27.08.2007

„Das Ich ist eine Einbahnstraße“

Der Hirnforscher Gerhard Roth über das Entstehen von Persönlichkeit, die Schwierigkeit, sich und andere zu ändern, die neuronale Automatisierung menschlichen Verhaltens und das kollektive Scheitern der deutschen Pädagogik vor Hitler
Roth, 65, leitet das Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen und das Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst.
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SPIEGEL: Herr Roth, wann haben Sie zuletzt versucht, sich zu ändern?
Roth: Ich mich selber? Das geht gar nicht! Das habe ich aufgegeben.
SPIEGEL: Aber Sie haben doch gerade ein ganzes Buch darüber geschrieben*.
Roth: Darin beschreibe ich ja gerade, warum es so schwer ist, die eigene Persönlichkeit oder die der anderen zu verändern. Ich scheitere fast täglich an meinen Vorsätzen. Immer wieder nehme ich mir vor, weniger Termine anzunehmen. Und dann erreicht mich die freundliche Anfrage: "Herr Roth, kommen Sie kurzfristig für einen Vortrag nach München?" Und bald darauf bin ich dort.
SPIEGEL: Welcher Teil Ihrer Persönlichkeit ist dafür verantwortlich?
Roth: Mehrere. Diese Inkonsequenz kommt heraus, wenn Verstand, Emotion und unbewusster Antrieb gegeneinander antreten. Die linke, rationalere Hälfte meines Gehirns schlägt vor: Lüge diplomatisch, täusche andere Termine vor. Die rechte, emotionale sagt: Na, München wär doch mal wieder ganz nett. Und das ansehnliche Honorar ... gucken wir, ob es nicht doch geht. Und schon bin ich in der Falle.
SPIEGEL: Von manchen Anfragen fühlen Sie sich doch auch geschmeichelt.
Roth: Moment! Auf der bewussten Ebene vielleicht, aber deshalb fährt man nicht nach München. Den eigentlichen Antrieb schafft das Unbewusste: Vermutlich habe ich ein starkes Geltungsbedürfnis, das mich immer wieder in die gleiche Falle tappen lässt.
SPIEGEL: Wenn Sie das schon erkennen, warum können Sie nichts dagegen tun?
Roth: Man kann sich Disziplin von außen ankonditionieren lassen, aber kaum von selbst einhalten. Es ist schwer, gegen unbewusste eigene Kommandos anzugehen.
SPIEGEL: Was macht das Unbewusste so mächtig?
Roth: Es ist eine Urform unseres Selbst; die psychische Grundausrüstung, mit der wir auf die Welt kommen. Daraus entsteht alles andere. Man kann es auch Temperament nennen.
SPIEGEL: Eine Art Persönlichkeits-Ursuppe, die im Moment der Zeugung angerührt wird?
Roth: Ja. Die Gene bestimmen zwischen 20 und 50 Prozent der Persönlichkeit eines Menschen. Aber auch das, was eine Frau während der Schwangerschaft erlebt, entscheidet mit über das Temperament eines Kindes: Ob es offen oder ängstlich sein wird, ein stabiles oder ein zaghaftes Ego entwickelt, ob es pedantisch ist oder lässig. Diese Weichen stellt das limbische System, eine Art Schaltzentrale der Gefühle, das ab der sechsten Schwangerschaftswoche entsteht. In dieser Zeit erlebt das Ungeborene die ersten emotionalen Konditionierungen, die sein Gehirn für sein ganzes Leben prägen. Steht die Mutter etwa durch furchtbare Erlebnisse unter Stress, dann wirken Botenstoffe aus ihrem Körper direkt auf das kindliche Gehirn ein.
SPIEGEL: Und dadurch wird die emotionale Klaviatur festgelegt, die dem Menschen später zur Verfügung steht?
Roth: Ja, er wird dann vielleicht in der Liebe oder im Beruf zur Panik neigen, ohne sich erklären zu können, warum. Der Spielraum, in dem ein Mensch überhaupt empfinden, sich verhalten und sich verändern kann, ist bei der Geburt bereits in beträchtlichem Maße umrissen.
SPIEGEL: Wie frustrierend für Eltern: Es bleibt ihnen nur noch der Feinschliff.
