27.08.2007

FUSSBALL

Danke, Sinatra

Von Wulzinger, Michael

Als thailändischer Ministerpräsident wurde Thaksin Shinawatra durch einen Militärputsch gestürzt. In England wird er als neuer Besitzer des lange erfolglosen Clubs Manchester City gefeiert. Die schwerreiche Premier League hat noch mehr Glamour und eine neue schillernde Figur.

Im Stadion von Manchester City sehnten die Fans das große Spiel herbei. Sie sangen schon eine halbe Stunde vor dem Anpfiff, es ging gegen den berühmten Lokalrivalen Manchester United.

In die fensterlose Loge des Clubbesitzers, die durch eine schwere Metalltür von der Haupttribüne getrennt ist, drang von dem Fußballfieber kein Laut. Thaksin Shinawatra, 58, der neue Eigentümer von Manchester City, saß mit einem Dutzend thailändischer Landsleute an einer runden Tafel. Ein Kellner mit Einstecktuch im Jackett servierte ein Menü in drei Gängen, es gab prämierten Wein aus dem Burgund.

Thaksin blieb bei Mineralwasser. Im vorigen September wurde der schmächtige, stets maskenhaft lächelnde Mann vom Militär aus seinem Amt als thailändischer Regierungschef geputscht - er hielt sich gerade bei einer Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York auf. Seither lebt er in London im Exil. Jetzt erweckte er nicht den Eindruck, als ob ihn der bevorstehende Klassiker des englischen Fußballs

sonderlich bewegte.

Einen Anflug von Emotionen zeigte der neue Clubpatron am vorvergangenen Sonntag erst nach dem Match. Seine Mannschaft hatte 1:0 gewonnen, und durch die Arena fegte ein Beifallssturm, der auch die teuren Plätze erreichte, als sich Thaksin und sein Clan gerade händeklatschend von den Ledersesseln erhoben. 45 000 Menschen bejubelten nun den Mann, der Manchester City mit seinen Millionen in eine leuchtende Zukunft führen soll. Sie parodierten dabei seinen Namen: "Thaksin Sinatra." Einige riefen auch: "Thank you, Sinatra."

Thaksin Shinawatra reckte seine Arme in die Höhe, wie Politiker das gern nach einer gelungenen Rede tun. Dann eilte er die Stufen hoch und zog sich wieder in seine fensterlose Loge zurück, seine Leibwächter im Schlepptau.

In der Fußballstadt Manchester war der City Football Club jahrzehntelang das, was der TSV 1860 im Schatten des großen FC Bayern in München ist: ein Verein mit ruhmreicher Vergangenheit, bei dem sich Saison für Saison Welten auftun zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die einzigen Konstanten waren ein notorisch schlechtes Management und eine besonders leidensfähige Anhängerschaft.

Diese Zeiten scheinen vorbei. Seit Thaksin im Juli mit Hilfe seiner Firma UK Sports Investments für gut 120 Millionen Euro die Kontrolle übernommen hat, gehört auch Manchester City zu jenen Adressen in der Premier League, bei denen Geld offensichtlich keine Rolle mehr spielt.

Als Coach leistet sich der Verein nun Englands früheren Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson für ein geschätztes Jahresgehalt von vier Millionen Euro. Der Schwede, nach dem Viertelfinal-Aus gegen Portugal bei der WM 2006 entlassen, nahm die Thaksin-Offerte nach einem Jahr Arbeitslosigkeit ohne großes Zögern an. Als erster ausländischer Trainer des Nationalteams war Eriksson von den englischen Boulevardblättern zuweilen gnadenlos verhöhnt worden, nun will er sein beschädigtes Image wieder aufpolieren.

Auch bei der weltweiten Spielersuche gebärdet sich Manchester City, als ob der Club sich schlagartig auf das Niveau der sogenannten Top Four katapultieren wollte, der Branchenriesen Manchester United, FC Chelsea, FC Arsenal und FC Liverpool.

Innerhalb weniger Wochen investierte Thaksin fast 60 Millionen Euro in acht neue Spieler. Bis Ende August, wenn die Transferperiode dieses Sommers ausläuft, können durchaus noch 15 weitere Millionen dazukommen, etwa für den französischen Nationalstürmer Nicolas Anelka von den Bolton Wanderers.

Für das Wohl der Spieler ist Thaksin nichts zu teuer. So wurde der brasilianische City-Neuzugang Elano am vergangenen Mittwoch vom Länderspiel in Montpellier noch in der Nacht eigens von einem Privatjet abgeholt. Das Neureichen-Projekt lief gleich rund, die ersten drei Spiele der Saison gewann Manchesters aufgehübschte Truppe allesamt ohne Gegentor.

