27.08.2007

INVESTORENFeindlichste Übernahmen

Mit Schlägertrupps und Schmiergeld betreiben organisierte Kriminelle in Russland ein brutales Geschäft: Firmen werden mit aller Gewalt zur Aufgabe gezwungen.
Die Bilder der Videokamera gleichen Szenen aus einem Bürgerkrieg, stammen aber nur von der Abteilung Betriebssicherheit: Bewaffnete Trupps in grauen Uniformen stürmen die Werkshallen der Zementfabrik Angarzement in Angarsk nahe der sibirischen Großstadt Irkutsk. Die Angreifer schlagen Scheiben ein und sperren anschließend die Firmenleitung aus.
Anderswo geht es ähnlich zu: In Moskau drängen 150 kräftige junge Männer mit Baseballschlägern und Eisenstangen in die Zentrale des Baukonzerns Raswitije. Zwar rücken die Rabauken ab, als eine Hundertschaft der Polizei aufmarschiert. Doch das Unternehmen mit einem Marktanteil von über 25 Prozent am Moskauer Wohnungsbau wechselt kurze Zeit später auf wundersame Weise in die Hände eines Finanzmagnaten.
Und in Chimki am Rande von Moskau, unweit des Flughafens Scheremetjewo, wird ein Immobilienunternehmen überraschend von einer Firma gleichen Namens attackiert. Für eine Drohkulisse sorgen auch dabei rauhe Kämpfer. Sie verschanzen sich hinter einem Stacheldrahtzaun. Auf einem Schild steht als Visitenkarte: "Sehr böser Wachdienst".
Die Fälle illustrieren, dass der Begriff "Feindliche Übernahme" in Russland oft wörtlich verstanden wird, ähnlich wie der heute für Firmenjäger übliche Begriff "Raider", dessen Ursprung Überfall heißt.
Anders als in Westeuropa interessieren sich die Angreifer meist nicht mal für das Unternehmen selbst, sondern für dessen Grundstücke. Viele der Landräuber bauen auf erobertem Gelände Luxuswohnungen für Neureiche. Damit lässt sich in boomenden Großstädten schnelles Geld verdienen.
Da es vor allem ums Tempo der Übernahme geht, kommen bei russischen Eigentümerwechseln bisweilen eher Muskel- als Aktienpakete zum Einsatz. Durchtrainierte Rabauken heißen im russischen Raiderjargon "Landsknechty". Hintermänner schaffen diese Söldner aus Provinzstädten dann per Bus oder Bahn zum Tatort.
Meist haben sie Weisung, ihren Opfern nur Angst einzujagen. Es fließt zwar kein Blut, aber die überfallenen Firmenwachleute werden mit Klebeband gefesselt und in einen Abstellraum gepfercht, wie ein ukrainischer "Landsknecht" berichtet. Kommt die womöglich mit Schmiergeld gebremste Polizei erst nach 40 Minuten, sitzt der neue Firmengeschäftsführer bereits korrekt gekleidet am Schreibtisch, ausgestattet mit gefälschten Firmendokumenten.
Die Moskauer Zeitschrift "Ogonjok" veröffentlichte bereits Preislisten des grauen Gewerbes. 5000 bis 20 000 US-Dollar kostet etwa das Ausspähen eines Unternehmens, 1500 Dollar pro Tag das Abhören eines Mobiltelefons, die "Neutralisierung" von Polizei und Staatsanwaltschaft schlägt mit 30 000 bis 60 000 Dollar zu Buche.
Vor allem in der Provinz, wo die Schmiergelder niedriger sind als in Moskau, gehen Raider immer dreister vor. Russlands Innenministerium unter seinem Chef Raschid Nurgalijew schätzt, dass jede siebte Firmenübernahme im größten Flächenstaat der Erde mit illegalen Mitteln erfolgt.
Das Räuber-Gewerbe boomt. In den vergangenen drei Jahren verdoppelte sich nach Angaben des Innenministeriums die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen gewaltsamer Firmenübernahmen auf 354. Experten des Ministeriums schätzen das Finanzvolumen allein für das Jahr 2005 auf vier bis sieben Milliarden US-Dollar - bis zu 17 Prozent aller russischen Firmenübernahmen.
Häufig wird einem Unternehmer dabei wie im Mafia-Thriller "Der Pate" ein Angebot gemacht, "das er nicht ablehnen kann". Hat die Offerte keinen Erfolg, lassen Gangster Schiedsgerichte schmieren, Aktienregister oder Kaufverträge fälschen.
Im Gebiet Tscheljabinsk östlich des Ural-Gebirges verschwand zeitweise eine Festplatte mit Unternehmensdaten aus dem Katasteramt. Als der Datenträger wieder auftauchte, hatte das Magnitogorsker Stahlwerk eine neue Aktionärsliste - und somit neue Eigentümer.
Hintergrund: Die meisten Aktienverzeichnisse existieren in Russland lediglich als elektronische
Datei, entsprechend einer gesetzlichen Vorgabe.
Mit solchen Tricks sind in Russland nach offiziellen Schätzungen mehr als 170 Raider-Teams aktiv, manche freischaffend, andere von Unternehmen gar festangestellt.
"Die sind hochprofessionell", sagt Wladimir Owtschinski, Ex-Chef von Interpol in Russland. Banden wie die "Tambower Gruppierung" in St. Petersburg, so der Generalmajor a. D. der Miliz, funktionierten "wie die Cosa Nostra in Italien" - mit Analysezentrum, Anwalts-Teams und Kopfjägern für die Rekrutierung des Nachwuchses. Besonders begehrt: schlecht bezahlte Staatsschützer.
