Von Wolf, Martin
Er war alt, und er brauchte das Geld, und doch war es eine bizarre Abschiedsvorstellung für einen Weltstar: Orson Welles, einst Hollywoods gefeiertes Wunderkind ("Citizen Kane"), aber mittlerweile 70 und dick und krank und pleite, spielte einen Roboter. Das heißt: Er lieh seine Stimme einer übellaunigen Kampfmaschine namens Unicron in "Transformers: The Movie", einem Zeichentrickfilm. Es sollte eine von Welles' eher unbekannten Rollen bleiben - und seine letzte.
Als "Transformers" im Jahr 1986 in die Kinos kam, war Welles bereits tot; der Film floppte. Unicron, Megatron und Co., benannt nach den gleichnamigen Figuren des Spielzeugkonzerns Hasbro, die Mitte der achtziger Jahre Millionen Kinderzimmer in aller Welt beherrscht hatten, gerieten in Vergessenheit. Es vermisste sie auch niemand.
Gut 20 Jahre später - in Kalifornien regiert mittlerweile ein ehemaliger Roboter, "Terminator"-Star Arnold Schwarzenegger - kehren die "Transformers" in die Kinos zurück, diesmal ohne betuliche Zeichentrickserei, sondern mit bombastischen Spezialeffekten aus dem Computer und einigen echten Schauspielern vor der Kamera. Das Ergebnis gefällt offenbar nicht nur Kindern: Rund 250 Millionen Dollar hat der neue "Transformers"-Film seit Anfang Juli in den USA eingespielt, er gilt als Überraschungshit der Saison (Deutschlandstart: 1. August).
Die Spielzeughelden verdanken ihr Comeback dem Regisseur und Produzenten Steven Spielberg, der ein paar Jahrzehnte nach Orson Welles das Wunderkind von Hollywood war - und es bis heute geblieben ist. Glück gehabt? Vielleicht hat Spielberg, inzwischen 60 Jahre alt, auch nur seine infantile Phantasie bewahrt, kombiniert mit einem sehr erwachsenen Gespür für Profit. Der Erfinder von "E. T." behauptet, er spiele zur Entspannung selbst mit "Transformers"-Figuren, manchmal sogar gemeinsam mit seinem Nachwuchs.
Die "Transformers" verkörpern genau jene Art von sorgfältig ausgetüfteltem Schund, den Kinder lieben, Waldorf-Schüler vielleicht einmal ausgenommen: Ruck, zuck kann man die Roboter in Autos oder Flugzeuge verwandeln. Kenner unterscheiden zwischen guten Robotern, sogenannten Autobots, und bösen Decepticons, abgeleitet von "deception", Täuschung. Hässlich sind sie alle.
Beiden Parteien ist zudem ihre Entstehung während des Kalten Krieges anzumerken: Sie sind so schwer bewaffnet mit eingebauten Maschinengewehren oder den guten alten Laserkanonen, dass sie kaum noch laufen können. Ihrem aggressiven Auftreten und dem eher geringen Wortschatz nach zu urteilen handelt es sich bei allen "Transformer"-Wesen um Männchen. Dass Frauen die besseren Maschinen sind (wie in Fritz Langs Klassiker "Metropolis" von 1927), hat sich in diesem Roboterreich noch nicht herumgesprochen.
Im Mittelpunkt des Films, so die Idee von Produzent Spielberg, sollten "ein Junge und sein Auto" stehen. Mit anderen Worten: eine Liebesgeschichte zwischen dem Teenager Sam (Shia LaBeouf) und seinem Chevrolet Camaro, einem verrosteten Prolo-Sportwagen. Was Sam anfangs nicht ahnt: Das Auto ist ein Roboter, aufgerichtet zehn Meter hoch, allerdings einer von den guten.
Doch auch die Bösen haben sich längst als Autos verkleidet unters fahrende Volk gemischt; Blechschäden sind damit programmiert. Es droht "die Entscheidungsschlacht im Kampf um die Zukunft des Universums, ausgetragen auf der Erde", jubelt das Paramount-Studio. Als Regisseur für das Spektakel verpflichtete Spielberg den Weltuntergangsroutinier Michael Bay ("Armageddon", "Pearl Harbor"). Bay liebt es drastisch: In einer Szene stellt er quasi den 11. September nach und lässt ein Flugzeug in ein Bürohochhaus krachen.
Doch wirklich besorgt ist Bay offenbar über die Zukunft der amerikanischen Autoindustrie, die seit Jahren in der Krise steckt. Ein Film wie "Transformers", "die Apotheose der Schleichwerbung" (das Fachblatt "Variety"), kommt da gerade recht. Fast alle Fahrzeuge in "Transformers" stammen vom US-Hersteller General Motors (GM), ein Drei-Millionen-Dollar-Deal. Reizwörter wie "Hybrid-Motor", "Benzinpreiserhöhung" oder "Toyota" kommen natürlich nicht vor. Den im Film beworbenen Camaro bringt die GM-Tochter Chevrolet im Jahr 2009 in den Handel.
Die andere US-Institution, deren Imageproblem mit Hilfe der "Transformers" geschönt werden soll, ist das Pentagon. Das Verteidigungsministerium stellte dem Filmteam gratis Kampfhubschrauber und F-117-Bomber zur Verfügung, um die Decepticons möglichst eindrucksvoll zurück in die Steinzeit zu schießen. "Ohne Opfer kein Sieg", tönt ein Offiziersdarsteller im besten Irak-Krieg-Sound, als die Feinde einen Etappensieg landen. In einer anderen Szene darf der Verteidigungsminister persönlich (als Donald-Rumsfeld-Karikatur: Jon Voight) einige Roboter zu Klump schießen. Das Ganze sei ein übler Werbefilm für das Militär, klagte die "New York Times".
Doch man muss kein Reaktionär sein, um die "Transformers" zu mögen. Die Botschaft von Steven Spielberg und Kollegen lautet schließlich: Recycling lohnt sich. Angesteckt von Spielbergs Erfolg, entrümpeln zurzeit auch andere Hollywood-Produzenten ihre Keller auf der Suche nach vergessenen Spielzeugen, die man in neue Action-Spektakel verwandeln könnte.
Bereits in Arbeit: "Die Schlümpfe - der Film". MARTIN WOLF
DER SPIEGEL 30/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.