Von Schmundt, Hilmar
Ein furioser Start: Oscar Pistorius prescht die Tartanbahn entlang, den muskulösen Oberkörper weit vornübergebeugt, die Beine scheinen den Boden kaum zu berühren.
Gnadenlos brennt die Sonne, steil steht sie im Norden über dem Sportzentrum der Universität von Pretoria in Südafrika.
Pistorius, ein breitschultriger Sonnyboy, läuft aus, tänzelt mit einem breiten Grinsen zur Trainerbank, löst ein paar Schnallen und wirft seine Beine weg.
"Meine Beine", so nennt er die beiden Sportprothesen aus Karbonfasern, die seine Unterschenkel und Füße ersetzen. Er sitzt auf der Tartanbahn mit seinen Beinstummeln, die kurz unter den Knien enden. Im Kopf ist er längst bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking.
Der 20-Jährige ist ein Ausnahmesportler. Über 20 Weltrekorde hat er im Behindertensport bereits gebrochen - meist seine eigenen. Die 200 Meter läuft er in 21,58 Sekunden, nicht einmal zwei Sekunden langsamer als Shawn Crawford, der Olympiasieger von Athen (19,79 Sekunden), und schneller als Veronica Campbell (22,05 Sekunden), die damals bei den Frauen die Goldmedaille gewann.
"Es gibt einfach keine Konkurrenten für mich bei den Paralympics", sagt Pistorius. Daher will er nun bei den regulären Olympischen Spielen mitmachen. Im März trat er bereits an in einem Feld nichtbehinderter Läufer - und wurde südafrikanischer Vizemeister auf der 400-Meter-Distanz.
Doch ein Krüppel bei Olympia? Seit Monaten spaltet ein erbitterter Streit die Sportlerszene. Pistorius wird vorgeworfen, dass seine Prothesen ihm einen unfairen Vorteil verschafften, weil sie länger seien, als seine natürlichen Beine es wären.
Im März hatte der internationale Leichtathletikverband IAAF zunächst klar gegen Hilfsmittel wie etwa Sprungfedern entschieden - und damit gegen Pistorius. Doch nun hat der Verband eine Kehrtwende vollzogen: "Pistorius darf starten", sagt Nick Davies, der Sprecher der IAAF, "zumindest bis wissenschaftlich erwiesen ist, ob seine Prothesen einen unfairen Vorteil darstellen."
Für das Gutachten hat der Verband beim renommierten Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule Köln angefragt. Dessen Ergebnisse dürften allerdings kaum vor Mitte August vorliegen.
Bis dahin hat Pistorius freie Tartanbahn, um gegen Nichtbehinderte anzutreten. Vergangenen Freitag startete er beim Golden-League-Meeting in Rom und wurde prompt Zweiter im 400-Meter-B-Lauf. Am Sonntag durfte er sich beim British Grand Prix dann sogar mit der Weltelite messen.
Damit hat Pistorius bereits heute Sportgeschichte geschrieben: durch das Aufweichen der Grenze zwischen Sport für Behinderte und Nichtbehinderte.
Behindert, nichtbehindert, wie er diese Worte hasst. Bei jedem Wettlauf ist diese Unterscheidung sein eigentlicher Gegner. "Ich bin nicht behindert, ich habe nur keine Beine", sagt er. "Es gibt nichts, was ich nicht machen könnte."
Er kann laufen, wenn nötig auch einen Marathon; er tanzt, spielt Wasserball, fährt Mountainbike, Motorrad und Auto; und nie käme er auf die Idee, sein Fahrzeug auf einen Behindertenparkplatz zu stellen. Er ist fitter als die meisten Menschen und nennt sich selbst "The fastest thing on no legs" - das schnellste Ding auf keinen Beinen.
Mit derlei Zitaten bedient er den öffentlichen Voyeurismus - und hält ihm gleichzeitig einen Spiegel vor. Für Pistorius ist es ganz normal, keine Füße zu haben. Er wurde ohne Wadenbeinknochen geboren. Seine Eltern mussten eine folgenreiche Entscheidung treffen: ihrem Sohn die nutzlosen Beinchen zu lassen für ein Leben im Rollstuhl oder sie gleich zu amputieren. Als er elf Monate alt war, wurden dem kleinen Oscar die Unterschenkel samt Füßen abgenommen. Der Junge lernte das Laufen von Anfang an mit Prothesen. Diese Normalität ist ein riesiger Vorteil im Vergleich zu anderen Paralympioniken, die ihre Beine teils erst als Erwachsene verloren haben. Pistorius kennt nichts anderes.
