wird er von Politikern mal überschwenglich begrüßt, mal peinlich gemieden. "Die nicht an der Macht sind, schmücken sich in der Regel gern mit mir", hat er einmal gesagt. "Wenn sie Kanzler oder Präsidenten sind, wechseln sie auf Pekings Befehl in der Regel die Seiten - nicht ohne mich ihrer Sympathie zu vergewissern."
Ein Medienstar ohne Berührungsängste, der auch dem "Playboy" mal ein Interview gewährte, der gegen eine Spende zuließ, dass Apple mit seinem Konterfei für Computer warb, und - gar zu großzügig - unter seinem Namen Dutzende Bücher veröffentlichen lässt, die er, sagenhaft seicht sind manche Texte, gar nicht gegengelesen haben kann: Tenzin Gyatso alias Dalai Lama Nummer 14 ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Welt - und bleibt trotz seiner fast permanenten Präsenz auf allen Kanälen eine der geheimnisvollsten, der unfassbarsten.
Häufig hat er in der Vergangenheit seine Botschaft bewusst im Dunkeln gelassen, spielte mit den Erwartungshaltungen seines Gegenübers, ein Meister des Ungefähren. "Ich bin für Sie, was Sie wollen, das ich für Sie bin", sagte er einmal in einem Interview. Erst in den vergangenen Monaten, da er nach einer schweren, aber weitgehend überwundenen Krankheit ernsthaft über seinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben nachdenkt, hat er begonnen, eine Bilanz zu ziehen und von seinem Vermächtnis zu erzählen. Es wird für viele seiner Anhänger, aber auch für seine Feinde, überraschende Erkenntnisse bringen, liebgewordene Klischees zerstören - das Ende der Dalai-Lama-Missverständnisse besteht auch darin, dass Seine Heiligkeit nicht mehr für jeden alles sein will, kein Gott mehr der großen und kleinen Dinge.
Aber woran denkt er, wen bewundert er, was will er wirklich?
Verstehen lässt sich die letzte, entscheidende Phase im Leben des Dalai Lama, seine Suche nach einem Erben, der das Erreichte bewahrt und das Unfertige vollendet, nicht durch Beobachtungen an seiner Seite im Westen. Sondern nur durch den Besuch seiner wichtigsten Lebensstationen: Lhasa, Dharamsala, Peking.
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Die alte Frau in der tibetischen Landestracht und mit der kleinen Gebetsmühle in der Hand geht die vierspurige Schnellstraße in die falsche Richtung, den Autos entgegen. Vielleicht ist es sogar gut so. Denn auf diese Weise sehen die Fahrer der chromblitzenden Buick und Toyota, die spätnachmittags in Lhasas Außenbezirken unterwegs sind, die Pilgerin wenigstens von vorn: Alle paar Meter wirft sie sich auf den Asphalt, kniet nieder und misst dann mit der ganzen Länge ihres Körpers den Boden, wiederholt das Ritual. Stoisch und unbeirrt arbeitet sie sich langsam Richtung Jokhang-Tempel, fünf Kilometer entfernt. Sie ist noch immer unterwegs, als die Sonne längst untergegangen ist, die ersten Bars, Karaoke-Clubs und als Friseursalons getarnten Bordelle ihre grellen Neonlichter angeknipst haben. Eine einsame Gläubige aus einer versunkenen Welt.
Lhasa bedeutet "Geheiligte Erde". Doch in diesen Tagen wirkt die Hauptstadt der chinesischen "Autonomen Region Tibet" eher profan. Hochhäuser kratzen am Himmel der 3700 Meter hoch gelegenen Siedlung. 17 Stockwerke hat das neue Handelshaus, ein Ungetüm aus Stahl und Glas, 13 Stockwerke zählt das Polizeihauptquartier. Überall wird gehämmert, geklopft, geschweißt. Es entstehen neue Kasernen für die allgegenwärtigen Soldaten der chinesischen Armee, Supermärkte, Schnellrestaurants. Wirtschaftlich ist es den Tibetern noch nie so gut gegangen in ihrer Geschichte wie jetzt - und spirituell selten so schlecht.
