16.07.2007

TÜRKEIWie Olivenöl und Wasser

Siegesgewiss geht die Partei von Premier Erdogan in die Parlamentswahlen am Sonntag. Sie profitiert von der Schwäche ihrer Gegner: Während Intellektuelle vor einem Gottesstaat warnen, kämpft die alte kemalistische Elite um ihre Privilegien, und die PKK lässt Waffen sprechen. Von Walter Mayr
Wo Istanbul ganz Westen ist, liegt das Viertel Ortaköy. Der Nobel-Nachtclub "Reina" bespielt hier das Bosporus-Ufer, Restaurants servieren hart an der Wasserkante, und auf Wunsch verteilen Szenewirte am frühen Morgen an nur noch eingeschränkt Fahrtüchtige zur Tarnung "türbans" - Kopftücher, wie sie sittsame Musliminnen tragen.
Die letzten Nachtschwärmer sind kaum verschwunden, da betritt hoch über der Uferstraße, im Gebäude der alten Psychiatrischen Anstalt, wo Jordaniens geisteskranker Ex-König Talal letzte trübe Tage im Exil verlebte, ein Grandseigneur alten Stils sein Büro.
Ishak Alaton, beinahe 80, ist millionenschwerer Chef der Alarko-Holding und einer der angesehensten türkischen Industriellen. Zugleich zählt er zu den diskreten Fürsprechern der seit 2002 amtierenden Regierung unter Premier Recep Tayyip Erdogan und ihres Programms, dem das Etikett "gemäßigt islamistisch" anhaftet.
Alaton, Nachfahr vertriebener sephardischer Juden aus Cádiz, lässt sich davon nicht beirren. Unverdrossen predigt er die Vorteile westlicher Werte, fördert politische Stiftungen, den Austausch der Kulturen, den Dialog zwischen den Konfessionen. Und inspiziert mit ungezügelter Spottlust die Frontlinien der Schlacht um die Errungenschaften der türkischen Republik.
"Die Türkei ist eine Diktatur, aber mit immerhin sechs Diktatoren", sagt Alaton: "Die Vorsitzenden der größten Parteien bestimmen alles in diesem Land." Wer nur Premier Erdogan und seine religiösen Mitstreiter kritisiere, der übersehe, dass etwa Deniz Baykal, Chef der Republikanischen Volkspartei und Oppositionsführer, seiner politischen Natur nach "ein Faschist" sei - harte Hand gegenüber der eigenen Partei, weiche Knie vor der Armee.
Westliche Werte, so findet Alaton, der eigenwillige Kosmopolit aus Ortaköy, müssten im Großen wie im Kleinen, also auch im Alltag, verteidigt werden. Nicht zuletzt deshalb klemmt er sich, im brütenden Istanbuler Sommer, bisweilen ein Klappschild ans Jackett. "Bitte nicht küssen - Hände schütteln!" steht da unter dem Deckel zu lesen. "Verschwitzte türkische Männer" mit Schnauzbart und Drang zum brüderlichen Wangenkuss, sagt Alaton lächelnd, ließen sich anders nicht auf Distanz halten.
Entschieden entspannt wirkt der Großindustrielle im Vorfeld der Parlamentswahlen am kommenden Sonntag, die einen noch deutlicheren Triumph der alleinregierenden "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) versprechen als 2002. Gäbe es, wie Istanbuls liberale Zirkel nicht müde werden zu behaupten, im Lager von Premier Erdogan wirklich eine Geheimagenda für den langen Weg durch die Verfassungsinstanzen hin zum islamischen
Gottesstaat - Alaton wäre der Erste, der gut daran täte, die Koffer zu packen.
Alaton aber denkt nicht daran. Er vertraut seinem Geschäftssinn, Gespür und nicht zuletzt dem Wort des ehemals bekennenden Islamisten Erdogan - der ihn, den jüdischen Philanthropen und Freigeist, inzwischen respektvoll "Abi" nennt, älterer Bruder. Und der Rat bei ihm sucht.
