27.08.2007

MOTIVATIONUrlaubsziel: Erste Hilfe

Auf der Suche nach ein bisschen Sinn verbringen viele Deutsche ihren Urlaub neuerdings nicht am Strand, sondern in Entwicklungsländern oder bei Öko-Organisationen.
Das "Harz-Feeling" ist das, was Andrea Jerolewitz vom Urlaub bleiben wird: Muskelkater, Kratzer an den Unterarmen und eben der Fichtensaft, der hartnäckig am Ärmel klebt. "Das Zeug lässt sich kaum aus den Klamotten waschen", sagt Jerolewitz. Sie strahlt.
Eine Woche lang ist sie morgens um sechs Uhr aufgestanden, hat Sträucher geschnitten, Bäume zersägt und trockenes Gestrüpp verbrannt - für null Euro die Stunde. "Ich brauche das", sagt die 45jährige medizinisch-technische Assistentin.
Sonst steht sie montags bis freitags im Labor. Im Urlaub fällt sie Bäume.
Mit 19 weiteren Freiwilligen war Jerolewitz Mitte August in der bayerischen Rhön im Einsatz beim Bergwaldprojekt, einer Stiftung, die Arbeitseinsätze in den Wäldern zwischen Amrum und Allgäu organisiert. Für das Jahr 2007 erwarten die Organisatoren insgesamt 1200 Naturfreunde, die in der Ferienzeit ihre Bürokluft gegen Arbeitshandschuhe und Gummistiefel tauschen.
Freiwillige Helfer - das waren bislang vor allem orientierungswütige Schüler und Studenten, die im israelischen Kibbuz Orangen ernteten. Das waren engagierte Rentner, die weniger glücklichen Altersgenossen im Heim Gedichte vorlasen, oder Hobbysportler, die im Verein aushalfen. Dass Berufstätige Urlaub nehmen, um in fachfremden Gebieten zu helfen, ist ein neues Phänomen.
"Früher haben vor allem Studenten und Ökos teilgenommen. Heute machen bei uns Ingenieure, Software-Entwickler, Banker und Beamte mit", sagt Peter Naumann, Förster beim Bergwaldprojekt.
Vom neuen Freizeitfleiß profitieren nicht nur gemeinnützige Dienste, sondern sogar Reiseveranstalter. Der Südamerika-Spezialist Viventura vermittelt Einsätze in Altenheimen und Kindergärten von Ecuador bis Kolumbien. Biosphere Expeditions bietet Naturschutzexpeditionen weltweit an: Für 2190 Euro ist man beim Geparden-Zählen in Namibia dabei, Gemsen-Schutz inklusive Bärenkot-Sammeln ist in der Slowakei bereits für 1470 Euro zu haben. Man bekommt nicht nur nichts, man zahlt auch noch fürs Gutsein.
"Das Volunteering ist ein wachsender Nischenmarkt", sagt die Tourismusforscherin Felicitas Romeiß-Stracke. "Immer mehr Menschen wollen in einem Teil ihres Urlaubs etwas Sinnvolles tun."
"Volunteering" nennen Amerikaner und Briten den längeren Arbeitseinsatz, "Voluntourism" die Kurzzeitvariante, die nun auch hierzulande Anhänger findet: Ein paar Wochen im Jahr werden Angestellte zu Ehrenamtlichen, Betriebswirte zu Waldarbeitern, Beamtinnen zu Kindergärtnerinnen. Den Teilnehmern geht es um die gute Sache, ums gute Gewissen, vor allem aber um Arbeit und Anerkennung.
"Im Wald sehe ich sofort, was ich geleistet habe", sagt Reinhard Roth, 58. Der Betriebsökonom hat im August in der Rhön gesägt und geschwitzt und abends darauf gewartet, dass in der Hütte eine der beiden vorhandenen Duschen frei wurde: "Hier zählt die Gemeinschaft."
In der Bank, in der er arbeite, sitze er seit zwölf Jahren einem Kollegen gegenüber, den er kaum kenne, erzählt Roth: "Nicht einmal den Namen seiner Frau weiß ich." Im Wald vergleichen die Freiwilligen abends in der Runde gar ihre blauen Flecken. Eine Hamburger Steuerberaterin spricht vom Sinn, den die Waldarbeit mache, und vom Druck, der zu Hause in der Firma auf ihr laste. Ein Betriebswirt erzählt von Milliardengewinnen, von Bonuszahlungen - und davon, dass es ihm eigentlich um anderes geht.
"In der Freiwilligenarbeit haben Menschen die Möglichkeit, auch einmal Fehler zu machen. Sie müssen sich nicht ständig rechtfertigen für das, was sie tun, und bekommen Unterstützung und Anerkennung von anderen - all das fehlt heute im Berufsalltag häufig", sagt Theo Wehner. Der Arbeitspsychologe an der ETH Zürich erforscht die Motive von Ehrenamtlichen und hat festgestellt, dass es gerade beruflich und sozial stark eingebundene Menschen sind, die im Urlaub Entlohnung jenseits der Gehaltsabrechnung suchen.
