13.08.2007

„Ein Bollwerk der Demokratie“

Der australische Historiker und Bestsellerautor Christopher Clark über Preußen und den deutschen Sonderweg
SPIEGEL: Herr Professor, was reizt einen Australier, der im englischen Cambridge lehrt, ein umfangreiches Werk über preußische Geschichte zu schreiben?
Clark: Ich habe in den achtziger Jahren in West-Berlin studiert und fand es faszinierend, am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße das Herz des alten preußischen Berlin zu betreten, das im Osten der geteilten Stadt lag. Man sagt, die Vergangenheit sei ein fernes Land, und in Berlin war genau das der Fall.
SPIEGEL: Und was hat Sie nach Berlin gelockt?
Clark: Es gibt zwischen Preußen und Australien manche Verbindung. Einer unserer größten Entdecker war Ludwig Leichhardt, ein Brandenburger, der in den 1840er Jahren Tausende Kilometer unter größten Strapazen durch Australien gereist ist. Er gilt als Alexander von Humboldt Australiens. Auch unsere Weinindustrie wurde von Einwanderern aus Preußen gegründet.
SPIEGEL: Das klingt nach Folklore.
Clark: Es gibt auch politische Analogien. Australien ist wie Preußen ein Kunststaat. Die einzelnen Kolonien waren etabliert, bevor es Australien gab. Auch Brandenburg, Schlesien, Pommern existierten vor Preußen.
SPIEGEL: Und das rechtfertigt den Begriff Kunststaat?
Clark: Nehmen Sie Preußen 1815. Ungefähr die Hälfte der Einwohner waren eine Generation zuvor noch nicht Preußen gewesen. Und das hat sich oft wiederholt: Immer wieder mussten neue Bevölkerungsgruppen integriert werden. Nach den Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg siedelten sich Einwanderer in Brandenburg an, mit den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts kamen neue Landesteile hinzu, später wurden dann die Gebiete im Westen und das Großherzogtum Posen zu Preußen geschlagen.
SPIEGEL: Die Vielfalt Preußens hat die Beobachter schon immer fasziniert. Es war Hort der Aufklärung mit einem vorbildlichen Rechtssystem, lag an der Spitze bei der Bekämpfung des Analphabetentums, die Universitäten genossen Weltruf. Gleichzeitig dominierten die Militärs das Land. Wie lässt sich dieser Gegensatz erklären?
Clark: Ich würde gern eine Gegenfrage stellen: Ist Preußen wirklich so viel widersprüchlicher als andere Staaten, dass dies nach einer eigenen Erklärung verlangt? Wenn es im 19. Jahrhundert ein Land gibt, das modern und kapitalistisch ist, mit einer freiheitlichen Verfassung, dann die USA. Zugleich finden Sie dort Sklaverei, Rassismus und die Ausrottung der Indianer mit einem beinahe genozidalen Krieg ...
SPIEGEL: ... das kleine Preußen und die großen USA eignen sich schlecht für einen Vergleich.
Clark: Gut, also nehmen Sie Großbritannien: ein parlamentarisches und vergleichsweise liberales Regierungssystem. Und
dann kommt es ab 1845 in Irland, das zu Großbritannien gehört, zu einer Hungersnot, und die britischen Behörden verschleppen Hilfsmaßnahmen, so dass bis zu einer Million Menschen sterben. Wäre das im polnischen Teil Preußens passiert, würde man heute von einem Vorspiel zur Polenpolitik des "Dritten Reichs" sprechen.
SPIEGEL: Wie begründen Sie denn, dass immer wieder Beobachtern die Gegensätzlichkeit Preußens auffiel?
Clark: Diese Figur des Paradoxes stammt ursprünglich von Madame de Staël, die 1810 schrieb, Preußen sei wie ein Januskopf, mit zwei Gesichtern. Das wurde von den Historikern übernommen und weitergegeben, bis die Modernisierungstheoretiker im 20. Jahrhundert behaupteten: Preußen ist zerrissen zwischen Moderne und Rückständigkeit, und daraus resultiert ein deutscher Sonderweg, der zu 1933 führt.
SPIEGEL: Preußen gleich Deutschland?