Roth: Ganz so extrem ist es nicht. Das limbische System des Neugeborenen wird ja durch die Bindungserfahrung mit Mutter oder Vater weiter konditioniert; am stärksten in den ersten Wochen und Monaten. Ein Mensch, der von seiner Anlage her eher neurotisch und ohne großes Selbstvertrauen wäre, kann sich trotzdem zu einem offenen Menschen entwickeln, wenn er sich in einer guten frühkindlichen Bindung geborgen fühlt.
SPIEGEL: Das Zeitfenster dafür ist nicht sehr groß. Spricht man deshalb von der lebenslangen Bedeutung der ersten drei Jahre?
Roth: Ja, zu Recht. Wenn sehr offene, kommunikative Menschen furchtbare Schicksalsschläge erleben, so zeigen die großen Langzeituntersuchungen, werden sie in aller Regel nicht verbittert darauf reagieren.
SPIEGEL: Erklärt das, warum manche Überlebende des Holocaust an ihren Erlebnissen zerbrachen, während andere in ein positives, produktives Leben zurückfanden?
Roth: Ja. Das unbewusste Selbst ist in seinen neuronalen Grundzügen kaum kaputtzukriegen. Wahrscheinlich gehörten die Lebenstüchtigen zu den sicher gebundenen Kindern. Zusammen mit einer positiven genetischen Veranlagung macht das einen Menschen ziemlich unverwundbar. Experten bezeichnen das als Resilienz.
SPIEGEL: Kann ein Kind auch später noch diese Widerstandskraft erlangen?
Roth: Kaum. Denn das unbewusste Selbst lässt sich die Regie nicht mehr aus der Hand nehmen, wenn das Kind mit etwa drei Jahren sein Kleinkindverhalten ablegt. Dann beginnt eine völlig neue Phase, die der bewussten sozialen Prägung. Sie dauert zwar lang, bis zum 20. Lebensjahr; bis dahin ist der orbitofrontale Cortex, in dem die Ergebnisse unserer Erziehung abgespeichert sind, ausgereift. Aber aus einem vertrödelten Kleinkind wird niemals ein pünktlicher Erwachsener werden. Das habe ich selbst mit einem meiner Kinder erlebt: Es ist sehr musikalisch, hat eine Unmenge Freunde und geht das Leben eher locker an. Es weiß, dass es mit Ordnung und Pünktlichkeit Schwierigkeiten hat. Es weiß aber auch, dass es bei aller kreativen Lebens-
führung immer doch irgendwie klappt: Man kommt halt mit einem späteren Zug und findet immer einen Gutmütigen, der einen abholt. Lernpsychologisch erlebt es nicht den Super-GAU.
SPIEGEL: Und falls doch einmal?
Roth: Dann sind im Zweifel die anderen schuld. Eine gewisse Einsicht in unsere Fehler haben wir schon, aber diese Einsicht führt nicht dazu, dass wir uns ändern.
SPIEGEL: Hat das etwas mit der bekannten Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung zu tun?
Roth: Auch. Das eigentliche Problem ist: Wir sehen uns selbst immer nur so, wie es das Unbewusste, das Kleinkind in uns zulässt. Und das hat gelernt, wie es sich sehen muss, damit es sich gut fühlt. Deshalb können wir kein objektives Bild von uns selbst haben, sondern sehen uns immer positiver, als die anderen das tun. Das trifft auf Männer noch eher zu als auf Frauen.
SPIEGEL: Das ist wissenschaftlich erwiesen? Wir dachten, das sei ein Klischee aus Frauenzeitschriften.
Roth: O nein. Frauen neigen signifikant dazu, sich schlechter zu machen, als sie sind - Männer zum Gegenteil. Die Lebensaufgabe ist für beide, ein halbwegs realistisches Bild von sich zu bekommen.
SPIEGEL: Kann Erziehung dabei helfen?
Roth: Erziehung ist immer der Versuch, dieses entweder verbitterte oder großartige, narzisstische Kleinkind an die Welt anzupassen. Gelingt das nicht, steht man trotz toller Familie und Superkarriere am Ende in der Ecke und sagt: "Ich werde nicht geliebt." Oder es bricht ein hypertrophes, unersättliches Kleinkind durch, das auch durch zwei Nobelpreise oder zehn Milliarden Euro Einkommen nicht befriedigt wird. Beides kann pathologisch werden. Da können Sie noch so sehr an sich arbeiten: Ohne professionelle Hilfe kriegen Sie das nicht mehr in den Griff.