Immer häufiger, so der Kriminalist, attackieren die Angreifer Betriebe der russischen Rüstungsindustrie. So hätten sie sich schon das Unternehmen Basalt in St. Petersburg angeeignet, das unter anderem Teile für die tragbaren Flugabwehraketen "Igla" liefert.
Nach Schätzungen russischer Geheimdienste sind bereits mehr als 200 Rüstungsbetriebe in das Visier organisierter Angreifer geraten. Die Raider seien daher "eine Bedrohung der nationalen Sicherheit", sagt Owtschinski.
Nur selten müssen sich Firmenräuber vor dem Gesetz verantworten wie Pawel Fedulew in Jekaterinburg, Geschäftsmann und Ex-Abgeordneter des Regionalparlaments. Im November vergangenen Jahres wurde er in einem Fitness-Studio verhaftet. Der durchtrainierte "Bisnesmen" soll mit Hilfe bewaffneter Trupps ein Großhandelszentrum unter seine Kontrolle gebracht haben. Angeklagt ist er unter anderem wegen des Anzettelns von "Massenunruhen". Darauf stehen bis zu 20 Jahre Haft.
Inhaftiert wurde im Februar auch Wassilij Boiko in Moskau, bekannt als "König der Raider". Der 48-jährige Chef einer Firma namens "Ihr finanzieller Fürsorger" hatte sich auf dubiose Weise 40 000 Hektar im Moskauer Umland angeeignet.
Der bieder wirkende Brillenträger mit dem Buchhaltercharme hatte getönt, er werde westlich von Moskau eine Art Schweiz des Ostens schaffen, mit Fünfsternehotels, Golfplatz und Safaripark - wenn auch ohne den Schweizer Rechtsstaat. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn des schweren Betruges und der Geldwäsche. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft - wenn er denn je verurteilt wird.
Fachmann Owtschinski weiß, weshalb selbst rabiate Raider selten vor Gericht landen. Jahrelang habe in der russischen Polizei die Devise geherrscht, man wolle sich "in den Streit von Wirtschaftssubjekten nicht einmischen". Der Staat verzichtete auf den Schutz des Eigentums. Die organisierten Kriminellen würden dabei häufig aufgefangen von "korrupten Netzen in den Rechtschutzorganen".
Als einen der erfolgreichsten Firmeneroberer außerhalb Moskaus sieht Owtschinski den Boss des Konzerns Russian Business Estate (RBE), Andrej Schokin, in Samara. Durch Freundschaft mit dem inzwischen abgetretenen Bürgermeister Georgij Limanski seien Schokin "nach Raider-Art" 238 Immobilien zugeschanzt worden, darunter der Hafen der Wolga-Stadt, so Owtschinski,
Schokins Machenschaften beschäftigten kürzlich den Sicherheitsausschuss der Staatsduma - auch wenn der Verdächtige die Aufregung der Moskauer Sicherheitsexperten gar nicht verstehen kann. Er beteuert, er sei "kein Raider", sondern nur ein "Kämpfer für zivilisiertes Business". Mit dem Ex-Bürgermeister Limanski, in dessen Amtszeit die massive Expansion seiner Firma RBE fällt, habe er lediglich eine "normale Partnerschaft" gepflegt, sagt Schokin.
Bei all diesen dubiosen Deals erwischt es nicht nur russische Firmen. Ein Anruf aus Moskau schreckte im Frühjahr den indischen Geschäftsmann Rajesh Galani in London auf. Eine Wachfirma namens "Faust" hatte gerade ein Warenlager des Inders im Moskauer Norden gestürmt und Dokumente aus einem Safe entwendet.
Im Gefolge der Sturmtrupps waren in Galanis Unternehmen vermeintliche neue Eigentümer eingedrungen, die verkündeten, sie wollten dort das Büro eines Duma-Abgeordneten eröffnen. Der Volksvertreter, der unter Korruptionsvorwürfen zurückgetretene Ex-Bürgermeister von Wladiwostok, gab derweil den Ahnungslosen.
Hardliner in den russischen Rechtsschutzorganen fordern nun schärfere Gesetze gegen Wirtschaftskriminelle, deren Vermögen sie beschlagnahmen lassen wollen. Solche Vorschläge debattiert derzeit im Kreml eine Arbeitsgruppe, die Präsidentengehilfe Wiktor Iwanow leitet. Der Afghanistan-Veteran und Putin-Vertraute war Vize des Inlandsgeheimdienstes FSB. Er gilt als Verfechter eines harten Kurses. In der Kreml-konformen Duma wächst dabei die Bereitschaft zu rabiaten Maßnahmen. Der Abgeordnete Wladimir Semago, selbst Opfer einer feindlichen Übernahme, fordert die "Methoden der Opritschnina".
Die Opritschnina, eine Kampftruppe des Zaren Iwan des Schrecklichen, sollte im 16. Jahrhundert die Macht der Feudalherren beschränken. Doch der gesetzlose Orden unter dem Zeichen eines Hundekopfs mutierte bald zu einer gefürchteten Truppe von Mördern und Räubern, letztlich auch eine Art Vorläufer der Stalinschen Geheimpolizei. UWE KLUSSMANN
Von Klussmann, Uwe

DER SPIEGEL 35/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.