Clark: Mit dem deutschen meint man eigentlich den preußischen Sonderweg. Wenn man von der Beharrung alter Eliten spricht, meint man die Junker, wenn man von der Übermacht des Staats spricht, meint man den preußischen Staat. Im kollektiven Gedächtnis ist diese Version zu einer Art zebragestreifter Meistererzählung geworden.
SPIEGEL: Was sollen wir uns darunter vorstellen?
Clark: Gutes und Böses wechseln sich angeblich ab, also schwarz-weiß-schwarzweiß. Erst kommt im 18. Jahrhundert die Aufklärung - da heißt es "Hurra". Für die Gegenaufklärung gibt es dann ein "Buh", für die Preußischen Reformen wieder ein "Hurra", anschließend für die Restauration ein "Buh" und so weiter.
SPIEGEL: Was finden Sie daran falsch?
Clark: Damit macht man es sich zu einfach. Natürlich ist es eine legitime Frage, wie es zu 1933 kommen konnte. Diese Frage hat aber die preußische Geschichte bislang zu stark überschattet. Oft ist vorher klar, wer die Bösen - die Wegbereiter Hitlers - sind und wer die guten, die progressiven Kräfte.
SPIEGEL: Bitte ein Beispiel.
Clark: Nehmen Sie die Junker und die Bauern im 18. Jahrhundert.
SPIEGEL: Nach gängiger Lesart begann damals die Militarisierung der Deutschen. Die Bauern mussten als Soldaten dienen, die Offiziere entstammten den Familien adeliger Gutsherren, die damit nicht nur Arbeitgeber der Bauern waren, sondern auch deren militärische Vorgesetzte wurden.
Clark: Genau. Aber die meisten Männer haben nicht oder nur kurz gedient; das Heer bestand zu einem Drittel aus Ausländern. Die Soldaten arbeiteten zudem nebenbei, ihre Frauen wohnten bei ihnen. Die Männer wurden nicht in Kasernen zusammengezogen und dann indoktriniert. Das kam viel später. Preußen war ein militarisierter Staat, aber das ist ja nicht gleichzusetzen mit einer militarisierten Gesellschaft.
SPIEGEL: Am Urteil über die katastrophale Lage der Bauern ändert das wenig.
Clark: Auch da hat sich ein neues Bild ergeben. Wir wissen heute, dass die Bauern geklagt haben, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlten. Die Gerichte haben dann oftmals zu ihren Gunsten entschieden.
SPIEGEL: Das kann man auch anders lesen: In den Verfahren kam zur Sprache, dass die Landleute geschlagen und eingesperrt wurden. Und woher wissen wir, dass es jenen Bauern besser erging, die nicht klagten?
Clark: Was meinen Sie denn, wie es in England war? Da hat es die Prügelstrafe noch bis ins 20. Jahrhundert gegeben. Es ist nicht so, dass nur in Preußen der kleine Mann drangsaliert wurde. Den Bauern in Brandenburg ging es besser oder zumindest nicht schlechter als denen in Süddeutschland. Es fehlte nie an Einwanderern, die bereit waren, sich auf die preußischen Verhältnisse einzulassen.
SPIEGEL: Hat es in Preußen - anders als in Frankreich - vor 1848 keine Revolution gegeben, weil es den Bauern zu gut ging?
Clark: Das ist zumindest ein Argument.
SPIEGEL: Sie scheinen das Ausbleiben einer Revolution nicht zu bedauern.
Clark: Das ist ja die Kernfrage der Debatte um den Sonderweg. In England und Frankreich hat man die Könige geköpft. In Berlin rief die Menge während der Revolution 1848 Friedrich Wilhelm IV. zu "Hut ab"; sie rief nicht "Kopf ab". Aber deshalb sollte man nicht den Wandel unterschätzen, der sich in Preußen im 19. Jahrhundert vollzogen hat. Nehmen Sie die Revolution von 1848/49. Die war nicht nur ein Misserfolg.
SPIEGEL: Da sind wir gespannt.
Clark: Preußen wurde erstmals in seiner Geschichte ein konstitutioneller Staat. Es hat also eine Verfassung gegeben ...
SPIEGEL: ... die später der König und Bismarck manipulierten.
Clark: Aber dennoch war sie Bestandteil des öffentlichen Lebens. Auch wandelte sich die Pressepolitik, so dass eine liberale Öffentlichkeit entstand. Und viele Liberale von 1848 haben den Marsch durch die Institutionen angetreten und diese verändert. Ich bin nicht sicher, dass Deutschland an einem Revolutionsdefizit gelitten hat.
