20.08.2007

INTEGRATIONDer Fremde

34 Jahre lebt der Türke Muharrem E. wie ein besserer Deutscher in München, mit Arbeit, Kindern, Eigentumswohnung. Dann verliebt sich seine Tochter in einen Deutschen. Die türkische Familie entführt ihn und wird zum Musterfall für die Grenzen von Integration. Von Barbara Hardinghaus
Als der Richter fragt, ob einer der Angeklagten noch etwas zu sagen habe, steht Muharrem E. auf und sagt, dass er seine Tochter sehr liebe, trotz allem.
Seine Tochter Fatma ist 20 Jahre alt und sitzt vor ihm auf einem einfachen Stuhl aus Chrom. Sie ist die Zeugin, die als letzte gesprochen hat. Sie hat dabei ihren Vater belastet, ihre Mutter, ihren Bruder, die auch auf der Anklagebank sitzen. Als die Tochter die Sätze ihres Vaters hört, bricht sie zusammen, sie weint, zittert und verhängt ihre Augen hinter ihren schwarzen Locken.
Es sind nur eineinhalb Meter, die jetzt in Raum B 309 des Münchner Landgerichts zwischen dem Vater und seiner Tochter liegen, äußerlich sind sie getrennt durch ein kleines Stück groben Teppichbodens, einen Tisch aus Holz, aber was sie tatsächlich trennt, ist ein Irrtum; dass Muharrem E., der vor 34 Jahren aus Südostanatolien nach Deutschland aufbrach, glaubte, in diesem Land angekommen zu sein. Tatsächlich aber kam er nie an.
Muharrem E. setzt sich, er legt seine spröden Hände in den Schoß auf seine Hose aus Cord. Als seine Tochter den Gerichtssaal verlässt, wird sie von einer Zeugenbetreuerin gestützt. Muharrem E. senkt den Kopf. Die Mutter senkt den Kopf, der Bruder auch. Sie sehen Fatma nicht an.
An einem Morgen im Dezember sollen sie gemeinsam einen jungen Mann aus Deutschland an der U-Bahn-Station Dülferstraße entführt haben, sie sollen ihn geschlagen und gedroht haben, ihn umzubringen.
Sie hören jetzt die Worte, die der Richter spricht, sie hören andere Zeugen, Polizisten vor allem, eine Gutachterin. Sie hören, wie sich die Geschichte ihrer Familie Stück für Stück zusammensetzt, und je länger sie dieser Geschichte zuhören, desto mehr verstehen sie, dass sie wirklich stimmt.
Es war der 13. Dezember, als sie aufbrachen, ein Mittwoch, kurz vor sechs Uhr, dunkel. Sie verließen ihre Wohnung, stiegen in den weißen Fiat Tipo, verließen die kleine Siedlung im Westen der Stadt. Die
Männer saßen vorn, Mehmet, der Bruder, Muharrem E., der Vater, sie trugen Mützen und Handschuhe aus schwarzem Leder, sie fuhren über den Mittleren Ring, acht Kilometer bis an die U-Bahn-Station, und warteten.
Sie sahen Sascha, als er den Gehweg entlangkam, an den Autos vorbei, die sich an diesem Morgen Richtung Innenstadt schoben. Vor der Rolltreppe, dort, wo die U-Bahn-Station schon überdacht ist, griffen sie ihn, erst nur seine Trainingsjacke, dann seinen rechten Arm, sie drehten ihn auf seinen Rücken.
"Du weißt schon, warum", sagt der Vater, Muharrem E. In diesem Moment begegnen sich Sascha und er zum ersten Mal.
Sascha - 19 Jahre alt, blond, kurze Haare, der gern Fußball spielt, der Raumausstatter lernt, der seinen Meterstab und eine Schere und Brote kurz vorher in seine Tasche gepackt hatte und der wie immer um diese Zeit auf dem Weg war von seiner Wohnung zur Schule, in Turnschuhen, mit losen Schnürsenkeln - wusste, warum.
Er war ein Deutscher und seit zwei Jahren mit Fatma zusammen, der jüngsten Tochter der Familie, sie wohnte seit einigen Wochen bei ihm. Sascha fühlte die Hände auf seinem Rücken und sah den Wagen, die Mutter auf der Rückbank.
"Ich gehe da nicht rein", sagte Sascha.
Aber sie rissen ihn, zerrten ihn, der Vater schlug ihm zweimal mit der flachen Hand ins Gesicht. Er sah den Jungen an.