Wie der russische Privatisierungsprofiteur Roman Abramowitsch beim FC Chelsea oder der US-amerikanische Selfmade-Unternehmer Malcolm Glazer beim Lokalrivalen Manchester United wähnt sich auch Thaksin mit seinem Investment in einer Win-Win-Situation.

Zum einen garantiert der Fernsehrechte-Vertrag der Premier League für die nächsten drei Jahre rund 3,4 Milliarden Euro. Der Mindestanteil für jeden Club: 74 Millionen Euro jährlich. Allein vom Fernsehen in Hongkong kassieren die Vereine bis zum Jahr 2010 rund 150 Millionen Euro, mehr als das Doppelte dessen, was die Deutsche Fußball Liga weltweit mit der Vermarktung ihrer TV-Bilder einnimmt.

Außerdem wird englischer Erstligafußball mittlerweile in mehr als 200 Länder ausgestrahlt. Die Premier League ist auf dem besten Wege, eine globale Marke wie Coca-Cola oder McDonald's zu werden - eine grell ausgeleuchtete Bühne, die ihre Protagonisten dauerhaft und rund um den Globus im Gespräch hält.

Acht Clubs der Premier League sind mittlerweile im Besitz ausländischer Investoren. Im Fall Manchester City ist das Motiv klar: politisch motivierte Eitelkeit. Der frühere Regierungschef Thaksin riskiert bei einer Rückkehr nach Thailand, im Gefängnis zu landen. So muss er durch Bilder, die ihn auf den Ehrentribünen der Fußballarenen zeigen, seine Botschaften in die Heimat senden.

Die eine ist für seine immer noch zahlreichen Anhänger bestimmt und soll demonstrieren, dass dort, wo Thaksin sich engagiert, Erfolg, Wohlstand und Glamour garantiert sind. Die andere gilt den herrschenden Militärs: Weder Zensur noch drohende Haftstrafen können die mediale Allgegenwart Thaksins in Thailand verhindern. Sein Einstieg in die Premier League ist auch ein Rachefeldzug.

Entsprechend argwöhnisch verfolgen die Generäle Thaksins Coup. Am Tag, als der Ex-Politiker sein Kaufangebot an die City-Aktionäre veröffentlichte, gab die Staatsanwaltschaft in Bangkok bekannt, dass sie gegen Thaksin eine Klage wegen Korruption eingereicht habe. Gleichzeitig setzte die Junta dem Ex-Premier ein Ultimatum, sich in Bangkok zu stellen. Die Regierung fror das gesamte Barvermögen Thaksins auf seinen thailändischen Konten ein. Er sagt, es seien rund zwei Milliarden Dollar.

Thaksin weist sämtliche Vorwürfe der Korruption zurück. Manchesters deutscher Mittelfeldspieler Dietmar Hamann berichtet von einem Besuch des neuen Chefs in der Mannschaftskabine. Zu seinem Vermögen, habe Thaksin den Spielern eröffnet, sei er ausnahmslos auf legalem Wege gekommen. Sie sollten nicht glauben, was alles in der Zeitung zu lesen sei.

Nun steht der City-Boss in einer angesagten Bar in der 23. Etage des Hilton Hotels in Manchester. Er hat einen Raum gemietet, der Blick über die Stadt ist großartig. Thaksin braucht ein wenig Zeit, bis er von oben sein Stadion erkennt. Mit seinem korrekt gezogenen Seitenscheitel und dem unauffällig dunkelblauen Anzug wirkt er in dem durchgestylten Ambiente etwas verloren.

Thaksin bestellt ein Glas Wasser, dann beginnt er zu reden. All seine Geschäfte seien "nachprüfbar und ordentlich abgewickelt worden", sagt er. Seine Anwälte in Bangkok seien angewiesen, "sämtliche nur

erdenklichen Maßnahmen zu treffen", damit er wieder an sein gesperrtes Privatvermögen komme, das ihm in Thailand "ohne jegliche rechtliche Grundlage" vorenthalten werde. Der Prozess gegen ihn, darauf besteht er, sei "politisch motiviert".

Das ist die Zauberformel. Solange Thaksin sich glaubhaft als politisch Verfolgter darstellen kann, weist Großbritannien ihn nicht aus, und er kann weiter unbehelligt von der thailändischen Justiz in seinem Luxusappartement in der Londoner Park Lane residieren. Freiwillig würde er derzeit nicht nach Thailand einreisen, sagt Thaksin. Für seine körperliche Unversehrtheit, so habe es Junta-Chef General Sonthi Boonyaratglin erklärt, könne das Militär nicht garantieren.