"Die Minarette sind unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen und die Gläubigen unsere Soldaten" - mit den öffentlich rezitierten Dichterworten des Panturkisten Ziya Gökalp hat Erdogan, damals erfolgreicher Bürgermeister von Istanbul, sich vor zehn Jahren vorübergehend ins Abseits und - wegen Volksverhetzung - ins Gefängnis manövriert. Drei Jahre nach seiner Freilassung aber erobert er bereits, nach eigenen Angaben nun geläutert, mit der neugegründeten AKP die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament. Im März 2003 wird er Premier.
Sein Zögling habe sich als lernwillig erwiesen, sagt Alaton: "Die EU-Annäherung entsprach anfangs nicht Erdogans Überzeugungen; wir waren dann in der Lage, ihm beizubringen, dass er nur so seine Armee in den Griff kriegen kann."
Wie weit der Weg zu diesem Ziel noch ist, hat die kaum verhohlene Putschdrohung des türkischen Generalstabs gezeigt - am 27. April via Internet ausgestoßen für den Fall, dass Außenminister Abdullah Gül zum Präsidenten gewählt werden sollte. Jener Gül, dessen Befähigung fürs höchste Staatsamt am Ende weniger zählte als die Frage, in welcher Garderobe seine Frau, eine gläubige Muslimin, die laizistische Republik bei offiziellen Anlässen zu vertreten gedenke.
"Eine beschämende Angelegenheit", einem "Coup" ähnlich, sei die Einmischung der Armee gewesen, zürnt der Bosporus-Patrizier Alaton. Die Debatte darüber, ob die Kopfbedeckung der potentiellen Präsidentengattin das Selbstverständnis der Republik gefährde, sei künstlich "ins Zentrum der politischen Konfrontation" gerückt worden.
Der Stoff, aus dem die Alpträume moderner Türkinnen sind, ist ein quadratisches Tuch, aus Viskose oder Polyester zumeist, handelsübliche Kantenlänge ein Meter zehn. Eng wie eine Regenhaut um den Kopf geschlungen, mit Stecknadeln solide befestigt, tragen gläubige Musliminnen den "türban" zum bodenlangen Mantel selbst jetzt, bei sengender Hitze, am Taksim-Platz zu Istanbul.
Noch sind sie in dieser Gegend in der Minderheit, Pionierinnen der kalkulierten Normabweichung vom modischen Mainstream. Bauch-, Bein- oder Schulterfreies dominiert rund um das große Denkmal von 1928, das Kemal Pascha "Atatürk", den "Vater der Türken" und Begründer der Republik, mit zwei Bronzestatuen würdigt, über denen seitlich Medaillons prangen. Auf dem einen blickt eine noch verschleierte Frau nach Westen; auf dem anderen späht eine bereits Unverschleierte mit offenem Haar nach Osten.
Die Gleichberechtigung der Frau, ihre Befreiung aus osmanisch-überkommener Unmündigkeit, zählt zum Grundinventar des republikanischen Wertekanons - zum Symbol geronnen durch das Verbot, in Schulen, Universitäten, Ämtern Kopftuch zu tragen. Wer an diesem Verbot rüttle, heißt es im kemalistischen Establishment, rüttle am Vermächtnis Atatürks, am Gerüst der modernen, laizistischen Türkei.
Dazu gehören, außer der strikten Trennung von Staat und Religion, weitreichende Vollmachten für die Armee und ein Lebensstil, den Atatürk mit diktatorischen Mitteln verordnet und mit Konsequenz vorexerziert hat: Rakitrinkend, tangotanzend und spärlich bekleidet sonnenbadend, schleifte er die Bastionen der Rechtgläubigen. Inzwischen aber hat sein Vermächtnis an Strahlkraft verloren.
Was das System Erdogan stark macht, sind die Schwächen seiner Gegner: Über die zur Ersatzreligion erhobene Staatsdoktrin des Säkularismus hinaus fehlen ihnen Ideen, um sich den religiösen Pragmatikern entgegenzustellen. Es ist, als hätten sich die Abwehrkräfte der Demokratie im Kampf an der Einheitsfront gegen den Islamismus erschöpft.
