23.07.2007

AUFSCHWUNG OSTEmily in Pensionopolis

Radebeul, das sächsische Nizza, avanciert zu einer der wohlhabendsten Städte Ostdeutschlands. Jetzt werden hier Rolls-Royce unters Volk gebracht.
Reichtum ist in der Stadt der Millionäre in Höhenmetern zu messen. Wer es sich leisten kann, wohnt am Fuße der Radebeuler Weinberge. Wer sich alles leisten kann, der thront darüber. Ganz oben, an der Hangkante des sogenannten Schildbergs, wo der Blick über das Elbtal bis zur Dresdner Frauenkirche reicht, steht das Berghaus Neufriedstein - von Einheimischen auch liebevoll "Himmelsschlösschen" genannt.
Die Besitzer sind selten zu sehen im 6000 Quadratmeter großen Garten, dafür wird unten im Tal umso häufiger über deren Kontostand getuschelt. Auf 4,2 Milliarden Euro schätzen Insider das Vermögen der Familie Haub: Den Wahl-Radebeulern gehört die Tengelmann-Gruppe.
Geld, so scheint es, spielt für viele in dieser Ost-Kommune inzwischen eine untergeordnete Rolle. Man hat es. 250 Millionäre wohnen angeblich wieder im "sächsischen Nizza" - Tendenz steigend. Die Kaufkraft in Radebeul liegt bereits bei 17 100 Euro pro Kopf und damit 2200 Euro über dem ostdeutschen Durchschnitt. Langsam werden hier die Villen knapp.
1200 Bauten stehen in der Kleinstadt unter Denkmalschutz, die meisten sind längst an zahlungskräftige Kundschaft verkauft. Die Grundstücke werden immer teurer, die Quadratmeter-Preise sind aktuell bei 250 Euro angekommen. Vergangenen Freitag hat der Markt reagiert und eine wichtige Lücke im Angebot von Millionärs-Equipment geschlossen: Rolls-Royce eröffnete in Radebeul seine erste ostdeutsche Dependance.
Mit Reichtum und Nobelkutschen kennen sich die Radebeuler seit Generationen aus. Im 18. Jahrhundert feierte der Hofstaat Augusts des Starken im Spitzhaus hoch über den Weinbergen seine Feste. Hier lustwandelten Kaiser Joseph II. und der französische König Karl X. Der königlich polnische und kurfürstlich sächsische Generalfeldmarschall Graf von Wackerbarth baute sein geräumiges Schloss an den Hang und zog den Geldadel nach.
Vor allem aber einer Reblaus, der "Viteus vitifoliae", verdanken die Radebeuler ihre heutige imposante Stadtansicht, die betuchtes Volk aus aller Welt anzieht. Weil jener Schädling weite Teile der Weingüter befallen hatte, wurden Abschnitte der Heidesandterrassen Ende des 19. Jahrhunderts zur Bebauung in "geschmackvollem Villenstil" freigegeben. Dresdner Beamte, Fabrikbesitzer und Pensionäre zog es in das wegen seines angenehmen Mikroklimas beliebte Elbtal. Der geriatrische Zuzug brachte der Stadt zeitweise den Beinamen "Pensionopolis" ein.
Der amtierende Oberbürgermeister Bert Wendsche bekommt seine Millionäre freilich selten zu Gesicht. Dem Tengelmann-Clan ist das Stadtoberhaupt nie begegnet und auch der zu Reichtum gekommene Landwirt aus dem Münsterland, der sein Schloss Wettinhöhe derzeit mit dem sächsischen Justizminister teilt, steigt nicht in die Niederung hinab, in der das Rathaus liegt. "Ich weiß nicht, wer auf die Zahl 250 gekommen ist", sagt Wendsche, so genau könne man Vermögensmillionäre ja nicht abschätzen, aber er sei auch "nicht böse über die PR".
Wenn der fahrbare Untersatz als Hinweis auf Wohlstand taugt, dann mehren sich die Anzeichen für einen stabilen Aufschwung. Der Fuhrpark im Heimatland des Trabant verändert sich nachhaltig. Im Landkreis sind fünf Ferrari, vier Maserati und ein Rolls-Royce zugelassen. Dresden registriert 36 dieser Exklusivkarossen, darunter drei weitere Rolls-Royce.
Es brummt zweifelsfrei in der Großen Kreisstadt Radebeul. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer haben sich verdoppelt in den letzten Jahren, gegen Hartz IV mag hier niemand auf die Straße gehen. Als erste Stadt im Osten drückte Radebeul die Arbeitslosenquote unter zehn Prozent - im Juni waren es 8,4. Und Radebeuls Bevölkerung wächst gegen den allgemeinen Ost-Trend heftig: Sie hat in den letzten Jahren um neun Prozent zugenommen.
Das kleine Wunder Ost hat selbst Frank Tiemann beeindruckt. Der Kommunikations-Manager von Rolls-Royce glaubt, der Osten sei nun endlich reif für die edle Handarbeit aus dem englischen Goodwood. "Unsere Zielgruppe sind mittelständische Unternehmer", versichert Tiemann. Nicht zugereiste Alt-Millionäre wollen die Autobauer bedienen, sondern erfolgreiche Einheimische zwischen Radebeul und Berlin, die ihren Reichtum nach der Wende machten und ihn bisher "mehr im Verborgenen" verwalten.
Darin mag auch der Unterschied zu den Kunden im Westen der Republik liegen. Flanieren etwa Ferrari-Besitzer mit ihren automobilen Juwelen geradezu demonstrativ über die Düsseldorfer "Kö" oder um den Starnberger See, so erlegt sich die neue Ostklientel eher Diskretion auf - ein kluger Zug angesichts der Nähe zum Plattenbau-Elend.
450 000 Euro kostet das neue Phantom Drophead Coupé von Rolls-Royce. Ohne Extras. Das erste Fahrzeug mit der berühmten Emily auf der Kühlerhaube geht bereits diese Woche von Radebeul aus an einen Neureichen. Die nächsten Interessenten müssen alte DDR-Tugenden beim Autokauf reaktivieren: Geduld und Demut. Die Wartefrist für das Zwölfzylinder-Cabrio liegt bei 18 Monaten. STEFFEN WINTER
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 30/2007
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