DER SPIEGEL



LEGENDEN

Post aus Memphis

Von Uslar, Moritz von

Vor 30 Jahren starb Elvis Presley. Interessiert das noch jemanden? Eine Ehrenrettung des King of Rock'n'Roll. Von Moritz von Uslar

Vor ein paar Wochen tauchte auf Berliner Litfaßsäulen das Plakat "Elvis - Die Ausstellung" auf.

Ein deutscher Show-Produzent namens Bernhard Kurz ("Cats", "Starlight Express") hatte sich darangemacht, zu Elvis' Todestag, der sich am 16. August zum 30. Mal jährt, ein paar Gegenstände aus Elvis' Leben zusammenzutragen - der übliche Klimbim, den Fans gern bestaunen, um ihrem toten Idol ein wenig nahe zu sein: ein Smokingjackett; ein Ring; ein Las-Vegas-Show-Gürtel; die Ehrenmarke der Anti-Drogen-Behörde, die Präsident Nixon Elvis 1970 im Weißen Haus verliehen hatte; eine Bibel, die in der Todesnacht angeblich auf Elvis' Nachttisch lag. Am Telefon fragte ich den Produzenten, ob ich den Smoking mal anfassen könne.

Der Herr, der im Berliner Ellington Hotel wartet, wo die Ausstellung am 13. August eröffnet, spricht mit schwäbischem Akzent. Der versprochene Smoking, es täte ihm leid, hänge derzeit bei Karstadt in Spandau: Werbung für die Ausstellung. Stattdessen hat Herr Kurz Fotos und eine goldene Sonnenbrille mitgebracht, die dem King 1976 zu Bruch gegangen ist, als Fans seinen Cadillac stürmten.

Der Show-Produzent schwärmt nun von Elvis und versteigt sich dabei in einige merkwürdig leere, formelhafte Behauptungen: "Elvis war der Erste, der eine richtige Performance abgeliefert hat. Leute wie Michael Jackson und Madonna brauchten das dann nur noch weiterzuentwickeln."

Schau an! So erzählt man sich das also heute: 30 Jahre nach Elvis' Tod darf jeder alles über den King of Rock'n'Roll behaupten, es stimmt auf jeden Fall - so wie schon zu Elvis' Lebzeiten jedes Gerücht, jede Plattheit, jede Verallgemeinerung ein Recht auf Wahrheit hatte. Die Leute reden über ihren Elvis, wofür sie ihn, heute wie damals, nicht einmal zu lieben brauchen - ein King muss das aushalten.

Und Elvis, der King, das Monster, das Mythengebirge, das größte Etwas, das die populäre Kultur bis heute hervorgebracht hat - fest steht, dass auch in Zukunft kein Showstar noch einmal Elvis' Größe erlangen wird, wieso eigentlich nicht? -, dieser Elvis macht das ja sowieso alles mit.

Wie aber findet man heutzutage, im Sommer 2007, noch zu Elvis?

Das ist, was komisch klingen mag, mit Arbeit verbunden: Man muss Elvis vom Müll der Erinnerung freiräumen, vom Schrott der Mythen, Halbwahrheiten, Legenden, um wieder zum Zentrum seiner Geschichte und Bedeutung vorzudringen: Elvis' Musik.

Einen Menschen von Elvis überzeugen zu wollen, das ist, wie einem Menschen den Weg zu Jesus Christus zu weisen: Du lieber Himmel! Man überlässt es besser denen, die das beruflich tun - also Elvis-Doppelgängern, den allertraurigsten Gestalten.

Ein Bild von Elvis hat ohnehin jeder im Kopf: Er ist der unmögliche Fettwanst, der die Hausfrauen in Las Vegas fragt, ob sie

heute Nacht einsam seien. Ganz früher einmal soll Elvis, der Rebell, das Tier, die Katze, praktisch im Alleingang die Musikindustrie revolutioniert und den amerikanischen Teenager erfunden haben (oder war das Frank Sinatra?) - damals, voriges Jahrhundert, amerikanische fünfziger Jahre. Die angeblich Unsterblichen des Pop erkennt man seither daran, dass sie als gnadenlos hässliche 9,99-Euro-Best-of-CDs auf Drogeriemarktwühltischen ausliegen.

Wobei Elvis' Ruf in Deutschland bis heute geschadet haben mag, dass er sich hier verhältnismäßig spät durchsetzte: Elvis' bis dahin größter deutscher Chartserfolg war kein Rock'n'Roll, sondern das vergleichsweise spießige "It's Now or Never" (1960), eine Coverversion von "O sole mio". Wenig später kam "Wooden Heart", Elvis' rührend einfältige Version von "Muss i denn zum Städtele hinaus".