Und so spüren jene, die sich "weiße Türken" nennen, Abkömmlinge führender Istanbuler Familien zumeist, wie aus den Trümmern der einst im Handstreich zerschlagenen osmanischen Ordnung wieder etwas wächst, dem weder mit Logik noch mit Gewalt beizukommen ist: die Sehnsucht des Volkes nach Transzendenz.
Die "weißen Türken" seien selbstgefällig und satt geworden, sagt Mehmet Umur: "Sie sind säkular und halten sich deshalb schon für modern." Umur betreibt in einem Kellergeschoss des Trendbezirks Beyoglu den Club "Jezair", wo bei Weißwein und gefüllten Nudeltaschen die urbane Opposition gegen den Islamismus nahezu unter sich ist.
Bis Egemen Bagis das Lokal betritt, Erdogans außenpolitischer Berater und Verbindungsmann zum Weißen Haus in Washington. Bagis ist 37, Absolvent des Baruch College in New York und eine der Geheimwaffen aus dem kosmopolitischen Lager, die Premier Erdogan in den vergangenen Jahren für die AKP rekrutiert hat.
"Euer Bruder Tayyip gehört zu den schwarzen Türken", den Deklassierten, hatte Erdogan seinen Anhängern noch 1998 zugerufen. Inzwischen besteht er darauf, dass seine Partei nicht mehr AKP, sondern "Ak Parti" gerufen werde, was so viel heißt wie: "weiße Partei". Einer wie Bagis, der keine Schwellenängste kennt und Wahlkampf auch im "Jezair" nicht scheut, passt da ins Konzept. Er sieht die lange Tafel in der Mitte des Saals, wo gerade die Führungsriege des Rotary-Clubs tagt, und ist gleich mittendrin.
"Die verschiedenen Lager kommen sich näher", sagt der "Jezair"-Betreiber Umur. Und S~erif Mardin, der Doyen der türkischen Soziologen-Zunft mit Meriten in Harvard, Princeton und Oxford, spricht vom "Milieudruck", den Migranten aus rückständigeren Gegenden der Türkei auf ihre neue Umgebung ausübten: "Die Menschen
sind mehr unterwegs als früher, ehemalige kulturelle Enklaven platzen auf wie Eiterblasen."
Mardins Soziogramm der Verschiebungen in der türkischen Gesellschaft legt den Schluss nahe, dass die AKP einer Doppelstrategie folgt. Mit ihrer Charme-Offensive im Lager der bürgerlichen Intelligenz, der Wirtschaftskapitäne und Oppositionsparteien, kämpft sie um den Zuspruch der Eliten. Das Volk in den aufgeplatzten "Eiterblasen", in den Armenbezirken am Ufer des Goldenen Horns und in den "Gecekondus", den Slums am Rande der Stadt, läuft ihr von selbst zu.
Wo der Seemannssohn Recep Tayyip Erdogan geboren wurde, in einem Holzhaus an der Altyumak-Straße 15, Stadtteil Kasimpasa, da wirkt das Istanbul der Nachtclubs, Designer-Tempel und Galerien bereits wie eine sündige Versuchung aus vergangener Zeit. In Kasimpasa kauern Frauen grüppchenweise im schwarzen C~arsaf, der türkischen Ausgabe des Tschador, vor den Häusern. Der Alkoholverkauf im Viertel wurde schon vor Jahren und ohne behördliche Anordnung eingestellt.
Es ist mehr als eine Fußnote der Geschichte, dass ausgerechnet hier in Kasimpasa, dem alten "Tal der Quellen", die Truppen von Sultan Mehmed II. im Mai 1453 ihre Boote über den Berg schleppten vor dem entscheidenden Angriff auf das christliche Konstantinopel.