SPIEGEL: Was kann ein Psychotherapeut, was der Betroffene selber nicht kann?
Roth: Wenn man das nur genau wüsste! Zunächst einmal hat der Therapeut den Vorzug, nicht Teil des festgefügten Innenlebens des Patienten zu sein. Studien zeigen aber, dass der Therapieerfolg deutlich von der Persönlichkeit des Patienten abhängt: Der eine kann gut therapiert werden, der andere gar nicht. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, ob man grundsätzlich robust und nur durch spätere Einflüsse aus den Fugen geraten ist. In dem Fall kann man das bewusste Ich so weit stärken, dass es hilft, das angeschlagene Unbewusste wieder in sein altes Gleichgewicht zu bringen. Allerdings spricht heute kein gewissenhafter Therapeut oder Analytiker von Heilung ...
SPIEGEL: ... sondern muss sich damit begnügen, neurotisches Elend in gewöhnliches Unglück zu verwandeln, wie Freud sagte?
Roth: Oder es erträglicher zu machen. Die Persönlichkeit eines Menschen gibt nun mal den Rahmen vor, an dem er sich entlanghangelt. Bei manchen ist der sehr eng; diese Menschen sind absolut null anpassungsfähig. Dazu gehören auch Erfinder, Politiker und Entdecker, die sich durch keinen Misserfolg abschrecken lassen.
SPIEGEL: So wie Christoph Columbus?
Roth: Ja. Columbus ist nur deshalb zum Helden geworden, weil er zu dem einen Prozent von Starrsinnigen gehörte, die Erfolg hatten. Die meisten wagemutigen Seefahrer sind unbekannt - die sind ersoffen.
SPIEGEL: Der Spielraum für Veränderung wird mit dem Alter immer enger. Sie sind 65, bewegt sich bei Ihnen noch etwas?
Roth: Erfreulicherweise ja. Sprachentwicklung, Kommunikation, Diplomatie - da können wir noch mit 50, 60, 70 alles Mögliche lernen. Unser akademisches Wissen können wir ein Leben lang entwickeln.
SPIEGEL: Sie machen uns Hoffnung!
Roth: Aber nur für die Oberfläche: Was sich früh ausbildet und unser Verhalten am stärksten beeinflusst - unser emotionales Grundgerüst -, hört am frühesten auf, stark veränderbar zu sein. Und was am längsten veränderbar ist - das rationale Wissen -, hat am wenigsten Auswirkungen auf unser Verhalten. Deshalb geht bei Erwachsenen vieles zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Man liest den SPIEGEL und lernt, das Elend in der Welt nimmt zu. Man sagt: Mensch, also wirklich, da müsste man was tun. Dann legt man den SPIEGEL weg. Und das war's.
SPIEGEL: Und die großen Brüche? Wir kennen doch alle irgendeinen Geläuterten, der nach Jahrzehnten exzessiven Lebens Alkohol und Frauen aufgibt und erzkatholisch wird. Wie kann das sein?
Roth: Die zynische Antwort darauf wäre: Manche schweren Erkrankungen wirken
wie Gehirnwäsche. Erweckungserlebnisse sind immer verdächtig. Patienten mit Temporallappenepilepsie etwa halluzinieren bei ihren Anfällen Stimmen. Wie der heilige Franziskus: "Gib all deinen Reichtum auf und werde Bettelmönch!"
SPIEGEL: Und die nicht zynische Antwort? Roth: Denken Sie an ausgesprochene Erfolgsmenschen: Unter ihnen gibt es viele sogenannte sensation seekers. Deren Gehirn verlangt nach immer stärkeren Reizen für das Dopamin-System: mehr Sex, mehr Erfolg, mehr Drogen, immer auf der Überholspur, sonst bleiben die guten Gefühle aus. Irgendwann sind diese Menschen tot - oder sie vollziehen scheinbar plötzlich den kompletten Umschwung. In Wirklichkeit hat er sich unbewusst schon lange angebahnt. Das kennen wir aus der Physik als Phasenübergang: Bei scheinbar stabilen Systemen werden die Ausschläge immer größer, und plötzlich springen sie um in einen neuen Zustand.
