20.08.2007

KUNST„Unbegrenzte Möglichkeiten“

Der Kunsthistoriker Thomas Gaehtgens, 67, über seine Berufung zum Direktor an das Getty Research Institute in Los Angeles
SPIEGEL: Das Getty, die reichste Kunstinstitution der USA, hat Imageprobleme: Der Trust schasste seinen Präsidenten 2006 wegen Verschwendung, eine frühere Kuratorin steht vor Gericht, weil sie Hehlerware erworben haben soll. Soll ein seriöser deutscher Professor den Ruf retten?
Gaehtgens: Meine Berufung hat damit nichts zu tun. Unter dem Dach des Trusts existieren vier verschiedene Institutionen. Das Forschungsinstitut, das ich leiten werde, ist unabhängig vom Museum. Probleme beim Erwerb von Kunst gab es auch bei anderen amerikanischen und europäischen Sammlungen. Heute ist klar, dass beim Ankauf ethische Prinzipien eine Rolle spielen müssen.
SPIEGEL: Dennoch gilt die Berufung eines Europäers unter Ihren US-Kollegen als Sensation.
Gaehtgens: Die Wahl fiel vermutlich auf mich, weil ich die internationale Zusammenarbeit verstärken soll. Auch kenne ich das Haus gut, ich habe früher am Getty geforscht, arbeitete dort mehrmals in Beiräten.
SPIEGEL: Sie sind ein renommierter Fachmann für Kunst des 18. bis 20. Jahrhunderts. Wo werden Sie in Los Angeles die Schwerpunkte setzen?
Gaehtgens: Ich setze mich schon seit langem dafür ein, dass sich die Kunstgeschichte auch anderen Kulturen zuwendet. Aber wie westliche Kunst anderswo wirkt, welchen Einfluss Bilder etwa von Immendorf auf Künstler in Asien oder Lateinamerika haben - das sind Prozesse, die wir stärker erforschen sollten. Los Angeles ist dafür der richtige Ort.
SPIEGEL: Sie sind der Gründer und erfolgreiche Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris. Was zieht Sie aus dieser Gelehrtenidylle in das Imperium in Los Angeles?
Gaehtgens: Der Aufbau des Instituts, die Kooperation mit den französischen Kollegen - das alles war großartig. Jetzt steht das Haus auf soliden Grundlagen, es ist wissenschaftlich anerkannt. Meine Arbeit ist abgeschlossen. Und in Amerika am Getty locken die sprichwörtlich unbegrenzten Möglichkeiten - die größte kunsthistorische Bibliothek der Welt mit einer Million Bänden, dazu digitale Datenbanken, Fotos, Grafiken, Architekturmodelle, Künstlernachlässe. Obendrein erlaubt ein generöses Jahresprogramm 20 international ausgewiesenen Wissenschaftlern Forschung und Gedankenaustausch. Dieses Institut zu leiten ist eine ganz besondere Herausforderung.

DER SPIEGEL 34/2007
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