"Wo ist sie?", schrie er.
Fatma war zu Hause, in Saschas Wohnung, das wusste Sascha, sie räumte die Küche auf, sie wollte zum Frauenarzt, sie dachte an ihn, Sascha, und daran, dass sie schwanger sein könnte.
Fatma wusste, dass ihre Eltern schon lange versuchten, mit ihr zu reden, sie hatten ihr gedroht. Sie sollte nach Hause kommen, aber sie wollte nicht mehr nach Hause.
"Wo?", schrie der Vater wieder.
Sascha schwieg. Er dachte an sie, Fatma.
"Hurensohn!"
Sie wollten sein Handy, Sascha weinte. Er log, er sagte, er habe kein Handy, er behauptete das so lange, bis sie ihm das Telefon aus seiner Hosentasche zogen. Sie wollten Fatma anrufen und hofften, sie würde abnehmen, sobald sie Saschas Nummer auf ihrem Display erkennen würde.
Sie fuhren zum Sportplatz in der Nähe, auf die Bezirkssportanlage Moosach, hielten auf einem Abstellplatz, der Bruder stellte den Motor ab, machte das Licht aus und wählte Fatmas Nummer.
Aber Fatma ging nicht ran. Es war ein Zufall. Die Männer wurden wütend. Die Mutter saß hinten und schwieg.
"Am liebsten würde ich dich umbringen, die Polizei findet ja eh nichts, ich habe Handschuhe", schrie der Bruder.
"Gib mir meine Tochter zurück, sonst bringe ich dich um", schrie der Vater.
Im Wohnzimmerschrank der Familie lagen Flugtickets, eins war auf Fatmas Namen ausgestellt, München-Istanbul, nur Hinflug, und von dort aus weiter in die Provinz.
Das war der Plan. Die Heimat, die sie verlassen hatten, erschien ihnen plötzlich als Lösung.
Muharrem E. überlegte eine Weile, es wurde hell, der Himmel brach auf, dann befahl er seinem Sohn, zu Saschas Wohnung zu fahren.
Als Sascha sagte, er habe keinen Schlüssel, Fatma habe ihn, drohten sie, ihn auszuziehen.
Da hielt Mehmet plötzlich inne, er wartete einen Moment und sagte, er müsse auf die Toilette.
Es war ein Moment, in dem er verstanden haben könnte, dass er in zwei Welten lebte, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. In der einen Welt ist Mehmet Deutscher, der lebt wie ein Deutscher, denkt, fühlt wie ein Deutscher; in der anderen Welt ist er der Sohn eines türkischen Vaters, der sich, wie sein Sohn, bemüht, deutsch zu denken, aber der das nicht schafft, weil er irgendwann einen Punkt erreicht, an dem er scheitert.
Auch Sascha sagte, er müsse auf die Toilette, und als er fertig war, musste er in der Aral-Tankstelle, im Shop, warten. Er sah, wie der Vater ihn vor der Tür bewachte, und Sascha wusste, dass er nur jetzt eine Chance hätte, jetzt, da Muharrem E., 59 Jahre alt, ein älterer, langsamer Mann, sein einziger Gegner war.
Sascha blickte die Verkäuferin an, schwieg, drehte sich um, rannte los, spürte vor der Tür eine Hand, die grob war, die ihn fasste, von der er sich losriss. Sascha stolperte, rannte weiter, an den Säulen vorbei, über den Hof auf die Straße, verlor seine Schuhe, den Meterstab, seine Schere, aber er schaffte es.
Um 10.16 Uhr, kurze Zeit später, viereinhalb Stunden nachdem die Familie die kleine Siedlung verlassen hatte, stand die Polizei vor der Tür. "Nicht böse reden, nicht schlagen, nicht schimpfen", sagte Muharrem E. Er hob die Hände, wie ein Mann ohne Schuld. Auf der Polizeiwache schreibt Mehmet seiner älteren Schwester, die in der Türkei lebt, eine SMS: "Etwas ist scheiße gelaufen, ich melde mich, wenn ich zu Hause bin."
Er hatte nicht alles verstanden.
Mehmet kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Noch am Nachmittag kam er in Untersuchungshaft, wie sein Vater und seine Mutter, jeder in eine andere Zelle.
In Raum B 309 des Münchner Landgerichts treffen sie sich wieder, das erste Mal seit dem Tag im Dezember, aber sie wechseln keine Blicke, keine Worte, sie sehen Sascha neben seinem Anwalt sitzen, den Jungen, den sie entführt hatten, der immer noch Angst hat.
