03.09.2007

BILDUNGDie Lehre von Atlantis

Die Prüfstelle für jugendgefährdende Medien muss über eine heikle Frage entscheiden: War Rudolf Steiner, Inspirator der Waldorfschulen, ein Rassist?
Das Schreiben aus dem Bundesfamilienministerium ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die beiden Bücher seien "geeignet, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren", da sie "Rassen diskriminierende Aussagen" enthielten. Autor der Werke: Rudolf Steiner.
Die beiden Steiner-Bücher sollen, so der ministerielle Antrag, auf die Liste der jugendgefährdenden Medien gesetzt werden. Am kommenden Donnerstag entscheidet die Bundesprüfstelle. Wenn das zwölfköpfige Gremium dem Antrag mit Zweidrittelmehrheit folgt, haben die 206 deutschen Waldorfschulen, die zu einem großen Teil den Namen des inkriminierten Autors tragen, ein Problem.
Der umtriebige Steiner (1861 bis 1925) hat die umstrittene Anthroposophie erdacht, jene "Weisheit vom Menschen", auf der die Waldorfpädagogik gründet. Vorwürfe, der Guru der Bewegung verbreite auch Rassismus, hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Dass sich nun aber die Bundesprüfstelle der Kritik annimmt, zeigt, dass die Waldorfanhänger zu lange in der Defensive verharrten und die Vorwürfe herunterspielten. Detlef Hardorp etwa, deutscher Vertreter beim "European Council for Steiner Waldorf Education", kann im Werk des Ahnherrn höchstens "unzeitgemäßes Vokabular" entdecken.
Dabei spricht die Diktion für sich selbst: "Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten, und die übriggebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden", schreibt Steiner in der "Geisteswissenschaftlichen Menschenkunde", die nun auf den Index soll. Darin schwadroniert er auch von der "passiven Negerseele", die "völlig ihrer Umgebung, der äußeren Physis hingegeben" sei. Die "kaukasische Rasse" dagegen soll "den Weg machen durch die Sinne zum Geistigen, denn sie ist auf die Sinne hin organisiert".
Nur Ausrutscher? Üblicherweise kontern die Waldorfianer die Kritik mit dem Hinweis, dass Steiners oft krude und auch okkulte Schriften in den Schulen nicht behandelt werden. Im Zentrum des Unterrichts stehe der Lehrer als "geliebte Autorität".
Trotzdem findet das Steinersche Geschwurbel nach wie vor Eingang in die Waldorfklassen. So berichtete das SWR-Magazin "betrifft" Ende 2006, dass die anthroposophische "Evolutionstheorie", nach der die Menschheit von der sagenumwobenen Insel Atlantis stammt, in den Schulbüchern auftauchte. Von Charles Darwin fand sich keine Spur. Auch der Grafiker Andreas Lichte, ehemaliger Schüler eines Waldorflehrerseminars in Berlin, beschreibt in einer Expertise für das Familienministerium, wie Schüler einer 5. Klasse die "Menschheitsentwickelung" nach Steiner lernen mussten.
Dass empirische Forschung nichts zählt, steht sogar im "Studienbegleiter" für angehende Waldorflehrer an der anthroposophischen Freien Hochschule Stuttgart. Anfänger müssen am staatlich anerkannten Seminar Steiners Buch "Theosophie" nicht nur lesen, sondern dabei auch eine "geistige Schulung" durchlaufen, bei der "Inhalte nicht kommentiert oder interpretiert" werden. Ziel ist, wortwörtlich, das "allmähliche Hinaufarbeiten zur Ebene eines produktiven Erkennens, das im Gegensatz zu den analytischen Erkenntnismethoden steht".
In seinem umfangreichen Gesamtwerk fabuliert Steiner von Geistwesen, Äther-, Astral- und physischen "Leibern", "atlantischen Kulturepochen" eines Erdzeitalters und vor allem von der "Akasha-Chronik". Aus dieser geheimnisvollen Schrift wollte Steiner seine Erkenntnisse auf hellseherische Weise gewonnen haben. Praktisch, dass dieser sagenumwobene Geistesschatz ihm exklusiv zur Verfügung stand. Nahezu nichts ist im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das wusste Steiner natürlich und beschied Kritiker mit dem Satz: "Schon der Einwand: ich kann auch irren, ist störender Unglaube."
Dabei hat der Säulenheilige der Waldorfbewegung seine Visionen nicht mal selbst herbeiphantasiert, sondern vielfach schnöde abgeschrieben. Der Berliner Historiker Helmut Zander legte vor kurzem die erste umfassende Untersuchung der Anthroposophie vor. Sein Fazit nach 1800 Seiten: Steiner bediente sich bei zahlreichen zeitgenössischen esoterischen Autoren und rührte alles zusammen.
Zander sieht Steiner als Suchenden, der sich in einer Zeit technisch-wissenschaftlicher Umbrüche nach letztgültigen Wahrheiten sehnte. "Diese müssen aber stets vor dem Hintergrund ihrer Entstehungsgeschichte gesehen werden, sonst liest sich Steiner wirklich wie das Werk eines Verrückten", sagt Zander. "Steiners Rassentheorie ist in seinem Werk verwoben, das waren keine zufälligen Ausfälle", meint der Forscher.
Das Bundesfamilienministerium teilt diese Sicht. Die "Rassen diskriminierenden Aussagen" in den Werken Rudolf Steiners seien als besonders gravierend zu betrachten, da es sich "keinesfalls um Zufallsprodukte oder durch den Zeitgeist bedingte rassistische Stereotype handelt", heißt es in dem Antrag. Vielmehr seien sie als "Ausprägungen einer spezifisch Steinerschen esoterischen Rassenkunde" zu sehen. PER HINRICHS
Von Per Hinrichs

DER SPIEGEL 36/2007
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