SPIEGEL: Von einem Extrem ins andere - das sagt man Konvertiten nach. Wie wird man so?
Roth: Aus Sicht der Psychoanalyse wäre die Grundkrankheit ein unentwickeltes Ego. Es schwankt von äußerer Sinnstiftung zur inneren, in der Hoffnung auf Befriedigung. Die unreife Persönlichkeit hat noch nicht akzeptiert, dass wir alle mit einem minimalen Sinn des Lebens auskommen müssen. Was sie vorher im Rausch nicht fand, sucht sie in irgendwelchen Ideologien, an denen sie festhält. Denken Sie an die rechtsradikalen und wohl auch linksradikalen Jugendlichen: Die haben einfache Wahrheiten und schwache Egos.
SPIEGEL: Wenn Internate werben: "Wir erziehen junge Menschen zu eigenständigen, kreativen, sozial kompetenten Persönlichkeiten" - kann das funktionieren?
Roth: Zur Kreativität und Intelligenz kann man kaum erziehen, die sind hochgradig angeboren.
SPIEGEL: Fällt intelligenten Menschen automatisch auch soziale Intelligenz zu?
Roth: Die meisten Hochbegabten, die ich kenne, sind nett und vielseitig. Menschen mit einer ausgeprägten Inselbegabung in Mathematik und Musik dagegen leiden statistisch häufiger unter Empathiedefiziten: Sie können sich nicht in andere einfühlen.
SPIEGEL: Eine Art soziale Behinderung - und da lässt sich nichts machen?
Roth: O doch. Manchmal kompensieren die Betroffenen ihr Defizit sogar mit unheimlichem Erfolg. Soziopathen, zu denen auch die gefährlichsten Schwerkriminellen zählen, haben häufig eine sehr hohe Intelligenz und eine vollkommene Gefühlsleere. Aber sie lernen die sozialen Spielchen wie eine Fremdsprache. Sie trainieren perfekt, sich so zu verhalten, als hätten sie Gefühle. Diese Leute wickeln auch die forensischen Psychiater um den Finger. Es sind gewissermaßen Meister-Diplomaten.
SPIEGEL: So wie der mehrfache Mörder und Vergewaltiger Thomas Holst, der seine Therapeutin dazu brachte, ihm zur Flucht aus der Psychiatrie zu verhelfen?
Roth: Genau. Aber auch ein nahezu autistisches Mathematikgenie kann beizeiten lernen, sein Verhalten bewusst zu kontrollieren: Ich empfinde zwar keine emotionale Veranlassung, jetzt höflich zu sein, aber ich tue mal so, als ob ich das einsähe.
SPIEGEL: Das müssten Lehrer doch auch rüpelhaften Kindern beibringen können.
Roth: In der Schule? Da ist es oft schon zu spät. Aus Hilflosigkeit heißt es dann meist: Die Gesellschaft macht Kinder aggressiv. Dabei ist es eben doch ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich entweder sehr früh entwickelt oder genetisch bedingt ist.
SPIEGEL: Für die Mitarbeiter von Einrichtungen für jugendliche Straftäter wird das frustrierend zu hören sein.
Roth: Es ist aber leider so. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir: Einen Heranwachsenden zu ändern ist sehr schwierig. Aber womöglich hat man bisher beim Versuch, Aggression aus der Persönlichkeit herauszutherapieren, zu wenig berücksichtigt, dass sie auf unterschiedliche Weise dort hineingeraten sein kann.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Roth: Junge Männer können genetisch bedingt aggressiv sein. Oder sie haben niemals Geborgenheit erlebt und können Frust schwer ertragen. Oder sie haben in ihrer Umgebung gelernt, dass Aggression gut ist: Stiehl und haue und drängle dich vor, dann kommst du weiter. Manchmal kommt auch alles zusammen; das sind dann die fünf Prozent der notorischen jungen Gewalttäter, auf deren Konto mehr als die Hälfte aller schweren Straftaten geht. Die werden Sie durch Strafe nicht ändern.
SPIEGEL: Das klingt, als wäre Aggressivität ein Unterschichtenphänomen. Dabei drangsalieren jähzornige Akademiker ihre Kinder, sadistische Chefs ihre Mitarbeiter.