"Die Wertschätzung ist das, was ich brauche", sagt Susanne Pühse. Die Röntgenassistentin hat im vergangenen Jahr vier Wochen unbezahlten Urlaub genommen, um Kleinkinder in Peru zu hüten. Dienstbeginn im Kindergarten war morgens um halb acht, sieben Stunden Arbeit
täglich, Füttern, Turnen, Singen. Die 52-Jährige fand das "schon stressig". Abends sei sie nur noch ins Bett gefallen - erledigt, aber zufrieden: "Man kriegt so viel mehr zurück."
So viel mehr als in ihrem Spital in Zürich. Ihre Arbeit dort mache ihr Spaß, sagt Pühse, aber der Druck sei größer geworden, seitdem die Klinikleitung das Haus als "Dienstleistungsbetrieb" führe: "Die ständige Meckerei, der Zeitdruck, es geht um Fälle, nicht mehr um Menschen."
Nach Studien der Universität Bochum sind bis zu drei Viertel der Deutschen grundsätzlich zufrieden mit ihrem Beruf, würden ihn aber gleichzeitig auf keinen Fall ihren Kindern empfehlen. Die Forschungsfirma Gallup erfasst alljährlich die Motivation von Mitarbeitern. Diesjährige Bilanz für Deutschland: Gut zwei Drittel aller Arbeitnehmer machen nur noch Dienst nach Vorschrift. Knapp ein Fünftel hat innerlich bereits gekündigt.
An allgemeiner Faulheit liegt das nicht: "Menschen wollen nicht nur Teil einer erfolgreichen Beutegemeinschaft sein", sagt der Wirtschaftsethiker André Habisch, "sie haben das Bedürfnis, sinnvoll tätig zu sein." Wie ernst genommen und fair behandelt sich Mitarbeiter fühlen, das seien entscheidende Faktoren für Motivation und Produktivität: "In der Arbeitswelt gibt es viel Frust und ein enormes Potential an ungenutzter Energie."
Und weil Gutmenschentum nach außen getragen immer auch Prestigegewinn bedeutet, haben Unternehmen nun einen Weg gefunden, ehrenamtliches Engagement von Mitarbeitern marketinggerecht zu unterstützen: "Corporate Volunteering" nennt sich das jetzt, wenn Siemens-Angestellte Dienst in der Bahnhofsmission leisten oder DaimlerChrysler-Kollegen Unterrichtsräume in einem Jugendzentrum renovieren.
Reichte den Firmen früher eine weihnachtliche Scheckübergabe an die lokale Caritas-Station, um ihr soziales Gewissen zu beruhigen, spannen sie heute willige Mitarbeiter ein: Bei der Lufthansa zimmerten Manager einen Spielplatz für jugendliche Aussiedler. Die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC) schicken Führungskräfte nach Uganda, um dort psychisch Kranke zu betreuen. "Diese Grenzerfahrung wird mir helfen, Situationen anders einzuschätzen", sagt PwC-Partner Frank Schmidt.
Der Elektronikkonzern ABB rekrutierte derweil in diesem Jahr rund 200 Helfer für die Special Olympics. Die Firma zahlte Anreise, Unterkunft und Verpflegung; die Beschäftigten nahmen für den Einsatz eine Woche regulären Urlaub.
"Viele Unternehmen haben begriffen, dass es nicht reicht, den Menschen immer neue Lohn- und Prämienanreize zu bieten", glaubt Arbeitspsychologe Wehner. Den Firmen gehe es keineswegs nur um Werbung mit der eigenen Wohltätigkeit.
"Natürlich sind wir nicht Unicef, sondern ein Wirtschaftsunternehmen", sagt Christa Büchler, die bei Henkel die Initiative "Miteinander im Team" leitet, die das Engagement von Kollegen mit Spenden und bezahlter Freistellung fördert. Das Unternehmen habe erkannt, wie beflügelt die Kollegen von den Einsätzen zurückkämen, so Büchler: "Wenn sich die Mitarbeiter verstanden fühlen, geben sie mehr."
Dass der Gesetzgeber die Arbeitnehmer eigentlich mal zur Erholung im Urlaub verdonnern wollte, stört den Fleiß der neuen Hilfe-Touristen dabei nicht weiter. Wer weiß schon, dass es ein Bundesurlaubsgesetz gibt, wo es in Paragraf 8 heißt: "Während des Urlaubs darf der Arbeitnehmer keine dem Urlaubszweck widersprechende Erwerbstätigkeit leisten."
Was der Einzelne unter Erholung verstehe, sei eben Definitionssache, heißt es bei Henkel. JULIA BONSTEIN
Von Julia Bonstein

DER SPIEGEL 35/2007
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