Eine Woche nach der Entführung berichten Zeitungen über eine Geiselnahme,
über den Fall der türkischen Familie. Ein "trauriges und ärgerliches" Beispiel für misslungene Integration sei das, sagte der Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt. Die Familie habe nichts dazugelernt. Sie habe ihr Bleiberecht verwirkt, sagte Bayerns Sozialministerin Christa Stewens. Wer sich wie der Vater dieser Familie, hartnäckig weigere, das Selbstbestimmungsrecht der Menschen und damit die freiheitlich-demokratische Grundordnung anzuerkennen, solle in sein Heimatland zurückgehen.
Es gab in den Berichten keinen Hinweis darauf, dass Muharrem E. lange in diesem Land funktioniert hatte.
1973 war er nach Deutschland gekommen, als lediger junger Mann, der im Südwesten der Provinz Adiyaman aufgewachsen war, in Besni, in karger Landschaft mit wenigen Hügeln und vielen Ruinen, mit einem Vater, der Vorbeter war, mit sieben Geschwistern. Muharrem E. besuchte in der Türkei fünf Jahre lang die Schule, er wurde Stahlarbeiter und ging zum Militär.
In München fand er nach ein paar Monaten Arbeit bei Krauss-Maffei, dem Rüstungskonzern. Zu seinen Aufgaben gehörte es von nun an, mit einem Gabelstapler Stahlteile durch das Lager zu fahren. Er trug eine blaue Latzhose, einen blauen Anorak und Sicherheitsschuhe, er heiratete in der Türkei, sie bekamen ihr erstes Kind, eine Tochter. Als der Vater in München eine Wohnung mit mehr Platz gefunden hatte, holte er die Familie in sein neues Leben.
Sie bekamen einen Sohn, danach eine zweite Tochter, Fatma. Jeden Morgen um vier Uhr setzte sich Muharrem E. auf sein silbernes Herrenrad und fuhr drei Kilometer bis zum Werkstor, an dem er oft stand, weil er zu früh war, und dann wartete, bis sie ihm öffneten. Am Mittag fuhr er immer zurück, setzte sich auf die Eckbank zu Hause, aß, meistens Fleisch, fuhr zurück und kam wieder zu früh.
Er war pünktlicher als jeder Deutsche.
Es habe nie Reklamationen gegeben, während er lud und fuhr, sagt ein Kollege. Er sei keinen einzigen Tag zu spät gekommen, in 34 Jahren nicht, bis zum Tag nach seiner Festnahme. Da kam Muharrem E. gar nicht mehr. Die Latzhose blieb hängen. Sie stammt aus einer Zeit, in der Muharrem E. noch als der gute Ausländer galt.
Seine älteste Tochter, Turan, war Zahnarzthelferin geworden in der Türkei, seine jüngste Tochter, Fatma, machte ihren Hauptschulabschluss in München und begann eine Lehre als Raumausstatterin wie Sascha. Sein Sohn Mehmet, der heute 26 ist, ging auch auf die Hauptschule, besuchte die Wirtschaftsschule, die Fachoberschule und jobbte bei einem Fahrzeughersteller, MAN, er begann dort eine Ausbildung als Fachkraft für Lagerwirtschaft, bekam seinen Gesellenbrief, lernte samstags zusätzlich Industriemechaniker und erhielt auch eine Stelle bei MAN. Währenddessen entschloss er sich zum Abendstudium, jeden Tag nach der Frühschicht, an der Wirtschaftsakademie.
Er kaufte eine Wohnung, fünfziger Jahre, vier Zimmer, und bezahlte den Kredit ab, 46 000 Euro, gemeinsam mit seinem Vater.
Mehmet erzählt das alles dem Richter, der ihn nach der Familiengeschichte fragt. Am Ende fasst der Richter drei Lebensläufe zusammen, und jedes Mal endet er mit einem Vermerk aus der Akte der Polizei: "Keine Eintragungen".
Es ist nicht möglich, mit Muharrem E. über sein Leben zu sprechen, er sitzt im Gefängnis, er möchte nicht reden. Aber seine älteste Tochter Turan spricht, über ihren Vater und über die Nöte einer türkischen Familie, die sich bemüht hat, in Deutschland anzukommen.
Der Vater, sagt Turan, habe die Verfassung respektiert. Er sei nicht ein einziges Mal bei Rot über die Ampel gefahren. Sie sagt, er habe nie einen Fehler machen wollen.