Roth: Klar! Beim Vorgesetzten kommt es dann darauf an, ob ihm das in der Chefetage nachgesehen oder gar als Qualität ausgelegt wird. Hat einer mit aggressivem Auftreten zehn Jahre lang Erfolg, verfestigt sich das auf neuronaler Ebene. Die positiven Gefühle, die er erlebt, wenn er andere
abkanzelt, sickern aus Regionen, die unser bewusstes Handeln steuern, in die Basalganglien ein. Auf diese Weise verselbständigt sich alles, was wir häufig tun. So entstehen unsere sekundären Charakterzüge, natürlich immer im Rahmen unserer primären Persönlichkeit. Das geht beim Erwachsenen zwar viel langsamer als beim Kind, ist aber auch äußerst schwierig rückgängig zu machen. In dieser Hinsicht ist unser Ich eine Einbahnstraße.
SPIEGEL: Nachdem sich die Evolution gemeinhin keine Schnitzer leistet, muss diese Stabilität auch ihr Gutes haben.
Roth: Das Automatisierungsstreben unseres Gehirns ist zugleich eine der besten und schlechtesten Erfindungen der Evolution. Einerseits, weil wir über all die Dinge, die wir tun, nicht mehr nachdenken müssen. Andererseits kommen wir so von unseren schlechten Gewohnheiten nicht mehr weg.
SPIEGEL: Es sei denn, unsere Umgebung zwingt uns dazu?
Roth: Das wird aber kaum geschehen: Wenn Menschen erst einmal ihre Persönlichkeit ausgebildet haben, suchen sie sich fortan eher eine Umwelt, die zu ihnen passt, als dass sie sich ihrer Umwelt anpassen.
SPIEGEL: Und so mendelt sich eine Unternehmenskultur heraus?
Roth: Ja. Deshalb gibt es immer Probleme, wenn in einem Unternehmen mit einem neuen Eigentümer alles anders werden soll. Es hagelt Anordnungen, Appelle an die Einsicht, und die Mitarbeiter sagen sich: "Ich lass mir doch von diesem blöden Kerl nicht vorschreiben, wie ich meine Arbeit erledigen muss. Ich bin doch der Experte." Da schlägt das Unbewusste zu: Vielleicht liegen die Wurzeln tief in einem schwachen Ich, das sich bedroht fühlt vom Kommando anderer: Wollen wir doch mal sehen, wer hier das Sagen hat.
SPIEGEL: Was bleibt dem neuen Chef?
Roth: Leider nicht viel, und alle ehrlichen Personalchefs geben das sofort zu. Nur aus ökonomischen und politischen Gründen wird so getan, als wären wir flexibel und jeder könnte alles erreichen, wenn er bloß an sich arbeitet. Dem Vorgesetzten bleibt nur das Mittel der Belohnung. Das Erste, was er rauskriegen muss, ist die Belohnungsstruktur seiner Mitarbeiter. Denn vom ersten Tag des Lebens an fragt unser Hirn: Lohnt sich das für mich?
SPIEGEL: Dann muss der Chef ein guter Psychologe sein?
Roth: Aber hallo! Der eine will Lob, der andere befördert werden, der Dritte Privilegien, der Vierte soziale Anerkennung. Mit dem muss man jede Woche mindestens einmal reden; er leidet, wenn er glaubt: Der Chef interessiert sich nicht für mich. Kommt die falsche Belohnung, ist sie wirkungslos, und der Laden läuft nicht rund.
SPIEGEL: Und Strafe hilft gar nicht weiter?
Roth: In der Regel geht Strafe nach hinten los. Meist wird sie als ungerecht empfunden; das erzeugt Rachegefühle. Die größte Crux ist: Man darf nie damit aufhören. Sonst merkt das Kind: Der hat aufgegeben. Strafe funktioniert nur, wenn man sie immer weitertreibt und willkürlich anwendet. Diktaturen haben das perfektioniert. Aber damit terrorisiert man Menschen nur. Man ändert sie nicht.
