27.08.2007

LEHRERGanz normaler Wahnsinn

Die Germanistin Angela Furtkamp, 33, über ihren abenteuerlichen Einsatz als Aushilfslehrerin an Kölner Schulen
Klassentür auf, ich rein, Klassentür zu. So schnell wurde ich Lehrerin. Ohne Ausbildung, ohne Anleitung, ohne Überprüfung von Kompetenz und Eignung.
Ich habe lange als Journalistin unter anderem für das Kinderfernsehen gearbeitet, aber wegen meiner kleinen Tochter wünschte ich mir geregelte und überschaubare Arbeitszeiten. Also fasste ich den Entschluss, Lehrerin zu werden. An der Bewerbungshotline teilte man mir mit, dass ich für eine Stelle als Vertretungslehrerin nur ein abgeschlossenes Hochschulstudium brauchte. "Verena" nennt sich die Jobbörse des Schulministeriums Nordrhein-Westfalen. Dort fände ich die zu besetzenden Vertretungsstellen. Man solle sich gleich an die ausschreibende Schule wenden. Zwei Anrufe - eine katholische Schule in einem sozialschwachen Vorort von Köln war interessiert.
Zwei Tage später stellte ich mich vor, hatte mir viele Gedanken gemacht, was ich sagen soll, warum ich den Job haben will, und vor allem, warum ich wohl dazu befähigt sei. Aber im Lehrerzimmer begrüßte man mich gleich mit "Ah, die Neue!", und die einzige Frage lautete: "Wann können Sie anfangen?" Die Not war groß in dem kleinen Kollegium, denn sollte die Stelle nicht besetzt werden, drohten Unterrichtsausfall für die Kinder oder unbezahlte Überstunden für die Lehrer.
Wir verabredeten, dass ich in zwei Wochen anfangen sollte. Meine Aufgabe: Mutterschutzvertretung in einer vierten Klasse, vier Wochen à 20 Stunden. Fächer: Mathe, Deutsch, Sachkunde, Sport, Kunst. Plus Betreuung einer Projektwochengruppe. Ich dachte, man würde mich einweisen, begleiten, mir einen Arbeitsplan mit an die Hand geben. Stattdessen: Klassentür auf, ich rein, Klassentür zu. Allein mit 27 Kindern.
Mein erster Tag. Deutsch: Diktat. Mathe: Wiederholung der Grundrechenarten. Sachunterricht: Weiterführung der Arbeit zum Thema Römer. Sport: Völkerball.
Ein Tag, vier Stunden, und ich bin fix und fertig: 27 zum Teil präpubertäre Jungen und Mädchen, darunter: 16 ausländische Kinder; ein leicht autistisches Kind, das bald auf eine integrative Schule gehen wird; ein Kind mit ADHS.
Die vier Wochen vergehen wie im Flug. Ich lerne viel. Zum Beispiel, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, auf was ich mich da einlasse. Dass dieser Beruf ein hartes Brot ist. Und dass sich Schulverwaltung und Schulpraxis in zwei verschiedenen Galaxien bewegen.
Absurd finden das Ganze viele meiner Bekannten, denen ich von meinem neuen Beruf erzähle: "Ohne Ausbildung? Ohne Anleitung? Ohne Kontrolle? Das geht doch nicht! Wenn mein Kind in einer solchen Klasse wäre, würde ich das nicht wollen."
Die Absurdität steigert sich, als mir angeboten wird, eine erste Klasse als Klassenlehrerin zu übernehmen, mit voller Stundenzahl. Was für ein Unterfangen, ohne ein einziges Stündchen pädagogischer Ausbildung. Dass ich deutlich weniger als ein verbeamteter Lehrer verdiene, ist sicher auch ein Grund für so ein Angebot - denn es gibt ja in diesem Land durchaus ausgebildete Lehrer ohne Anstellung.
Ich will zwar weitermachen, denke aber an maximal 20 Stunden pro Woche Sprachunterricht, Leseförderung, Hausaufgabenbetreuung, Kunst. Und so weist man mir eine neue Stelle an der Nachbarschule zu, 17 Stunden.
An dieser Schule soll ich eine dritte Klasse leiten, gemeinsam mit der Schulleiterin. Meine Aufgaben: Deutschunterricht, Leseförderung und Sachunterricht. Dazu Kunst, Sport und Förderstunden in der flexiblen Schuleingangsphase sowie zwei Wochenstunden Hausaufgabenbetreuung in der offenen Ganztagsschule.