Lhasa hatte 1959, als der Dalai Lama aus seinem Amtssitz fliehen musste, nach dessen Schätzung "etwa 30 000 Einwohner, davon 10 Ausländer". Heute zählt die Stadt etwa 400 000 Einwohner, davon sind weit mehr als zwei Drittel "Ausländer": Chinesen
aus allen Provinzen des "Mutterlandes" haben die heilige Stadt überfremdet, teils zwangsangesiedelt, teils angelockt von Steuergeschenken der KP.
"Die neue Eisenbahn, Straßen, Abwasserkanäle, Elektrizität, das alles ist wichtig", sagt ein alter Tibeter, der sich als einer der wenigen offen zu reden getraut. "Aber nichts ist wirklich etwas wert ohne Selbstbestimmung, ohne echte Religionsfreiheit. Die Partei macht Tibet zu einem spirituellen Disneyland mit ein paar Mönchen. Wir sind schon jetzt Fremde in der Heimat." Ob sein Enkel, der in der Schule nur noch Chinesisch lernt und spricht, auch so denkt - das allerdings vermag er nicht zu sagen.
Der Dalai Lama in seinem Exil auf der anderen Seite des Himalaja-Massivs hat eine durchaus ambivalente Einstellung zu den tibetischen Klagen, die ihm übermittelt werden. Bessere Lebensbedingungen achtet er keinesfalls gering und fordert seine Landsleute auf, "so fleißig wie die tüchtigen chinesischen Kaufleute" zu sein. "Nirgendwo steht geschrieben, dass unser Glaube uns zur Rückständigkeit zwingen soll - ganz im Gegenteil." Auch die "Himmelsbahn", die nun in Rekordgeschwindigkeit und über Rekordhöhen täglich Tausende nach Lhasa bringt, hat der Gottkönig inzwischen als potentiellen Motor des Fortschritts akzeptiert. Allerdings sieht er die Gefahr, dass Peking so auch Tibets Bodenschätze leichter plündern und noch mehr chinesische Soldaten und Siedler aufs Dach der Welt bringen kann. Er hat von Plänen gehört, Lhasa auf 700 000 Einwohner aufzustocken.
Im mächtigen Potala-Palast, dem "Sitz der Götter" seit dem 17. Jahrhundert, dem Ort seiner einsamen Jugend, sind alle Erinnerungen an den heutigen 14. Dalai Lama getilgt. Dafür sind an vielen Stellen Überwachungskameras installiert. Die kommunistischen Allesplaner aus Peking wollen wegen des Touristenansturms - vor allem chinesische Intellektuelle und Künstler haben den "Tibet-Chic" entdeckt - allen Ernstes einen Miniaturnachbau des Potala errichten, am Fuße des jetzigen, mit Lichteffekten, Hightech-Soundsystem. Damit hätten sie dann endgültig alles unter Kontrolle, selbst spontane Pro-Dalai-Lama-Aktionen könnten im Keim erstickt werden.
War der Palast, hinter dessen Mauern über die Jahrhunderte ganz und gar unheilig intrigiert, gefoltert und sogar gemordet wurde - manche Gottkönige sollen vergiftet worden sein -, wenigstens für die Privilegierten ein angenehmer Ort?
Der heutige Dalai Lama verneint das. Bitterkalt und schlecht beleuchtet seien seine Zimmer gewesen. Die einzigen Spielgefährten waren kleine Mäuse, die nach seinen Erinnerungen "auf den Gardinen flink hin und her gesprungen sind" und "ihren Urin heruntertröpfeln" ließen, während er sich "unter seinen Decken vergrub". Später freundete sich der kleine Junge mit seinem Personal an, vor allem die Ausfeger erzählten ihm vom wahren, vom harten Leben jenseits der Palastmauern, von den Ungerechtigkeiten der Großgrundbesitzer, der Willkür der Äbte. Seine strengen tibetischen Lehrer beschränkten sich auf die religiöse Ausbildung, von anderen Ländern und der Weltgeschichte erfuhr der Knabe erst, als er den österreichischen Abenteurer Heinrich Harrer 1946 zu Gesicht bekam.