SPIEGEL: In Deutschland prägte die sogenannte schwarze Pädagogik mit ihrem Kasernenhofdrill ganze Generationen. Populäre Erziehungsratgeber um 1900 empfahlen, schreiende Babys nicht zu beachten oder sie zu züchtigen. Auf die Frage, warum unbescholtene Bürger in der Nazi-Zeit plötzlich die schlimmsten Verbrechen begingen, fand die Psychoanalytikerin Alice Miller Ende der siebziger Jahre die berühmte Antwort: "Am Anfang war Erziehung"...
Roth: ... und heute grübeln darüber auch wir Hirnforscher. Neurowissenschaftlich ist es durchaus denkbar, das Gros einer Generation zu psychisch instabilen Menschen zu erziehen, aus denen etwas Atavistisches herausbricht. Angenommen, all diese Menschen waren genetisch "normal", dann kann es eigentlich nur das gewesen sein. Viele Kinder erlebten wohl, weil es dem Abhärtungsideal entsprach, mit ihren Müttern keine stabile Bindung. Die schlimmste Folge davon ist die Unfähigkeit, die Gefühle anderer zu verstehen. Weil sich diese Fähigkeit im Wesentlichen nur im Wechselspiel zwischen Mutter und Baby entwickelt und die entsprechenden Hirnareale früh ausreifen, lässt sich dieses Defizit später nicht mehr richtig reparieren.
SPIEGEL: Diese Müttergeneration war aber doch selbst schon Opfer von Drill und Erniedrigung in der Erziehung.
Roth: Das ist ja das Fatale: Die Bindungserfahrung, die ich als Kleinkind mache, bestimmt zum großen Teil mein späteres Bindungsverhalten zu meinen eigenen Kindern. So wird eine schlechte Bindung von Generation zu Generation weitergegeben und kann sich dabei noch verstärken. Das könnte eine mögliche Erklärung dafür bieten, weshalb fast ein ganzes Volk versagt.
SPIEGEL: Auch Adolf Eichmann, oberster Organisator der Judenvernichtung, hat ja in seinem Prozess in Jerusalem die Erziehung als Erklärung angeführt.
Roth: Vieles spielt da zusammen: Man hatte gelernt, Befehle zu befolgen. Die Persönlichkeit war durch die überharte Erziehung gebrochen. Bei Männern führt das dazu, dass ihr kleingemachtes Ego sekundär groß wird. Und dann muss man - oder darf endlich - Dinge tun, die in der bürgerlichen Welt absolut tabu sind: völlig atavistisch ein Blutbad anrichten. Da kommt man in einen Rausch; der Mensch ist ja auch ein Raubtier. Da kommt die unterste Sohle zum Vorschwein, wie Freud das so treffend ausgedrückt hat.
SPIEGEL: Und irgendwann greift im Gehirn der Mechanismus der Automatisierung?
Roth: So ist es. Am Anfang haben auch Wehrmachtsoldaten gezögert, wenn es hieß: Ihr müsst diese Polen oder Juden oder Russen erschießen. Aber irgendwann brauchte es keinen großen Druck mehr; es reichte der Befehlston, und sie taten es. Als Nächstes sollten sie Frauen, Kinder, Säuglinge töten. Nach ein paar Tagen war auch diese Barriere überwunden. Und zwei Wochen später brachten sie im Minutentakt die Leute um, wateten knöchelhoch im Blut, und abends gingen sie nach Hause und spielten Brahms.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dieses totalitäre Regime konnte nur von Menschen errichtet und getragen werden, deren Persönlichkeit vom ersten Lebenstag an geschwächt wurde?
Roth: Alles, was man dazu herausgefunden hat, geht in diese Richtung. Ich glaube nicht, dass das Gros dieser Generation aus unserer heutigen Perspektive wirklich völlig normale Menschen waren. Ausgeglichene, bindungssichere Menschen hätten das eventuell gar nicht oder nicht in dem Ausmaß mitgemacht.
SPIEGEL: Herr Roth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Gerhard Roth: "Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern". Klett-Cotta Verlag, Stuttgart; 348 Seiten; 24,50 Euro.
* Szene aus "Knallhart" von Detlev Buck (2006).
* Oben: Wehrmachtsoldaten hängen Einheimische in Minsk (1941); rechts: Beate Lakotta und Katja Thimm, in Delmenhorst.
Von Lakotta, Beate, Thimm, Katja

DER SPIEGEL 35/2007
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