Turan ist 30 und nach ihrer Hochzeit vor zehn Jahren zurück in die Türkei gegangen, nach Istanbul. Als sie las, was ihr Bruder geschrieben hatte nach der Entführung in seiner SMS, brach sie auf und flog nach München.
Einige Tage nach der Verhandlung kommt sie in den Türkisch Islamischen Verein, sie redet und sieht sich um in den Räumen, in denen ihr Vater oft geholfen hat, in denen es Deutschkurse gibt und einen Tag der offenen Tür für die deutschen Nachbarn, die ihre Vorurteile verlieren sollen. Im Büro setzt Turan sich, sie steckt eine Sonnenbrille in ihr langes zusammengebundenes Haar. Sie sagt, sie habe selbst erst spät vom neuen Freund der Schwester gehört.
Sascha und Fatma lernten sich am Schwarzen Brett in der Berufsschule kennen, beim Einschreiben am ersten Tag ihrer Ausbildung. Er sah sie, ihre dunklen Locken.
Sie gingen Eis essen, sie schrieb ihm Briefe und er ihr, einen der Liebesbriefe ließ Fatma auf ihrem Schreibtisch liegen, in dem Zimmer, das sie mit ihrem Bruder teilte. Mehmet sah den Brief, las ihn und fragte Fatma, was der Brief zu bedeuten habe. Das war vor drei Jahren.
Mehmet beschloss, Sascha zu treffen. An der S-Bahn-Station Moosach fragte er Sascha, ob er es ernst meine mit Fatma. Sascha nickte, das genügte Mehmet, und als die Mutter ihn fragte, was mit Fatma los sei, sie schminke sich, antwortete Mehmet, sie sei verliebt, in Sascha, einen deutschen Jungen.
Der Bruder und die Mutter riefen in der Türkei an, bei Turan, und erzählten es ihr.
Der Vater las im Koran, jeden Abend, holte den Gebetsteppich vom Schrank im Schlafzimmer, rollte ihn aus, betete, sobald die Sonne untergegangen war, sah die Nachrichten im Fernsehen, aber er wusste nichts von Fatma und Sascha.
Und wenn Muharrem E. in den Verein kam, lachte er, machte Späße, gab Tee aus und Coca-Cola.
Sascha und Fatma sahen sich am Morgen, am Nachmittag in der S-Bahn, der S4,
in den Pausen an der Schule und in der Werkstatt, sie nähte, er polsterte.
Muharrem E. wusste lange nichts, zwei Jahre lang.
Aber als die beiden begannen, sich auch zu sehen, wenn eigentlich Unterricht war, als ihre Noten schlechter wurden, Fatma ihre Prüfung nicht bestand und der Vater sich sorgte, weil seine jüngste Tochter als Baby hohes Fieber gehabt hatte, weil sie vieles spät lernte und er wollte, dass sie ihren Abschluss schaffte, fragte jetzt auch Muharrem E., was mit Fatma los sei.
Der Bruder und die Mutter sagten es ihm.
An einem Vormittag im Frühjahr 2006 stand Mehmet auf dem Hof der Schule. Er passte Sascha ab, fragte ihn, warum er Fatma liebe. Sascha antwortete: "Ich liebe sie halt."
"Du darfst nicht mit ihr zusammen sein", sagte Mehmet.
Von da an musste Fatma pünktlich zu Hause sein, und war sie es nicht, vielleicht weil die S4 Verspätung hatte, schlug der Bruder sie. Er tat, was sein Vater verlangte.
Im Sommer fuhr die Familie in die Türkei, sie machten Urlaub. Fatma vermisste Sascha, und als sie zurück in München waren, ging Fatma zu Sascha und blieb bei ihm, das erste Mal.
Die Familie meldete das bei der Polizei, und der Beamte erinnerte sie daran, dass Fatma volljährig sei und man in Deutschland lebe.
Wenn Muharrem E. jetzt in den Verein kam, lachte er nicht mehr so viel, aber sagte nicht, warum.
Er schickte seine Frau in die Schule. Der Mutter gelang es, mit Fatma zu sprechen, sie redeten eine Viertelstunde lang, sie hielten sich im Arm und fuhren zusammen nach Hause. Nach einer Woche aber, an einem Tag, an dem Fatma ihren Verlobungsring auf den Tisch im Wohnzimmer gelegt hatte, um zu duschen, sie zurückkehrte und den Ring nicht fand, ging sie das zweite Mal.