Er fand Zinnsoldaten in der Vorratskammer, spielte Krieg. Später schmolz er sie ein und machte Mönchsfiguren aus ihnen. Er entdeckte im Fundus seines Vorgängers einen alten Filmprojektor. Dem handwerklich Begabten gelang es, das Ding in Gang zu bekommen. Er sah die Inthronisierung des britischen Königs George V. ("langweilig"), einen Trickfilm mit aus Eiern schlüpfenden Tänzerinnen ("ungewöhnlich") und war enorm fasziniert von einem Streifen über das harte Leben britischer Bergarbeiter - "solche Lebensbedingungen hatte ich mir nicht vorstellen können". Das waren seine ersten Ansätze eines sozialen Gewissens.
Als Teenager, erinnert sich der Dalai Lama, ist er oft auf das Dach des Palastes geschlichen, zu seinem geliebten Teleskop: Großartig war der Blick von dort oben über ganz Lhasa, aber ihn interessierte vor allem ein Dorf namens Shöl in seinem Blickfeld, wo die staatliche Haftanstalt lag - Aufenthaltsort dieser anderen Gefangenen,
die allerdings nicht wie er in einem goldenen Käfig saßen, sondern mit schweren Holzscheiben um den Hals über den Hof geführt wurden. Eine der ersten Amtshandlungen des zum Staatsoberhaupt ernannten 15-Jährigen: Er begnadigte die Häftlinge von Shöl. Und er versuchte, die von seinem Vorgänger begonnene Demokratisierung weiter voranzutreiben.
Die Vergangenheit seines Heimatlandes sieht er heute im Exil durchaus kritisch, die Verklärung des jahrhundertelang von der Außenwelt abgeschlossenen Tibet zu einem "Shangri-la", in dem angeblich alle glaubensglücklich in einer harmonischen Gesellschaft lebten, die Natur schonten und den Frieden mit den Nachbarn pflegten - er hält nichts von dem Mythos.
Zu seinem Vermächtnis gehört auch, dass er die Fehler des alten Reichs anprangert. "Es gab himmelschreiendes Unrecht, die tiefe Ergebenheit in den Buddhismus hatte Schattenseiten, es ging den Äbten oft nur um Prunk, um Einfluss. Das alles aber entschuldigt die heutigen Besatzer in keiner Weise." An sozialer Gerechtigkeit hätten die Chinesen nie Interesse gehabt, meint er, stets kalte Machtpolitik betrieben. "Sonst hätten sie meine Reformen nicht gebremst und mich ins Exil gezwungen."
Lhasa heute: Es ist nach den schlimmen Übergriffen chinesischer Militärs unmittelbar nach der Flucht des Dalai Lama 1959, den tausendfachen Morden in der Kulturrevolution ab 1966, nach den brutal niedergeschlagenen Demonstrationen Ende der Achtziger friedhofsruhig in der Stadt. Die Kultur mag dem Untergang geweiht sein, der Konsum gedeiht. Neue Restaurants müssen Rausschmeißer beschäftigen, damit Kunden nicht zu lange bleiben und die Wartenden an die Reihe kommen. Und es gibt immer mehr Palmen auf dem Dach der Welt, sie sind grasgrün, leuchten aber nachts auch rosa. Jede trägt fünf Kokosnüsse, ihre Stämme sind abwaschbar - chinesisches Plastik, durch und durch.
So ganz haben die KP-Machthaber es dann doch nicht geschafft, Tibets Metropole zur Dalai-Lama-freien Zone zu machen, seine - als Poster und Karten verbotenen - Porträts ganz auszumerzen. In seinem ehemaligen Sommerpalast, der heute ein Museum ist, zeigen Wandmalereien den Gottkönig. Und der privat angeheuerte Führer flüstert zum Abschied: "Versuchen Sie ihm mitzuteilen, dass wir ihn lieben und immer lieben werden - Wunscherfüllendes Juwel, wir warten auf dich."