SPIEGEL: Sie beschreiben einen Wandel von oben, staatlich gewährt wie die Preußischen Reformen, nicht vom Volk erzwungen.
Clark: Wieder eine Gegenfrage. Was ist eigentlich besser: dass eine Verwaltung vernünftige Politik macht und dem Volk Reformen gewährt oder eine Situation wie in Frankreich mit den revolutionären Exzessen? Wo hätten Sie lieber gelebt: in Paris 1793 während des jakobinischen Terrors
oder im zugegebenermaßen etwas langweiligen Berlin? Es gehört zur Meistererzählung, die wir nur ungern loslassen, dass Revolutionen an sich etwas Fabelhaftes sind.
SPIEGEL: Dann widersprechen Sie vermutlich auch der These, dass in Preußen eine beeindruckende wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernität mit großer politischer Rückständigkeit einherging?
Clark: Das trifft erst auf das Preußen innerhalb des vereinten Deutschlands zu, also nach der Reichsgründung 1871. Da war Preußen mit seinem Dreiklassenwahlrecht wirklich rückständig gegenüber den anderen Gebieten des Reichs.
SPIEGEL: Es gibt also nicht einen preußischen, sondern nur einen deutschen Sonderweg?
Clark: Welches Land hat keinen Sonderweg?
SPIEGEL: Uns geht es um den Weg zu 1933.
Clark: Ich würde ihn nicht im Kaiserreich oder gar bei Luther beginnen lassen wie manche Sonderweg-Historiker, sondern eher mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Damit stehe ich übrigens nicht allein. Eine ganze Reihe britischer Historiker haben die Sonderweg-These kritisiert, vor allem aus der linken Ecke, was die deutschen Sonderweg-Historiker etwas irritiert hat.
SPIEGEL: Das klingt so, als wenn Preußen mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hat.
Clark: Die Sache wird dadurch kompliziert, dass die Nazis sich als Preußen ausgegeben haben. Von Joseph Goebbels gibt es den Satz: "Wo immer wir Nationalsozialisten auch stehen, in ganz Deutschland sind wir die Preußen." Die Nazis benutzten allerdings lieber den Begriff Preußentum, das war eine Abstraktion, eine Art Tugendkatalog: Kampfeswille, Gehorsam ...
SPIEGEL: ... die haben nur die schwarzen Streifen des Zebras genommen?
Clark: Ja, die uns heute schwarz erscheinenden Streifen. Die Nazis gingen dabei höchst selektiv vor. Friedrich den Großen haben sie als großen Feldherrn gefeiert, aber seine Frankophilie, seine Toleranz, seine ambivalente Sexualität haben sie verschwiegen.
SPIEGEL: In welchem Verhältnis steht denn nun Preußen zum Nationalsozialismus?
Clark: In einem absoluten Gegensatz. Preußen steht für die Hoheit des Staats, für die Idee, dass der Staat die gesamten Interessen der Zivilgesellschaft in sich aufnimmt. Für die Nazis war das unvorstellbar, sie wollten ein völkisches Gebilde an die Stelle des Staats setzen.
SPIEGEL: Was ist mit der preußischen Tradition des skrupellosen Angriffskriegs, mit Friedrich dem Großen, der 1740 in Schlesien einfiel?
Clark: Hitlers Kriege gegen Polen, Frankreich oder die Sowjetunion haben nichts mit dem Einmarsch Friedrichs in Schlesien gemein. Da gilt immer noch der Satz von Leopold von Ranke: Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott. Sie müssen sich in die Situation von 1740 versetzen.
SPIEGEL: Und was sehen wir dann?
Clark: Friedrich ist nur den Sachsen zuvorgekommen, und niemand hätte es den Sachsen übelgenommen, wenn sie Schlesien zuerst attackiert hätten. Es ging um die Erbfolge der Habsburger, die in Schlesien regierten. Und alle - Sachsen, Bayern, Franzosen und andere - wollten ein Stück von dem Habsburger Reich.
SPIEGEL: Und wie beurteilen Sie den von Bismarck provozierten Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71?
Clark: Die Franzosen waren nicht bereit, ohne Krieg ein geeintes Deutschland zuzulassen. Mit Hitlers Kriegen hat das nichts zu tun.
