30.07.2007

NachrufGeorge Tabori

Bis fast zuletzt konnte man ihn sehen in einem der roten Samtsessel im Berliner Ensemble, vorn, dritte Reihe außen, die Hände auf den Silberknauf seines Stocks gelegt, das Kinn auf den Händen. So schaute er wach und noch immer verwundert auf die Bühne, ob es sich nun um eine eigene Inszenierung handelte oder die eines Kollegen, noch mit 93 Jahren stets hungrig auf alles, was das Theater an Magie zu bieten hatte. George Tabori, der Welttheatermann, war ein Überlebender.
Er hat Theatermoden, Intendanten und Stars kommen und gehen sehen, und es hat ihn nie sehr interessiert, einer Clique anzugehören. Sein eigenes Theater spielte immer auf Nebenbühnen, es kam von der Seite, doch dort entwickelte es Wirkungen, die bis ins Zentrum reichten. Als Dramatiker und Regisseur versöhnte George Tabori Grauen und Gelächter, Schrecken und Schönheit miteinander.
Er kam 1914 in Ungarn zur Welt, als sich die Nationen ins erste große Schlachten stürzten, er brachte sich in den frühen dreißiger Jahren in Berlin als Aschenbecherputzer, Kellner und Schuhputzer durch. Schließlich floh er vor den Nazis nach Wien und dann weiter nach London, wo er als Mitarbeiter der BBC Hitler bekämpfte. Sein Vater und der Großteil seiner Familie kamen in den Gaskammern um - er sollte die monströsen Erfahrungen dieser Jahre ein ganzes Theaterleben lang bearbeiten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stieß er in Hollywood als Drehbuchschreiber für Alfred Hitchcock oder Joseph Losey in die erste Liga vor, doch dann traf er Bertolt Brecht, und der verführte ihn endgültig zur Theaterarbeit. Nach einem erfolglosen Versuch am Broadway und einigen Jahren mit einer eigenen amerikanischen Alternativtheatergruppe kehrte er 1969 nach Deutschland zurück, wo er, am Berliner Schiller-Theater, sein Stück "Die Kannibalen" aufführte: KZ-Häftlinge, die beschließen, einen der ihren zu töten und zu fressen.
Immer wieder trieb Tabori in der Folgezeit seine Theaterarbeiten in Extreme - für seine Studien an Kafkas "Hungerkünstler" wurde unter ärztlicher Aufsicht 40 Tage lang gehungert, Enzensbergers "Titanic"-Poem ließ er auf dem Berliner Wannsee veranstalten, andere Arbeiten fanden im Zuchthaus statt.
Die besten seiner Inszenierungen, wie etwa die von "Warten auf Godot", hatten eine improvisierende Anmutung. Tabori hat dem deutschen Theater beigebracht, dass man auf den Schrecken auch mit schwarzem Humor antworten kann und auf die Schwere mit Leichtigkeit. Er starb am vergangenen Montag in Berlin.

DER SPIEGEL 31/2007
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