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Diesmal wehen Nebelschwaden die Gebirgssträßchen herunter, schlagen aufs Gemüt: Dharamsala leidet an seiner permanten Unfertigkeit, an der Melancholie des Exils. Aus verhängten Wohnzimmern klingen hohle Fernsehstimmen, Hundegebell und das Zischen von Dampfkochtöpfen. Unter Plastikplanen kauernd, basteln Tibeterinnen an den Mala, Gebetskränzen mit 108 Perlen. Greise mit Gesichtsfalten wie Jahresringe sitzen im fahlen Licht einer Gaststätte und knabbern an klebrigen Süßigkeiten. Auf einem Hinterhof spielen Kinder auf kreidegestricheltem Asphalt "Himmel und Hölle". Selbst die Hooligans, die sonst aus purer Langeweile mit ihren Hondas die engen Straßen entlangrasen und Touristinnen begrapschen, nehmen eine Auszeit. Nur im Café Shambhala kauen einige zottelige Späthippies auf ihren Yak-Burgern und sehen selbst aus wie Yaks in Menschenkleidern.
Dharamsala mit seinen rund 20 000 Einwohnern ist manchmal traurig, häufig hektisch,
selten wirklich gefährlich. Doch 1997 erschütterten drei Morde im unmittelbaren Umfeld des Dalai Lama die tibetische Exilgemeinde. Der Gottkönig hatte eine weitreichende dogmatische Entscheidung getroffen: Er hatte kraft seiner absoluten Autorität in Glaubensdingen den Kult um die Schutzgottheit Dorje Shugden verboten und so manche tibetische Gemeinde vor den Kopf gestoßen.
Der "Donnerkeil" ist eine besonders blutrünstige, schreckenverbreitende Figur in dem an Schreckensgestalten nicht armen tibetischen Pantheon. Vor allem konservative Religionsfundamentalisten hatten wütend protestiert, aber der Dalai Lama blieb bei seinem Bann. Daraufhin wurden ein enger Freund und dessen zwei Schüler niedergemetzelt. Die mutmaßlichen Täter konnten über die Grenze nach China entkommen - was manche fragen ließ, ob von dort wohl Hintermänner die Fäden gezogen hatten.
Dharamsala ist eine Enklave, ein Puppenstubenstaat mit einem eigenen Parlament, mit sieben Ministerien und einem Premier. Sie unterstehen dem Staatsoberhaupt Dalai Lama, der einmal gescherzt hat: "Für mich sind die Götter das Oberhaus, die Minister das Unterhaus." Die Verfassung von 1991 richtet sich nach der Uno-Menschenrechtserklärung. Es wird demokratisch gewählt, allerdings stehen nur Personen zur Wahl, keine Parteien.
"Eine Farce", sagt Kalsang Phuntsok, 43, der zornige Chef des Tibetan Youth Congress, "die Parlamentarier sind von gestern, wir sind die wichtigste politische Kraft der Zukunft. Und wir kämpfen weiter um einen eigenen Staat."
Natürlich respektierten er und seine Freunde den Dalai Lama, sagt Jugendführer Phuntsok. Aber der Gottkönig habe schon zu viele Kompromisse gemacht. "Wir müssen den Kampf selbst in die Hand nehmen. Denn zurzeit sind wir so etwas
wie die Pandabären der internationalen Politik, jeder mag uns, keiner tut etwas für uns." Die Politik der Gewaltlosigkeit ist für ihn nicht in Stein gemeißelt. "Wenn die Unabhängigkeit durch den Tod von 1000 Chinesen erreicht würde, wäre es das denn nicht wert? Nur ist es so: Im Moment nützt uns Gewalt nichts, ist kontraproduktiv. Das muss aber nicht für alle Zeit so bleiben." Als politisches Vorbild nennt der Feurige einen Guerillakämpfer aus einer anderen Welt - Ché Guevara.
Eines der größten und bestgehüteten Geheimnisse von Dharamsala ist das tibetische Staatsorakel. Gegenüber dem Kloster Nechung am Ortsrand mit seinen bunten Gebetsfahnen führt eine Wendeltreppe hinauf in den zweiten Stock eines unscheinbaren Gebäudes: Hier lebt der Mann, den der Dalai Lama fragt, sollte er einmal nicht weiterwissen. Wenn der Mann, der das Orakel ist, in Trance spricht, dann folgt sogar der Gottkönig.
