06.08.2007

ZEITGESCHICHTESouvenir aus dem Bunker

In Moskau sind Teile der Schallplattensammlung aus dem Führerhauptquartier aufgetaucht. Das Überraschende: Neben Wagner und Bruckner enthält die Nazi-Sammlung auch Musik vom Feind.
Die Geschichte klingt wie das Märchen vom "Sesam, öffne dich!".
Sie spielt 1945 im kriegszerstörten Berlin, es ist ein Tag mitten im Mai. Lew Besymenski, Hauptmann des Militärischen Aufklärungsdienstes der 1. Weißrussischen Front, bekommt einen Dienstauftrag: Mit zwei weiteren Offizieren soll er die Tage zuvor gestürmte Reichskanzlei inspizieren - den Führerbunker inklusive, in dem das Leben Adolf Hitlers zu Ende ging.
Besymenski ist ein Mann vom Fach, er spricht auch Deutsch. Er hat 1943 in Stalingrad bei der Gefangennahme von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus gedolmetscht und gerade erst - am 1. Mai - die Nachricht des deutschen Generals Krebs vom Tode Hitlers für Stalin übersetzt. Später wird er der Welt enthüllen, was die Sowjets lange wie ein Staatsgeheimnis hüten: dass sie die Reste der Hitlerschen Leiche im Garten der Reichskanzlei gefunden haben.
An diesem Tag aber steht er in dem noch immer mächtig wirkenden Bau an der Berliner Wilhelmstraße, er hat die Zentrale des Nazi-Regimes mehrere Stunden lang akribisch untersucht, da fragt ihn der sowjetische Gebäudekommandant, was er ihm als Souvenir einpacken dürfe.
Seine Kameraden haben sich bereits bedient: mit Tischbesteck, das die eingravierten Initialen "A. H." trägt, mit ledernen Ordensschachteln und anderem mehr. Besymenski aber hat anderes im Sinn. Er bittet den Offizier, ihm mehrere große Stahltüren zu öffnen, die mit Spezialschlössern verschlossen sind.
"Uns bot sich ein seltsames Bild", bringt er Jahrzehnte später zu Papier: "In jedem der Räume standen mehrere Reihen stabiler Holzkisten mit laufenden Nummern dicht an dicht." Deutsches Dienstpersonal habe er-
zählt, die Kisten seien für die Überstellung in Hitlers bayerischen Berghof gepackt worden, zum Versand allerdings sei es nicht mehr gekommen. Sie waren gefüllt mit Geschirr und unterschiedlichstem Hausrat.
Besymenski stellt sich eine Kiste voller Souvenirs zusammen und nimmt sie später in einem Sonderzug mit nach Moskau. 46 Jahre werden vergehen, bis seine Tochter Alexandra zufällig darauf stößt, was für Beutegut die Kiste enthält.
Es ist August 1991, ein schöner Sommertag in der Datschen-Siedlung Nikolina-Gora unweit von Moskau, wo die Besymenskis ein Häuschen besitzen. Die Familie hat Gäste, zum Mittagessen dampfen Blini auf dem Verandatisch. Dann will man entspannen - Besymenski schickt die Tochter auf den Dachboden, um Federballschläger zu holen.
Dunkel und eng ist es dort oben. Bücherkisten stehen herum. "Mit dem Schienbein stieß ich gegen etwas Hartes", erzählt Besymenskaja, die heute 53 ist, "an einen Stoß Schallplatten." Sie tragen rechteckige, feingezackte Aufkleber, die sie erstarren lassen. "Führerhauptquartier" steht auf ihnen.
Aufgeregt eilt sie mit ihrem Fund nach unten. "Papa, was ist das, und warum liegt das auf dem Speicher?", fragt sie. "Das siehst du doch: Schellackplatten. Ich höre schon seit Jahren CDs", brummt der 70-Jährige. Mehr will er nicht preisgeben. "Ich spürte, wie unangenehm Lew Besymenski das Thema war", erinnert sich später einer der Gäste.
Vermutlich weil Besymenski, der nach dem Krieg honoriger Geschichtsforscher wurde und Professor an der Moskauer Militärakademie, eines zu vermeiden suchte: Er wollte nicht in den Geruch kommen, ein Marodeur zu sein. Nirgendwo hat er in seinen späteren Büchern über Hitler erwähnt, was er selbst 1945 aus Berlin nach Moskau gebracht hatte: Teile der Plattensammlung aus dem Führerhauptquartier.
Zwar war es seinerzeit durchaus üblich, dass die Sieger reichlich Andenken nach Hause schafften. Weil einige es aber übertrieben, kam es zu manchem Skandal. Marschall Georgij Schukow beispielsweise, Gewinner der Schlachten von Moskau und Stalingrad, später Oberbefehlshaber der sowjetischen Truppen in Berlin, bereicherte sich nach Aufzeichnungen der Moskauer Geheimpolizei unter anderem mit "55 Bildern klassischer Malerei, 7 Kisten mit teurem Tafel- und Teeservice, 9 goldenen Uhren und 713 Stück Tafelsilber" - Beutegut aus den Potsdamer Schlössern.
Musikfreund Besymenski dagegen hatte aus der Reichskanzlei mitgenommen, was seiner persönlichen Leidenschaft entsprach:
Vor dem Krieg war er häufig Gast im Moskauer Konservatorium. Er starb im Juni dieses Jahres, im Alter von 86 Jahren. In der vergangenen Woche nun ließ seine Tochter Alexandra den SPIEGEL die Sammlung von knapp hundert Schellackplatten einsehen.
Die meisten stecken in roten, einige in blauen Alben mit jeweils einem Dutzend Stück. Einige sind zerkratzt, andere zerbrochen, die meisten aber gut erhalten.