Als ob das Volk unterbewusst den Spuren seiner verdrängten Geschichte folgte, siedeln vor allem rund um die islamischen Kultstätten entlang dem Goldenen Horn nun die Strenggläubigen - in Eminönü, wo ein Barthaar des Propheten gezeigt wird; in Eyüp, wo der Bannerträger Mohammeds begraben liegt, der im siebten Jahrhundert vor den Mauern Konstantinopels den Tod fand; oder in Fatih, wo dem Vernehmen nach der spätere Präsident Turgut Özal wie der spätere Premier Erdogan vom Scheich der Iskender-Pascha-Moschee in Geheimnisse des verbotenen Naksibendi-Ordens, einer mächtigen sufistischen Muslim-Bruderschaft, eingeweiht wurden.
In der Basarstraße des C~arsamba-Viertels von Fatih stellen Frauen, deren schwarzer Überwurf nur noch einen Streifen Haut zwischen Nasenlöchern und Stirn freilässt, inzwischen die erdrückende Mehrheit. Die räumliche Distanz zum weltlichen Istanbul ist bewusst gewählt. "Die Türkei ist eine Flasche", heißt es dazu bei der Frauenrechtsorganisation Akder: "Islamischer Lebensstil und westlicher Lebensstil sind wie Olivenöl und Wasser" - sosehr die Republikführer auch zu schütteln versuchten, jede Vermischung sei ausgeschlossen.
Jenseits von Istanbul hat der Wille zur Abgrenzung, hat die Angst vor allem Andersartigen ein weniger eindeutiges Gesicht. Es gibt Städte, in denen vermengt sich die Angst vor den Islamisten mit der Angst vor dunklen Machenschaften des Staats und vor den eigenen Nachbarn.
So eine Stadt ist Malatya.
Malatya, gut 1000 Kilometer östlich von Istanbul, Welt-Hauptstadt des Aprikosenanbaus, 385 000 Einwohner, davon bis zu ein Drittel Angehörige der alevitischen Minderheit. Eine Stadt am Schnittpunkt, "im Osten des Westens gelegen, im Westen des Ostens", sagen sie hier.
In Malatya starb am 18. April Tilman Geske, ein deutscher Übersetzer, der sich mit Frau und drei Kindern in der Stadt niedergelassen hatte. In seinem Büro im Zirve-Verlag, neben zwei ermordeten türkischen Christen, wurde er gefunden. Ein Handtuch in den Mund gestopft, der Körper übersät mit 156 Messerstichen, die Hände auf den Rücken gefesselt und die Haut von den Fingern abgezogen.
Fünf Täter wurden ausfindig gemacht, Abiturienten auf dem Sprung zur Universität. Sie lebten in Wohnheimen der Ihlas-Stiftung, die sich die Versöhnung von Islamismus und türkischem Nationalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Die Täter sind polizeibekannt - zwei Tage vor den Morden waren sie wegen Schießübungen beim Fußballstadion festgenommen, aber umgehend wieder freigelassen worden.
Zu Tilman Geskes Begräbnis auf dem "Friedhof der Ungläubigen" erschienen über 100 Trauergäste. Kein Regierungsvertreter aus Ankara war darunter, auch nicht der Bürgermeister von Malatya. Der türkische Staat, das ist die Botschaft, hat mit dem Blutbad im Zirve-Verlag nichts zu tun.
Genau das aber bestreitet S~enel Karatas. Sorgsam geschminkt und im schulterfreien, engen Top sitzt die Vorsitzende des Vereins für Menschenrechte von Malatya in ihrem Büro und sagt: "Der Mord an Tilman Geske lief nach dem gleichen Modell ab wie der Mord an dem Journalisten Hrant Dink und der an dem Priester Andrea Santoro. Dahinter steckt, mit hundertprozentiger Sicherheit, der tiefe Staat."
"Derin devlet", der tiefe Staat, ist die türkische Faustformel für alles, was ohne Billigung des Staats nicht geschehen sein kann und mit Billigung des Staats nicht geschehen sein darf. Es ist das Synonym für ein Netzwerk dunkler Kräfte aus ehemaligen wie amtierenden Angehörigen von Staatsapparat, Armee, Justiz und Geheimdiensten, die den Lauf der Dinge im Land notfalls mit Gewalt umlenken, sobald es ihnen nötig erscheint.