Der Ehrwürdige Thupten Ngodup, 49, hat äußerlich so gar nichts von einem mysteriösen Medium. Weinrote Kutte, orangefarbenes Unterhemd, zwei kleine Schoßhunde, die sich zu ihm kuscheln. "Jetzt, zu dieser Stunde, bin ich ein ganz normales menschliches Wesen ohne jede Auffälligkeit", sagt der Mann im Rang eines Vizeministers liebenswürdig, ohne sich aus seinem Schneidersitz zu erheben. "Aber ich kann auf Wunsch in Trance fallen."
Wann wird ein Staatsorakel zur Aktion gebeten, wie funktioniert es? Und wie kam Ngodup zu seinem Job?
Schon seit dem achten Jahrhundert diene das Staatsorakel dem religiösen Führer, über den jeweiligen "Kuten" ("Medium") könne Seine Heiligkeit mit Dorje Drakden, der wichtigsten Schutzgottheit der Tibeter, kommunizieren, erzählt Ngodup. Manchmal habe das Orakel auch schon geholfen, nach dem Tod eines Dalai Lama, den richtigen Nachfolger, die Wiedergeburt, zu finden. Eine große Verantwortung.
Ngodup ist mit seinen Eltern während der Kulturrevolution aus seiner Heimat über die Berge geflohen. Sie arbeiteten im Straßenbau, er kam als Zwölfjähriger ins Kloster. Fiel durch seinen Fleiß auf, später auch durch seine Designkünste. Er entwarf für den 14. Dalai Lama das Logo zum Friedensnobelpreis. Noch beliebter machten ihn andere Zeichenkünste. Seit er einmal einen Comic in die Hand bekam, kann er eine perfekte Mickey Mouse. Nach dem Tod des früheren Staatsorakels wurde ein Nachfolger gesucht, keine Aufgabe, für die man sich einfach so bewirbt. Aber der junge Mann hatte schon über Jahre intensive Träume von der Schutzgottheit, fiel mit blutender Nase öfter in Trance, wonach er von Erscheinungen berichtete. Nach langen Prüfungen durch den 14. Dalai Lama wurde er schließlich 1987 als Staatsorakel ausersehen.
Einer der Höhepunkte des meist im Februar beginnenden tibetischen Kalenders ist die Hauptbefragung des Orakels; dann werden mit Safran veredelte Weizenkörner geworfen, dem Mann wird ein 41 Kilogramm schweres Gewand übergestülpt. Begleitet von Trommeln und Zimbeln und mächtigen Hörnern, benebelt von Weihrauchschwaden taucht das Medium in eine andere Bewusstseinswelt. Tanzt und torkelt und lallt schwer zu entschlüsselnde "Anweisungen", die auf Tonband aufgenommen werden.
"Mein Herz schlägt schneller nach dem Erwachen, und ich muss mehrfach auf die Toilette", sagt Ngodup, als erstatte er Bericht auf einem Urologenkongress. "Aber ich kann mich im Nachhinein an nichts mehr erinnern."
Der Dalai Lama wohnt in einem eher bescheidenen Haus, bewacht von indischem Militär wie seiner tibetischen Leibgarde, bezahlt wird das größtenteils von Spenden reicher ausländischer Gönner. Er sagt: "Ich weiß, dass Ihnen das mit dem Orakel befremdlich vorkommt. Aber ich habe an Wegkreuzungen meines Lebens immer das Orakel befragt und bin nie enttäuscht worden - es entschied in der Nacht, als ich aus Lhasa fliehen musste, ebenso richtig wie später hier im Exil."
Hatte er, der sich mit Quantenphysik beschäftigt, der in Harvard Vorträge an der Seite von Neurologen hält und mit Begeisterung Uhren zerlegt und wieder zusammenbaut - von der Rationalität, der Mechanik der Dinge überzeugt -, wirklich nie Zweifel? "Nein", sagt er. "Aber ich will Sie nicht von Ihrer Skepsis abbringen. Es gibt Dinge, die ich einfach glaube. Ich hatte übrigens aber auch immer Probleme mit dieser Vorstellung von der jungfräulichen Geburt ..."
So wie der Vatikan die Existenz von Wundern überprüfen lässt, so könne man ja auch eines Tages dem Staatsorakel und seinen Sprüchen auf den Grund gehen, schlägt Seine Heiligkeit zum Abschied vor. Schon eine seltsame Religion, dieser tibetische Buddhismus: mal erhellend, mal obskur. Schon ein seltsamer Ort, dieses Dharamsala: mal M.I.T., mal Mittelalter.