24 Kinder sind in der dritten Klasse, darunter türkische, russische, deutschrussische sowie ein albanisches, ein italienisches und ein mazedonisches Kind. Die Schulleiterin und ich arbeiten zunächst gemeinsam, beginnen mit einer leichten Übung und lassen einen kurzen Text abschreiben. Das Ergebnis: Kein Kind schafft es fehlerlos, manche Texte sind kaum zu entziffern - im dritten Schuljahr.
Dritter Tag, ich lerne den Unterrichtsalltag als ganz normalen Wahnsinn kennen. In der Klasse ist es meist laut, jeden Tag haben fünf bis zehn Kinder ihre Hausaufgaben
nicht gemacht. Sie haben Bücher nicht dabei, Hefte vergessen. Ich brülle oft, um für Ruhe zu sorgen - obwohl ich weiß, dass das falsch ist.
Ich sehe aber mein Felle davonschwimmen: Wie soll ich mich durchsetzen? Wie soll ich die Kinder benoten? Was ist ausreichend, was befriedigend? Ich nehme eine Woche lang Verben durch, am Ende der Woche lasse ich einen Test schreiben - haarsträubend ist das Ergebnis. Wie also soll ich es schaffen, den Kindern etwas beizubringen, und wie soll ich kontrollieren, ob sie etwas gelernt haben? Ich fühle mich überfordert. So kann ich den Kindern nicht gerecht werden.
Einige Stunden verbringe ich in den Klassen der flexiblen Eingangsphase, in der Erst- und Zweitklässler gemeinsam unterrichtet werden. In meinen - zugegeben laienhaften - Augen eine fragwürdig Einrichtung an einer Schule mit derartigem sozialen Hintergrund: Kinder sollen von Kindern lernen, sich helfen, sich Lerninhalte allein erschließen. Das mag funktionieren, wenn Kinder von zu Hause wissen, was Ruhe halten, ordentliches Arbeiten, Respekt und Fleiß bedeuten. Hier ist es ein Irrsinn, denn die schulisch schwachen Kinder lernen fast gar nichts. Sie sind großenteils überhaupt nicht in der Lage, selbständig zu arbeiten. Und die schulisch etwas stärkeren Kinder bleiben unterfordert auf der Strecke.
In der Eingangsphase behalten Kinder von sechs Jahren trotz mehrfacher Ermahnung ihren Lolli im Mund, malen statt der gewünschten Raupe Nimmersatt lieber die Diddl-Maus und bringen während des Unterrichts ein Regal zum Einsturz.
Im Montagmorgenkreis der dritten Klasse, in dem die Kinder ihre Erlebnisse vom Wochenende erst aufschreiben, dann vortragen sollen, bringt ein türkischer Junge in zehn Minuten zu Papier: Ic wa chbil - ich war spielen. Wir sind im dritten Schuljahr.
In der Frühstückspause prügeln sich plötzlich zwei Jungs, schlagen sich ins Gesicht, treten sich in den Bauch. Einen Tipp bekomme ich aus dem Kollegium: Nicht selbst dazwischengehen, sonst kriegt man noch was ab. Lieber andere Kinder dazwischenschicken, die schaffen das besser.
Und so lerne ich peu à peu kennen, was Schule in Problemstadtteilen bedeutet: mit Kindern umgehen, die jeden Morgen zu spät kommen, weil ihre Eltern nicht mit ihnen aufstehen und sie nicht rechtzeitig zur Schule schicken. Eltern mit geringer Bildung, wenig Geld, geringem Aufstiegswillen. Eltern mit Kindern, die also ganz auf sich allein gestellt sind - und deswegen so gut wie chancenlos.
Da ist der Junge, von dem ich nach zwei Wochen nebenbei erfahre, dass er Epileptiker ist und unter starken Medikamenten steht. Er selbst spricht so schlecht Deutsch und steht ohnehin so neben sich, dass er selbst mir das nicht sagen konnte. Da ist das Mädchen, das vor einigen Monaten wiederholt missbraucht wurde und zurzeit in Therapie ist. Da ist ein anderes Mädchen, das jeden dritten Tag vor mir steht und sagt: "Frau Furtkamp, ich hab schon wieder nichts zu essen dabei, aber ich hab solchen Hunger." - "Na, dann muss deine Mutter dir morgens etwas mitgeben!" - "Aber dann pennt die doch noch!"