Sie kam auch nicht, als der Vater im Krankenhaus lag, am Knie operiert wurde und nach seiner Tochter fragte. Später, im Verein, fragten sie Muharrem E., warum er so oft stritt, warum er plötzlich aggressiv war.
Muharrem E. schwieg und stand am Morgen noch früher am Werkstor.
Der Bruder überlegte, auszuziehen.
Es gab zu viele Probleme, Mehmet wollte sich für eine Welt entscheiden, in der er Deutscher war, aber er wollte auch der Sohn seines Vaters bleiben.
An einem Sonntagnachmittag setzten sie sich gemeinsam an den Küchentisch und überlegten, der Vater, die Mutter, der Bruder, sie diskutierten, sie erstellten einen Plan.
Drei Tage später brachen sie auf, es war der 13. Dezember, ein Mittwoch, kurz vor sechs Uhr, dunkel.
Und alles bricht zusammen. Der bessere Deutsche wird zum gescheiterten Ausländer.
Im Verein, erklärt Turan, die älteste Tochter, habe es geheißen: "Die Tochter von Herrn E. ist abgehauen". Niemand habe gesagt: "Die Fatma ist abgehauen."
"Verstehen Sie?"
Es gehe um Ehre und um Ansehen, in der türkischen Gemeinde habe man schon über den Vater gesprochen. Turan sagt, es gehe oft nur so lange gut, wie die deutschen Werte nicht auf die türkischen Werte träfen. Das sei ein alltägliches Problem.
Dass ihr Vater etwas Unrechtes getan habe, sagt sie, habe er erst während der Verhandlung verstanden, als er hörte, was jeder sagte im Saal, als der Staatsanwalt plädierte, auf sieben Jahre ohne Bewährung, und der Richter das Urteil sprach.
"In der Strafsache gegen Muharrem E., Aktenzeichen 114 Js 12862/06, ist der Angeklagte des erpresserischen Menschenraubs in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung schuldig. Die Kammer verhängt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten, ohne Bewährung."
Der Richter begründet sein Urteil, er sagt, dieser Fall sei nicht weit entfernt von der nächsten Stufe, den Ehrenmorden. Das Urteil soll auch ein Signal sein.
Den Bruder, Mehmet, verurteilt der Richter zu drei Jahren und drei Monaten ohne Bewährung, die Mutter zu einem Jahr, sechs Monaten, auch ohne Bewährung.
Der Bruder, die Mutter regen sich nicht, der Vater regt sich nicht, bis Polizisten sie abführen.
Sie hatten nicht einmal gewusst, was sie mit Sascha gemacht hätten, ob sie ihn hätten laufenlassen oder nicht, später, nachdem sie Fatma am Telefon erreicht hätten.
Turan kümmert sich gerade darum, das Haustier der Familie, einen grauen Papagei, unterzubringen, sie überlegt, die Wohnung zu verkaufen, in einigen Tagen fliegt sie zurück in die Türkei.
Mehmet wird nach Stadelheim verlegt, in das Gefängnis seines Vaters. Die beiden werden sich beim Hofgang begegnen, sie werden sich sehen, aber sie werden nicht miteinander sprechen, nicht mehr.
Mehmet hat sich für eine Welt entschieden, für die, in der er Deutscher ist.
Am Samstag nach der Verhandlung sitzt Sascha neben Fatma am Küchentisch seiner Schwester, die Sonne scheint durch das Fenster, Katzen spielen. Sascha trägt ein hellblaues Trikot von 1860 München, seinem Verein, er will am Abend zum Spiel, vorher geht er mit Fatma, die er heiraten wird in diesem Sommer, zu einem Jahrmarkt. Während sie erzählen, blättern sie durch eine Zeitschrift für junge Eltern aus der Apotheke, weil Fatma schwanger ist.
Sascha sagt, es gehe ihm gut jetzt, und auch Fatma sagt, es gehe ihr gut jetzt und dass sie ihren Vater sehr liebe, trotz allem.
Muharrem E. teilt seine Zelle mit vier weiteren Gefangenen, er schläft oben im Etagenbett, sein Knie schmerzt, er besitzt ein paar Kleidungsstücke und zwei Lesebrillen.
Wenn er in drei Jahren das Gefängnis verlässt, wird er da stehen, wo er stand, als er nach Deutschland kam, am Anfang.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 34/2007
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