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Wo genau die beiden jungen Männer in Pekings Umgebung wohnen, die als spirituelle Stellvertreter des Dalai Lama gelten dürfen, ist ein Staatsgeheimnis. Den einen hätschelt die Partei und hält ihn weitgehend von der Öffentlichkeit fern, weil sie ihn politisch instrumentalisieren will; den anderen hat sie regelrecht gekidnappt, er bleibt verschollen. Die Geschichte um die Panchen Lamas ist ein Thriller, ein bisschen "Da Vinci Code", viel "Der Name der Rose". Nur eben real.
Im Mai 1995 hat der Dalai Lama in seinem indischen Exil den kleinen Jungen
Gedhun Choekyi Nyima als Wiedergeburt des verstorbenen Panchen Lama erkannt (oder bestimmt, je nach Weltanschauung) - der Abt des Klosters in Shigatse in Tibet hatte ihm über Mittelsmänner bei Nacht und Nebel Fotos verschiedener Kandidaten nach Dharamsala geschickt. Traditionell helfen Tibets Gottkönige bei der Bestimmung ihrer geistlichen Stellvertreter, umgekehrt spielen die Panchen Lamas ("Kostbare Lehrer") in der Auffindung der reinkarnierten Nummer eins eine große Rolle. Der Gottkönig fühlte sich also zu seinem Handeln berechtigt - heute ist er nicht mehr so sicher, ob er alles wieder so machen würde. "Aber ich wusste damals nicht, dass ich Leben gefährde."
Die politischen Führer der Volksrepublik waren empört: Sie hatten nicht damit gerechnet, dass der ihnen verhasste 14. Dalai Lama noch einmal in zentrale tibetische Vorgänge eingreifen konnte. Sie ließen den Sechsjährigen mitsamt seinen Eltern durch Geheimpolizisten aus seinem Dorf entführen und brachten ihn nach Peking. Seitdem verweigern die Behörden jede Auskunft über den Jungen, obwohl ausländische Delegationen sich immer wieder nach einem Lebenszeichen, einem Aufenthaltsort erkundigen. Es gehe Choekyi gut, er erhalte die Ausbildung eines normalen Bürgers, ließ die KP nur verlauten; man habe ihn vor der Dalai-Lama-Clique schützen müssen und wolle ihn heute vor falscher Propaganda bewahren.
Im April 2007 hat Choekyi, der oft als "jüngster politischer Gefangener der Welt" bezeichnet wurde, irgendwo seinen 18. Geburtstag gefeiert - "wenn er denn noch lebt", wie der Gottkönig beim Interview in Dharamsala sagt.
Wenige Monate nach der Entscheidung von 1995 ist die politische Führung der Volksrepublik selbst aktiv geworden: Sie suchte einen eigenen Panchen Lama aus. Er stammt aus demselben tibetischen Distrikt Lhari wie sein Konkurrent, ist aber das Kind zweier als zuverlässig geltenden Parteimitglieder, die den Buddhismus eher nebenbei betrieben. Um dem Prozess einen Anschein religiöser Legitimität zu geben, griffen die Machthaber auf alte tibetische Rituale zurück und ließen bei einer feierlichen Zeremonie aus einer goldenen Urne Lose ziehen - eine Weltpremiere: die
Wiedergeburt von kommunistischen Gnaden. "Du sollst ein religiöser Führer der neuen Generation werden", rief dem Kleinen der damalige Staatschef Jiang Zemin bei einem Bankett zu. "Unterstütze stets die Führung der Partei, ehre das Mutterland und den Sozialismus!"
Gyaltsen Norbu erhielt eine von der Partei überwachte buddhistische und ideologische Erziehung. Pekings Führer versuchen schon heute gelegentlich, ihn den tibetischen Gläubigen näherzubringen. Mit mäßigem Erfolg. Bei einem Besuch seines "Heimatklosters" Tashilhunpo in Shigatse reagierten die Mönche kühl, bei einem anderen Auftritt wurde der heute 18-Jährige von Gläubigen sogar beschimpft. Es ist offensichtlich schwierig, den etwa sechs Millionen Tibetern einen von der KP sanktionierten Panchen Lama aufzudrängen - und damit droht auch die von der politischen Führung so weitsichtig geplante Einflussnahme auf die Wahl des nächsten Gottkönigs zu scheitern.