Immer wieder führen Spuren dabei nach Malatya. Der hier geborene Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca gehörte Ende der siebziger Jahre einer Kontra-Guerilla an, die vom Staat gefördert wurde. Der beim Volk populäre, unabhängige Bürgermeister von Malatya, Hamid Fendoglu, starb 1978, in einer Zeit staatlicher Kampagnen zur Bekämpfung der erstarkten Linken, durch einen Bombenanschlag. Der Verdacht sollte auf die traditionell linksorientierten Aleviten fallen, und der Plan ging auf: Häuser und Wohnungen der Minderheit fielen dem "Volkszorn" zum Opfer, aus einem politischen wird so ein scheinbar religiöser Konflikt, und neben Tausenden Aleviten verlassen nun auch die Armenier die Stadt.
Das Geburtshaus von Hrant Dink, dem im Januar 2007 ermordeten Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte, steht bis heute wie ein Mahnmal im alten Armenierviertel von Malatya. "Die Löwen attackieren eine Herde, und dann isolieren sie ein einziges Tier und greifen an", sagte Dink am Tag vor seinem Tod.
Malatya heute ist "eines von drei Zentren des radikal-islamischen Fundamentalismus in der Türkei", sagt Ibrahim Göçmen, einer der profiliertesten Journalisten der Stadt. Die AKP errang bei der Parlamentswahl 2002 fünf von sieben Mandaten und will am kommenden Sonntag noch zulegen. Die Saat aus Fremdenhass, Gewalt und politischer Repression, die der tiefe Staat über Jahrzehnte hinweg gelegt hat, ist aufgegangen. Die Religiösen fahren nur die Ernte ein.
Was das System Erdogan so stark macht, sind die Schwächen seiner Gegner: die Schuld für die Auswüchse in ihrem Land suchen sie überall. Bei den "Reaktionären" (Islamisten), bei den "Separatisten" (Kurden), bei den Amerikanern und der EU. Nur nicht da, wo am kaltblütigsten gezündelt wird - im Bauch des Staates selbst.
Schuld am Vormarsch der Fundamentalisten in der Türkei seien "Europa und die USA", sagt Fatih Hilmioglu, Facharzt von Rang und Rektor von immerhin 17 000 Studenten an der Universität Malatya: "Sie nehmen türkische Extremisten auf und tun nichts gegen deren Umtriebe."
Allein die buchstabengetreue Auslegung der Lehre Atatürks, mit dessen Bildnis in drei Varianten sein Büro geschmückt ist, tauge zur Abwehr der islamistischen Gefahr, sagt Hilmioglu. Und deshalb werde er auch in Zukunft Kopftücher auf dem Universitätsgelände nicht dulden: "Diese Leute kennen kein Halten. Erst sind die Universitäten dran, dann Schulen, Behörden. Am Ende haben wir hier die Scharia."
Die fanatischste, machtvollste Wahlkundgebung, die die Türkei seit Jahren gesehen hat, findet in Cizre statt, im kurdischen Südosten. An die hunderttausend fluten die Straßen, Männer unter der gescheckten Kefiye oder unter Leinentüchern, die sie nach Fellachen-Art lose über dem Kopf tragen, Frauen im schwarzen C~arsaf, lautes Geheul ausstoßend, säumen wie eine Mauer die Straße nach Norden, und mittendrin: die Kandidaten. Sie haben Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen gespreizt, sie lassen sich feiern wie Popstars, hinter verspiegelten Sonnenbrillen und staubigen Autofenstern, die unabhängigen kurdischen Bewerber für einen Sitz im Parlament zu Ankara.