SPIEGEL: Dann ist vermutlich auch der Militarismus des Kaiserreichs kein Bindeglied zwischen Preußen-Deutschland und den Nazis?
Clark: Es gab in vielen Ländern Europas im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Militarisierungswelle, die ähnliche Formen angenommen hat. Sicherlich war das Militär im öffentlichen und privaten Leben in Preußen dominant. Der Dienst als preußischer Reserveoffizier galt vielen Bürgerlichen als Statussymbol. Selbstverständlich hat man bei öffentlichen Veranstaltungen den Militärs Ehrenplätze eingeräumt. Aber schauen Sie nach Großbritannien: Dort lockte die ultrarechte National Service League mit ihren Vorurteilen von der Überlegenheit der britischen Rasse gut 100 000 Mitglieder an, darunter 177 Abgeordnete aus dem Unterhaus.
SPIEGEL: Und wie verhält es sich mit der preußischen Armee, die keiner direkten parlamentarischen Kontrolle unterworfen war?
Clark: Da kann man wirklich von einem preußisch-deutschen Sonderweg sprechen; die Armee war eine Art Prätorianergarde des Königs und Kaisers. Nur verschieben Sie damit die Perspektive. Bisher sah man im Militarismus ein kulturelles Phänomen. Die Deutschen seien Ende des 19. Jahrhunderts reaktionär, chauvinistisch und ultranationalistisch geworden aufgrund einer Militarisierung der Gesellschaft. Ich sehe im Militarismus vor allem ein politisches Phänomen. Das lässt sich gut in Deutsch-Südwestafrika beobachten.
SPIEGEL: Sie meinen den Völkermord an den Herero nach deren Aufstand 1904?
Clark: Ja, der Genozid erklärt sich nicht aus einem Militarismus in den Köpfen, sondern daraus, dass Generalleutnant Lothar von Trotha, Spross einer preußischen Militärfamilie aus Magdeburg, Amok lief. Er ließ die Männer der Herero erschießen und Frauen und Kinder in die Wüste treiben, gegen den Protest des zivilen Gouverneurs. Aufgrund der Militärverfassung dauerte es einige Zeit, bis Bernhard von Bülow, Kanzler und preußischer Ministerpräsident, in Berlin mit einer Intervention beim Kaiser dem Morden Einhalt gebieten konnte. Da war das Schlimmste schon passiert. Bülow hatte eben über Trotha keine direkte Befehlshoheit.
SPIEGEL: Warum sehen Sie in dem Genozid nicht einen Beleg für eine besondere Dehumanisierung preußischer Militärs?
Clark: Preußen-Deutschland ist nur eine von vielen Mächten, die in den Kolonien wüteten. Nehmen Sie den Krieg der USA auf den Philippinen zwischen 1899 und 1902; mindestens 250 000 Einheimische sind umgekommen, die Amerikaner haben nur einige tausend Soldaten verloren. Da gab es Befehle, die einen ausgesprochen genozidalen Charakter hatten. Brigadegeneral Jacob H. Smith etwa gab Order, im Kampfgebiet jeden Filipino älter als zehn Jahre niederzumähen.
SPIEGEL: Den Epocheneinschnitt von 1933 erklären Sie mit solchen Vergleichen nicht.
Clark: Daran bleibt in der Tat etwas Unbegreifliches. Noch am besten lässt er sich aus der extremen Zerrüttung im Ersten Weltkrieg herleiten. Deutschland ist da ein völlig anderes Land geworden.
SPIEGEL: Also erfolgte die sogenannte Machtergreifung Hitlers nicht wegen Preußen?
Clark: Der Staat Preußen war in der Weimarer Republik sogar ein Bollwerk der Demokratie mit dem Sozialdemokraten Otto Braun als Ministerpräsident, einer zutiefst preußischen Gestalt.
SPIEGEL: Sie vergessen die zahlreichen Junker, die 1933 das Ende der Demokratie begrüßten.