Aber wird es nach dem jetzigen 14. Dalai Lama überhaupt noch einen neuen geben? Oder ist der Kreislauf der Wiedergeburten abgeschlossen?
"Vielleicht gibt es ja bald sogar zwei Dalai Lamas, einen von Pekings Gnaden und einen, den das tibetische Volk in seinem Herzen trägt", sagt der König-ohne-Land in seinem Exil. Und spricht dann erstmals detailliert über sein Vermächtnis: Er kann sich vorstellen, dass der nächste - der wahre - Dalai Lama außerhalb Tibets gefunden werden könnte, in der indischen Exilgemeinde, aber auch irgendwo im Westen. Es gehe weder um seine Person noch um die Institution. "Das Volk wird entscheiden, ob es noch weiterhin einen Dalai Lama geben muss." Der Friedensnobelpreisträger selbst will sich nach und nach zurückziehen, sich seinen rein spirituellen Aufgaben widmen; er bezeichnet sich, trotz seines extensiven Reiseprogramms, heute schon als "halbpensioniert".
Der Dalai Lama macht Chinas Führung ein überraschendes Angebot: "Sollten wir nach Tibet zurückkehren können und herrschte in Lhasa ein gewisses Maß an Freiheit, spätestens dann würde ich nicht mehr das Oberhaupt der tibetischen Regierung sein wollen, würde ich meine historische Autorität der Regierung vor Ort unterordnen. Es wird dann um meine Person keine Konflikte mehr geben." Voraussetzung seiner Abdankung: "Im Fall einer demokratischen Entwicklung sollten der Dalai Lama und alle Mönche nicht in Parteipolitik verwickelt sein, die Institutionen von Religion und Politik vollständig getrennt werden. Wichtig ist, dass es Meinungsfreiheit gibt, eine Herrschaft des Gesetzes, Rechtssicherheit."
Geht das überhaupt, das Gottkönigtum an der Garderobe ablegen wie einen Mantel, den man nicht mehr braucht? Werden das die Tibeter akzeptieren?
In der Volksrepublik China feiern Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus gerade eine erstaunliche, staatlich geförderte Renaissance. Das ideologische Schlagwort heißt "harmonische Gesellschaft" ("hexie shehui"). Die Partei will die Menschen ablenken von der täglichen Disharmonie, den skandalösen Gegensätzen, der Kaderwillkür - all den Phänomenen, die der rasante Wirtschaftsaufschwung mit sich bringt. Sie braucht eine Ersatzideologie für den diskreditierten Kommunismus und eine Ergänzung zum real existierenden Manchester-Kapitalismus. Sie sucht einen neuen Kitt für die Gesellschaft - und dabei setzt sie vor allem auf den Buddhismus, eine Lehre, die in ihrer weichgespülten, von Peking bevorzugten Variante gut zum neoliberalen Zeitgeist passt.
Siddharta Gautama hat nie den gesellschaftlichen Umsturz propagiert. Der Buddha konnte gut mit den Mächtigen, war auf Ausgleich bedacht. Er regte kritische Nachfragen an, aber er lenkte den Blick nach innen. Er stellte sein spirituelles Gedankengebäude stets in Frage, aber nicht das gesellschaftliche System, außer einige seiner Auswüchse im Kastenwesen. Er wollte die Weltüberwindung, nicht die Weltverbesserung.
Der Dalai Lama aber geht über diesen Urbuddhismus hinaus. Auch er predigt Nächstenliebe, Toleranz, Mitgefühl als zentrale Bestandteile der Lehre - und scheut bei seinen Reden im Westen nicht vor Platitüden zurück ("Die bösen Gedanken sind unsere wirklichen Feinde"). Aber in seinen politischen Aussagen im kleinen Kreis ist er konkret. Verurteilt etwa den Irak-Krieg als Konzept von gestern: "Die Vorstellung von einem einseitigen Sieg hat historisch ihre Gültigkeit verloren, heute bringt ein Waffengang nur noch Verlierer hervor."