Album Nr. 1, verwittert von der Feuchtigkeit und den Temperaturunterschieden auf dem Dachboden der Besymenski-Datscha, enthält nichts sonderlich Überraschendes: die Klaviersonaten opus 78 und 90 von Ludwig van Beethoven zum Beispiel oder die Ouvertüre zu Richard Wagners "Fliegendem Holländer", gespielt vom Orchester des Festspielhauses Bayreuth. "Dirigent: Generalintendant Heinz Tietjen".
Auch Hitlers Leidenschaft war, neben der Architektur, die Musik. Um Beethoven oder Wagner zu hören, Liszt oder Brahms, hatte er in seiner Wiener Zeit nahezu täglich die Oper besucht. Doch für ihn zählte allein deutsche Musik. In Besymenskis Sammlung aber befinden sich verblüffenderweise Werke von Komponisten, deren Völker die Nazis zu den "Untermenschen" zählten, darunter russische Komponisten wie Pjotr Tschaikowski, Alexander Borodin und Sergej Rachmaninow.
So verbirgt sich hinter der Inventarnummer "Führerhauptquartier 840" eine Aufnahme der Firma Electrola mit der Aufschrift "Bass i. Russisch mit Orch. und Chor". Zu hören ist die Arie "Tod des Boris Godunoff" des russischen Komponisten Modest Mussorgski, gesungen vom russischen Bass Fjodor Schaljapin.
Ein anderes Album enthält ausschließlich Tschaikowski-Werke mit dem Stargeiger Bronislaw Huberman, einem polnischen Juden, als Solisten. "Ich empfinde das als blanken Hohn", erregt sich Alexandra Besymenskaja heute, "Millionen Slawen und Juden mussten wegen der Rassenideologie der Nazis sterben."
Als Hitler in seinem Wahn, die Welt zu erobern, immer mehr vereinsamte und kaum noch in die Öffentlichkeit kam, versuchte er offenbar, sich beim Plattenhören zu entspannen. Sein Funker Rochus Misch, 90, der letzte Überlebende aus dem Führerbunker, berichtete dem SPIEGEL, wie Hitler einmal im Führerhauptquartier "Werwolf" im ukrainischen Winniza nach einem heftigen Streit mit dem Wehrmachtführungsstab seinen Diener angewiesen habe, eine Platte aufzulegen: "Danach saß er ganz versunken da. Der Führer hat sich wohl ablenken wollen", so Misch.
Wer die Musik machte, war dem bigotten Hitler in solchen Momenten offenbar egal - obwohl er den Juden stets abgesprochen hatte, eigenständige Kulturleistungen erbringen zu können. In "Mein Kampf" lässt er sich darüber aus, "dass es eine jüdische Kunst niemals gab und demgemäß auch heute nicht gibt" und dass die "Königinnen aller Künste, Architektur und Musik, dem Judentum nichts Ursprüngliches zu verdanken haben".
Noch in seiner letzten Weisung an die Soldaten der Ostfront vom 15. April 1945, einen Tag bevor die Rote Armee die Oder überschritt und zum Sturm auf Berlin ansetzte, hetzte Hitler aus dem Führerbunker unter dem Garten der Alten Reichskanzlei gegen den "jüdisch-bolschewistischen Todfeind".
Jüdische Künstler aber goutierten der Diktator und seine Handlanger durchaus. Die Plattensammlung, die sich vermutlich in den Luftschutzräumen unterhalb der Neuen Reichskanzlei befand, weist als Interpreten auch den österreichischen Juden Artur Schnabel aus. Schnabel hatte Deutschland mit seiner Familie unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers 1933 verlassen. Seine Mutter blieb, wurde ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und von den Nazis ermordet.
Besymenski, selbst Jude, hat sich gewundert, wie viele berühmte russische Namen er auf den Bunker-Schallplatten entdeckte. "Es waren Aufzeichnungen klassischer Musik, aufgeführt von den besten Orchestern Europas und Deutschlands mit den besten Solisten jener Zeit ... Es hat mich überrascht, dass auch russische Musik dabei war", schrieb der Historiker, als er sich vor drei Jahren auf Drängen seiner Tochter an den Schreibtisch setzte, um für die Nachwelt handschriftlich festzuhalten, wie er an die Sammlung kam.
Schon die Amerikaner übrigens hatten 1945 in einer Kaverne im Berghof etliche Schallplatten entdeckt - einen anderen Teil der Musiksammlung, die für Hitler und diverse Nazi-Größen angelegt worden war. Geschichtswissenschaftler Philipp Gassert von der Universität Heidelberg hatte einige dieser Platten in der Hand, als er in den USA forschte. Analog zu den Moskauer Tonträgern trugen auch sie kleine, perforierte Vignetten - wie jene, die Hauptmann Besymenski mit nach Moskau brachte.
Lew Besymenski hat die Nazi-Platten mitunter zusammen mit seinen besten Freunden gehört. Gelegentlich lieh er sie, wie er schreibt, auch an Musiker aus: den Dirigenten Kirill Kondraschin etwa oder die berühmten Pianisten Emil Gilels und Jakow Sak.
Was sie mit der Sammlung ihres Vaters anstelle, werde sie sich in aller Ruhe überlegen, sagt Alexandra Besymenskaja - vielleicht, "wenn man beim Wein sitzt". So heißt ein freches Soldatenlied, das der Braunschweiger Hofkapellmeister Franz Abt im 19. Jahrhundert vertonte. Die Platte trägt die Nummer: "Führerhauptquartier 779". GEORG BÖNISCH, MATTHIAS SCHEPP
* 1937 beim Besuch in Bayreuth mit Richard-Wagner-Schwiegertochter Winifred.
Von Georg Bönisch und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 32/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 32/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Souvenir aus dem Bunker

