06.08.2007

COMPUTERSPIELEMit dem Fahrrad zum Karo-Ass

Die GPS-Technik gebiert eine neue Generation Handy-Spiele: Zwei deutsche Universitäten etwa entwickeln eine Mischung aus Schnitzeljagd, Quiz und Poker.
Zehn Uhr früh an der Uni Bamberg. Auf dem Lehrplan steht Poker. Genauer: Citypoker.
Es treten gegeneinander an: drei Informatiker aus Bamberg contra drei Informatiker aus Bremen. Was sie dazu brauchen: ein Navigationshandy mit Satellitenortung GPS, eine frisch programmierte SpieleSoftware und etwa zwei Stunden Zeit.
"Bei Citypoker geht es um Sport und Strategie in der richtigen Mischung", doziert Christoph Schlieder, Professor für Angewandte Informatik, der das Projekt leitet. Das Team Bamberg sitzt vor ihm, die Bremer Mannschaft in einem Uni-Büro 400 Kilometer entfernt. Verbunden sind sie per Videokonferenz. Jeder stellt sich vor. "Ich wünsche euch kein Glück, denn Glücksspiele sind langweilig", sagt Schlieder. "Aber ich wünsche euch viel Spaß."
Dann geht es los. Die Mitspieler radeln in die Innenstadt, die einen in Bremen, die anderen in Bamberg. Beide Mannschaften haben das Navigationshandy dabei, auf dem dieselbe Software läuft, entwickelt von Schlieder und seinem Team.
Citypoker ist eine Mischung aus Schnitzeljagd, Quiz und Poker. Zunächst bekommen die Kontrahenten dasselbe "Blatt" auf dem Display angezeigt. Dann erscheint auf dem Handy ein Stadtplan mit fünf Verstecken, in denen sich weitere Spielkarten befinden - virtuell. Durch die Ortung "weiß" das Handy, wo sich die Spieler befinden - und zeigt auch an, wohin sich die gegnerische Mannschaft bewegt.
Jede Mannschaft versucht nun, möglichst gute Karten in den digitalen Verstecken aufzustöbern. Wer nach zwei Stunden das bessere Blatt hat, gewinnt.
"Verdammt, ich finde das Kartenversteck nicht", ruft ein Bamberger. Er hält das Handy vor sich wie eine Wünschelrute, während er sich durch das Gewühl aus Passanten und Händlern am Grünen Markt schiebt. Es hat keinen Sinn. Die drei brauchen einen weiteren Tipp. Den bekommen sie nur, wenn sie eine heimatkundliche Frage richtig beantworten, die auf dem Display erscheint: Auf welchem Fundament ruht das alte Rathaus - auf Feldsteinen, Sandstein oder Eichenholzpfählen? Die drei sehen sich ratlos an.
Ist Citypoker nicht viel zu kompliziert? Der Spiele-Professor winkt ab. Er hat die Geschichte der digitalen Schnitzeljagd studiert. Bislang, findet er, war das junge Genre ein blindes Stochern im Nebel des technisch Möglichen. Die skurrilen Ergebnisse waren bisweilen für die Zuschauer amüsanter als für die Spieler.
Bei "Pac-Manhattan" beispielsweise, einer Art "Fang den Hut", kostümierten sich New Yorker Studenten 2004 als Pixelfiguren eines Videospiels und jagten sich gegenseitig mit Hilfe ihrer Handys durch Manhattan. Die Presse überschlug sich, aber das Spiel setzte sich nie durch: viel zu aufwendig.
Einfacher, vielleicht zu einfach, ist das sogenannte Geocaching, die Schatzsuche per Satellitenortung: Jemand versteckt Krimskrams irgendwo auf der Welt und veröffentlicht die Koordinaten. Andere suchen den "Schatz" und lassen selbst etwas zurück. So richtig spannend ist das nicht.
Dagegen verbreitet sich zunehmend Reiseführer-Software für Navigationsgeräte, die Hintergrundinfos zu Sehenswürdigkeiten bietet. Für Erwachsene ist das vielleicht interessant, Kinder aber langweilt es. "Für Familien brauchen Sie eine Mischung aus Information und Spiel", sagt Schlieder, der selbst Kinder hat.
Damit im Urlaub alle auf ihre Kosten kommen, forscht der Digital-Kulturprofessor gemeinsam mit zwei Doktoranden und einer Handvoll Studenten an einer Art universellem Grundrezept für digitale Schnitzeljagden. Drei Zutaten seien dazu nötig: Strategie, Sport, Stadtführer.
Schlieders Artikel über Geogames werden international mit großem Interesse verfolgt. Und auch die Drittmittel sprudeln. Denn die Mobilfunkbranche freut sich über alles, was Datenverkehr generiert; und die Spiele-Industrie schielt nach Neuigkeiten für den rasant wachsenden Markt der Handygames. Auch ein Autokonzern sucht angeblich die Kooperation, um sein Navigationssystem aufzurüsten. Und für einen Tourismusverein entwickelt Schlieders Team ein Reiseführerspiel namens Flussparadies Franken.
Natürlich ist es ungerecht, dass beim Citypoker die Gegner durchs flache Bremen radeln dürfen, während sich die Bamberger die steile Gasse zum Stephansplatz emporkämpfen müssen. Trotzdem: Noch haben die Franken die besseren Karten.
Doch auf einmal wendet sich das Blatt. Die Bremer holen auf. Fieberhaft palavern die Bamberger über ihre Strategie, während sie am Bildschirm verfolgen, wie sich ihre Gegner auf das Versteck Nummer vier zubewegen. Dort lockt das Karo-Ass.
Plötzlich scheint vergessen, dass dies nur ein akademischer Versuchsaufbau ist. Fiebrig wie Kinder beim Ostereiersuchen rasen die Informatiker zurück in Richtung Rathaus, um den Plan ihrer Kontrahenten im Norden zu durchkreuzen und ihnen das Ass wegzuschnappen.
Vergebens. Die Bremer sind am Telefon. Sie haben ein Fullhouse, Bamberg hat verloren. HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 32/2007
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