Er gibt sich als "halber Marxist" zu erkennen: "Buddhismus und Marxismus weisen
gemeinsame Grundzüge auf, auch wenn das im Alltag sogenannter kommunistischer Staaten selten erkennbar geworden ist. Der Urmarxismus hat sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, wie man den Ertrag aus der Arbeit gerecht verteilen kann - das entspricht dem Gebot meiner Religion."
Mao hat ihn in frühen Jahren geprägt, stundenlang haben sie sich unterhalten, der damals 19-Jährige war durch die Verleihung hoher Parteiwürden geschmeichelt. Er schickte dem Großen Vorsitzenden nach seiner Rückkehr aus der Hauptstadt 1955 eine getrocknete tibetische Rose. "Auch ich vermisse Sie und lege aus meiner Heimat eine Blume bei", säuselte Mao zurück. Erst später hat der Dalai Lama begriffen, wie zynisch der Parteichef mit ihm umging.
Der Gottkönig beobachtet die Entwicklungen in China genau. "In den letzten 15, 20 Jahren hat sich die Volksrepublik radikal verändert, die Politiker scheinen entideologisiert und primär am Machterhalt interessiert. Ich bete für sie, ich glaube, sie können es gebrauchen. Denn alles in allem würde ich heute sagen: Ich bin ein besserer Kommunist als sie."
In der gegenwärtigen Religions-Renaissance sieht der Dalai Lama eine Hoffnung, will seine baldige Rückkehr nach Tibet nicht ausschließen. Die Fakten sprechen eher dagegen. Die sechste Gesprächsrunde zwischen Repräsentanten der Exilregierung und KP-Funktionären ist gerade ohne Annäherung der Standpunkte zu Ende gegangen. Und dass ausgerechnet der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der den Dalai Lama als "Freund" bezeichnet, jetzt erstmals mit einer Delegation Tibet besuchen darf, ist zweifelsohne bemerkenswert - politische Zugeständnisse Pekings sind damit kaum verbunden.
Die Ausübung religiöser Rituale ist heute überall in China und also auch in Tibet gestattet - allerdings nur im privaten Rahmen. Ein Religionsführer, der wie der Dalai Lama auch als politische Figur Einfluss hat, ist und bleibt für Peking "spirituelle Umweltverschmutzung". Das könnte allenfalls ein Totalrückzug des Gottkönigs ins Private aufweichen.
Manchmal wirkt der 14. Dalai Lama in diesen Tagen so, als wolle er den alten Sponti-Spruch umsetzen: Du hast keine Chance, also nutze sie. Vielleicht spürt er auch, wie einsam der unbeirrbare Glaube an das Gute im Menschen ihn als Spieler auf der internationalen politischen Bühne macht, wie populär aber unter den "normalen" Menschen. So rollt er den riesigen tibetischen Mühlstein immer wieder den chinesischen Berg hinauf.
Ohne seinen übermächtigen Gegner wäre er womöglich nur ein lokaler Heiliger am Rand der Welt, erst in der Opposition zu Peking konnte er seine Botschaft vom gewaltlosen Widerstand schärfen. Er ist auch deshalb so begehrt, beliebt und mächtig, weil er ohnmächtig ist. Und weil er neben seinen politischen Misserfolgen auch seine persönlichen Fehler nicht verschweigt. Seinen gelegentlichen ganz und gar unbuddhistischen Jähzorn etwa, den er von seinem Vater geerbt habe.
Viele Menschen im Westen suchen einen spirituellen Tröster, einen Buddha unserer Zeit, einen Gott zum Anfassen - und glauben, ihn im Dalai Lama, diesem Menschen mit Schwächen, gefunden zu haben. "Wenn das so ist, sagt es wohl mehr über Sie aus als über mich", meint er und beobachtet aus dem Augenwinkel die Reaktion, die sein Satz auslöst, wie so oft funkeln seine Augen vor guter Laune.
Und dann ertönt wieder sein ansteckendes, dröhnendes, alles umwerfendes Lachen. Ein Mann wie eine Mischung aus Mahatma Gandhi, Karl Marx - und Groucho Marx. Ein weiser Clown.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 29/2007
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