Für Elvis spricht, dass er schon zu seinen Lebzeiten einfach zu viel verändert hat. Wobei diese Veränderungen - und darin liegt ein klassisches Elvis-Paradoxon - offensichtlich so grundsätzlich und allumfassend ausfielen, dass sie sich als solche heute kaum noch wahrnehmen lassen:

Justin Timberlake im New Yorker Madison Square Garden? Kreischende Hausfrauen bei den Chippendales? Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass ...?" auf Mallorca? Die heulende Paris Hilton hinter dunklen Limousinenfenstern auf dem Weg ins Gefängnis? Verena Pooth posiert bei der Berliner Fashion Week im Grill Royal für die Fotografen? Tom Buhrow, der bei den "Tagesthemen" einen Witz riskiert? Alles Elvis. Er bleibt die Schablone, das Vorbild, der Maßstab, das große Original.

Nur: Wen kümmert's? Wer hilft heute Elvis, wenn er es offensichtlich selbst nicht mehr kann?

Im Folgenden möchte ich nun weniger groß oder grundsätzlich sprechen, sondern, im Gegenteil, eine kleine, persönliche Liste aufmachen - meine Top Ten, die Liste meiner ewigen zehn Elvis-Lieblingshits.

Listen von Songs, die Elvis' beste sein sollen, gibt es so viele wie Elvis-Fans auf Erden, also immer noch Millionen. Aber wenn ein Gigant im Meer seiner eigenen Bedeutung zu versinken droht und das Spezifische, Einmalige seiner Begabung allmählich verschwindet, dann hilft nur noch der radikal persönliche Ansatz.

Ich behaupte, dass jeder Mensch mit diesen Songs innerhalb einer halben Stunde ein glühender Elvis-Fan werden kann - wenn er denn will. Wer nicht will, will nicht, muss nicht, kann anders, herzlichen Glückwunsch. Die Liste lautet:

1. "My Happiness" (1953)

2. "Good Rockin' Tonight" (1954)

3. "Mystery Train" (1955)

4. "Crying in the Chapel" (1965)

5. "One Night" (vom NBC-TV-

Special, 1968)

6. "If I Can Dream" (1968)

7. "Suspicious Minds" (1969)

8. "Long Black Limousine" (1969)

9. "Burning Love" (1972)

10. "Unchained Melody" (1977)

Und hier gleich noch eine Überraschung für alle, die Elvis zu kennen glauben, ohne sein gewaltiges Songwerk gehört zu haben: Elvis konnte singen wie ein Engel und der Teufel in einer Person, oft beides in einem Song. Aus seiner Stimme spricht nicht nur eine Seele, sondern immer eine ganze Palette von widersprüchlichen Persönlichkeiten und ihren Seelen, der Truckfahrer, das Muttersöhnchen, Gentleman und Rockabilly, der arme Hund und Millionär, der Sexsüchtige und der, der nach seiner Tochter Lisa Marie, nach Schusswaffen, Teddybären, Karatefilmen, chemischen Uppers und Downers und nach Erdnussbutter-Bananen-Sandwiches süchtig war. Tatsächlich. Und diese Stimme wirkt noch heute. Es hat sie ihm bis heute niemand nachgemacht, kein John Lennon, Neil Diamond, Billy Idol, Chris Isaak, kein Robbie Williams.

Ein paar Worte zu den einzelnen Songs: "My Happiness" hatte Elvis als 18-Jähriger in Memphis in einem Mach-dir-deine-eigene-Platte-Laden, wie es sie damals überall in den USA gab, für zwei Dollar aufgenommen, angeblich für seine Mutter; wie man heute besser weiß, wohl doch für sein eigenes Vergnügen (erst 1988 war der Song bei einem Schulfreund von Elvis wieder

aufgetaucht). Elvis begleitet sich selbst auf der akustischen Gitarre, er singt wie ein Kind, und doch ist schon alles Elvis-Typische vorhanden, der Ehrgeiz, die Schüchternheit, der enorme Wille zu mehr, mehr Geld, mehr Liebe, mehr Publikum, mehr Songs: Dieser Elvis will entdeckt werden.

"Good Rockin' Tonight" und "Mystery Train" sind nur zwei von insgesamt 24 Songs, die Elvis bei dem kleinen Label Sun Records in Memphis aufnahm, allesamt vor seinem Wechsel zur Plattenfirma RCA Victor und seinem Durchbruch mit "Heartbreak Hotel" (1956).

Es ist kein Geheimnis, dass Elvis bei Sun seine vielleicht grandiosesten Aufnahmen gemacht hat - "grandios" im Sinn von roh, laut, hungrig, sehnsüchtig, wild, unverfälscht, unproduziert. Den Elvis-Kritikern Nik Cohn, Greil Marcus und Peter Guralnick waren die Sun-Jahre jedenfalls immer die liebsten, und auf unheimliche Art sind Elvis' frühe Jahre die zeitlosesten, seine frischesten Aufnahmen geblieben: Wer 2007 erfolgreich eine Party bestreiten möchte, auf der die Mädchen 17-jährig und die Jungs jung, wild und unerzogen sind, der spiele Elvis' Sun-Singles: Es funktioniert.