Er wuchs als ganz normaler Junge auf, überholte die anderen Schüler gewohnheitsmäßig im Sprint, spielte Fußball, Tennis, Wasserpolo, Kricket und Rugby.
Dann wurde er Leistungssportler. Und galt plötzlich als behindert. Genauer gesagt: T43 - das ist das Kürzel für beidseitig amputierte Unterschenkel, ausgearbeitet vom Internationalen Paralympischen Komitee mit Hauptsitz in der Adenauerallee in Bonn.
T43, Pistorius verachtet derlei Kategorien - und doch lebt er von ihnen. Schließlich verdankt er ihnen all seine Weltrekorde und seinen Status als Paralympionik. Der Wirtschaftsstudent ist im Hauptberuf Sportpromi; er hat einen Manager, der Pressetermine organisiert und sein Geld anlegt; er hat einen Trainer, ein Team von Physiotherapeuten; er hat Sponsorenverträge mit Firmen wie Nike, Visa, Baume & Mercier, Honda. Tom Hanks wolle seine Geschichte verfilmen, besagen Gerüchte.
Und, das lässt sich nicht verhehlen, auch seinen Prothesen hat er einen Teil seines Erfolgs zu verdanken. Mit viel Raffinesse sind die elastischen, J-förmig geschwungenen Bügel optimiert fürs Sprinten, zum Stehen allerdings taugen sie nicht. Ständig muss Pistorius umhertänzeln, um nicht umzukippen. Für den Alltag bevorzugt er daher herkömmliche starre Prothesen.
Mit ein paar Handgriffen streift er sie über die Stummel unter seinen Knien, springt auf, greift seine Tasche und schlendert zu seinem Trainer Ampie Louw, einem
massigen weißhaarigen Bären von fast 60 Jahren.
"Du willst beim Start die Schritte zu lang machen, deswegen überholst du die anderen immer erst nach 50 Metern", tadelt der seinen Zögling und nimmt ihn in den Arm. Pistorius' Problem: Er ist ein Sprinter mit Startschwierigkeiten. Eigentlich ist die Kurzstrecke seine Stärke, aber unter dem Druck seines Antritts eiern seine Prothesen am Anfang bedenklich.
Doch beständig werden Pistorius' Gehhilfen fortentwickelt - leichter, windschnittiger, härter. Und je besser sie werden, desto größer wird auch der öffentliche Widerstand. Bislang hieß es meist: Wegen seiner Prothesen läuft er eben nicht schnell genug für die Olympischen Spiele. Nun heißt es: Wegen seiner Prothesen läuft er zu schnell. Der Fall Pistorius spaltet die Fachwelt deshalb so sehr, weil es um Grundfragen des Sports schlechthin geht: Was ist Fairness, was ist Fitness?
Der Ausschluss eines Sportlers aufgrund körperlicher Besonderheiten sei unfair, argumentiert etwa Shuaib Manjra aus Kapstadt, der Vorsitzende des Südafrikanischen Instituts für dopingfreien Sport. "Die Paralympics werden weiterhin separat von den Olympischen Spielen abgehalten, weil Behinderungen als abnormal oder subnormal abstempelt werden", schreibt er kämpferisch im Medizinblatt "The Lancet".
Für den Sportwissenschaftler sind die Kategorien beliebig - schließlich gebe es ja auch Gewichtsklassen beim Boxen, Judo, Ringen oder Gewichtheben. "Außerdem sind viele der paralympischen Leistungen besser als die der weiblichen Olympio-niken." Der neuseeländische Bergsteiger Mark Inglis bestieg sogar den Mount Everest mit Prothesen.
Aus Gründen der Fairness fordert Manjra daher gemeinsame Olympische Spiele. Doch gerade die Fairness, finden andere, gebiete das Gegenteil: "Hier geht es um die Reinheit des Sports", warnt etwa Elio Locatelli von der IAAF. "Als Nächstes haben sonst die Sportler Geräte auf dem Rücken, mit denen sie fliegen können."
Sprinter mit Raketenantrieb - bislang waren derartig skurrile Phantasien der Science-Fiction vorbehalten. Der amerikanische Autor Bernard Wolfe beispielsweise phantasierte 1952 in seinem Roman "Limbo" von einem ungleichen Turnier, bei dem freiwillig Amputierte mit atombetriebenen Prothesen ihre biologischen Gegner deklassieren.
