03.09.2007

KOREAEine Liebe damals in Jena

Seit 46 Jahren hofft eine Deutsche, ihren Mann wiederzufinden, der in Nordkorea verschwand. Ihre anrührende Geschichte macht sie in Seoul bekannt - und in Amerika.
Seit vielen Jahren war Renate Hong, 70, ihrem Mann nicht mehr so nah wie hier in Seoul, der südkoreanischen Hauptstadt. Hong Ok Geun, ihre große Liebe, der Vater ihrer beiden erwachsenen Söhne, den sie seit 46 Jahren nicht mehr gesehen hat, lebt dort drüben in Nordkorea, in Hamhung, einer Stadt an der Ostküste des Hungerlandes.
Renate Hong, geborene Kleinle, sitzt erschöpft in ihrem Hotelzimmer, nervös zupft sie den schwarzen Rock zurecht. Sie hat Vertreter der südkoreanischen Regierung getroffen und eine Petition für Präsident Roh Moo Hyun überreicht, er möge sich, wenn er im Oktober nach Pjöngjang reist, für ihren Mann einsetzen. Kim Dae Jung empfing sie, der frühere Präsident und Friedensnobelpreisträger; mit seiner Sonnenscheinpolitik machte er die gruselige Grenze zu Nordkorea durchlässiger. Er plauderte eine halbe Stunde mit ihr.
In Südkorea ist sie ein bestaunter Medienstar. Sie wird mit Mitgefühl überschüttet. Viele koreanische Familien sind vor langer Zeit ähnlich auseinandergerissen worden und hoffen auf ein Ende des Wahnsinns. Ryu Kwon Ha, der ehemalige Korrespondent der Tageszeitung "JoongAng Ilbo" in Berlin, setzt sich schon lange für sie ein und lud sie jetzt auch nach Seoul ein.
Sie ist in einen wilden Wirbel hineingerissen worden. Auch die Amerikaner lieben ihre Geschichte, die das Leben schrieb. Die "New York Times" veröffentlichte ein langes Stück über ihre Liebe und Zwangstrennung, "Newsweek" möchte sie interviewen. Sie ist jetzt nicht mehr nur eine scheue Frau aus Jena, man reißt sich um sie, und der Ruhm mag helfen, ihren Mann wiederzusehen.
Renate Hong ist zwar müde, aber ihre Augen leuchten, wenn sie von damals erzählt, als sie 18 war, Chemie und Biologie studierte und den Austauschstudenten Hong kennenlernte, der auch Chemie studierte und dieses wunderbare Deutsch sprach. Sie war schüchtern, Ok Geun ein lebenslustiger Junge. Auf dem Immatrikulationsball kamen sie sich nahe, sie hielten Händchen, gingen spazieren oder ins Kino.
Es waren die späten fünfziger Jahre, sie lebten in der kleinen Stadt Jena, es ging züchtig zu, besonders für die zwölf Studenten aus Nordkorea. Sie standen unter Aufsicht, bis abends um zehn mussten sie in ihrem Wohnheim sein. Sie sollten studieren und danach wieder nach Hause fahren, anstatt Gefallen am Leben in Jena oder anderswo zu finden.
Sie liebten sich, die Ostdeutsche und der Nordkoreaner. Renate Kleinle wurde schwanger, im Februar 1960 ließen sie sich standesamtlich trauen. Dennoch durften sie nicht zusammenziehen, Ok Geun musste sich weiterhin um zehn Uhr im Wohnheim einfinden. Immerhin durfte er nach dem Examen in der DDR bleiben, er bekam einen Praktikumsplatz. Renate Hong arbeitete nun als Lehrerin.
So hätten sie weiterleben können, wäre es nach ihnen gegangen. Es ging aber nicht nach ihnen. Die DDR und Nordkorea entfremdeten sich, weil die Schutzpatrone So-
wjetunion und China über Kreuz kamen. Als sich dann auch noch mehrere nordkoreanische Studenten in den Westen absetzten, machte das Regime in Pjöngjang ernst, und insgesamt 350 Studenten mussten heimreisen.
Ok Geun fügte sich. Sie kauften für ihn noch ein paar Fachbücher und einige Sachen zum Anziehen, seine junge Frau brachte ihn zum Bahnhof, den zehn Monate alten Sohn auf dem Arm. Vielleicht hätte sie mitfahren können, aber Renate Hong traute sich die lange zweiwöchige Zugfahrt über Sibirien nach Nordkorea nicht zu, sie war wieder schwanger.
Das war im Jahr 1961, kurz vor dem Bau der Mauer.
Anfangs glaubten die Hongs an ein Wiedersehen. Täglich schrieb sie, er schrieb zurück, an die 50 Briefe, der letzte ging im Februar 1963 ein, der Abschiedsbrief: "Liebe Renate", schrieb er, "ich hoffe, Dir und den Kindern geht es gut. Ich kann jetzt nicht weiterschreiben."
Renate Hong bat das Außenministerium um Hilfe. Man sagte ihr, dass ihr Mann jederzeit wieder in die DDR einreisen dürfe. Die nordkoreanische Botschaft in Ost-Berlin teilte ihr mit, Ok Geun werde daheim gebraucht beim Aufbau des Landes. Sein Land könne es sich nicht leisten, auch nur auf einen einzigen seiner Bürger zu verzichten, das müsse sie verstehen.
Sie verstand nicht, sie schrieb weiter an Ok Geun, ihr letzter Brief vom August 1964 kam ungeöffnet zurück. Sie zieht ihn im Hotelzimmer in Seoul hervor, er ist auf dünnem Papier geschrieben, sauber gefaltet, als hätte sie ihn eben erst bekommen und nicht vor 43 Jahren.
Renate Hong gab auf. Sie erzog ihre beiden Söhne, aus der Lehrerin wurde eine Gruppenleiterin beim Arzneimittelbetrieb Jenapharm. Sie blieb allein, ihre Kinder sollten keinen Stiefvater vorgesetzt bekommen, sagt sie. Kurz vor dem Mauerfall 1989 tauchten zwei nordkoreanische Freunde von damals bei ihr auf. Von ihnen erfuhr sie, dass ihr Mann in Hamhung lebte und arbeitete, offenbar als Laborleiter in einer Chemiefabrik. Vom Roten Kreuz hörte sie später, er sei verheiratet, habe Kinder und sei pensioniert.
Und jetzt ist sie hier in Seoul.
Für ihren Mann hat Renate Hong drei Fotoalben zusammengestellt, er soll wissen, wie die Kinder aufwuchsen in den Jahren der Trennung. Sie möchte, dass er seine beiden Söhne und die zwei Enkelkinder sieht. Sie ist jetzt keine Unbekannte mehr, es könnte klappen mit dem Wiedersehen. WIELAND WAGNER
* An der innerkoreanischen Grenze in Panmunjom.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 36/2007
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KOREA:
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