Wer an nichts glaubt und im Laufe von "Crying in the Chapel" nicht gläubig wird, dem ist nicht zu helfen. Hier findet Elvis' Vorliebe zum Gospel, die ein Leben lang anhielt, ihren Höhepunkt.

Wegen der Veröffentlichungspolitik der Plattenfirma RCA Victor, die schon zu Elvis' Lebzeiten wenig klug, sondern wirr und willkürlich ausfiel, ist es weniger eine Geschmacksfrage als ein Gebot der Fairness, auf die zwei, drei Elvis-Longplays hinzuweisen, die es heute noch zu besitzen lohnt: Neben der ersten LP "Elvis Presley" mit dem wohl simpelsten, wirkungsvollsten Cover der Rockgeschichte (Elvis singt mit geschlossenen Augen und verzückt verzerrtem Gesicht, "Elvis" in rosa, "Presley" in grüner Schrift) sind das eine Sammlung der Sun-Singles und der Mitschnitt des Comebackkonzerts von 1968 ("Elvis - NBC TV Special"), mit dem Elvis nach Jahren langweiliger Filme und noch langweiligerer Songs den Beweis antrat, dass er überhaupt noch ein Publikum hatte, das ihn singen hören wollte.

Elvis hatte sich mit einem schwarzen Lederanzug gegen seinen Manager Colonel Tom Parker durchgesetzt, der einen Smoking und ein paar Weihnachtslieder wollte. Elvis aber wollte puren, simplen, geraden Rock, den Rhythm & Blues und Rockabilly der frühen Jahre. Und er wollte Leder. Auf dem Konzert jault, schreit, weint, lacht und plappert der King um sein Leben. Er wehrt sich gegen die Tatsache, dass die Beatles, die Byrds, die Rolling Stones ihn längst überholt hatten, und er zieht, nach Jahren der Erfolglosigkeit, der Demütigungen, Peinlichkeiten und der donnerschallenden Uncoolness mit ihnen gleich. "If I Can Dream" ist das Finale

der Live-LP, eine umwerfende Soulnummer im Geist von Martin Luther King. 1969, ein Jahr nach seinem Comeback, hatte der King mit "Suspicious Minds", Elvis' Erkennungslied über Beziehungsprobleme, seinen ersten Nummer-eins-Hit seit Jahren.

Wenn es die Pflicht jedes großen Entertainers ist, trotz aller Grandiosität irgendwie mittelmäßig zu bleiben, damit die Massen ihm folgen können, dann hat der King diese Pflicht in den letzten fünf Jahren seiner Karriere sehr ernst genommen: Praktisch keiner seiner großen Songs, den er auf seinen Las-Vegas-Shows nicht öffentlich hingerichtet, vorgeführt, der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Es muss grauenhaft gewesen sein. Und es klang - immer wieder auch - grauenhaft schön.

Am Beispiel des späten Elvis lässt sich erkennen, dass im Pop der größte Schrott manchmal größer, ergreifender sein kann als der beste gutgemeinte Song: Am 21. Juni 1977, knapp zwei Monate vor seinem Tod, sitzt Elvis in Rapid City, South Dakota, am E-Piano. Ein Helfer hält ihm das Mikrofon hin. Elvis' Stimme zittert, bricht weg, er ringt, schwitzt wie ein Schwein, versucht das Lächelding mit der hochgezogenen Lippe, das früher immer so gut geklappt hat - es gelingt noch einmal: Elvis singt "Unchained Melody", die Hymne der Righteous Brothers, jetzt sein Song und sein Vermächtnis, er betet den Song mit den praktisch unerträglich pathetischen Zeilen:

"My love, my darling / I've hungered for your kiss / (...) Are you still mine? / I need your love / I need your love / God ... SPEED your love to me."

Applaus. Zum Ende donnert die Bigband los, seine Bodyguards führen den schwankenden King aus der Halle, es folgt die Durchsage: "Ladies and gentlemen, Elvis has left the building."

Wenn Elvis' Songs heute noch eine, natürlich eine wahrhaft demokratische Qualität haben, dann die, dass sie allein wirklich die ganze Geschichte erzählen: Man braucht keine Bildung, kein Wissen, keine Herkunft, kein Foto, keinen Film, keinen schicken MTV-Trailer. Nur Ohren, ein Herz und ein eigenes Leben, das noch nicht ganz zu Ende ist. Let's go!

Der King wäre dieses Jahr übrigens 72 Jahre alt geworden: Wir sehen Elvis. Und, wie schön, wir hören ihn singen.

* Oben: mit seiner damaligen Freundin Barbara Hearn in Memphis; unten: in einem Hotel in New York.* Bei einem Konzert in seinem Geburtsort Tupelo, Mississippi, 1956.

DER SPIEGEL 31/2007
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