Nun scheint die Wirklichkeit derlei Cyborg-Fiktionen allmählich einzuholen. Damit taumelt das herkömmliche Körperbild der Sportwelt in eine Identitätskrise. Nichtbehinderte Sportler hätten mit "Fußgelenkverletzungen, Übersäuerung und Krämpfen" zu kämpfen, geben Funktionäre wie Nick Davies von der IAAF zu bedenken. Erstmals in der Sportgeschichte wird damit der gesunde Athletenkörper nicht über seine Fitness definiert, sondern über Krankheit und Schwäche. Und Prothesenträger gelten nicht mehr als Krüppel, sondern als potentielle Supermänner.
Pistorius spielt dieses Spiel mit und bedient die Erwartungen. Er nimmt seine Sporttasche in die eine Hand, seine Laufbeine in die andere und schlendert zum Auto. Lässig hat er den Autoschlüssel nicht in die Hosentasche gesteckt, sondern in ein Loch in der Prothese, das ihm ein Steinchen beim Motorradfahren geschlagen hat. "Zum Glück habe ich dort kein Schmerzempfinden", sagt er kokett.
Dennoch ist Laufen für ihn ein Risikosport. Nicht ohne Stolz zeigt er eine Narbe an der Schulter. Mitten im Sprint war seine linke Prothese gebrochen, er stürzte und kollerte über die Bahn, als wäre er aus einem fahrenden Auto geworfen worden. Je mehr er trainiert, desto stärkere Prothesen braucht er.
"Hier sind deine neuen Beine", sagt Trevor Brauckmann, der als Prothesenbauer im ganzen südlichen Afrika unterwegs ist und den kleinen Oscar schon als Kind betreute. "Cheetah" (Gepard) heißen die Sportgeräte, denn sie sind elegant wie die Hinterbeine einer Raubkatze nach hinten geschwungen. Unter Druck bauen sie Spannung auf und schnellen bei Entlastung zurück, ähnlich wie es eine Achillessehne macht, die Pistorius fehlt. Die Cheetahs geben ihm seinen eigenartig flüssigen Lauf, fast wie auf Rädern. "Aber die Prothesen sind kein Vorteil", beeilt sich Brauckmann zu sagen, "die speichern nur etwa 80 Prozent der Energie, die eine Achillessehne speichern würde."
Schon vor dem ersten Lauf haben die Cheetahs bereits eine lange Reise hinter sich: Sie wurden gefertigt in Island bei der Firma Össur. Sie bestehen aus Karbonfaserplatten, die mit Kunstharz unter extrem hohem Druck zusammengeleimt wurden - eine Technik, die ursprünglich aus der Raumfahrtindustrie stammt. Außerdem entwickelt Össur gemeinsam mit dem Media Lab des MIT ein elektronisch gesteuertes Kunstknie.
Der größte Konkurrent kommt aus Deutschland, aus Duderstadt am Harz. Das Familienunternehmen Otto Bock exportiert in über 140 Länder und gilt als Weltmarktführer. Um in Sachen Leichtathletik aufzuholen, hat Otto Bock 2001 die Firma Springlite aufgekauft. Kritiker warnen, dass die Paralympics zu einer Leistungsschau der Hersteller werden könnten - statt Nike gegen Adidas hieße es dann: Össur gegen Otto Bock.
Kann es da ein Zufall sein, dass ausgerechnet jetzt, wo die Prothesentechnik einen Quantensprung vollführt, im Behindertensport ein Rekord nach dem anderen gebrochen wird? Ist es nicht logisch, dass die Prothesentechnik früher oder später biologische Leistungen überflügeln kann?
Brauckmann weist die Vorwürfe des "Techno-Dopings" zurück: "Wenn die Kritiker wollen, können die sich ja auch die Beine abnehmen lassen und sehen, ob sie schneller werden!", wettert er.
Eigentlich jedoch nimmt Brauckmann die Anfeindungen als Kompliment: "Die anderen Athleten zeigen kein Mitleid mehr, sondern Futterneid, und das ist ein Zeichen von Normalität."
Behindert oder nichtbehindert? Diese Diskussion scheint Pistorius nicht sonderlich zu interessieren. Er hat seine neuen Beine angezogen und streift wippend wie auf einem Trampolin durch die Prothesenpraxis, wuschelt Mitarbeiter, flirtet mit den Rezeptionsdamen, ständig umhertänzelnd, immer in Bewegung.
Zum Stillstehen sind seine Prothesen eben nicht gemacht. HILMAR SCHMUNDT
DER SPIEGEL 29/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.