Video 01:34

Fall Khashoggi US-Republikaner widersprechen Trump

  • Video "Peter-Jackson-Film: Erster Weltkrieg ganz nah" Video 00:00
    Peter-Jackson-Film: Erster Weltkrieg ganz nah
  • Video "Umstrittenes Musikvideo: Melania Trump-Double nackt im Oval Office" Video 01:33
    Umstrittenes Musikvideo: Melania Trump-Double nackt im Oval Office
  • Video "Video aus Texas: Hochwasser zerstört Brücke" Video 00:33
    Video aus Texas: Hochwasser zerstört Brücke
  • Video "Rätselhaftes Verhalten: Wal schaufelt sich mit seinen Flossen Wasser ins Maul" Video 01:18
    Rätselhaftes Verhalten: Wal schaufelt sich mit seinen Flossen Wasser ins Maul
  • Video "Brexit-Umfrage: Bitte Europa, denk´ nicht, dass Theresa May ganz England ist" Video 02:24
    Brexit-Umfrage: "Bitte Europa, denk´ nicht, dass Theresa May ganz England ist"
  • Video "Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu" Video 01:19
    Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu
  • Video "Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru" Video 01:24
    Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru
  • Video "Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: Das ist ein Märchen" Video 04:29
    Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: "Das ist ein Märchen"
  • Video "Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder" Video 02:04
    Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder
  • Video "Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat" Video 04:13
    Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat
  • Video "Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen" Video 01:12
    Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen
  • Video "Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen" Video 00:49
    Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour
  • Video "Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike" Video 01:17
    Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike
  • Video "Fall Khashoggi: US-Republikaner widersprechen Trump" Video 01:34
    Fall Khashoggi: US-Republikaner widersprechen Trump