Ich kann diesem Mädchen mein Pausenbrot nicht geben, denn dann könnte ich jeden Morgen für fünf hungrige Kinder mindestens ein Brot schmieren. Ist das meine Aufgabe, die Aufgabe eines Lehrers? Der mit seinem Bildungsauftrag und nebenbei mit immer neuen Methoden, Richtlinien und Förderkonzepten beschäftigt sein sollte? Wenn Lehrer dem Bildungsauftrag gerecht werden wollen, können sie dann noch gleichzeitig Sozialarbeiter, Familienfürsorger und Elternersatz sein?
Da ist das Mädchen, das sich mit einem seiner zahlreichen Geschwister ein Bett teilen muss. Dessen Vater eines Morgens in der Klassentür steht und sagt, dass seine Tochter nicht zur Schule kommen könne, weil sie nichts Sauberes mehr anzuziehen habe, und seine Frau faul sei und nicht aufstehe. Die Schulleiterin solle zu Hause anrufen und seiner Frau sagen, dass sie waschen müsse. Das tut die Schulleiterin dann auch. Das Mädchen erscheint am nächsten Tag wieder - in Kleidungsstücken der Eltern. Weiter geschieht nichts.
Ich kann pädagogisch nicht leisten, was hier nötig wäre: in die Familie gehen, reden, Hilfsangebote suchen. Stattdessen fahre ich ein ums andere Mal weinend nach Hause, denn dass Kinder in meiner Stadt so leben, das war mir nicht klar.
Sicher ist das Umfeld in dieser sogenannten Brennpunktschule extrem, aber auch das ist Schulalltag. Mein Fazit schon nach einer Woche: Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, was ich hier tue. Sechs Wochen halte ich durch, versuche nach bestem Wissen und Gewissen zu unterrichten, für die Kinder da zu sein. Sechs harte, wütende, traurige, ermüdende Wochen, dann ist das Projekt Vertretungslehrer für mich persönlich beendet. Ich kapituliere.
Ich bin wütend auf Schulamt und Ministerium, weil sie Leute wie mich an Brennpunktschulen schicken. Ohne pädagogische Grundlagen, das ist kaum zu verantworten. Für richtige Lehrer ist kein Geld da? Wie kurzfristig kann man denken?
Ich habe vor Ort gesehen, was die Debatte um die sogenannte neue Unterschicht, um Kinderarmut, um Verwahrlosung der Kinder deutlich macht: Hier muss investiert werden. Denn diese Kinder haben sonst keine Chance.

Nichtpädagogen
als Aushilfslehrer sind in etlichen Bundesländern ein beliebtes Mittel, um Personallücken zu schließen und Unterrichtsausfall zu vermeiden. Schulen in Nordrhein-Westfalen suchen zum Beispiel derzeit 320 Lehrer-Aushilfen - dem stehen 3600 ausgebildete Grundschullehrer ohne Anstellung gegenüber, die aber oft kein Interesse an Kurzzeiteinsätzen, wenigen Wochenstunden oder weiten Anfahrten haben. Die Aushilfen sollen von den Schulleitern sorgfältig eingearbeitet werden, heißt es im Düsseldorfer Schulministerium: Wenig sinnvoll sei, "wenn Nichtpädagogen gleich in voller Verantwortung vor eine Klasse geschubst werden". Doch genau diese Erfahrung hat Angela Furtkamp, studierte Germanistin und Journalistin, gemacht, sie fühlte sich "überfordert und allein gelassen". Was Aushilfslehrer verdienen, regelt jedes Bundesland anders. Hessen zum Beispiel setzt bei Engpässen sogar Hilfskräfte ohne Hochschulabschluss für 15 Euro pro Unterrichtsstunde ein. Gewerkschafter fürchten einen Trend zum Billig-Unterricht. "In vielen Bundesländern sehen wir die Tendenz, Unterrichtsausfall möglichst günstig zu bekämpfen", sagt Marianne Demmer von der GEW. Besonders an neueingerichteten Ganztagsschulen sieht die Gewerkschafterin die Gefahr, dass sogar unqualifizierte Ein-Euro-Jobber allein vor einer Klasse landen: In Berlin habe eine solche Hilfskraft, eingestellt für Hausmeisterarbeiten an einem Gymnasium, regelmäßig Aufsicht in Schulklassen führen müssen.

DER SPIEGEL 35/2007
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