Clark: Nein, natürlich nicht. Mein Kollege Stefan Malinowski hat vor einigen Jahren unwiderlegbar die Affinitäten zwischen dem preußischen Adel und dem Nationalsozialismus dargelegt. Aber interessant ist auch, dass jemand wie der Reichspräsident Paul von Hindenburg eben nicht ein Mann preußischer Traditionen war, auch wenn er das behauptet hat. Seine frühe Karriere wurde geformt durch die Einigungskriege, seine Ansichten hatten mehr mit dem deutschen Nationalismus als mit preußischen Traditionen zu tun.
SPIEGEL: Immerhin folgte er den Einflüsterungen seiner ostelbischen Kamarilla, und so regierten die Junker 1932/33 auf fatale Weise mit.
Clark: Das stimmt. Hindenburg hat zwei der Vorgänger Hitlers, die Reichskanzler Brüning und Schleicher, auch deshalb entlassen, weil sie Sympathien für eine Bodenreform signalisierten, die zur Aufteilung bankrotter ostelbischer Gutshöfe geführt hätte. Erwähnen muss man auch die Arroganz des preußischen Adels gegenüber Hitler, seine völlige Unfähigkeit, die Gefahr dieses Mannes zu sehen. Die Otto Brauns waren da viel hellsichtiger. Insofern bestreite ich auch nicht, dass in dem Beziehungsgeflecht, das Hitler an die Macht gebracht hat, viele Stränge des preußischen Erbes zu finden sind. Aber es sind immer nur Teilbereiche, in denen preußische Resttraditionen weiterwirkten.
SPIEGEL: Zählen Sie dazu auch die Wehrmacht mit ihrem normfreien Gehorsamsbegriff?
Clark: Ja, wobei ich bestreite, dass der entleerte Gehorsamsbegriff ein preußischer war. Unter den Widerständlern gegen Hitler sind die ostelbischen Familien bezeichnenderweise besonders prominent vertreten. Henning von Tresckow, einer der führenden Köpfe des 20. Juli, sagte ausdrücklich: Wir verabscheuen die Abkoppelung des Gehorsamsbegriffs von einer moralischen Verpflichtung. Das habe es auch im alten Preußen nicht gegeben.
SPIEGEL: Viele Widerständler erinnerten sich erst nach Stalingrad an diese Maxime.
Clark: Gut. Aber welche Beweise gibt es denn, dass die Preußen die größeren Nazis waren? Nehmen wir die Ebene des Völkermords. Es müsste ja relativ leicht zu beweisen sein, dass sich Badener oder Hamburger nicht zum Massenmord eigneten.
SPIEGEL: Sie spielen auf das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 an?
Clark: Diese scheinbar liberalen, vom Mittelstand geprägten Polizisten aus der Hansestadt haben in Polen wie Mordmaschinen gewütet. Wenn überhaupt Gruppen unter den Holocaust-Tätern auffallen, dann sind es die Österreicher und die Deutsch-Balten. Sie sind deutlich überrepräsentiert. Nicht die Preußen. Das ist schon eine Art der Entsorgung der Vergangenheit gewesen. Denn bis vor kurzem hat niemand gefragt, warum eigentlich Hamburger oder Sachsen am Holocaust derart beteiligt waren.
SPIEGEL: Sie können der These vom preußisch-deutschen Sonderweg offenbar gar nichts abgewinnen.
Clark: Die Sonderweg-These war fruchtbar, weil sich die klügsten Geister damit auseinandergesetzt haben. Und sie erfüllte einen volkspädagogischen Zweck, denn sie ermöglichte es, verschiedene Problemkomplexe wie Militarismus, Gehorsamskult, Autoritätsgläubigkeit über den Begriff Preußen zusammen mit dem Nationalsozialismus in einen Topf zu werfen. Das hat die Entstehung einer liberalen Bundesrepublik erleichtert. Aber jetzt ist es Zeit, andere Fragen zu stellen und Raum zu schaffen für neue Sichtweisen.
SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Christopher Clark
zählt zu den führenden Deutschland-Historikern in der englischsprachigen Welt. Seine Geschichte Preußens stand monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Clark, 46, lehrt am St. Catharine's College im britischen Cambridge.
* Links: Hinrichtung von Afrikanern in Deutsch-Südwestafrika um 1905; rechts: auf den Philippinen 1899.
* Oben: im Potsdamer Schloss Sanssouci 1991; rechts: Klaus Wiegrefe und Martin Doerry in Berlin.
Von Klaus Wiegrefe und Martin Doerry

DER SPIEGEL 33/2007
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