Dann spricht Thaksin von Manchester City und seinen Plänen in der Premier League, davon, dass er "die Fans glücklich machen" wolle. Er schwärmt von der "riesigen Anhängerschaft in Asien" und von den Fußballakademien, die er weltweit gründen werde und aus denen sich die Stars der Zukunft rekrutieren sollen.

Es hört sich an wie die pathetischen Stanzen, die Superreiche von sich geben, wenn sie sich einen prominenten Club der Premier League einverleibt haben. Am Ehrgeiz Thaksins besteht jedoch kein Zweifel. Denn die Geschäfte mit Manchester City hat er in die Hände von Beratern gelegt, die im Rechtehandel und in der Verpflichtung von Spielern zu den Schwergewichten der Branche gehören.

So kümmert sich fortan die Firma Kentaro um alle Details der weltweiten Vermarktung. Das auch im Londoner Nobelstadtteil Chelsea vertretene Unternehmen, an dem der frühere französische Fußball-Weltmeister Emmanuel Petit ebenso beteiligt ist wie die Hannoversche Sparkassen-Tochter Nord Holding, sorgt seit einiger Zeit für Aufsehen, weil es die Freundschaftsspiele der brasilianischen und der argentinischen Nationalmannschaft vermarktet.

Die Kentaro-Bosse, der Deutsche Philipp Grothe und der Schweizer Philippe Huber, hatten Thaksin empfohlen, bei Manchester City einzusteigen. Sie hatten auch den Kontakt zu der Londoner Investmentbank Seymour Pierce hergestellt, die Thaksin bei der Übernahme beriet. Bereits drei Jahre zuvor hatten sie den Thailänder beinahe dazu gebracht, ein Aktienpaket am FC Liverpool zu kaufen. Der Deal scheiterte auch am öffentlichen Widerstand gegen den damals noch amtierenden Regierungschef.

Thaksins Vertrauter bei den Spielerverpflichtungen in Manchester ist Jerome Anderson. Der Brite ist seit mehr als 20 Jahren im Geschäft und gilt als einer der einflussreichsten Vermittler der Premier League. Sein prominentester Klient: der französische Stürmerstar Thierry Henry, der gerade von Arsenal London zum FC Barcelona wechselte.

Anderson war es auch, der nach Thaksins Einstieg bei Manchester City den Kontakt zu Trainer Eriksson herstellte. Dessen Qualifikation bestand nicht nur in den 15 Titeln, die er in seiner Laufbahn in Schweden, Italien und Portugal gewonnen hat. Thaksin suchte einen Mann, der die PR-Maschine ölt. Wie kaum ein anderer Hauptdarsteller im internationalen Fußball sorgt der umtriebige Eriksson auch in den Klatschspalten zuverlässig für Schlagzeilen.

Während seine Vertrauten die Geschäfte in Gang bringen, müht sich Thaksin um Nähe zum Volk. So schmiss der neue Herrscher vor drei Wochen eine Party auf dem Platz vor Manchesters neogotischem Rathaus. Es kamen 8000 Fans. Auf der Bühne erschien die Mannschaft, eine thailändische Pop-Diva gab ein Konzert, und auch der Boxer Ricky "The Hitman" Hatton, Weltmeister im Halbweltergewicht und glühender City-Anhänger, machte dem neuen Clubbesitzer seine Aufwartung.

Die Inszenierung wollte es so, dass Thaksin mit seinen zwei Töchtern während des Konzerts hinter der Bühne hervortrat und durch die dampfende Menschenmenge zu einem Podest schritt. Dort setzte er sich auf einen Stuhl und schrieb Autogramme, tätschelte Köpfe und ließ sich mit Männern ablichten, deren Augen glänzten wie die von Kindern.

Was kaum einer sah: Auf den Dächern der Gebäude um den Rathausplatz hatten sich zur Sicherheit des Gastgebers zahlreiche Scharfschützen postiert.

MICHAEL WULZINGER

* Mit Ehefrau Pojaman und den Töchtern Pinthongta und Paethongtan.* Mit Torschütze Geovanni (l.) nach dem 1:0 gegen Manchester United am 19. August.* Links: nach dem Sturz des thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin am 20. September 2006; rechts: mit Mannschaftskapitän David Beckham nach der Viertelfinal-Niederlage des englischen Nationalteams am 1. Juli 2006 in Gelsenkirchen.

DER SPIEGEL 35/2007
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