Es sieht so aus, als sei es ihr Tag. Doch das ist ein Irrtum. Die Menge brüllt: "Wir sind mit unserem Blut, unserem Leben, mit dir, Öcalan." Und: "Im Berg und auf der Ebene, PKK ist überall." Und: "PKK ist das Volk, und das Volk ist hier." Nun sieht es plötzlich so aus, als sei es der Tag der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und ihres seit acht Jahren einsitzenden Vorsitzenden Abdullah Öcalan. Doch auch das ist ein Irrtum.
Ein offener Pritschenwagen, umzingelt von fanatisch Trauernden, vorwärts und seitwärts drängelnden Männern und Frauen in allen Farben und Trachten des kurdischen Landstrichs, teilt nun die Menge. Auf der Ladefläche ein hellbrauner Sarg, darin die Leiche von Orhan Dogan, dem kurdischen Juristen, Menschenrechtler, Politiker. Seit 2004 erst wieder in Freiheit, nach über zehn Jahren Haft in türkischen Gefängnissen wegen angeblicher Kollaboration mit der PKK, stirbt er am 29. Juni 2007 an den Folgen eines Herzinfarkts.
Den Fall der Bauern von Yesilyurt, die 1989 durch türkische Militärs gezwungen wurden, sich gegenseitig Exkremente in den Mund zu stopfen, hat Dogan als Anwalt bis vor den Europäischen Gerichtshof getragen; am Ende des Verfahrens stand ein Schuldspruch gegen den türkischen Staat. Das Massaker beim Newroz-Fest 1992 in Cizre, bei dem das Militär mehr als hundert Bewohner der Stadt niedermetzelte, hat er überlebt, dazu mehrere Attentate. Deshalb wird nun Dogans Begräbnis zu einer so erschütternden wie verstörenden Demonstration ungebrochenen kurdischen Aufruhrs.
Mehmet Öcalan ist da, der Bruder des PKK-Chefs und einer der wenigen, die den lebenslang Inhaftierten im Inselknast von Imrali besuchen dürfen. Auch der PKK-Veteran Seydi Firat ist da, Guerillaführer im irakischen Grenzgebiet von 1981 bis 1999, inzwischen Mitglied einer "Friedensinitiative". Firat sagt: "Früher habe ich von da oben, vom Cudi-Berg, hier heruntergeschaut. Jetzt schaue ich von hier unten hinauf." Er lässt offen, ob er den Perspektivwechsel begrüßt.
Schließlich Bahros Galali, Abgesandter der PUK, der Kurden-Partei des irakischen Präsidenten Dschalal Talabani. Galali sagt, der massive türkische Truppenaufmarsch in diesen Tagen rund um Cizre, die Gefahr eines türkischen Einmarschs in den Nordirak zur Bekämpfung der dort konzentrierten PKK-Verbände, beunruhige ihn nicht: "Wir haben sehr viele Panzer gesehen in unserem Leben. Wir haben keine Angst."
Die Zeichen jedenfalls stehen auf Sturm. Mehr als hundert Tote im jeweils feindlichen Lager reklamieren PKK wie türkische Armee allein seit Beginn dieses Jahres. Für die Rechte ihres Volkes kämpfen die Kurden nun wieder an zwei Fronten. Vom Rückzugsgebiet der PKK-Guerilla in den irakischen Kandil-Bergen und von den Parteizentralen aus, wo die Hoffnung zu Hause ist, bis zu 30 unabhängige kurdische Abgeordnete könnten unter Umgehung der Zehn-Prozent-Hürde am Sonntag ins Parlament geschleust werden.
"Auch dieser Ministerpräsident, Erdogan, hat gesagt: Das kurdische Problem ist mein Problem, und ich werde es lösen; auch er hat es nicht getan", sprach Orhan Dogan kurz vor seinem Tod. Jetzt, da Dogans Leichnam in der noch spätabends erstickenden Hitze auf dem Friedhof von Cizre in die Grube gleitet und selbst die "Öcalan"-Sprechchöre für einen Moment verstummt sind, klingen die Worte noch einmal nach.
Wie ein düsteres Vermächtnis.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 29/2007
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